Gastbeiträge

Inhalt (zu den Beiträgen bitte auf den Namen klicken):

Maren Gottsmann (Pastorin in Niendorf), Bildmeditation zu Beate Heinen „O Heiland, reiß die Himmel auf“ (Weihnachten 2015).
Thomas Engel (Pastor in Bordesholm) Predigt zu 2. Mose 33 „Hineni“.
Artikel im Niendorfer Wochenblatt über den Blog.
Artikel im „Präsent“ über den Blog.

Maren Gottsmann, O Heiland, reiß die Himmel auf

maren-gottsmannIch habe Ihnen heute für diese Nacht, diese Weihnacht ein Bild mitgebracht – sie haben es am Eingang erhalten.

Und ich möchte Ihnen einen kleinen Augenblick Zeit geben, dieses Bild zu betrachten –
Was löst dieses Bild in Ihnen aus? Weckt dieses Bild eine Erinnerung?
Was finden Sie von dem Weihnachtsevangelium in diesem Bild wieder?
Fragen???

Ein Riss, ein Spalt öffnet sich – und dadurch fällt Licht auf die kleine Szene: Die Mutter, das Kind, der Mann. Nur sie scharf und klar gezeichnet. Nur Sie herausgehoben aus der dunklen Masse derer, die völlig unverbunden nebeneinnader in die gleiche Richtung zu streben scheinen.

Oder ist es auch so: Nur dieser drei werden durch den erleuchteten Spalt als kleine Gruppe aufeinander verwiesen und finden sich dicht zusammengeschmiegt?

Ein Riss, ein Spalt öffnet sich – und Licht strahlt auf.
Wie oft erscheint es umgekehrt – ein Riss, ein Spalt öffnet sich –  und ein dunkler Abgrund tut sich auf.

Die Künstlerin Beate Heinen hat es jedoch genau andersherum  gemalt-
Durch den Riss wird etwas ans Licht gebracht, etwas, was vorher vielleicht  irgendwie schon da war – aber eben nicht im Blick.

Mich hat dieser Gedanke sehr getroffen.
Er entspricht dem, was ich in diesem Jahr in unserer Gemeinde erlebt habe
Ein Riss geht durch ein leben, geht durch die Welt und lässt sich nicht mehr schließen. Und eigentlich müsste alles einstürzen und untergehen – und es stürzt ja auch ein und es geht alles unter. Doch dahinter können sich dennoch Orte und Zeiten finden , in denen bricht etwas auf, das hell ist.

In besonderer Weise ist dies für mich in  Begegnungen mit  Menschen geschehen, die in diesem Jahr als Flüchtlinge auch zu uns nach Niendorf gelangten. Aber nicht nur dort.

Stellvertretend für viele Erfahrungen kommen drei von ihnen zu Wort:

Paul:
Ein Riss – und dahinter Licht. So lebe ich heute.

Über sieben Jahre ist es jetzt her, dass meine Frau an Krebs starb. Ich vermisse sie. Sie war mein Herzschlag. Mit diesem Leben ohne sie ringe ich jeden Tag neu. An manchen Tagen möchte ich ihr einfach nur folgen um wieder bei ihr zu sein.  Und doch ist so vieles geschehen seit dem.

Ich sehe alles um mich herum mit anderen Augen, ich nehme anders war.
Ich bin sensibler geworden. Auch wacher. Ich sehe schärfer, empfinde alles intensiver. Dafür bin ich dankbar.
Und ich bin aufmerksam für das Glück, das mir widerfährt.

Ein besonders Licht über dem Bayernsee, eine Sonnenblume unter dem Vogelhäuschen, die zwischen den Terrassensteinen riesengroß empor wächst, die stürmische Begrüßung meines Patenhundes Otto, eine Musik, die mich tröstet, ein berührender Text, eine Begegnung die mir gut tut, der Hase, der vor mir über den Weg auf dem alten Friedhof läuft, als hätte er auf mich gewartet und das große Geschenk, zu  fotographieren,

Für mich ist nichts mehr selbstverständlich.

Marianne:
Ich möchte von Frau C. erzählen. Frau C. ist Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit.
Sie sagt: Durch die Begegnung mit den Flüchtlingen sehe ich mein Leben in einem völlig neuen Licht. Ich habe vorher nie gewusst, was es bedeutet, dass ich in diesem Land leben darf.

Ich habe es  immer für selbstverständlich genommen: Schule, Busse, Krankenhäuser – und dass ich über die Straßen gehen kann ohne Angst. Dass ich gegen alle und alles  sein kann und sogar gegen  Regierung und Behörde protestieren darf. Ich habe es als selbstverständlich genommen, dass die Polizei dafür da ist, dass sie mich schützt. Ich habe den Frieden für selbstverständlich genommen. Und nun kommen Menschen zu uns, die leben unter uns unter Umständen, für die ich mich schäme, sie tragen unsere abgelegte Kleidung und warten und warten auf Termine bei Behörden und schlafen mit 350 weiteren Personen in einer Tennishalle auf Luftmatratzen. Und ihre Zukunft ist vielleicht nur für ein paar Monate rechtlich abgesichert Und sie sehen sich hier um und schauen mich an und sagen: das ist das Paradies.

Rolf:
Ein Riss geht durch Hamburg, durch die Welt, ein Riss in Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen sogenannten anständigen BürgerInnen und Frauen, die anschaffen: Prostitutierte nennen wir sie.

Ich besuche sie in Hamburg seit über dreißig Jahren als Mitglied der Teestube Sarah an ihren Standplätzen auf der Straße. Unsere Geschenke sind heißer Kakao, unbegrenzt Süßigkeiten und Zeit für ein Gespräch. Im Lichte von Weihnachten würde ich sagen, dass ich wie die Hirten des Nachts zu Ihnen eile, immer wieder gerufen. Ich finde dort kein Kind in der Krippe vor, aber Menschen, die sich genauso in prekären Lebenslagen befinden, auf der Suche nach mehr, ausgebeutet von Zuhältern und verachtet von vielen ihrer Kunden und uns angeblich Anständigen.

Nicole ist eine dieser Frauen. Wenn sie zur Begrüßung sagt, ihr ginge es gut, läuten bei mir alle Alarmglocken, denn meist folgt danach eine Geschichte voller Abgründe. Etwa: „Ich bin heute glücklich, weil mein neuer Zuhälter mich vor dem Terror meines alten beschützt.“ Auf Nachfragen erzählt die, dass der alte sie, ihre Mutter und ihre jüngere Schwester mit übelsten Methoden bis an den Rand des Wahnsinns gebracht hat, weil sie aussteigen wollte. Mit der Zeit läuft es mit dem neuen auch nicht mehr so gut. Sie bewirbt sich in ihrer alten Heimatstadt mit Erfolg auf ihre alte Stelle. Ein Sechser im Lotto. Doch zwei Wochen später steht sie immer noch da: sie hat abgesagt, ihr Zuhälter hätte versprochen, sich zu bessern.

Nicole schaut mich an: „Ich bin ganz schön bescheuert, was?“ Nein, das ist sie nicht. Aus langer Erfahrung weiß ich, welchen Sog das Milieu ausübt, welche Ängste es ja auch mir bereitet, neue Wege einzuschlagen, welch lange und mühsame innere Arbeit, alte Verhaltensmuster abzulegen und neue zu wagen.“ „Nein“, sage ich zu ihr, „es ist wohl noch nicht dran für Dich. Dein neuer Weg ist noch nicht geboren.“

Ich glaube, meine Begegnungen mit Nicole öffnen einen Spalt im Himmel.

Nicole weiß, dass ich ein wenig stellvertretend ausharre für ihren Schritt in eine neue Selbständigkeit, ohne dass wir das direkt ansprechen.

Ich weiß nicht, ob Nicole bewusst ist, wieviel es mir bedeutet, dass sie mich jedes Mal voller Freude und ohne Scham erwartet, dass sie mich willkommen heißt, so wie ich bin. Ich muss nichts leisten, nur kommen und für ein paar Minuten da sein.

Maren

Risse gehen durch unser Leben – und viele Risse gehen durch unsere Welt.

In diesem Jahr, da habe ich gedacht, ich bekomme es nicht mehr zusammen – Weihnachten und das, was ich als so große, trennende und schmerzhafte Risse wahrnahm. Wie kann das wieder heilen?

Und dann höre ich auf eure Geschichten und schaue auf dieses Bild.
Ich kenne es seit vielen Jahren.
Bisher hatte ich es so verstanden, dass Licht auf die im Dunkeln fällt-
Doch es ist umgekehrt:  der Riss ist es, der dieses Licht erst ermöglicht.

Vor einem Jahr bin ich davon ausgegangen, dass wir 300 Flüchtlinge in unserem Stadtteil aufnehmen werden – ich war voller Zweifel: wie ihnen begegnen, wie ihnen gut tun? Wie gelingt das mit uns in Niendorf.

Heute, ein Jahr später, gehe ich davon aus, dass bald 3000 Flüchtlinge Unterkunft bekommen werden. Und ich bin weniger beunruhigt als vor einem Jahr. Weil ich erfahren durfte, wieviel Gutes und ermutigendes durch die neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu uns kommt. Und weil ich erlebe, wieviel Menschen guten Willens in diesem Stadtteil wirken. Natürlich gibt es Herausforderungen und vieles, was zu bewältigen sein wird. Aber es wird möglich sein und allen zu Gute kommen können.

Davon erzählt Weihnachten.

Die Geburt unter diesen erbärmlichen Umständen war für alle beteiligten ein Unglück – die Umstände der Schwangerschaft, die weite Reise zu Fuß in ein Land, das einem fremd ist, und dann die Geburt unter Schafhirten in einem Viehstall. Unter diesen Bedingungen war nichts wirklich Gutes zu erwarten. Und gerade dort erfahrbar.

Risse gehen durch ein Leben, Risse gehen durch unsere Welt – und es wird heller. Auf unglaubliche, mag sein auch erschreckende Weise wird es heller.

So Ich nehme diese Weihnacht als ein großes Geschenk.
Sie nimmt mir die Angst vor dem, was noch reißen und brechen wird.
Sie erinnert mich daran: Gerade dort kann geschehen, was uns zu Gute kommen wird. Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt.

Jedes Jahr wieder , wenn ich an dieser Stelle der Weihnachtspredigt steckte, dann denke ich, es gibt zwei große Ebenen in diesem Fest, das eine ist die Fröhlichkeit, das Miteinander, die Unbeschwertheit –Jingle Bells und I´m dreaming of a white christmas.

Dort und so diesen Tag zu feiern – das hat seinen Reiz und seinen Wert und seine ganz eigene Freude.

Und dann gibt es eine andere Ebene. Die erreicht die, die in ihrem leben von etwas getroffen und erschüttert wurde – oder, wie es in der Sprach der Bibel heißt: das Volk, dass im Dunkeln ist und die, die in der Finsternis wohnen

Und dann sehe ich Diwa vor mir, der so unbeirrt Deutsch lernt, obwohl er als Afghane politisch in unserem Land nicht mehr erwünscht ist und für den durch Krieg und Flucht alle bisherigen  Kategorien ihre  Bedeutung verloren haben – weil es allein darauf ankommt, wie ein Mensch sich verhält und handeln. „You can just respect yourself if you respect others, you can just love yourself, if you love others and the other way around of course“. Darauf kommt es ihm an. Nur darauf.

Und ich nehme mit aus dieser Nacht:
Was für eine große Kostbarkeit unseres Glaubens:
Gott begegnet mir auch in dem, was mit fremd erscheint – was mich beunruhigt – was mich vielleicht auch aus gewohnten bahnen wirft.
Das Gott gerade dort Gutes vorhat.

Und so dürfen wir auch diese Weihnacht als eine gesegnete Weihnacht glauben und uns in diesem Segen leuchtend. Dass wir uns aufmachen und licht werden, denn

Wenn der Gesang der Engel verstummt ist
Wenn der Stern am Himmel untergegangen ist
Wenn die Hirten mit der Herde heimgekehrt sind. Dann erst beginnt das Werk von Weihnacht:
Die Verlorenen finden.
Die Zerbrochenen heilen
Den Hungrigen zu essen geben.
Die Gefangenen freilassen
Die Völker aufrichten.
Den Menschen Frieden bringen.
In den Herzen musizieren.
AMEN

Thomas Engel, Hineni

thomas-engelLesung Exodus 33,17-23: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen.“

Mich beschäftigt zur Zeit sehr stark die schwere Krebserkrankung eines sehr guten Freundes. Wenn wir miteinander sprechen, geht es häufig um die Frage: „Was hat Gott sich damit gedacht, dass er mir diese Krankheit schickt.?“ Mein Freund formuliert es gerne auch noch provokativer:    Was für ein fieses Spiel treibt dieser Herr da oben mit mir?

Bisher hat mein Freund als überzeugter Christ gelebt, und auch jetzt – in der schweren Phase immer neuer Krebsmetastasen – ist es nicht so sehr der grundsätzliche Zweifel an Gott, der ihn plagt, sondern der Zweifel an Gottes guter Führung.
Er fragt: Wo führst du mich hin ? Was bezweckst du damit, für mich, meine Familie, meine Arbeit?

Es gibt viele vermeintlich weise Antworten darauf, auch theologische, die das Problem aber nur verdrängen. Zunächst einmal müssen wir, muss ich einfach einmal zur Kenntnis nehmen, dass Menschen Gottes Wege nicht für gut halten, dass sie ihn nicht verstehen, oder eben doch verstehen – und zwar in dem Sinn: Gott hat es nicht gut eingerichtet.

Und so kommt unweigerlich die harte Frage in den Sinn: Kann es sein, dass Gottes Wege nicht gut sind ? Kann Gott böse Gedanken haben ?
Oder, was hast du dir dabei gedacht, Gott?

Beim letzten Besuch bei meinem Freund spielte er mir ein Lied von Leonard Cohen vor:
Der bekannte Songwriter starb Anfang November 2016, zwei Wochen vorher kam sein letztes Album heraus, darin ist als Hauptlied, dass dem Album den Namen gab: „You want it darker“. Es lohnt sich, dieses einmal unter youtube anzuhören. Im Text heisst es:

YOU WANT IT DARKER ( Leonard Cohen )

Wenn du die Karten gibst
, bin ich aus dem Spiel
Wenn du der Heiler bist, bedeutet das:
Ich bin gebrochen und gelähmt
Wenn dir der Ruhm gebührt,
dann 
Gebührt mir wohl die Schande
Du willst es dunkler
Wir töten die Flamme
Gelobt, gepriesen
Sei dein heiliger Name
Verunglimpft, gekreuzigt
In der menschlichen Gestalt
 Millionen Kerzen brennen
Für die Hilfe, die niemals kam
Du willst es dunkler

Hineni, hineni (Hier bin ich, hier bin ich)
Ich bin bereit, mein Gott

In gewisser Weise empfinde ich diese Liedzeilen als Ausdruck der letzten Gedanken von Leonard Cohen, geprägt von Zweifel und Widerspruch, deprimierende Fragen in die Dunkelheit.

Am Ende einer jeden Strophe heisst es dann aber: Hineni, was hebräisch ist und übersetzt wird mit: Hier bin ich –
eine Antwort, die man oft bei den Propheten lesen kann, wenn Gott sie anruft und anspricht und beauftragen will mit einem schwerem Auftrag: Hier bin ich, ich bin bereit.  Leonard Cohen, der selbst jüdische Wurzeln hat, kennt diesen Hintergrund und setzt ihn bewusst in Beziehung zu seinen eigenen dunklen Fragen. Am Ende seines Schaffens sagt er: Hier bin ich, ich bin bereit.

Im Predigttext des heutigen Sonntags bittet Mose Gott: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Vor unserem inneren Auge sehen wir dann meistens großartige Bilder von Mose auf dem Berg Sinai, der glaubensstark und ehrfürchtig Gott von Angesicht zu Angesicht sehen will. Im letzten Jahr gab es dazu sogar einen neuen Kinofilm in 3D-Technik mit genau dieser Szene: Gott und Mose allein auf dem Berg.

„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ –
hinter dieser Frage schwingt für mich nicht nur die selbstbewusste und fromme Bitte, Gott zu sehen. Es ist für mich auch die aus Zweifeln geborene Bitte: Gott ich möchte dich ganz verstehen! Ich möchte deinen Plan für diese Welt sehen! Ich möchte dir in die Karten gucken!

So gesehen, wird diese Begebenheit von Mose auf dem Berg Sinai verändert, sie ist nicht mehr Heimspiel für die Frommen, sondern ganz im Gegenteil, Ausdruck der Frage vieler Menschen, und zwar gerade von denen, die schwer belastet sind, die mit dem Schicksal hadern, die mit Gott hadern oder sogar streiten, so wie  mein Freund. Lass mich dir in die Karten gucken, denn so geht dein Plan, Gott, geht nicht auf.
Zumindest nicht für mich!

Darüber hinaus gibt es in diesen Tagen viele Menschen, die die weltweite Entwicklung mit Gewalt und Terror nicht verstehen, und die drei Wochen nach der wunderbaren Weihnachtsbotschaft die Enden nicht zusammen bekommen. Wir haben noch die Verheißung des Friedens auf Erden im Ohr, da werden wir mit neuen Terrortaten und Spannungsfeldern konfrontiert.

Manch einer möchte mit Mose bitten, wenn auch mit anderen Worten:
„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Öffne wenigstens einen klitze-kleinen Spalt die Tür,  dass wir erkennen, wozu wir leben, dass wir verstehen, was passiert, Gott überzeuge uns, dass du kein herzloser Marionettenspieler bist.

Vielleicht hat Mose doch auch ähnlich gehadert wie viele von uns: Gott hatte Mose erwählt, um die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten zu führen: Es wurde zur großen Ur-Erfahrung der Befreiung für das ganze Volk: Gott hört die Klagen der Israeliten, Gott demütigt die Feinde

Gott befreit die Israeliten am Roten Meer. Gott schenkt die 10 Gebote, Hilfen zum Leben, im Predigttext wird das zusammengefasst: Du hast Gnade gefunden. Und denoch bleibt der Zweifel, trotzdem muss das Leben gelebt werden, mit allem, was dazu gehört, trotz allem gibt es Not und Schuld, Tod und Abfall, Streit und Unverständnis.

Mose hat aber auch den Ungehorsam des Volkes miterlebt: den Tanz ums Goldene Kalb, seinen Ärger darüber er zerschlägt die Gebots-tafeln, er geht erneut hinauf  –  und in dieser Situation bittet er Gott um ein Zeichen.

Der Text aus dem Buch Exodus führt uns weit zurück lange vor Christus. Mose konnte sich Gott nicht so vorstellen, wie er uns in Christus begegnet – das ist ein Riesenunterschied, den wir nicht außer acht lassen dürfen: In Christus hat sich Gott ganz neu und anders gezeigt, unerwartet für Menschen jüdischen Glaubens, aber auch unerwartet für all die, die in Gott den unbarmherzigen Marionetten-spieler sehen: Gott hat sich gezeigt in dem, der die Liebe Gottes lebte und vertrat bis zum Tod am Kreuz. In ihm hat sich Gott eine andere Seite von sich gezeigt:Hier lässt er sich in die Karten schauen: Mein Plan heisst Liebe.

Schauen wir auf das Kruzifix, wie es auch in unserer Kircvhe hängt: Liebe für jedes Geschöpf, Vergebung für jeden, der danach sucht,
Gott läßt sich darin erkennen: Im Leiden, in der Demut, in der Liebe,

Im Kreuz verzichtet er auf all seine Kraft, er will nicht der Marionetten-spieler sein, der unbarmherzig und unverständlich mit seinen Geschöpfen spielt, er will auf der Seite der Menschen sein. Am Kreuz ist es Jesus, der sagt: „Hineni, ich bin bereit!“. Darum ist er dort zu finden, wo Menschen fragen, weinen und leiden. Mit seiner Liebe.

Und wer selbst schon einmal geliebt hat, der weiß, dass Liebe ganz schön weh tun kann, und sehr zerbrechlich und anfällig ist. Aber eben auch eindeutig und nicht abwägend: So liebt Gott. Macht sich selbst verletzlich und ist so den Verletzten nahe.

In der Erzählung von Mose heißt es am Ende „Du darfst hinter mir her sehen!“, was für mich so viel heißt, dass wir im Nachherein Gott erkennen können – nur im Nachherein Gottes Spuren im eigenen Leben erkennen. So wie Kierkegaard es einst formulierte: „Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts.“

Mein Freund hat die kommende Woche wieder eine schwere OP zu bestehen, ich weiß nicht, was Gott sich dabei gedacht hat, aber ich vertraue darauf, dass Christus an seiner Seite und in seinem Herzen ist. Und dies wünsche ich allen, die ähnlich zweifeln und fragen:

Denn der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

YOU WANT IT DARKER ( Leonard Cohen )

Wenn du die Karten gibst
bin ich aus dem Spiel
Wenn du der Heiler bist, bedeutet das:
Ich bin gebrochen und gelähmt
Wenn dir der Ruhm gebührt,
dann 
Gebührt mir wohl die Schande
Du willst es dunkler
Wir töten die Flamme
Gelobt, gepriesen
Sei dein heiliger Name
Verunglimpft, gekreuzigt
In der menschlichen Gestalt
Millionen Kerzen brennen
Für die Hilfe, die niemals kam
Du willst es dunkler

Hineni, hineni (Hier bin ich, hier bin ich)
Ich bin bereit, mein Gott

Es gibt einen Liebenden in der Geschichte
Aber die Geschichte ist noch die selbe
Es gibt ein Schlaflied zum Leiden
Und ein Paradox zum Beschuldigen
Aber es ist in den Schriften geschrieben
Und es ist kein leerer Anspruch
Du willst es dunkler
Wir töten die Flamme
Du stellst die Gefangenen auf
Und die Wachen zielen
Ich kämpfe mit einigen Dämonen
Sie waren aus der Mittelschicht und zahm
Ich wusste nicht, dass ich die Erlaubnis hatte,
Zu morden und zu verstümmeln
Du willst es dunkler

Hineni, hineni
Ich bin bereit, mein Gott

Gelobt, gepriesen
Sei dein heiliger Name
Verunglimpft, gekreuzigt
In der menschlichen Gestalt
Millionen Kerzen brennen
Für die Liebe,
die niemals kam
Du willst es dunkler
Wir töten die Flamme
Wenn du die Karten gibst
Lass mich das Spiel verlassen
Wenn du der Heiler bist
Bin ich gebrochen und gelähmt
Wenn dir der Ruhm gebührt
Gebührt mir wohl die Schande
Du willst es dunkler

Hineni, hineni
Hineni, hineni
Ich bin bereit, mein Gott

Der Artikel im Niendorfer Wochenblatt

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Der Artikel im „Präsent“

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