Hingabe

Exerzitien 16. Teil, Bingen 2016, die „zweite Woche“

(Der neugeborene König erscheint. Es gilt, sich auf ihn auszurichten – so wie die Hirten, Maria, Simeon und Hanna und die Weisen aus dem Osten (Lukas 2,8-38 und Matthäus 2,1-12. Die wörtlichen Zitate aus meinem Tagebuch stehen wieder in kursiver Schrift.)

„Lebensübergabe“ nennt es Ignatius, dem „Ruf des Königs“ zu folgen. Das Wort löst bei mir ungute Erinnerungen aus. Bei den Frommen heißt es: Du bist Sünder, du bist schlecht, du kannst gar nichts. Du bist in der Sphäre des Teufels verhaftet und kommst geradewegs in die Hölle. Retten kann dich allein die Gnade Gottes. Bete: „Ich übergebe mein Leben, mein Denken und Wollen und Handeln meinem Herrn und Retter Jesus Christus.“ Und dann hör auf zu denken. Lies in der Bibel – dort steht alles drin, was du zum Leben brauchst. Sie ist Gottes Wort und wörtlich zu nehmen. Und sollte etwas unklar sein, frage uns einfach. Diese Haltung verband sich in der Regel politisch mit einer konservativen, kapitalismuskonformen Haltung und ethisch einer atemberaubenden sexuellen Verklemmtheit. Sünde war praktisch alles, was Spaß machte. Weiterlesen

Statistiken

Aus aktuellem Anlass

Nun ist es also so weit. In der kommenden Woche beginnt die Chemotherapie. Mit den zurzeit üblichen Mitteln hat man ungefähr zehn Jahre Erfahrung. Neuere Medikamente für „meine“ Tumorart befinden sich noch in der Testphase. Ob sie besser sind als die herkömmlichen, weniger Nebenwirkungen haben, das Leben verlängern oder gar den Krebs besiegen können – keiner weiß es. Bisher sind die Ergebnisse übersichtlich.

Mit der „üblichen“ Chemo hat man zwar mehr Erfahrungen. Aber wie sie beim Einzelnen wirkt, ist auch sehr unterschiedlich. Man kennt nur die Statistiken.

Statistiken. Weiterlesen

O Heiland, reiß die Himmel auf

Predigt von Maren Gottsmann, Bildmeditation zu Beate Heinen „O Heiland, reiß die Himmel auf“ (Weihnachten 2015).

maren-gottsmannIch habe Ihnen heute für diese Nacht, diese Weihnacht ein Bild mitgebracht – sie haben es am Eingang erhalten.
Und ich möchte Ihnen einen kleinen Augenblick Zeit geben, dieses Bild zu betrachten –
Was löst dieses Bild in Ihnen aus? Weckt dieses Bild eine Erinnerung?
Was finden Sie von dem Weihnachtsevangelium in diesem Bild wieder?
Fragen???

Ein Riss, ein Spalt öffnet sich – und dadurch fällt Licht auf die kleine Szene: Die Mutter, das Kind, der Mann. Weiterlesen

Das Licht scheint in der Dunkelheit

Was mir in diesem Jahr an Weihnachten besonders wichtig sei, wurde ich letztens gefragt. Und es war dieser Spruch des Propheten Jesaja, der im Alten Testament steht. Das Licht scheint in der Dunkelheit. Das will ich gerne glauben, das will ich hoffen.

Und ich höre von den Kanzeln: Das neugeborene Kind, das wir in dieser Zeit feiern, sei eben dieses Licht, das in die Welt gekommen ist und alle Menschen erleuchtet. So habe ich es selbst Jahr für Jahr verkündet. Heute geht mir das entschieden zu schnell. Mir wird dabei die Dunkelheit unterschätzt. Weiterlesen

Advent ist im November

Vor knapp zehn Jahren startete die EKD – die Evangelische Kirche in Deutschland – eine Aktion mit dem Namen „Advent ist im Dezember“. Abgesehen davon, dass ich sie für überflüssig halte, mir auf Schlag eine Handvoll Gründe gegen sie einfallen, ist sie auch noch sachlich falsch. Meistens jedenfalls beginnt der Advent im November. Und das ist gut so.

Denn die sprichwörtlich dunkle Jahreszeit wird inzwischen hell erleuchtet durch Weihnachtsbeleuchtung und Weihnachtsmärkte, Kerzen und Lichterketten. Die Zeit, die wirklich auf die Stimmung schlägt, ist die trübe Jahreszeit. Der November.

Im November feiern wir den Volkstrauertag, den Bußtag, den Totensonntag. Im November liegt das Laub in nassen Klumpen auf der Straße, und die Temperaturen bewegen sich im niedrig-einstelligen Bereich.

In diese Stimmung hinein beginnt der Advent. Die meisten Wohnzimmer und Fußgängerzonen sind längst illuminiert, jetzt wird es auch in der Kirche wieder hell – wie meistens etwas spät, aber theologisch korrekt. Und wir waren zum ersten Mal nach vielen Wochen wieder im Gottesdienst.

Und es war ein schöner Gottesdienst. An die wunderbare Kirchenmusik hat man sich in Niendorf ja fast schon gewöhnt. Pastor Hendrik Hoever betonte, dass Gott nicht als Mächtiger zu den Mächtigen, sondern auf einem Esel zu den normalen Menschen kommt, und wir sangen „Macht hoch die Tür“, am Anfang und am Ende: „Es kommt der Herr der Herrlichkeit … der Heil und Leben mit sich bringt … all unsre Not zum End er bringt … mein Heiland, groß von Tat … mein Tröster früh und spat…“

Und dann nach dem Gottesdienst so viele liebe Menschen treffen zu können, die uns – nach der erzwungenen Abwesenheit – so herzlich begrüßten, das hat wirklich gut getan.

Und doch blieb ein merkwürdiges Gefühl, im Nachhinein, und das lag nicht am Gottesdienst. Wie war das nochmal? „There is a crack in everything, that´s where the darkness gets in.” Hatte das nicht Leonard Cohen gesungen? Nein? Aber genau dieses Gefühl lässt mich seit einigen Monaten nicht mehr los.