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Vom Engel, der fliegen wollte
Charisma und Gnadengaben Predigt mit E. Müller Pfingstmontag 2016
Rendezvous in Athen Gespräch mit Paulus, aufgezeichnet in Bingen Juli 2016
Leider auserwählt Predigt zu Verabschiedung und Begrüßung am 23. Juli 2017

Das Märchen vom Engel, der fliegen wollte

Liebe Gemeinde,

Kinder brauchen Märchen, heißt es, und ich glaube: Erwachsene auch. Deshalb möchte ich heute ein Märchen erzählen. Und Märchen fangen an mit „Es war einmal“.

Es war einmal ein Engel. Manche Engel werden geboren, dieser Engel wurde geschaffen. Er war sofort erwachsen. Ein Schöpfer schuf ihn aus einem einzigen Holzstück. Und als der Engel fertig war, hielt der Schöpfer ihm einen Spiegel vor und fragte ihn: „Wie gefällst du dir?“ Und der Engel sagte: „Das ist schon ganz gut. Wallendes Haar, ein weißes Gewand und Flügel. Ich bin ein richtiger Engel“, sagte er. „Ein richtiger Engel“, sagte sein Schöpfer. „Aber ich schiele“, sagte der Engel. „Ja“, sagte der Schöpfer. „Das habe ich nicht so hinbekommen. Engel sind eben wie Menschen. Sie sind nicht vollkommen.“

Und dann versuchte der Engel, seine Flügel zu bewegen. Es ging nicht. „Warum kann ich meine Flügel nicht bewegen?“, fragte er. „Sie sind aus Holz“, sagte sein Schöpfer. „Du brauchst sie nicht zum Fliegen. Denn deine einzige Aufgabe ist es, den Menschen bei der Taufe zu helfen. Und dazu kommst du aus der Höhe herunter. Einmal in der Woche, einmal im Monat. Je nachdem, wann Menschen getauft werden.“ – „Aber dazu brauche ich doch Flügel.“ – „Nein, denn das macht ein Mensch für dich. Das ist überhaupt so bei den meisten Engeln: Sie brauchen Menschen, damit sie fliegen können.“

Und der Engel wurde an ein Seil gehängt und in die Höhe gehoben in der Kirche in Niendorf. Und er half bei den Taufen. Jahrein, jahraus. Aus seiner Höhe sah er die Menschen singen und beten und weinen und lachen und andächtig hören. Er sah die Menschen, wie sie schliefen und Quatsch machten und ihren Gedanken nachhingen, gelangweilt und interessiert. Und er dachte sich: Was diese Menschen wohl so denken?

Und einmal in der Woche, einmal im Monat kam er herunter und half bei der Taufe. und schon wenn er herunter schwebte, dann freute er sich über die staunenden Kinderaugen und wie sich die Erwachsenen freuten. Und er half bei der Taufe; er hielt die Schale. Und manchmal stieß ein Kind an seinen Fuß, einmal brach sogar ein Zeh, aber das machte nichts. Denn er war aus Holz. Er kannte keinen Schmerz.

Und es kamen Menschen in die Kirche, die voller Staunen und Freude sagten: Ein Engel, seht ihr? Ja, der Engel hatte viele Freundinnen und Freunde. Sie liebten ihn, und er wurde gebraucht. Was wollte ein Engel mehr?

Eines Tages wollte er mehr. Und er sagte sich: Vielleicht kann ich auch ohne Menschen fliegen? Und dann war es soweit. Ein unachtsamer Moment, ein kleiner Fehler in der Winde, und der Engel war frei. Er flog und flog und es war ein unbeschreibliches Gefühl.

Aber nur kurz. Denn schon bald kam er unten an. Sein Schöpfer hatte Recht gehabt. Seine Flügel konnte er nicht bewegen. Und so kam er ziemlich hart unten auf. Das ging nicht gut aus für seine Arme, und auch sein Bein war lädiert. Aber er fühlte keinen Schmerz, denn er war ja aus Holz. Und die Erinnerung an seinen Flug war unbeschreiblich.

Sofort kamen Menschen und trugen ihn weg. Das war auch ein gutes Gefühl – immer war er für Menschen da gewesen, jetzt waren Menschen für ihn da. Sie behandelten ihn gut. Die Arme wurden repariert, auch seine Beine. Und er war schöner als vorher.

markt-engelLiebe Gemeinde, wir sind mittendrin in diesem Märchen. Unser Engel ist geflogen. Und wenn man ihn fragt, ob er es bereut, dann sagen seine Augen: „Machst du Witze? Für nichts in der Welt würde ich dieses Erlebnis eintauschen. Nur schade, dass ich heute nicht bei der Taufe dabei sein kann.“ In der Tat, er ist nicht da. Aber er kommt wieder.

Und auch wenn dieser Engel nicht da ist, wir wissen, dass wir behütet sind. „Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest“, so heißt es im Psalm 91. Gott hat mehr als einen Engel – und dieser ist ohnehin nur derjenige, der bei den Taufen hilft, sonst aber nicht aus der Kirche herauskommt.

Ich glaube aber, dass er uns durchaus ein Vorbild sein kann. Er hat seinen Ort gefunden. Hier in der Kirche. Auch wir finden unseren Ort. Wo auch immer – in der Familie, im Beruf, in Niendorf oder anderswo. Und der Engel ist da, wenn er gebraucht wird. Meistens. Wenn er es nicht kann, so wie jetzt, dann hat er einen guten Grund. Seine Aufgabe ist es: Menschen zum Staunen bringen. Ihnen Freude schenken und Glück. Ist das nicht genau unsere Aufgabe, was auch immer wir tun: einander glücklich machen? Einander zu Engeln zu werden.

Und dann aber auch: In allen unseren Aufgaben und Zielen das Fliegen nicht vergessen. Die eigenen Wünsche und Träume nicht zu niedrig hängen. Erst dann, in dieser Kombination, bekommt unser Leben Glanz und Strahlkraft. Erst dann können wir das Licht ganz genießen, wenn wir unser eigenes nicht verbergen. Erst dann erleben wir ganz, was Jesus gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben.“

Ja, dieses Licht, das auch in der Dunkelheit leuchtet, das soll mit euch gehen. Heute. Morgen. Alle Zeit.

Amen.

(Predigt im Gottesdienst mit Taufe im Mai 2016)

Charisma und Gnadengaben

Eine Predigt zum ökumenischen Open-Air-Gottesdienst Pfingstmontag 16. Mai 2016, gemeinsam gehalten mit Pastor Eberhard Müller (Freie evangelische Gemeinde am Bondenwald)

Text: 1. Kor. 12, 4-11

20140609_114126.jpgDie Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Erik Thiesen (ET): Liebe Gemeinde, Willy Brandt hatte es.
Eberhard Müller (EM): Mahatma Gandhi mit Sicherheit.
ET: Anuthida hat es auch.
EM: Wer ist Anuthida?
ET: Anuthida machte mal bei „Germanys next Topmodel“ mit. Der Juror Thomas Hayo hatte es über sie gesagt.
EM: Ach so. Ja, und Hitler hatte es auch, leider.
ET: Dafür auch Jesus. Unbedingt.
EM: Und jetzt werden Sie sich fragen, was Brandt und Gandhi, Anuthida, Hitler und Jesus gemeinsam hatten?
ET: Sie hatten Charisma. Charismatische Menschen, sagt man, haben irgendwie eine Ausstrahlung. Sie faszinieren. Sie sind anders als man selbst, so, wie man selbst gern sein würde. Wahrscheinlich halten deswegen die einen zum Beispiel Anuthida für charismatisch und die anderen eher nicht.
EM: Da ich weniger mit GNTM (Germany’s Next Topmodel) zu tun habe als vielmehr mit der Bibel, habe ich die Charismen bisher eben dort gesucht und gefunden. „Charisma“ kommt dort nämlich auch vor und heißt „Gnadengabe“. In Korinth merkten die Christen plötzlich, als sie zum Glauben kamen, dass sie Dinge tun konnten, die sie vorher nicht tun konnten. Paulus erklärt ihnen in den Versen vor unserem Text: Das hat etwas mit dem Heiligen Geist zu tun, den jeder Christ verliehen bekommt, wenn er in die Hand Jesu einschlägt.
In Korinth waren es u.a. auch Geistes-Gaben, die wir vielleicht als „wundersame“ Gaben bezeichnen würden: Sprachenrede, Heilungsgaben u.ä.. Das hat die oft einfach gestrickten Korinther so sehr umgehauen, dass sie sich etwas drauf eingebildet haben. Daher macht Paulus ihnen klar, dass diese Gaben nichts zum Angeben sein sollen. Er nennt sie daher „Gnadengaben“ – statt „Geistes-Gaben“, wie die Korinther. Es ist eine Gnade, ein schönes Geschenk Gottes – damit die Gemeinde als Ganze dadurch vorankommt, nicht damit der Einzelne damit angibt.
In anderen Gemeinden der damaligen Zeit gab es andere Gaben, die aufgezählt werden – etwa in Ephesus waren es mehr seelsorgerliche Gaben und Leitungsgaben.
ET: Das müssen aufregende Zeiten gewesen sein. Obwohl – wenn ich mir die einzelnen Gnadengaben so anschaue, dann entdecke ich unter uns auch eine ganze Menge davon. Für die Heilungsgabe haben wir gleich ein ganzes Krankenhaus gebaut, um Seelsorge und Leitung bemühen wir uns auch nach Kräften. Und wenn man unter Sprachenrede „unverständliches Sprechen“ versteht, wie es bei Wi-kipedia steht, dann kommt das durchaus auch in unseren Gottes-diensten vor.
Und darüber hinaus entwickeln wir die Fähigkeiten der jugendlichen Teamer, organisieren Flüchtlingsarbeit, machen tolle Musik und sind mit Senioren aktiv. All das, finde ich, hat mit Charismen zu tun. Charismen wären dann das Ergebnis aus natürlichen Fähigkeiten, Spaß und harter Arbeit.
EM: Und für mich hat das etwas mit Pfingsten zu tun. Gott meint es gut und schickt den Heiligen Geist. Daran können wir uns freuen – aber auch anderen Menschen in der Kraft und Ausrüstung des Geistes dienen.
Gnadengaben haben etwas mit Gottes schönem und gutem Plan für seine Gemeinde zu tun. Gnadengaben bedürfen aber durchaus auch der Ausbildung. Der Förderung. Ähnlich wie bei einem musikalischen Menschen. Das Üben bleibt ihm nicht erspart. Bei den geistlichen Gaben hat das Geschenk Gottes, das Einüben und der Einsatz ein Ziel: Paulus entfaltet nach dem gelesenen Text diesen Gedanken mit dem Bild vom Leib. Korinth war eine Stadt, die Schönheit mochte. Wer mal dort war, kann sich in Museen und in vielen noch erhaltenen Plätzen und Gebäuden davon überzeugen. Der Leib, der menschliche Körper spielt als Ausdruck von Schönheit eine große Rolle. Und diesen Gedanken gebraucht der Apostel, um klar zu machen, dass Gott es mit den Gnadengaben genau so meint: Wie ein Körper sich entfaltet, aufblüht, gesund agiert usw. – so ist es in einer Gemeinde, die die Gnadengaben zum allgemeinen Wohl einsetzt: Die Gemeinde soll erblühen und schön werden und schöne Dinge tun können, die zur Freude aller dienen.
ET: Eberhard, das finde ich auch. Zumal ja in „Charisma“ das griechische Wort für Schönheit und Anmut schon drinsteckt. Eigentlich müsste das also unsere Kernkompetenz sein. Aber wenn die Leute Schönheit und Anmut finden wollen, schalten sie doch eher GNTM ein. Oder gehen ins Museum. Oder ins Konzert zu Susan Tedeschi. Je nachdem, welche Stilrichtung sie pflegen. Kirche verbinden sie eher nicht mit Schönheit oder gar Anmut. Ausnahmen sind vielleicht gut gemachte katholische Messen und evangelische Kirchenmusik.
EM: Das ist doch schon mal ein Anfang. Die Bibel hat ein großes Thema: Freude. Jesus sagt mal: „Ich bin gekommen, damit eure Freude vollkommen sei!“ (Joh 15,11) Das hat auch viel mit Schön-heit, Liebe, Gaben und anderen Geschenken und Eigenschaften Gottes zu tun. Alles dient zur Freude – und damit zum Aufbau der Kirche.
ET: Wie wäre es, wenn wir für den Anfang mal jeden Beschluss im KGR oder im Pfarrgemeinderat erst einmal darauf abklopfen, ob er die Gemeinde erblühen lässt und schöner macht und zur Freude aller dient. Oder unseren Terminkalender mit der Aufgabenliste: Alles rauswerfen, was nicht schön ist oder wirklich unbedingt notwendig. Oder für jedes schöne Erlebnis einen Stein oder so etwas in die Tasche zu stecken und am Abend diese Steine anschauen und sich erinnern.
EM: Ich schätze, das würde vieles verändern. Wenn Menschen einander dienen, mit dem, was der Heilige Geist ihnen schenkt, dann kann Kirche, Gemeinde schöner werden und strahlen. Ich glaube, dass das Menschen erreichen würde, die wenig mit Kirche am Hut haben.
ET: Da haben wir nur ein Problem: Der Geist weht, wo er will. Bei manchen kommt er offenbar gerne vorbei. Andere sitzen eher auf der Leeseite, wenn er weht. Und wieder andere machen den Eindruck, dass der Geist gerne vorbei kommen würde, aber sie halten die Tür fest verschlossen. Bei denen hilft dann nur: Die Tür aufmachen und warten. Er kommt, das hat Jesus versprochen. Auch zu Ihnen, zu uns. Oder ist er schon längst da gewesen und wir haben es nur nicht gemerkt? Das heißt: Wir haben Fähigkeiten, von denen wir bisher gar nichts wussten? Oder eine Aufgabe, die wir bisher vernachlässigt haben? Manchmal können unsere Mitmenschen entscheidende Hinweise geben. Wir müssen sie nur fragen. Oder wir weisen sie auf ihre Charismen hin.
Und noch einen Hinweis gibt uns Paulus: Es ist der eine Geist, der unter uns wirkt, wenn er wirkt – bei uns, bei Ihnen, bei den Baptisten und den Freien Evangelischen, den Katholiken und Lutheranern. Wenn wir also den Eindruck haben, er macht bei uns gerade eine Pause, freuen wir uns an den anderen. Denn es ist derselbe Geist. Der Geist Gottes, der in uns wirkt.
Amen.

Rendezvous in Athen

Ein fiktives Gespräch mit Paulus, aufgezeichnet während der Exerzitien in Bingen im Juli 2016

Zu den Bibeltexten, die mir während der Exerzitien zur Meditation mitgegeben waren, gehörte auch Römer 1,18-32. Paulus zieht dabei in unglaublicher Weise über Nichtchristen her, und der ganze Abschnitt ist durchzogen von einer misanthropischen und homophoben Grundhaltung. „Das kann ich nicht akzeptieren“, meinte ich zu Pfarrer Mückstein – und dachte, damit wäre der Fall erledigt. Doch der Spiritual vermutete hinter meinen emotionalen Ausführungen einen inneren Konflikt. Etwas, das Ignatius „ungeordnete Anhänglichkeiten“ nannte, die unbedingt bearbeitet werden müssen, ehe man davon unbelastet den Weg weitergehen kann. Und er riet mir, mich mit Paulus auseinanderzusetzen. „Aber das habe ich doch schon getan“, meinte ich. „Schon“, war sein Einwand, „aber nur auf intellektueller Ebene. Mein Vorschlag ist: Gehen Sie zu ihm und sprechen mit ihm. Er ist, wie Sie, ein Mensch, der eine wichtige und befreiende theologische Entdeckung gemacht hat und das unbedingt weitergeben will. Möglicherweise sitzen Sie im selben Boot. Besprechen Sie das mit ihm. Und am besten laden Sie Jesus zum Treffen mit ein.“

Die Idee reizte mich. Und so arrangierte ich ein Treffen mit Paulus. Hier ist mein Bericht.

AreopagIch hörte Paulus, als ich zu Besuch in Athen war. Es muss um das Jahr 52 gewesen sein. An einem schönen Tag schlenderte ich über den Versammlungsplatz, den Areopag, und kam gerade vorbei, als er eine Predigt hielt, die später als „Areopag-Rede“ weltberühmt werden sollte. Der Mann machte mich neugierig. Und so verabredete ich über Silas, seinen Sekretär, für den späten Nachmittag einen Termin.

Ich war etwas zeitiger da, und so sah ich noch einen gut gekleideten jungen Mann aus dem Zimmer des Paulus herauskommen. Der Faltenwurf seiner Toga wies ihn als Philosophen aus, der diesen Beruf und das Image auch pflegte. Ich schaute ihm nach, als Silas mich zur Tür führte. „Dionysios von Athen“, flüsterte er mir zu. „Ein vielversprechender junger Mann, sagen die Leute.“

Da traten wir auch schon ein. Der Unterschied zu Dionysos war augenfällig. Vor mir saß ein Mann in mittleren Jahren, der aber älter aussah. Das lag vor allem an seinem schmerzverzerrten Gesichtsausdruck. Er trank einen sehr merkwürdig aussehenden und riechenden Kräutersud. Es war offensichtlich: Paulus litt unter einer ausgewachsenen Gastritis. Kein Wunder, bei seinem Arbeitspensum. Er sah meinen Blick, lächelte etwas gequält und sagte nur: „Mein Pfahl im Fleisch.“

Silas fragte, ob ich ein Glas Wein haben wollte. Ich nickte, nippte daran – und meine Befürchtung bestätigte sich. Es war der übliche Mix aus Essig und Wasser. Na, besser als nichts.

Um das Gespräch zu eröffnen, meinte ich: „Das war eine beeindruckende Rede heute Vormittag, verehrter Paulus.“

Paulus schien von meiner Anerkennung nicht begeistert zu sein. Trotzdem redete ich weiter: „Ich finde, das war ein geschickter Einstieg mit dem ‚unbekannten Gott‘. Und wie du seinen Altar dann souverän umgedeutet hast.“ Noch am Vormittag hatte mir mein Gastgeber verraten, dass an diesem Altar keineswegs einem fremden, den Athenern noch unbekannten Gott geopfert wurde, sondern einem, den man bei der allgemeinen Opferung aus Unkenntnis oder Vergesslichkeit nicht bedacht hatte. „Und das Bild“, sprach ich weiter, „‚in ihm leben und weben und sind wir‘, das ist einfach großartig.“

Da unterbrach mich Paulus ärgerlich: „Genau das meinte dieser Dionysios auch schon. Und dann redete er davon, wie wunderbar das doch mit den philosophischen Erkenntnissen der Gnosis zusammenpasst. Aber darum geht es doch gar nicht. Einmal hat man keine Zeit und lässt seine Rede von einem Ghostwriter schreiben…“ Und als ich ihn fragend anschaute, meinte er: „Lukas hat sie geschrieben. Aber mit seinen Gedanken über den unbekannten Gott hat er vom Wesentlichen abgelenkt.“

„Und was wäre dann das Wesentliche?“

„Christus natürlich.“ Und bei diesen Worten trat ein besonderer Glanz in seine Augen. „Dass wir mit Christus gestorben sind und dieses Sterben täglich an uns erfahren und dann mit ihm auferstehen. Das ist doch schon lange vorher angekündigt worden in der Schrift und jetzt geschehen vor unseren Augen, wie der Prophet schreibt…“ – und dann zitierte er Jesaja und Jeremia. Und er redete weiter und weiter, intelligent und kühn, in immer neuen Bildern und Wendungen – und ich gestehe, dass er mich ermüdete. Ich wurde erst wieder aufmerksam, als er zum Finale ansetzte: „Jesus“, rief er, „Jesus ist die Rettung für die Menschen.“

„Und woher weißt du das?“, warf ich ein.

„Ich weiß es“, sagte er. „Ich habe es erlebt. Damals vor Damaskus, als mich ein helles Licht vom Pferd stieß und eine Stimme rief: ‚Saulus, warum verfolgst du mich?‘ Und ich wurde blind, denn ich war innerlich schon immer blind gewesen. Ich befolgte die Gesetze, aber sie nahmen mich gefangen. Und dann, nach drei Tagen, fiel es wie Schuppen von meinen Augen. Und ich war frei vom schlechten Gewissen, von den tödlichen Taten, von der Angst vor dem Versagen. Und vor mir lag ein helles, weites Land voller Frieden und Lieblichkeit. Die Menschen gingen aufmerksam miteinander um. Sie lachten und waren voller Hoffnung. Weil sie voller Vertrauen waren in Gott. Jesus selbst hat sie in dieses Land gebracht. Sein Tod und seine Auferstehung hat die Türen des Paradieses geöffnet.“

„Du hast das Paradies gesehen“, sagte ich. „Und woher weißt du, dass es Jesus war, der dich dorthin geführt hat?“

„Das hat mir ein Mann namens Hananias gesagt. Er gehörte zu den Christen, die ich verfolgt hatte. Er begegnete mir mit Liebe, und meine Seele wurde heil.“

„Das kenne ich“, sagte ich. „Auch ich wollte den Willen Gottes tun und seine Gebote befolgen. Aber es wurde immer enger.“

„Und dein Ausweg?“, fragte Paulus.

„Selber denken“, meinte ich und sah, wie Paulus einigermaßen entsetzt war. Aber ich fuhr fort: „Ich denke, das machst du auch. Du versuchst deine Erfahrung mit dem pharisäischen, dem jüdischen Denken zusammen zu bringen. Mein Hintergrund ist eher der griechisch-materialistische Geist.“

Und Paulus meinte: „Doch den Juden ist es ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit. Wir werden unseren Glauben weder hebräisch noch griechisch begründen können. Das kann nur Gott alleine. Denn er hat gesprochen: ‚Ich will unter den Menschen wohnen und mit ihnen gehen und sie werden mein Volk sein.“ (1. Korinther 6,16)

Da hörte ich eine Stimme hinter mir: „Was allerdings im Grunde nur für das Volk Israel gilt und auch nur, wenn es die Gebote und Gesetze Gottes hält.“ Ich drehte mich um und erkannt Ihn. „Gott hat den Menschen die Gebote gegeben, damit sie sie erfüllen.“

„Und damit sie erkennen, dass sie sie nicht erfüllen können“, ergänzte Paulus. „Deshalb bist du, Jesus, ja des Gesetzes Erfüllung durch deinen Tod und deine Auferstehung.“

Doch Jesus entgegnete: „Ich denke da eher an mein Leben und meine Botschaft. Mein Tod wird ja sehr unterschiedlich gedeutet. Da wird zum Beispiel behauptet, dass ich damit Gott versöhnt hätte. Darauf wäre ich nun nicht als Erstes gekommen. Immerhin habe ich die Gebote zum Teil so sehr verschärft, dass sie kaum noch zu halten sind.“

„Und deshalb“, warf Paulus ein, „wird deine Erlösung umso wichtiger. Eine Erlösung, die wir im Glauben annehmen müssen, damit sie wirksam wird.“

„Aber woher denn“, widersprach Jesus. „Ich habe niemals gesagt, dass der Glaube die Voraussetzung für die Erlösung ist.“

„Aber immer wieder hast du gesagt: Dein Glaube hat dir geholfen.“

„Natürlich. Und ich meinte: Dein Vertrauen in das Leben, in die Welt, in Gott hat dich geheilt. Ich habe gesagt, dass Gott keinen moralisch besonderen Lebenswandel für irgendetwas voraussetzt, auch keine Erkenntnis und kein Wissen, sondern einfach die Haltung des Vertrauens. Sorget nicht, denn die Menschen werden schon kommen, wenn sie merken, dass sie es bei Gott besser haben.“

Aus dem Augenwinkel hatte ich gesehen, wie Jesus mit der Hand kurz über meinem Glas wedelte. Ich trank einen Schluck und staunte nicht schlecht. Aus dem Essig war frischer süßer Wein geworden.

„Ich sorge mich aber“, widersprach Paulus. „Wenn wir nicht von dir und von Gott erzählen, dann weiß kein Mensch davon. Und wenn wir den Glauben nicht erklären, dann fallen sie in alte Sünden und verfehlen das Reich Gottes. Chloe zum Beispiel, die sich selbst zur Prophetin gemacht hat, bringt alles durcheinander.“

„Du hast Recht, lieber Paulus“, meinte Jesus. „Deine Gedanken sind wichtig und werden einmal viel wirksamer sein als die der Philosophen. Und sie werden den Menschen Freiheit bringen und Gottes Liebe. Aber sie werden ebenso oft missbraucht werden zur Unterdrückung und zur Unfreiheit.“

„Mein Ziel ist es, dass sich die Menschen zu dir, Christus, bekennen. Das ist doch das Größte, was wir erreichen können.“

„Ich weiß nicht“, meinte Jesus. „Das Reich meines Vaters ist nicht exclusiv in der Kirche zuhause. Entscheidend wird beim Letzten Gericht nicht das Glaubensbekenntnis sein, sondern die gute Tat.“

„Das kling jetzt aber sehr jüdisch“, meinte ich. Und Jesus nickte: „Mag sein. Aber ich glaube auch, dass wir dem Vater vertrauen dürfen. Er wird uns nicht abweisen, sondern zu seinem Fest einladen.“

„Mag sein“, meinte Paulus. „Aber bis dahin ist noch viel zu tun. Auf mich wartet eine Menge Arbeit. Eine Gemeinde will gegründet werden und eine andere organisiert. Silas, bringe das Schreibzeug.“ Und zu uns gewandt: „Vielen Dank für den Besuch, hat mich gefreut.“

Und Jesus lächelte, als er zur Tür ging: „Da kann wohl jemand nicht aus seiner Haut. Gut, dass Gottes Reich in vielen Formen wachsen kann.“

Anmerkung zu Dionysios: Über den biblischen Dionysios ist wenig bekannt. Lukas nennt ihn als Mitglied des Stadtrats (Decurio). Ich beziehe mich eher auf Pseudo-Dionysius Areopagita, einen Mystiker, der 600 Jahre später gelebt und sich weniger auf die Gnosis als vielmehr auf den Neuplatonismus bezogen hat.

Zu „Pfahl im Fleisch“: Paulus spricht in 2. Korinther 12,7 von einem nicht näher bestimmten Leiden – ein bisher ungelöstes Rätsel der theologischen Wissenschaft ;).

Lukas als Ghostwriter: Die Areopagrede ist von Lukas komponiert worden. Ein Lukas findet sich öfter in den Paulusbriefen, doch wahrscheinlich haben sich der Apostel und der Autor der Apostelgeschichte nicht gekannt.

Das Beitragsbild zeigt den Areopag von der Akropolis aus gesehen. Von ajbear AKA KiltBear http://www.flickr.com/photos/ajbear/http://www.flickr.com/photos/ajbear/299116407/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1495551

Leider auserwählt

Eine Predigt zum Dankgottesdienst am 23. Juli 2017, dem 6. Sonntag nach Trinitatis, zur Verabschiedung aus dem Gemeindepfarramt und Einführung in die neue Stadtteilpfarrstelle

Text: 5. Mose 7, 1-11

Liebe Gemeinde!

Vor einer Woche war ich auf einem Familienfest und traf dort nach vielen Jahren die Cousine meines Vaters und ihren Mann wieder. Und sie erzählten mir ihre gemeinsame Geschichte. Wie er als Kind aus Schlesien fliehen musste und auf verschlungenen Wegen nach Bielefeld kam. Und wie er dort von einem Mädchen hörte, das aus Steinfeld bei Süderbrarup kam – das liegt rechts oben in Schleswig-Holstein. Und wie sie dazu kamen, dass sie sich einmal verabreden wollten und sich auf dem Hamburger Hauptbahnhof trafen, Bahnsteig 1, und als sie sich zum ersten Mal sahen, da wussten beide: Das ist meine Auserwählte, mein Auserwählter. Und weil sie beide fromme Menschen sind, erzählten sie mir mit leuchtenden Augen: Hat Gott uns nicht wunderbar geführt?

Die beiden sind jetzt über 80, und wie sie da so saßen, immer noch zusammen glücklich, da war es für mich völlig plausibel: Gott hat seine Finger mit im Spiel gehabt. Gott hat sie auserwählt. Und ihre Geschichte hätte in der Bibel stehen können, denn dort lesen wir auch so manche Geschichte von Menschen, von denen man im Nachhinein sagen kann: Gott hat sie geführt. So wie es zum Beispiel im 5. Buch Mose geschildert wird. Das Volk Israel ist aus der Knechtschaft in Ägypten geflohen, 40 Jahre durch die Wüste gelaufen und steht nun vor dem fruchtbaren Land Kanaan. Und da sagt Mose zum Volk:

Mose.jpg„Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, so sollt ihr ihre Altäre einreißen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen und den Bann vollstrecken – das heißt: sie alle töten. Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht weil ihr größer wäret als alle Völker, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt aus Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.“

„Ihr seid auserwählt, ihr seid mein Volk“ – das klingt schon beeindruckend, wenn es der Allmächtige sagt. Und nicht weniger beeindruckend sind seine Versprechungen: So wie ich dich aus der Gefangenschaft geführt habe, will ich alle deine Feinde vernichten.

Wenn wir diese Aussagen aber mit der Realität abgleichen, hört sich das Ganze schon gar nicht mehr so toll an. Zunächst einmal, sagen die Historiker, ist der Text mit hoher Wahrscheinlichkeit erst Jahrhunderte nach der Eroberung des Landes geschrieben worden. Die angesprochenen Völker gab es längst nicht mehr. Und mit ihrer Vernichtung hatten die Israeliten wohl auch nicht viel zu tun.

Dazu waren die Israeliten oder Juden, wie sie später genannt wurden, auch ein viel zu kleines Volk, meistens unterdrückt, arm, und nicht selten brutal verfolgt – erst von Babyloniern und Römern, dann von Spaniern und Deutschen und anderen. Auf dem Hintergrund der Pogrome in Russland Anfang des 20.Jahrhunderts spielt das Musical „Anatevka“, in dem Tewje der Milchmann zu Gott klagt: „Ich weiß, ich weiß. Wir sind Dein auserwähltes Volk. Aber kannst Du Dir nicht ab und zu ein anderes aussuchen?“

Von Gott auserwählt zu werden ist offenbar eine heikle Angelegenheit. Davon können die Propheten, ja eigentlich alle Juden und der Gottessohn selbst ein Lied singen. Verfolgung und Mühe und Ablehnung bis zum Tod gehörten immer dazu.

Unter diesen Umständen möchte ich nicht gerne auserwählt sein, zumindest nicht von Gott. Ich hätte es persönlich da doch gerne ein wenig einfacher und langweiliger. Aber ich fürchte, ich habe keine Wahl. Jesus und die Propheten haben auch hinhaltenden Widerstand geleistet, letztlich ohne Erfolg. Und ich fürchte, auch mich hat es erwischt: Ich bin erwählt.

Zwar bin ich kein Jude. Aber ich bin getauft. Und das heißt: Ich lebe nun im Bereich Gottes. Und selbst wenn ich nicht getauft wäre, so glaube ich, dass ich Gott nicht entfliehen könnte. Denn Gott, das ist für mich das Leben, sein Ursprung und sein Ziel.

Das Leben schenkt mir Freude und Leid, in der letzten Zeit von beiden mehr als reichlich. Das Leben stellt mir aber auch Aufgaben – in unserem Text wird es genannt: Die Gebote Gottes zu halten. Jesus fasst diese Gebote zusammen in dem einen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Schon zum ersten Auserwählten, zu Abraham, sagt Gott auch: Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.

Das hört sich großartig an und ist es auch – gerät im Alltag aber immer wieder unter die Räder. Manchmal sind wir einfach nicht in der Lage, für andere da zu sein. Dann müssen wir erst einmal an uns selbst denken.

Nur so kann ich auch die Grausamkeiten, die sich in unserem Bibeltext finden, überhaupt akzeptieren. Es war eine harte Welt damals, in der galt: die oder wir. Wer die Oase nicht besetzen konnte, musste sterben. Wer Schwäche zeigte, ging unter. Für Israel ging es ums Überleben. Es musste erst einmal an sich selbst denken.

Das gilt für uns heute so nicht mehr. Wir leben in Sicherheit, haben auch viel mehr Möglichkeiten als die Menschen damals, Gutes zu tun. Füreinander da zu sein. Und wir tun es auch, hier in Niendorf, unübersehbar. Wir sehen um uns herum lauter Menschen, die sich für das soziale Klima im Stadtteil engagieren, für Nachbarn und Flüchtlinge, für Schüler und Senioren, für Bäume und für Tiere. Ja, es sind viele Engel unterwegs, in der Kirche und weit darüber hinaus.

Deshalb betrachte ich es ja auch als Privileg, dass ich im Februar 91 auserwählt wurde, in dieser Gemeinde Pastor zu sein. Nicht dass wir es immer leicht miteinander hatten. Aber im Rückblick kann ich – wie meine Verwandten auf dem Familienfest vor einer Woche – sagen: Gott hat es gut mit mir gemeint, und die Niendorferinnen und Niendorfer auch. Viele Hindernisse wurden auf wunderbare Weise zur Seite geräumt, und viele Türen geöffnet. Im Ganzen würde ich schon bekennen: Gott, das hast du gut gemacht. Bis jetzt.

Das würde ich auch gerne in 20 Jahren noch so sagen können. Leider aber hat die Vergangenheit auch gezeigt, dass die Zukunft sehr unsicher ist. Wir wissen nicht, wie es wird. Aber wir hoffen. Und wir glauben. Auch wenn uns dieser Glaube manchmal ins Rutschen kommt, so gibt es doch immer wieder Menschen, die halten und aufrichten.

So habe ich Gemeinde erlebt, und so erlebe ich sie. Und so stelle ich mir Erwählung vor: gesegnet sein und zum Segen werden. Und deshalb behaupte ich: Niendorf ist eine erwählte Gemeinde. Wobei die Erwählung nicht an den Gemeindegrenzen Halt macht. Die Taufe mag für uns Christinnen und Christen ein Zeichen für unsere Erwählung sein, und wir tun gut daran, uns immer mal wieder daran zu erinnern. Aber wenn es darauf ankommt, hält sich Gott nicht an diese Kleinigkeiten. Dann nimmt er sich seine Erwählten aus allen Schichten, Konfessionen und Religionen und auch von denen, die gar nicht an ihn glauben.

Wir wissen nicht, was auf uns noch zukommt. Und sowohl die Erfahrung als auch das Zeugnis der Bibel zeigen: Das wird nicht nur Jahrmarkt im Himmel. Aber was auch immer kommt, wir sind Gesegnete, und wir werden zum Segen. Mit der Hilfe Gottes.

Amen.

Das Bild zeigt „Moses“ von Michelangelo. Die Statue steht in der Kirche San Pietro in Vinculi in Rom.