Lieblingsbücher

Inhalt

Bruno Latour: Jubilieren
Maren Gottsmann u.a. (Hrg.): Kirchliche Miniaturen
Erik Flügge: Der Jargon der Betroffenheit

Bruno Latour: Jubilieren

Jubilieren - Latour, Bruno„Jubilieren – oder die Qualen religiöser Rede, dazu möchte er etwas sagen, aber es gelingt ihm nicht.“ So beginnt Bruno Latour sein Buch über eine Sprachform, die, wie er meint, früher einmal so viel Kraft entfaltet hat und heute nur noch fade geworden ist. Und er schämt sich. Er schämt sich, weil es ihm nicht gelingen will, das rechte Wort zu finden. Aber er schämt sich auch „dessen, was sonntags, wenn er zur Messe geht, von der Höhe der Kanzeln herab ertönt; aber er schämt sich auch des ungläubigen Hasses oder der belustigten Gleichgültigkeit derer, die über die spotten“.

Latour ist Wissenschaftssoziologe und erklärter Atheist – oder besser: Agnostiker. Nicht der Glaube interessiert ihn und schon gar nicht die Religion(en). Nicht über Gott will er reden, weil man über ihn nichts sagen könne, sondern über die religiöse Rede. Wie das?

Wir haben uns angewöhnt – und mit diesem Wir meint er Geistliche wie Atheisten – über Gott zu reden wie über einen Gegenstand. Und haben ihn damit zu einem Gegenstand gemacht. Es ist die distanzierte, wissenschaftliche Betrachtungsweise: Wir distanzieren, damit wir erkennen. Das ist sinnvoll und notwendig, wenn es um Wissenschaft geht.

Es gibt aber noch eine andere Rede, und das ist die Sprache der Liebe. Ein Satz wie „Ich liebe dich“ will keinen Sachverhalt beschreiben, sondern eine Beziehung herstellen. Damit er aber wirkt, muss er immer wieder neu, immer wieder anders gesagt, ja gewagt werden.

Die Sprache der Liebe ist ein Hochrisikogeschäft. Die religiöse Rede auch. Damit sie verändern kann, verlangt sie den Einsatz der eigenen Person. Religiöse Rede will Vertrauen stiften – in der Bibel ein anderes Wort für Glauben. Damit ich es stiften kann, muss ich in Vorlage treten, anders geht es nicht.

Latour wirft den Kirchen vor, dass sie dieses Risiko nicht mehr eingehen. Sie informieren, sagen „Richtigkeiten“, die nichts bewirken. Und damit verfehlen sie Gott und die Welt.

Gott? Aber Latour ist doch Atheist oder vielmehr Agnostiker. Für mich kein Widerspruch. Gerade indem er es ablehnt, über Gott zu sprechen, wahrt er das Geheimnis Gottes.

Das Buch ist nicht leicht zu lesen. Immer wieder umkreist Latour wie in einem Selbstgespräch sein Thema, wird persönlich, zweifelnd, vorwurfsvoll, enttäuscht, leidenschaftlich. Es ist selbst eine religiöse Rede, Ausdruck einer großen Sehnsucht. Mich hat sie sehr bewegt.

Bruno Latour, Jubilieren. Über religiöse Rede. Suhrkamp Verlag Berlin 2011 (Taschenbuchausgabe 2016, 16 €)

Zum Weiterlesen: Rezension von Michaela Schmitz im Deutschlandfunk (auch zum Nachhören auf ihrem Blog). Ausführlicher geht das Magazin feinschwarz auf Latour ein. Das Institut für Predigtkultur in Wittenberg nimmt Latour zum Anlass, zu „Sieben Wochen ohne große Worte“ aufzurufen. Damit und mit Latour überhaupt setzt sich wiederum Philipp Greifenstein kritisch auseinander. Bei Perlentaucher kann man nachlesen, dass auch andere Rezensenten das Buch nicht so überzeugend fanden. Ich bleibe bei meiner Einschätzung  🙂

Maren Gottsmann, Birgit Mesterknecht, Andrea Siedler (Hrg.):
Kirchliche Miniaturen

Es ist immer ein wenig heikel, ein Buch anzupreisen, an dem man selbst mitgewirkt hat. Diesmal tue ich es trotzdem, denn die Idee und ihre Umsetzung finde ich hier besonders gelungen.miniaturen

Seit 2009 erscheinen im Niendorfer Gemeindebrief „Präsent“ die „Kirchlichen Miniaturen“. Die Redaktion hat daraus nun ein kleines Buch gemacht.

Eine Autorin, ein Autor beschreiben ein Detail einer der drei Niendorfer Kirchen. Das können Gegenstände sein, die sofort ins Auge fallen – der Engel in der Kirche am Markt, die Geschenke aus Tanzania in der Verheißungskirche oder die Glocken des Immanuel-Hauses. Aber auch eher unscheinbare wie die Treppe in Verheißung oder die Rollen unter dem Immanuel-Altartisch.

Immer aber ist der Zugang persönlich. Und so sind auch die Beiträge ganz unterschiedlich. Sie erzählen von der Geschichte der Kirche, der Bedeutung des Interieurs, dem Engagement der Ehrenamtlichen. Dieses Buch ist wie eine Entdeckungsreise. Es regt dazu an, sich selbst auf den Weg zu machen – und vielleicht einen Beitrag zu verfassen für die „Kirchlichen Miniaturen“ im „Präsent“.

Maren Gottsmann, Birgit Mesterknecht, Andrea Siedler (Hrsg.): Kirchliche Miniaturen. Ein neuer Blickwinkel. Hamburg 2017. 10 €. Erhältlich im Niendorfer Weltladen und im Niendorfer Büchereck.

Erik Flügge: Der Jargon der Betroffenheit

fluggeWie die Kirche an ihrer Sprache verreckt. Damit hat Erik Flügge einen Nerv getroffen. Und man redet über ihn. Hart geht er mit der Kirche und ihren Geistlichen ins Gericht: „Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reiht ihr aneinander und wundert euch, warum das niemand hören will. Ständig diese in den Achtzigern hängen gebliebenen Fragen nach dem Sein und dem Sinn, nach dem wer ich bin und werden könnte, wenn ich denn zuließe, dass ich werde, was ich schon längst war. Hä?“ – hieß es schon 2015 in einem seiner Blogbeiträge. Daraus hat er ein Buch gemacht. Ute und ich haben es beide gelesen, und es hat uns gefallen.

Vor allem der erste Teil, die Analyse. Erik Flügge versteht es, mit Sprache umzugehen, schreibt flott und vor allem: So wahr! Haben wir uns nicht alle schon mal geärgert über belanglose Predigten und unterkomplexe Radioandachten? Und dieser Ton! Wir könnten und sollten alle mal bei Flügge in die Lehre gehen: Mehr „Mut zur These, Mut zur Echtheit, Mut zur Emotion und Mut zur theologischen Substanz“ (Tobias Jammerthal auf Netzwerk Theologie).

Erik Flügge ist für mich eine Ergänzung zu Bruno Latours „Jubilieren“ (siehe oben). Beide fordern eine persönliche und ehrliche Sprache. Während Flügge aber fragt: „Wie erreiche ich Menschen mit einer modernen Sprache?“, fragt Latour: „Wie spreche ich angemessen über religiöse Gedanken?“

Beide aber meinen, wir sollten uns nicht vorschnell auf den Bibeltext oder andere vermeintlich objektive Dogmen zurückziehen, sondern dem eigenen Glauben vertrauen, dem eigenen Denken und den eigenen Gefühlen. Das ist zwar ein Risiko, aber nur so wird die Botschaft interessant und relevant für die Menschen heute.

Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, Kösel Verlag München 2016

2 Gedanken zu “Lieblingsbücher

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