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Vom Engel, der fliegen wollte
Charisma und Gnadengaben Predigt mit E. Müller Pfingstmontag 2016

Das Märchen vom Engel, der fliegen wollte

Liebe Gemeinde,

Kinder brauchen Märchen, heißt es, und ich glaube: Erwachsene auch. Deshalb möchte ich heute ein Märchen erzählen. Und Märchen fangen an mit „Es war einmal“.

Es war einmal ein Engel. Manche Engel werden geboren, dieser Engel wurde geschaffen. Er war sofort erwachsen. Ein Schöpfer schuf ihn aus einem einzigen Holzstück. Und als der Engel fertig war, hielt der Schöpfer ihm einen Spiegel vor und fragte ihn: „Wie gefällst du dir?“ Und der Engel sagte: „Das ist schon ganz gut. Wallendes Haar, ein weißes Gewand und Flügel. Ich bin ein richtiger Engel“, sagte er. „Ein richtiger Engel“, sagte sein Schöpfer. „Aber ich schiele“, sagte der Engel. „Ja“, sagte der Schöpfer. „Das habe ich nicht so hinbekommen. Engel sind eben wie Menschen. Sie sind nicht vollkommen.“

Und dann versuchte der Engel, seine Flügel zu bewegen. Es ging nicht. „Warum kann ich meine Flügel nicht bewegen?“, fragte er. „Sie sind aus Holz“, sagte sein Schöpfer. „Du brauchst sie nicht zum Fliegen. Denn deine einzige Aufgabe ist es, den Menschen bei der Taufe zu helfen. Und dazu kommst du aus der Höhe herunter. Einmal in der Woche, einmal im Monat. Je nachdem, wann Menschen getauft werden.“ – „Aber dazu brauche ich doch Flügel.“ – „Nein, denn das macht ein Mensch für dich. Das ist überhaupt so bei den meisten Engeln: Sie brauchen Menschen, damit sie fliegen können.“

Und der Engel wurde an ein Seil gehängt und in die Höhe gehoben in der Kirche in Niendorf. Und er half bei den Taufen. Jahrein, jahraus. Aus seiner Höhe sah er die Menschen singen und beten und weinen und lachen und andächtig hören. Er sah die Menschen, wie sie schliefen und Quatsch machten und ihren Gedanken nachhingen, gelangweilt und interessiert. Und er dachte sich: Was diese Menschen wohl so denken?

Und einmal in der Woche, einmal im Monat kam er herunter und half bei der Taufe. und schon wenn er herunter schwebte, dann freute er sich über die staunenden Kinderaugen und wie sich die Erwachsenen freuten. Und er half bei der Taufe; er hielt die Schale. Und manchmal stieß ein Kind an seinen Fuß, einmal brach sogar ein Zeh, aber das machte nichts. Denn er war aus Holz. Er kannte keinen Schmerz.

Und es kamen Menschen in die Kirche, die voller Staunen und Freude sagten: Ein Engel, seht ihr? Ja, der Engel hatte viele Freundinnen und Freunde. Sie liebten ihn, und er wurde gebraucht. Was wollte ein Engel mehr?

Eines Tages wollte er mehr. Und er sagte sich: Vielleicht kann ich auch ohne Menschen fliegen? Und dann war es soweit. Ein unachtsamer Moment, ein kleiner Fehler in der Winde, und der Engel war frei. Er flog und flog und es war ein unbeschreibliches Gefühl.

Aber nur kurz. Denn schon bald kam er unten an. Sein Schöpfer hatte Recht gehabt. Seine Flügel konnte er nicht bewegen. Und so kam er ziemlich hart unten auf. Das ging nicht gut aus für seine Arme, und auch sein Bein war lädiert. Aber er fühlte keinen Schmerz, denn er war ja aus Holz. Und die Erinnerung an seinen Flug war unbeschreiblich.

Sofort kamen Menschen und trugen ihn weg. Das war auch ein gutes Gefühl – immer war er für Menschen da gewesen, jetzt waren Menschen für ihn da. Sie behandelten ihn gut. Die Arme wurden repariert, auch seine Beine. Und er war schöner als vorher.

markt-engelLiebe Gemeinde, wir sind mittendrin in diesem Märchen. Unser Engel ist geflogen. Und wenn man ihn fragt, ob er es bereut, dann sagen seine Augen: „Machst du Witze? Für nichts in der Welt würde ich dieses Erlebnis eintauschen. Nur schade, dass ich heute nicht bei der Taufe dabei sein kann.“ In der Tat, er ist nicht da. Aber er kommt wieder.

Und auch wenn dieser Engel nicht da ist, wir wissen, dass wir behütet sind. „Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest“, so heißt es im Psalm 91. Gott hat mehr als einen Engel – und dieser ist ohnehin nur derjenige, der bei den Taufen hilft, sonst aber nicht aus der Kirche herauskommt.

Ich glaube aber, dass er uns durchaus ein Vorbild sein kann. Er hat seinen Ort gefunden. Hier in der Kirche. Auch wir finden unseren Ort. Wo auch immer – in der Familie, im Beruf, in Niendorf oder anderswo. Und der Engel ist da, wenn er gebraucht wird. Meistens. Wenn er es nicht kann, so wie jetzt, dann hat er einen guten Grund. Seine Aufgabe ist es: Menschen zum Staunen bringen. Ihnen Freude schenken und Glück. Ist das nicht genau unsere Aufgabe, was auch immer wir tun: einander glücklich machen? Einander zu Engeln zu werden.

Und dann aber auch: In allen unseren Aufgaben und Zielen das Fliegen nicht vergessen. Die eigenen Wünsche und Träume nicht zu niedrig hängen. Erst dann, in dieser Kombination, bekommt unser Leben Glanz und Strahlkraft. Erst dann können wir das Licht ganz genießen, wenn wir unser eigenes nicht verbergen. Erst dann erleben wir ganz, was Jesus gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben.“

Ja, dieses Licht, das auch in der Dunkelheit leuchtet, das soll mit euch gehen. Heute. Morgen. Alle Zeit.

Amen.

(Predigt im Gottesdienst mit Taufe im Mai 2016)

Charisma und Gnadengaben

Eine Predigt zum ökumenischen Open-Air-Gottesdienst Pfingstmontag 16. Mai 2016, gemeinsam gehalten mit Pastor Eberhard Müller (Freie evangelische Gemeinde am Bondenwald)

Text: 1. Kor. 12, 4-11

20140609_114126.jpgDie Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Erik Thiesen (ET): Liebe Gemeinde, Willy Brandt hatte es.
Eberhard Müller (EM): Mahatma Gandhi mit Sicherheit.
ET: Anuthida hat es auch.
EM: Wer ist Anuthida?
ET: Anuthida machte mal bei „Germanys next Topmodel“ mit. Der Juror Thomas Hayo hatte es über sie gesagt.
EM: Ach so. Ja, und Hitler hatte es auch, leider.
ET: Dafür auch Jesus. Unbedingt.
EM: Und jetzt werden Sie sich fragen, was Brandt und Gandhi, Anuthida, Hitler und Jesus gemeinsam hatten?
ET: Sie hatten Charisma. Charismatische Menschen, sagt man, haben irgendwie eine Ausstrahlung. Sie faszinieren. Sie sind anders als man selbst, so, wie man selbst gern sein würde. Wahrscheinlich halten deswegen die einen zum Beispiel Anuthida für charismatisch und die anderen eher nicht.
EM: Da ich weniger mit GNTM (Germany’s Next Topmodel) zu tun habe als vielmehr mit der Bibel, habe ich die Charismen bisher eben dort gesucht und gefunden. „Charisma“ kommt dort nämlich auch vor und heißt „Gnadengabe“. In Korinth merkten die Christen plötzlich, als sie zum Glauben kamen, dass sie Dinge tun konnten, die sie vorher nicht tun konnten. Paulus erklärt ihnen in den Versen vor unserem Text: Das hat etwas mit dem Heiligen Geist zu tun, den jeder Christ verliehen bekommt, wenn er in die Hand Jesu einschlägt.
In Korinth waren es u.a. auch Geistes-Gaben, die wir vielleicht als „wundersame“ Gaben bezeichnen würden: Sprachenrede, Heilungsgaben u.ä.. Das hat die oft einfach gestrickten Korinther so sehr umgehauen, dass sie sich etwas drauf eingebildet haben. Daher macht Paulus ihnen klar, dass diese Gaben nichts zum Angeben sein sollen. Er nennt sie daher „Gnadengaben“ – statt „Geistes-Gaben“, wie die Korinther. Es ist eine Gnade, ein schönes Geschenk Gottes – damit die Gemeinde als Ganze dadurch vorankommt, nicht damit der Einzelne damit angibt.
In anderen Gemeinden der damaligen Zeit gab es andere Gaben, die aufgezählt werden – etwa in Ephesus waren es mehr seelsorgerliche Gaben und Leitungsgaben.
ET: Das müssen aufregende Zeiten gewesen sein. Obwohl – wenn ich mir die einzelnen Gnadengaben so anschaue, dann entdecke ich unter uns auch eine ganze Menge davon. Für die Heilungsgabe haben wir gleich ein ganzes Krankenhaus gebaut, um Seelsorge und Leitung bemühen wir uns auch nach Kräften. Und wenn man unter Sprachenrede „unverständliches Sprechen“ versteht, wie es bei Wi-kipedia steht, dann kommt das durchaus auch in unseren Gottes-diensten vor.
Und darüber hinaus entwickeln wir die Fähigkeiten der jugendlichen Teamer, organisieren Flüchtlingsarbeit, machen tolle Musik und sind mit Senioren aktiv. All das, finde ich, hat mit Charismen zu tun. Charismen wären dann das Ergebnis aus natürlichen Fähigkeiten, Spaß und harter Arbeit.
EM: Und für mich hat das etwas mit Pfingsten zu tun. Gott meint es gut und schickt den Heiligen Geist. Daran können wir uns freuen – aber auch anderen Menschen in der Kraft und Ausrüstung des Geistes dienen.
Gnadengaben haben etwas mit Gottes schönem und gutem Plan für seine Gemeinde zu tun. Gnadengaben bedürfen aber durchaus auch der Ausbildung. Der Förderung. Ähnlich wie bei einem musikalischen Menschen. Das Üben bleibt ihm nicht erspart. Bei den geistlichen Gaben hat das Geschenk Gottes, das Einüben und der Einsatz ein Ziel: Paulus entfaltet nach dem gelesenen Text diesen Gedanken mit dem Bild vom Leib. Korinth war eine Stadt, die Schönheit mochte. Wer mal dort war, kann sich in Museen und in vielen noch erhaltenen Plätzen und Gebäuden davon überzeugen. Der Leib, der menschliche Körper spielt als Ausdruck von Schönheit eine große Rolle. Und diesen Gedanken gebraucht der Apostel, um klar zu machen, dass Gott es mit den Gnadengaben genau so meint: Wie ein Körper sich entfaltet, aufblüht, gesund agiert usw. – so ist es in einer Gemeinde, die die Gnadengaben zum allgemeinen Wohl einsetzt: Die Gemeinde soll erblühen und schön werden und schöne Dinge tun können, die zur Freude aller dienen.
ET: Eberhard, das finde ich auch. Zumal ja in „Charisma“ das griechische Wort für Schönheit und Anmut schon drinsteckt. Eigentlich müsste das also unsere Kernkompetenz sein. Aber wenn die Leute Schönheit und Anmut finden wollen, schalten sie doch eher GNTM ein. Oder gehen ins Museum. Oder ins Konzert zu Susan Tedeschi. Je nachdem, welche Stilrichtung sie pflegen. Kirche verbinden sie eher nicht mit Schönheit oder gar Anmut. Ausnahmen sind vielleicht gut gemachte katholische Messen und evangelische Kirchenmusik.
EM: Das ist doch schon mal ein Anfang. Die Bibel hat ein großes Thema: Freude. Jesus sagt mal: „Ich bin gekommen, damit eure Freude vollkommen sei!“ (Joh 15,11) Das hat auch viel mit Schön-heit, Liebe, Gaben und anderen Geschenken und Eigenschaften Gottes zu tun. Alles dient zur Freude – und damit zum Aufbau der Kirche.
ET: Wie wäre es, wenn wir für den Anfang mal jeden Beschluss im KGR oder im Pfarrgemeinderat erst einmal darauf abklopfen, ob er die Gemeinde erblühen lässt und schöner macht und zur Freude aller dient. Oder unseren Terminkalender mit der Aufgabenliste: Alles rauswerfen, was nicht schön ist oder wirklich unbedingt notwendig. Oder für jedes schöne Erlebnis einen Stein oder so etwas in die Tasche zu stecken und am Abend diese Steine anschauen und sich erinnern.
EM: Ich schätze, das würde vieles verändern. Wenn Menschen einander dienen, mit dem, was der Heilige Geist ihnen schenkt, dann kann Kirche, Gemeinde schöner werden und strahlen. Ich glaube, dass das Menschen erreichen würde, die wenig mit Kirche am Hut haben.
ET: Da haben wir nur ein Problem: Der Geist weht, wo er will. Bei manchen kommt er offenbar gerne vorbei. Andere sitzen eher auf der Leeseite, wenn er weht. Und wieder andere machen den Eindruck, dass der Geist gerne vorbei kommen würde, aber sie halten die Tür fest verschlossen. Bei denen hilft dann nur: Die Tür aufmachen und warten. Er kommt, das hat Jesus versprochen. Auch zu Ihnen, zu uns. Oder ist er schon längst da gewesen und wir haben es nur nicht gemerkt? Das heißt: Wir haben Fähigkeiten, von denen wir bisher gar nichts wussten? Oder eine Aufgabe, die wir bisher vernachlässigt haben? Manchmal können unsere Mitmenschen entscheidende Hinweise geben. Wir müssen sie nur fragen. Oder wir weisen sie auf ihre Charismen hin.
Und noch einen Hinweis gibt uns Paulus: Es ist der eine Geist, der unter uns wirkt, wenn er wirkt – bei uns, bei Ihnen, bei den Baptisten und den Freien Evangelischen, den Katholiken und Lutheranern. Wenn wir also den Eindruck haben, er macht bei uns gerade eine Pause, freuen wir uns an den anderen. Denn es ist derselbe Geist. Der Geist Gottes, der in uns wirkt.
Amen.