Positive Schwingungen

Wer mit einer gefährlichen Krankheit lebt, fragt sich natürlich: Was hilft, wenn die ärztliche Kunst an ihre Grenze gekommen ist? Was kann ich selbst dagegen tun? Und immer wieder begegnen mir drei Dinge: Bewegung, ausgewogene Ernährung und eine positive Einstellung. Für mich ist das ganz dicht dran an dem, was wir in der Kirche „glauben“ nennen. Glauben ist mehr als eine Einstellung, mehr als richtiges Denken, sondern „Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“, wie es im 5. Buch Mose und bei Jesus heißt.

Die Psychologin Dr. Jutta Seeland beschreibt diese Haltung in eigenen Bildern, wie in ihrer Mail auf den Beitrag „Gnade und Gott“.

Lieber Herr Thiesen,

gerade eben habe ich mir noch einmal Ihren Beitrag ‚Gnade und Gott‘ durchgelesen. Ich habe damals (am 8. Mai) nicht darauf geantwortet, weil ich so ein unwohles Grummeln im Bauch hatte, dass ich nicht so ungefiltert weitersenden wollte.

Heute trau‘ ich mich und hoffe, dass ich mein ‚Unwohlsein‘ in Worte fassen kann, die Sie erreichen, ohne irgendwelchen Schaden anzurichten.

Meiner – allerdings unmaßgeblichen – Meinung nach, ist man, wenn man Gnade erfährt, nicht unabhängig, nicht frei. Auch, wenn es ‚Gott‘ ist, der einem die Gnade zuteil werden lässt, wobei dies letztlich auch nur eine Hypothese ist, die den Glauben braucht, um relevant zu sein.

Hier kommt nun wieder der Gottesbegriff ins Spiel, und da habe ich es mit meiner Argumentation natürlich schwer – einem Pastor gegenüber, der für eine ziemlich bestimmte Weiterverbreitung eines Gottesbegriffs ordiniert wurde.

Für mich, und da bewege ich mich wieder auf sichererem Boden, da es ja meiner ist,  ist Gott, seit ich mich mit den Inhalten der Quantenphysik und -philosophie beschäftigt habe, etwas ganz anderes, als mir die Kirche, auch die reformierte evangelische, bisher vermittelt hat.

Bei dem Gottesbild, das mir die Kirche vermittelt, bleibe ich Kind. Ein Leben lang. Und abhängig. Auch ein Leben lang. Das liefert mich aber aus – auch der Gnade dieses Gottvaters. Ich kann viel mehr damit anfangen, dass es ‚im Himmel‘, also im Universum (neudeutsch und wissenschaftlicher), Schwingungen gibt, derer ich mich bedienen kann, und das meine ich keinesfalls respektlos. Da alles, und das ist kein Novum und auch nicht strittig, aus Schwingung besteht, aus Schwingung höchst unterschiedlicher Frequenz, ist genau diese Schwingung für mich ‚göttlich‘. Die Vorstellung, dass jeder Gedanke schon Schwingung ist, die Resonanz erzeugt, lässt mich zwar manchmal schwitzen, denn wer hat schon immer nur freundliche Gedanken, aber letztlich gibt mir diese Vorstellung viel mehr Möglichkeit, selber mein Leben zu gestalten.

Und diese – für mich göttliche – Schwingung ist im Guten wie im Bösen etwas, das mir Gestaltungsmöglichkeiten an die Hand gibt, die nicht von der Gnade eines Vaters abhängen, sondern mich in Verantwortung bringen. Das klingt irgendwie nicht besonders aufregend, solange alles ’normal‘ läuft. Das löst richtig heftige Gefühle aus, wenn ich krank werde und nicht weiß, warum. Der Prämisse folgend, dass wir jeden Tag ‚Wirkung‘ (er)leben, der eine ‚Ursache‘ vorangegangen ist, lässt manchem den voreiligen Schluss zu, dass ich nun auch noch  ’schuld‘ bin an meiner Erkrankung. Ganz so schlicht verstehe ich das nicht. Zur Entstehung einer Erkrankung gehören viele Faktoren, und manche brauchen auch viele Jahre, um ‚Wirkung‘ zu produzieren. Das kann ich im Nachhinein – schon gar nicht als Betroffener – ja nicht immer auflösen. Aber wenn ich davon ausgehe, dass Schwingungen miteinander in Resonanz gehen, kann ich zumindest versuchen, ‚gesunde Schwingung‘ zu erzeugen, indem ich mir mich gesund vorstelle und das fühle. Letzteres ist keine einfache Übung, wenn die medizinischen Befunde einem Angst machen.

Wenn es schwerfällt, sich eine positive Zukunft vorzustellen, ist es aber vielleicht möglich, den Umweg über die Vergangenheit zu machen, indem man sich an glückliche Momente erinnert, sie noch einmal ganz intensiv durchlebt. Und mit diesem Gefühl im Bauch dann auf die Route 66!

Nochmal, für mich ist Gott diese riiiiesige Schwingung, auf die ich zugreifen, und mit Hilfe derer ich gestalten kann. Mich macht dieses Gottesbild ehrfürchtiger und dankbarer, als es ein Gottvater-Bild je könnte, weil es eben nicht ‚menschlich‘ konfiguriert ist, sondern in seinem unendlichen Reichtum der Möglichkeiten, die uns gegeben sind, absolut göttlich. Das macht Menschen verantwortlicher, sicher. Aber steht nicht in der Bibel „Macht Euch die Erde untertan“? Da steht nichts von „Ich mach‘ das für Euch“.

Mir gibt dieses ‚Gottesbild‘ nicht nur mehr Verantwortung, sondern auch ganz viele Möglichkeiten. Und Freiheit, ganz viel Freiheit.

Sie erinnern sich, dass ich Ihnen von den Überlebensstrategien meiner Patienten erzählt habe? Die kämpferischen, die für sich irgendetwas gefunden hatten, das sie für wohltuend und gesundmachend hielten, haben überlebt. Sie haben mutig und entschlossen ihr Schicksal in die eigene Hand genommen. Und natürlich haben sie auch geglaubt – an die gesundmachende Kraft ihrer persönlichen Strategie nämlich! Der Glaube an die eigene Kraft – und an das jeweilige Hilfsmittel, (und davon gab es so viele unterschiedliche wie Patienten), hat den Berg ‚Krebs‘ versetzt!

Die Opfer, und ich formuliere jetzt bewusst so pointiert, die ’nur gebetet haben‘ und in ihrer Angst geblieben sind, haben sich viel früher auf den Weg in ‚andere Räume‘ machen müssen.

Was ich Ihnen mit diesem langen Sermon – entschuldigen Sie bitte, aber ich habe es nicht kürzer hinbekommen – sagen möchte, ist:

Glauben Sie an sich, an ihre Kraft, an Ihre Möglichkeiten! Wenn Sie dazu einen gnädigen Gott brauchen, völlig okay, aber dann machen Sie ihn auch zu einem gesundmachenden Gott! Und glauben Sie an die Reise auf der  Route 66! Nicht mit ‚vielleicht‘ und ‚mal gucken‘, sondern so, als wenn Sie schon gebucht hätten!

Ich hoffe, ich habe Sie nicht irgendwie gekränkt (schlimmes Wort) mit meiner obigen kurzgefassten Auseinandersetzung mit dem Gottesbegriff.

Ich denke viel an Sie und Ihre Frau, und ich möchte Sie im nächsten Sommer strahlen sehen in Amerika!

Herzliche Grüße, auch an Ihre Frau,

Jutta Seeland

Blick nach vorn

In sechs Wochen beginnen die Exerzitien 2. Teil. Und Pfr. Mückstein fragte an, was mich im Blick auf diese Zeit beschäftigt – für mich eine Gelegenheit zur Standortbestimmung. Ich schrieb ihm:

Lieber Herr Pfr. Mückstein,

die kürzeste Formulierung zu meinem Zustand ist: den Umständen entsprechend gut. Körperlich bin ich durch die OPs und Therapien der letzten Monate geschwächt. Aber ich bin aktiv und kann prinzipiell alles machen, was ich will – mit Einschränkungen natürlich. Der Krebs ist weiterhin aktiv. Zurzeit rücken wir ihm mit Bestrahlungen auf den Leib. Diese Auseinandersetzung wird voraussichtlich lebensbegleitend werden. Die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs ist, medizinisch gesehen, sehr hoch. Offen ist der Zeitpunkt – aber auch, ob er überhaupt stattfindet.

Die Exerzitien bedeuten in diesem Zusammenhang zunächst einmal: Ich plane. Ich gehe davon aus, dass ich nach Bingen kommen werde. Und das heißt: Die Krankheit bestimmt nicht meine Vorstellung von der Zukunft.

Inhaltlich ist bemerkenswert, was Sie schon damals im Krankenhaus in Mainz angesprochen haben: Die beiden ausstehenden „Wochen“ der Exerzitien – Kreuz und Auferstehung – haben durch die Ereignisse noch einmal eine ganz besondere lebensgeschichtliche Bedeutung gewonnen. Ich habe auch beobachtet, dass mein Blick auf Glauben und Gott verändert wurde. Nicht unbedingt anders, aber vielleicht geschärft. Oder auch durch die Krise kritischer. Stichworte der letzten Monate waren u.a.: Die Kraft des Glaubens. Der dunkle Gott. Die Nähe des Todes. Die Schönheit des Lebens. Familie und Freunde. Umbruch und Aufbruch.

Exerzitien bedeuten auch: sich Zeit nehmen. In Mainz wusste ich nicht, ob ich Hamburg noch einmal wiedersehe. Die Zeit war extrem begrenzt. Oder auch: Ich hatte keine Zeit mehr. Und auch heute ist die Frage: was fange ich mit der Zeit an, die mir – noch – gegeben ist? In der Zeit der Exerzitien verzichte ich auf Familie, Freunde, Arbeit – Inhalte, die meine Zeit sinnvoll machen. Insofern gönne ich mir den Luxus, mit einem Gut zu wuchern, das für mich extrem teuer geworden ist: eben der Zeit.

Vielleicht soviel erst einmal.

Herzliche Grüße, auch an das gesamte Team

Erik Thiesen

Die Stimme aus dem Feuer

In der letzten Woche stieß ich auf die Sendung „Immuntherapie – scharfe Waffe gegen Krebs?“, ausgestrahlt von ARD alpha. Sie machte mir gleichzeitig Hoffnung und Angst. Erstaunlich sind die Erfolge, die in letzter Zeit erzielt wurden und für die Zukunft zu erwarten sind. Andererseits: Viele Menschen sprechen auf diese Therapie nicht an, und die Nebenwirkungen können wie bei der Chemo auch erheblich sein.

Konfirmationsurkunde1Gegen die Angst hilft das Vertrauen, dass es schon gut gehen wird. Und was könnte dieses Vertrauen stärker fördern als das Versprechen Gottes: Ich bin mit dir – mein Konfirmationsspruch, den wir als „Lichtblick der Woche“ ausgesucht haben? Das Problem: Man muss auch dran glauben können. Und das fiel offenbar selbst Mose schwer, der dieses Wort aus einem brennenden Dornbusch als erster gehört hatte. Ich habe keine Stimme gehört und keinen Dornbusch gesehen, ich halte nur eine Urkunde in der Hand. Aber Mose kann ich sehr gut verstehen.

Gott gibt ihm den Auftrag, das Volk Israel aus ägyptischer Gefangenschaft zu befreien. Und Mose wehrt sich. Er hat Angst: „Pharao wird mich töten, ich bin zu schwach, ich kann noch nicht einmal gut reden“, gibt er zu bedenken. Gott meint dagegen: Ich werde mit dir sein. Aber Mose reicht das nicht, er will Beweise.

Und Gott gibt ihm ein Zeichen mit – einen Stab, der sich in eine Schlange verwandeln kann – und einen Helfer, seinen Bruder Aaron.

Aber auch damit ist Mose nicht zufrieden. Er will wissen, ob er Gott auch trauen kann und fragt: „Wie ist dein Name, Gott“ – und meint damit, nach biblischem Denken: Wie ist dein Charakter? Und Gottes berühmte Antwort lautet: „Ich bin, der ich bin.“ Das hört sich an wie: Ich bin das absolute Sein, das Leben an sich, und das steht an deiner Seite. Nur – das hebräische Denken kennt kein absolutes Sein, das ist griechisches Denken und griechische Übersetzung. Mose hörte vielmehr: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ oder: „Ich bin der, der mitgeht.“

Im Grunde sagt Gott dem Mose auf die Frage, ob er ihm helfen werde: „Ja, ich verspreche es. Ob ich es aber tatsächlich tue, wirst du erst sehen, wenn du es ausprobierst. Und jetzt geh raus und mach deinen Job.“ Und Mose geht und führt das Volk aus Ägypten, und es wird ein 40-jähriger Höllenritt durch die Wüste. Aber wenn es wirklich ernst wird, ist Gott da. Oder zumindest etwas, was sich sehr wie Gott anfühlt.

Mir geht es wie Mose: Was vor mir liegt, scheint mir zu groß zu sein. Ich möchte es nicht. „God, Thy will is hard. But you hold every card“, singt Jesus im Garten Gethsemane (nach Jesus Christ Superstar).

Immerhin hat sich der Konfirmationsspruch, den mir ein Pastor vor Jahrzehnten mitgegeben hat, immer wieder bewährt: „Gott spricht: Ich will mit dir sein.“ Warum sollte es in der Zukunft anders sein?

Christentum to go – Heiliger Geist

3. Teil der Reihe. Die ersten beiden über Gott und Jesus findest du hier und hier.

Der Heilige Geist ist eine schillernde Persönlichkeit. Jesus sagte ja schon, dass er weht, wo er will. Und er ist unsichtbar. Viele Menschen wissen ziemlich wenig mit ihm anzufangen.

Pfingsten ist sein Fest. Damals, so heißt es in der Bibel, ist er zum ersten Mal auf Christinnen und Christen übergesprungen. Ein Brausen sei zu hören, Feuerzungen über den Köpfen zu sehen gewesen. Und die Predigt wäre von allen Menschen auch in anderen Sprachen verstanden worden. Eine fremde Welt.

Sicher: Der Open-Air-Gottesdienst am Pfingstmontag in Niendorf war auch in diesem Jahr wieder ein wunderbarer Event. Intensive Gespräche, schönes Wetter, und eine entspannte Gemeinschaft verschiedener Konfessionen. Das atmete schon einen besonderen Geist. Aber war es auch der Heilige?

Dafür spricht die Aufzählung die uns Paulus in seinem Brief an die Galater präsentiert: „Der Geist dagegen bringt als Ertrag: Liebe, Freude und Frieden, Geduld, Güte und Großzügigkeit, Treue, Freundlichkeit und Selbstbeherrschung“ (Kapitel 5, 22-23). Von diesem Geist war am letzten Montag tatsächlich eine Menge zu spüren. Deshalb lohnt es sich auch unbedingt, sich den Pfingstmontag 2018 schon einmal zu merken. Denn davon können wir gar nicht genug bekommen.

An anderer Stelle legt Paulus dagegen als Wirkungen des Geistes den Schwerpunkt mehr auf individuelle Fähigkeiten: Weisheit, Erkenntnis und Glaube, aber auch die Gabe der Heilung durch Auflegung der Hände, Wunder tun, Zungenrede (eine besondere Form der unverständlichen Rede in der christlichen Gemeinde) und deren Auslegung. Gerade diese letzten „Gnadengaben“ sind für die „Charismatiker“ oder „Pfingstler“ – eine Konfession, die besonders in Lateinamerika und Afrika rasant wächst – der Ausweis von wahrem christlichem Glauben. Und das ist so gar nicht meine Welt. Ich habe schlicht keine Erfahrungen mit dieser Art von Wundern, in denen dann oft auch der Exorzismus oder die „Austreibung böser Geister“ eine Rolle spielen.

Da ist mir die Unterscheidung der Geister bei Ignatius schon näher. Der gute Geist Gottes tröstet, sagt er, und wird „als Gleichklang empfunden, als Freude, als Ermunterung, als Identitätsgefühl … Wenn nun unser Leben auf Gott ausgerichtet ist, dann bringt uns ein ‚guter‘ Geist Friede, Freude und Ruhe“. Und in dieser Ruhe liegt die Kraft (Konfuzius): Ich bin bei mir selbst, habe meine Lebensaufgabe erkannt und kann sie verfolgen, in aller Gelassenheit und Zielstrebigkeit.

In Bingen habe ich seinerzeit, am Anfang der Exerzitien, über den Geist geschrieben: „Gott in action. Setzt das Herz in Brand. Treibt zum Guten und zum Kampf gegen das Böse.“

Ich glaube, dass der Heilige Geist zwar etwas Besonderes, aber nichts Übernatürliches ist. Er wirkt dort, wo ich Trost empfange. Wo ich Ruhe finde und erkenne, was für mich wirklich wichtig ist. –wo ich den Weg sehe, den ich gehen soll und die Aufgabe tun kann, von der ich instinktiv weiß, dass es meine Aufgabe ist. Wo das Schwere leicht wird und das Komplizierte einfach.

Und das ist dann schon so besonders, dass es fast übernatürlich ist. Eben der Heilige Geist.

Verstehst du mich?

Heute Vormittag waren wir beim Open-Air-Gottesdienst. Es war wieder mal eine tolle Stimmung. Mehrere hundert Menschen aus den Schnelsener und Niendorfer Gemeinden, Katholiken, Lutheraner und Freikirchler, feierten bei schönstem Wetter zum Thema „Offene Türen“. Keine Frage, die Türen waren offen. Mit der Ökumene haben wir traditionell keine nennenswerten Probleme. Wir verstehen uns prima.

Pfingsten1Und so ist das doch einmal gemeint gewesen, damals, als es angefangen hat in Jerusalem. Jesus war gestorben, aber seine Nachfolger – die Apostel – überkam es plötzlich: Sie gingen in die Öffentlichkeit, redeten von ihrem gekreuzigten Meister – und alle verstanden sie in ihrer eigenen Sprache. Und offensichtlich hatten sie, die doch mehrheitlich aus eher einfachen Berufen kamen, keine Probleme, die Herzen und Köpfe unterschiedlichster Menschen zu erreichen. Das bleibt für uns Predigende auch nach 2000 Jahren immer noch ein Ziel, das wir nicht immer erreichen. Heute aber wurde wirklich, was die Menschen damals schon erlebten: Sie waren einmütig beieinander und lobten Gott.

Pfingsten4Natürlich kann man nachfragen: Meinen wir wirklich alle dasselbe, wenn wir von Ökumene sprechen? Ökumene ist doch ganz einfach, sagen die einen. Ihr müsst nur alle wieder katholisch werden, wie vor der Reformation. Och, meinen die anderen, es würde uns schon reichen, wenn ihr uns als eigenständige Kirche anerkennt und bei uns zum Abendmahl kommt. Nun, da gehen wir lieber nicht so sehr ins Detail. Und im freundlichen und entspannten Miteinander im Alltag und beim Gottesdienst sind solche Fragen dann auch nicht so wichtig.

Viel schwieriger empfinde ich es aber, wenn ich unseren geschützten kirchlichen Raum verlasse. Da habe ich oft den Eindruck, dass wir verschiedene Sprachen sprechen. Nicht nur, dass ich Nichtkirchlern nur schwer begreiflich machen kann, was „Kyrie eleison“ im Allgemeinen und speziell für Gottesdienstbesuchende bedeutet. Schon beim Begriff „Religion“ fängt es an. Nicht wenige sind offenbar überzeugt davon, dass Religiöse mindestens merkwürdig, im Grunde aber irgendwie minderbemittelt sind. Und es fällt mir unglaublich schwer zu vermitteln, dass ich Religion und speziell die christliche trotz aller Zweifel sehr faszinierend und bedeutend finde.

Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum, dass ich anderen Menschen den Glauben nahe bringe. Es geht auch anders herum. Da erklären mir andere, was ich an der Bibel bisher nicht so richtig verstanden habe. Zum Beispiel wenn Jesus sagt: Dein Glaube hat dir geholfen. Und Ärzte mir erklären: „Nun haben wir alles geschnitten und bestrahlt und therapiert. Jetzt kommt es auf Ihre Einstellung an: Wenn Sie mit Verstand und Gefühl an das Leben glauben und dem Krebs den Finger zeigen, dann kann das den Heilungsprozess enorm unterstützen.“ Dann ist das doch sehr vergleichbar, oder?

Das ist dann wie Pfingsten, nur andersherum.

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Bilder: (c) Erik Thiesen, vom Open-Air-Gottesdienst in Niendorf, Pfingstmontag 2017; die Karte mit dem pfingstlichen Altarbild von St. Ansgar, Niendorf, wurde dort verteilt.

Raum-Wechsel

Vor einigen Tagen musste ein Freund von seiner Mutter Abschied nehmen. Er schrieb: Was ihn getröstet habe, sei das Bild, dass wir nicht weggehen, sondern nur den Raum wechseln. Er bezog diesen Gedanken auf seine Mutter wie auf unsere Situation.

Dahinter steht der Gedanke, dass wir in allen Wechselfällen des Lebens und selbst im Tod uns selbst nicht verlieren. Nicht unsere Umgebung macht uns aus. Der Freund schrieb: „Das, was wirklich wichtig ist, habt Ihr in Euren Herzen.“ Und bei aller Skepsis, allen Zweifeln und aller Unsicherheit – wir spüren einen Grund, der uns durchträgt.

Genau diese Erfahrung haben wir jetzt auch gemacht. Wir sind umgezogen. Wir haben die Räume verlassen, die uns 26 Jahre lang beherbergt haben, die unser Zuhause waren. Und zum Schluss bin ich noch einmal durch alle Räume gegangen: die, in denen unsere Kinder aufwuchsen, in denen wir gemeinsam gelebt, geredet, geliebt und gestritten haben. In denen Freunde und Bekannte zu Besuch waren, Tauf- und Traugespräche geführt und Predigten geschrieben wurden. Ich bin durch den Garten gegangen, und er zeigte sich noch einmal in seiner ganzen Pracht. Und mir wurde bewusst: Es waren nicht die Räume, an denen ich hing. Viel wichtiger waren mir die Erinnerungen an Begegnungen und Erlebnisse: Feste wie die beiden im letzten Jahr: Das „Engelfest“ nach der ersten OP und das „Silberfest“ zum 25-jährigen Gemeindejubiläum. Oder die drei Konfirmationen der Kinder. Ostereiersuchen. Grillen mit Familie und Freunden. Es sind die Menschen, die die Räume wichtig und bedeutsam machten.

Garten1

Und all das verlieren wir ja grundsätzlich nicht. Wir hoffen, auch in den neuen Räumen Menschen begrüßen zu können, zu feiern und zu reden. Ideen zu entwickeln und zu verwirklichen soweit es die Umstände zulassen.

Und wenn wir keine Zeit mehr dazu haben sollten? Wenn wir den irdischen Raum verlassen und uns trennen müssen? Ich weiß es nicht. Es wird mit Sicherheit hart.

Bis dahin möchten wir die Zeit nutzen. Hier, auf der Erde. Denn bis zum Beweis des Gegenteils glaube ich mit Christoph Schlingensief: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“

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Bilder vom Straßenschild „Zum Markt“, dem Garten des Pastorats in der Promenadenstraße und dem Haus „Zum Markt 1“ von (c) Erik Thiesen

Spuren im Sand

Es ist eines der bekanntesten christlichen Gedichte: Die „Spuren im Sand“ von Margaret Fishback Powers. Sie erzählt von einem Traum: „Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn. Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten, Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben. Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand, meine eigene und die meines Herrn.“ Und sie sah, wie sich in den schweren Zeiten nur eine Spur zeigte und beklagte sich bei Jesus: Warum hast du mich gerade da verlassen. Und er antwortet: Das tat ich nicht. Da habe ich dich getragen.

Als ich dieses Gedicht zum ersten Mal hörte, war ich tief gerührt. Es ist Ausdruck einer tiefen Sehnsucht: dass man niemals alleine ist – und der Erfahrung, dass auch in unseren dunklen Zeiten nicht alles verloren war.

In den letzten Tagen saß ich oft am Schreibtisch und sortierte meine Sachen: Was kann mit in die neue Wohnung, was kann weg? Und mir fielen, Streiflichtern gleich, Bilder und Texte aus meinem Leben in die Hände. Bibelarbeiten aus der frommen Schülerzeit, Gedichte und Reisenotizen aus dem Studium, Tagebücher aus den Achtzigern, Gedanken und Protokolle, Briefe und Fotos. Anders aber als bei Fishback Powers waren es nicht ein oder zwei Spuren, sondern ganz viele und unterschiedliche.

Spuren im Sand2.jpgUnd Jesus war auch nicht der Herr, der mich in dunklen Zeiten getragen hat. Eher wie ein großer Bruder, der wie ich seine Schwierigkeiten mit dem Vater hatte, der ja wiederum auch unser gemeinsamer ist. Einer, der immer wieder auf die warme, weiche und fürsorgliche Seite Gottes hingewiesen hat. Mit ihm, wie in Gethsemane, gekämpft und nach ihm am Kreuz gerufen hat. Einer, der ein bisschen schräg und offensichtlich einem guten Glas Wein (z.B. aus Kana) nicht abgeneigt war. Und wild entschlossen, sich nie zum Opfer oder Spielball machen zu lassen, weder von den Römern noch von den Israeliten noch vom Vater selbst.

Mit ihm habe ich mich eigentlich immer gut verstanden. Er hat mich zwar nicht wirklich getragen, aber er hat mich oft aufgerichtet. Und das fand ich im Grunde auch viel besser – denn eigentlich kann ich doch selber laufen.