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Mea culpa – Bedeutungswandel

4. Teil der Reihe über die Exerzitien
Den 1. Teil „Bingen, 15. Juli 2016“ findest du hier.
Den 2. Teil „Die Ignatianischen Exerzitien“ findest du hier.
Den 3. Teil „Mönch auf Zeit“ findest du hier.

Bingen, 18. Juli 2016. In der ersten Woche der Exerzitien soll nach Ignatius „die Erwägung und Betrachtung der Sünden“ im Mittelpunkt stehen. Mein Problem: Der Begriff der „Sünde“ ist für mich vergiftet.

Ich bin aufgewachsen mit der Tradition, die Sünde moralisch versteht. Mea culpa, mea maxima culpa – meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld. Sünde, das sind bestimmte Taten. Sie haben ihren Ursprung in unserer Auflehnung gegen Gott und führen zum Tod – im schlimmsten Fall zum ewigen Tod, in die Hölle. Und Sünde, so kann man getrost zusammenfassen, das ist im Prinzip alles, was Spaß macht.

Habe ich die Sünden als Evangelikaler vor allem bei mir persönlich gesehen, habe ich sie als kritischer Student gesellschaftlich verstanden. Sünde, das ist Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung. Und Luther brachte mir bei, dass der Mensch Sünder ist, weil er nicht mehr im Paradies lebt. Weil Eva vom Apfel gegessen hat. Ich kann also gar nichts dafür. Aber glücklicherweise hat Jesus das ja mit seinem Tod am Kreuz in Ordnung gebracht. Das führte dann zu einer Theologie, die ich auch bei einigen Kolleginnen und Kollegen wahrnehme und sich mit dem Grundsatz der Transaktionsanalyse zusammenfassen lässt: Ich bin ok, du bist ok. Oder: Gott hat dich lieb, so wie du bist.

In den Exerzitien habe ich noch ein anderes Verständnis von Sünde kennengelernt. Sünde, das sind nicht bestimmte Taten. Es ist alles, was mich von meiner Berufung abhält. Und meine Berufung dient immer der Liebe.

Wenn ich es also richtig verstanden habe, dann ist es egal, ob ich stolz bin oder demütig, reich oder arm, zornig oder sanftmütig, fleißig oder faul – es kommt aber alles darauf an, ob es dem Frieden dient, dem Tost, der Liebe und Hoffnung. Und diesem Ziel kann der Stolz ebenso im Weg stehen wie die Demut. Und umgekehrt: Auch der Stolz kann sich in den Dienst der Liebe stellen.

Das Ziel der Exerzitien ist es, den Willen Gottes für mein Leben zu erkennen. „Nun hat das eine eigne Schwierigkeit“, meint der jesuitisch geprägte Mediziner und Theologe Matthias Beck (Heil und Heilung, Seite 8). „Immer dann, wenn wir uns dem Willen eines anderen fügen, dann fühlen wir uns in unserer Freiheit beschränkt … Das ist eine Anfrage an unser Gottesbild: Den Willen Gottes zu tun ist genau das Gegenteil … Wenn ich den Willen Gottes tue, komme ich erst zu meiner wahren Identität, ich komme zu meiner inneren Stimmigkeit, komme näher zu meinem inneren Gleichgewicht, zu meinem Frieden und zu meiner Entfaltung.“

Und das will ich auch.

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Mönch auf Zeit

3. Teil der Reihe über die Exerzitien
Den 1. Teil „Bingen, 15. Juli 2016“ findest du hier.
Den 2. Teil „Die Ignatianischen Exerzitien“ findest du hier.

Bingen, 17. Juli 2016. Fühlt es sich so an, ein Mönch zu sein? Ich sitze in meiner Zelle und schaue auf die Weinberge Richtung Büdesheim. Ich bin allein mit mir, und es fühlt sich gut an. Ich muss nicht reden, ich darf nicht reden. Ich habe so gut wie keine Verpflichtungen. Meine Aufgabe ist es, dass ich mich ganz auf mich selbst konzentriere. Ich darf nicht nur, ich muss egoistisch sein. Ich muss mich um niemanden kümmern. Ich darf nicht nur, ich muss a-sozial sein.

Naja, so ganz stimmt das nicht. Der Tag fing an mit einem gemeinsamen Morgengebet. Da ist es schon nett, einen netten Blick zu teilen. Danach Frühstück. Wenn wir nicht aufmerksam füreinander sind, komme ich nie an den Kaffee auf der anderen Seite des Tischs – und die anderen nicht an die Milch auf meiner. Wir dürfen ja nicht reden. Es werden noch das gemeinsame Mittagessen und das Abendbrot folgen, nachmittags ein gut halbstündiges Gespräch mit Pfarrer Mückstein und abends die Kommunion – Evangelische sind hier ganz selbstverständlich willkommen.

Aber sonst bin ich für mich alleine. Und habe eine große Aufgabe vor mir. Am Vortag habe ich die Themen für die ersten Tage bekommen, und da heißt es: Es geht um nichts weniger als „um eine umfassende innere Freiheit für jedes Erkennen und Entscheiden im Blick auf das eigene Leben und seine Berufung“. Und dazu muss ich alles entfernen, „was dieser inneren Freiheit im Wege steht oder sie irgendwie einengen könnte“.

Na, dann mal los. Das war schon immer mein Wunsch.

Aber so einfach scheint es nicht zu sein. Denn es geht zunächst einmal „darum, die ganze Wahrheit meines Lebens zuzulassen und anzuschauen – soweit mir das jetzt zugänglich ist“. Und dazu gehören zum Beispiel „erlittene Verwundungen und Enttäuschungen, die je eigene passive und aktive Schuldgeschichte … dunkle, bedrohliche Kräfte im Unterbewusstsein, aber auch verpasstes, verhindertes, ungelebtes Leben“.

Das hört sich wieder nicht so toll an. Aber sehr spannend.

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Ein frommer Luther

Gestern waren wir im Luther-Oratorium in der Arena, die zurzeit nach einer Kreditkarte benannt ist. Es war in jedem Fall lohnend. Allerdings sind wir doch mit gemischten Gefühlen nach Hause gegangen.

Kurz gesagt: Musikalisch war es für uns sehr attraktiv, theologisch fragwürdig und politisch erschreckend. Aber der Reihe nach.

Der Chor war der Star des Abends. 1440 Sängerinnen und Sänger waren beeindruckend und sorgten für eine besondere Stimmung. Über weite Strecken hat mich auch die Performance von Doris Vetter, die mit Micha Keding den Chor dirigiert hat, in den Bann gezogen. Die Musik war Pop und eingängig und sehr intensiv. Gudrun Fliegner hat auf ReJOYce eine prima fünfteilige Einführung in das Oratorium gegeben. Und dass es für die Sängerinnen und Sänger ein großes Erlebnis war, steht dort auch.

„Die Idee ist es, die Grundanliegen der Reformation in einer zeitgemäßen, unterhaltsamen Form anhand der Person Martin Luthers für eine breite Öffentlichkeit zu erzählen“, schreibt Dieter Falk, der die Musik komponierte. Das wurde durch die Regie, die zeitgenössischen Kostüme und das sparsame Bühnenbild stimmig umgesetzt. Und die Lichteffekte fanden wir einfach eindrucksvoll.

Und auch den Text konnte man gut auf unsere Wirklichkeit übertragen. Aber welche Wirklichkeit war das? Es war – und nun wird es persönlich, weil ich mich an meine Jugend erinnere – ein evangelikales Weltbild: Der Mensch ist Sünder, aber Gott hat ihn trotzdem lieb. Er ist nun Gottes Kind und frei. Und die Freiheit besteht darin zu tun, was Gott will. Und was Gott will, steht in der Bibel. Das kann man so sehen, aber ich habe mit diesem Weltbild meine Schwierigkeiten. Dass der Mensch Sünder sei, hat für mich nicht dieselbe Bedeutung wie für den – im mittelalterlichen Denken verwurzelten – Luther und die heutigen Evangelikalen. Die Liebe Gottes sehe ich auch von verschiedenen Seiten (siehe den Blogbeitrag „Den lieben Gott gibt es nicht“). Meine Freiheit des Denkens hatte ich erst erreicht, als ich mich von den evangelikalen Vorgaben befreit habe. Und da die Bibel unterschiedlich, ja gegensätzlich interpretiert werden kann, finde ich es schwierig, darin den – vielleicht sogar eindeutigen – Willen Gottes zu finden. Aber historisch-kritische Aspekte spielen in der evangelikalen Theologie auch keine große Rolle. Deshalb kann auch nach Paulus‘ Auftritt und der Übergabe seines Römerbriefs der Chor mit den ersten Versen des Johannesevangeliums antworten – ist doch alles Gottes Wort, oder?

Richtig ärgerlich aber wird es, wenn es gesellschaftspolitisch wird. Staat und (katholische) Kirche werden als ausschließlich macht- und geldgierig dargestellt. Die Darstellung des Wormser Reichstags als sittenlose Veranstaltung ist offenbar den Berichten über das Konstanzer Konzil (1414-18) entnommen. Und die tiefe Frömmigkeit Kaiser Karls V., der intensiv um die Einheit von Reich und Kirche rang, wird gleich ganz unterschlagen. Kleinere Ungenauigkeiten (er sprach spanisch, nicht französisch) fallen da kaum noch ins Gewicht.

Hier der gute Luther, der auf der Seite der Geknechteten und Ausgestoßenen für die Freiheit des Denkens kämpft, dort die verkommenen Eliten in Staat und Kirche – dieses Bild könnte direkt aus dem Arsenal der AfD und diverser Verschwörungstheoretiker stammen. Meine Wirklichkeit sieht definitiv anders aus.

Insgesamt also ein gelungener Abend, der noch manchen Stoff für Auseinandersetzungen liefern könnte. Oder was meint ihr?

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Die Ignatianischen Exerzitien

2. Teil der Reihe über die Exerzitien
Den 1. Teil „Bingen, 15. Juli 2016“ findest du hier.

Allein das Wort „Exerzitien“ klingt für unsere Ohren, die protestantischen zumal, ungewohnt und militärisch. Das ist kein Zufall. „Exercitium“ heißt Übung, und der sie entwickelt hat, war ursprünglich Soldat gewesen.

Ignatius von Loyola war ein Zeitgenosse Martin Luthers. In einer Schlacht wurde er schwer verletzt und las, weil nichts anderes da war, in seinem Krankenbett Heiligenlegenden. Und er war begeistert. So wollte er auch sein: Nicht mehr einem weltlichen König untertan sein und Menschen töten, sondern dem ewigen König folgen und Menschen helfen. Er hatte seine Berufung gefunden. Er wollte den Willen Gottes tun.

In den folgenden Jahren sammelte er eine Gruppe von Männern um sich, die sich Societas Jesu nannten – die ersten Jesuiten. Und immer wieder standen sie vor der Frage: Was ist unsere Berufung? Was möchte Gott, dass wir tun?

Und so entwickelte Ignatius im Lauf der Jahre eine Reihe von Übungen, mit Hilfe derer man genau dieser Frage auf die Spur kommen sollte und nannte sie „Exercitia spiritualis“.

Sie wurden in den vergangenen 500 Jahren von den Jesuiten immer wieder überarbeitet und sind auch heute noch aktuell. Denn sie drehen sich im Grunde um die beiden Fragen: Wer bin ich? Und wer will ich sein?

Ausgangspunkt ist die Erfahrung, dass der Wille Gottes kein fremdes Gesetz ist. Im Gegenteil: Wenn ich den Willen Gottes erkenne und danach handle, komme ich ganz zu mir selbst. Je mehr ich mich Gott unterwerfe, desto mehr Freiheit gewinne ich.

Das klingt paradox. Aber war es nicht einen Versuch wert? Was konnte ich verlieren außer vier Wochen Lebenszeit? Ja, ich wollte Freiheit gewinnen. Und ich wollte darüber nachdenken, was mir wichtig ist und was ich in meinem Leben noch verwirklichen möchte. Deshalb war ich in Bingen.

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Bingen, 15. Juli 2016

  1. Teil der Reihe über die Großen Exerzitien

Der Zug fährt in den Hauptbahnhof von Bingen ein. Ich wuchte meinen Koffer aus dem Gepäcknetz. Der Schmerz schießt mir in den Rücken. Schon seit einigen Tagen bin ich offenbar total verspannt. Drei Ärzte konnten bisher nicht wirklich helfen. Der letzte versprach mir immerhin, es würde demnächst besser werden.

Mit dem Taxi fahre ich zu meinem Ziel, dem Kardinal-Volk-Haus auf dem Rochusberg oberhalb des Rheins. Ich werde freundlich empfangen und kann mein Zimmer beziehen, das für die nächsten vier Wochen mein Zuhause werden soll. Dort schaue ich auf die Weinberge und denke an die Zeit, die vor mir liegt.

Ich habe mich zu den „Großen Exerzitien“ angemeldet, die vom Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola entwickelt wurden. Das heißt: Vier Wochen kein Kontakt zur Familie. Vier Wochen schweigen, nur unterbrochen durch das tägliche halbstündige Gespräch mit dem Begleiter. In meinem Fall ist es der Pfarrer Walter Mückstein.

Bingen – Jesuiten – Exerzitien – vier Wochen schweigen? Das klingt schon etwas schräg für einen protestantischen Pastor, der auch sehr gerne redet. Aber mit den Exerzitien war ich schon ein paar Jahre früher in Berührung gekommen, während meiner Ausbildung zum Geistlichen Begleiter. Sie haben also wenig mit Militär, dafür umso mehr mit Gebet zu tun.

Zwei Ausprägungen der christlichen Meditation hatte ich damals kennengelernt. Einmal das kontemplative Gebet, das von der Stille geprägt ist und an den Zen-Buddhismus erinnert. Zum anderen die Ignatianischen Exerzitien, in deren Mittelpunkt die Meditation einer biblischen Geschichte oder eines  religiösen Bildes stehen. Sie sind anschaulicher und entsprechen mir mehr.

Deswegen hatte ich damals auch an den zehntägigen ignatianischen Exerzitien teilgenommen. Das war eine gute Erfahrung gewesen. So gut, dass sie das Herzstück meiner dreimonatigen Sabbatzeit im Sommer 2016 werden sollten.

Ich stand also vor einer Herausforderung. Vier Wochen Schweigen und Auseinandersetzung mit mir selbst. Es sollte eine Herausforderung werden, aber ganz anders als ich vermutet hatte.

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Der unheimliche Engel

„Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ – das ist seit vielen Jahren der Taufspruchklassiker. Wir möchten, dass unsere Kinder behütet sind, auch wenn wir sie nicht selbst beschützen können. Gut, dass es dann die Engel gibt. Denn „Engel sind himmlische Wesen, die uns beistehen, wenn wir traurig, verzweifelt oder verängstigt sind“, wie es auf der Internetseite Engel-Orakel beschrieben wird.

engel-raffaelOder aber wir sehen Raffaels Engel, „die berühmtesten Lümmel der Kunstgeschichte“ („Die Welt“) vor uns. Doch Engel sind mehr, und sie sind keineswegs immer sympathisch.

Mal´ach (hebräisch) oder angelos (griechisch) heißt schlicht „Bote“. Der Engel bringt eine Botschaft, eine Botschaft von Gott. Und die Menschen, die von Engeln beehrt werden, brechen in den seltensten Fällen in Jubel aus. Der erste Auftritt eines Engels ist der als Wächter vor dem Paradies. Die drei Engel, die zu Abraham kommen, sollen Sodom und Gomorrha zerstören. Gideon muss erst lange überredet werden, ehe er den Auftrag des Engels annimmt, Israel zu retten. Zu Recht. Denn dieser Auftrag bedeutete eine Menge Arbeit und eine Menge Gefahr.

Und Maria? Sie nahm, so hören wir im Weihnachtsevangelium, die Botschaft des Engels Gabriel mit einem bescheidenen Stolz an: Ich darf den Messias gebären. Aber war das wirklich so toll? Zunächst bekam sie eine Menge Ärger wegen der seltsamen Umstände während der Schwangerschaft. Dann sagt sich ihr Sohn im Alter von 30 Jahren von ihr los. Und kurz darauf musste sie zusehen, wie er starb.

Wenn Engel auftreten, dann bringen sie den Alltag aus dem Lot. Sie bringen Gefahr und oft einen frühen Tod. Für normale Menschen, die es gerne normal haben, sind Engel sehr ungebetene Gäste.

Aber manchmal geht das Leben nicht normal. Manchmal gerät es aus dem Lot. Und manchmal steckt dahinter einer dieser ungebetenen Engel, die uns sagen: Du hast eine besondere Aufgabe. Sie ist nicht angenehm. Sie ist gefährlich. Sie kann tödlich enden. Und es ist keineswegs garantiert, dass dich die Menschen danach als Helden feiern. Aber es ist ein Auftrag Gottes. Es ist deine Aufgabe, dass du irgendetwas oder irgendwen rettest, eine Not wendest.

In der Regel wehren sich die Menschen gegen diese Aufgabe. Nicht umsonst treten die Engel in der Bibel meistens mit der Begrüßung auf: „Fürchte dich nicht.“ Sie wissen warum: Denn ihre Botschaft ist manchmal zum Fürchten.

Aber es hilft nichts. Manchmal müssen wir Helden sein. Auch wenn es niemand merkt.

Und es gibt die andere Seite: Wenn wir unser normales Leben verlassen, über uns hinauswachsen, dann beginnen wir zu fliegen. In jedem Fall finden wir unsere eigene Bestimmung. Das haben wir mit unserem Taufengel in der Niendorfer Kirche erlebt, wie dieses Märchen vom Engel, der fliegen wollte, erzählt.

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So Gott will

Wer in christlichen Kreisen ein wenig Eindruck machen will, bemerkt nach einer getroffenen Verabredung „Jakobus 4, Vers 15“ oder, noch gebildeter, „Conditio Jacobaea“ – das heißt übersetzt: der Vorbehalt des Jakobus. Wem das zu hochgestochen ist, sagt stattdessen einfach: „So Gott will und wir leben“ – und meint nichts anderes als „Wenn nichts dazwischen kommt“.

So habe ich den Satz auch immer wieder einmal gebraucht. Seit dem letzten Jahr aber hat er eine besondere Bedeutung bekommen. In der neuen Lutherübersetzung lautet er im Zusammenhang: „Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, und wisst nicht, was morgen sein wird … Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“

Wenn Gott will. Können wir überhaupt wissen, was Gott will? Deus lo vult – Gott will es – skandierte die Menge beim Aufruf zum 1. Kreuzzug. George W. Bush hatte offenbar auch vor dem Irak-Krieg göttliche Eingebungen. Die EKD – Evangelische Kirche in Deutschland – weiß dagegen: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Und Leonard Cohen singt auf seinem letzten Album: „You want it darker“.

Diese eher theoretische Frage bekommt in meinem Leben eine sehr existentielle Bedeutung. Will Gott, dass ich demnächst sterbe? Dann macht das mit dem Krebs durchaus Sinn. Oder will er, dass ich lebe und noch „dies oder das tue“? Darauf deuten eine Vielzahl von sehr, sehr glücklichen Zufällen – oder göttlichen Wundern, je nach Sichtweise. Oder ist Gott das eigentlich egal? Ich weiß es nicht.

Als ich im letzten Jahr die Diagnose erhielt, dass ein Brustwirbel durch eine Metastase zerstört war, hatte ich gerade die erste Hälfte der „Ignatianischen Exerzitien“ bei den Jesuiten in Bingen absolviert. Ich musste sie abbrechen. Vor zwei Monaten habe ich mich für die zweite Hälfte angemeldet, im Juli 2017. Das kam mir zunächst sehr waghalsig vor: Kann ich, darf ich überhaupt in meiner Situation so weit im Voraus planen?

Aber dann habe ich auch die Ermutigung gespürt, die in diesem Satz liegt: Ja, wenn Gott es will, dann wird es sein können. Und wenn nicht, dann soll es auch nicht so sein. In beiden Fällen heißt es aber: Ich bin Teil eines Plans, auch wenn ich ihn noch nicht kenne. Das gibt mir die Verantwortung für jeden Tag, dass ich das nicht verpasse, was ich heute tun soll. Und wenn es mein letzter ist. Aber wenn Gott will, werde ich im Sommer die Exerzitien beenden.

Und wenn Gott nicht will? Dann gibt es noch immer eine Möglichkeit. In der Bibel wird erzählt, dass Abraham voller Selbstbewusstsein mit Gott verhandelte – und Gott sich auf den Handel einließ. Gut, letztendlich musste sich Abraham geschlagen geben, aber einen Versuch war´s allemal wert.

Ein solches Selbstbewusstsein auch Gott gegenüber, das wünsche ich mir. Dass ich mich nicht als Opfer der Verhältnisse betrachte. Dass ich mich nicht fürchte, weder vor der Zukunft noch vor dem Leben. Hat Paulus nicht an seinen Freund Timotheus geschrieben, dass wir einen solchen Geist von Gott bekommen haben – nicht „den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“? Ja, es gibt Zeiten, in denen ich ihn spüre. Nicht immer, aber immer wieder.