Lichtblick der Woche

Wenn dein Herz wandert oder leidet,
bring es behutsam an seinen Platz zurück
und versetze es sanft in die Gegenwart Gottes.
Und selbst dann,
wenn du nichts getan hast in deinem Leben
außer dein Herz zurückzubringen
und wieder in die Gegenwart Gottes zu versetzen,
obwohl es jedes Mal wieder fortläuft,
wenn du es zurückgeholt hast,
dann hat sich dein Leben wohl erfüllt.
Franz von Sales

Diesen ungewöhnlichen und sehr schönen Gedanken haben wir von Daniel und Gudrun. Danke!

Gemeinschaft total

In New Jerusalem hatten wir zum ersten Mal von ihnen gehört: Den Bruderhöfern. Eine christliche Gemeinschaft, ähnlich wie die Hutterer, aber erst 1920 in Deutschland gegründet. Durch Verfolgung im 3. Reich wanderten sie über Paraguay nach Nordamerika aus und gründeten dort einige „Bruderhöfe“. Wir wurden neugierig.

Nach unserem Besuch im Kloster hatten wir noch eine Woche Zeit. Der nächste Bruderhof war Woodcrest in Rifton, nördlich von New York City. Und auch dort wurden wir herzlich aufgenommen.

Bruderhof MannBruderhof FrauWir fühlten uns in der Zeit ein paar Jahrzehnte zurück versetzt. Die Frauen mit Kopftuch und Kleid, die Männer mit Hosenträgern und Karohemd. Einige von ihnen sprachen auch noch einen deutschen Dialekt, der dem hessischen ähnelte. Wir könnten so lange bleiben wie wir wollten, erzählte man uns, doch ab dem 2. Tag würde man von uns erwarten, in den Werkstätten mitzuarbeiten. Wir ließen uns gerne darauf ein.

„Sie hatten alles gemeinsam“, heißt es von den ersten Christinnen und Christen in der Bibel (Apostelgeschichte 4, 32). Und auch wenn die Familie einen hohen Stellenwert bei den Bruderhöfern hat, es bedeutete für sie auch: Sie hatten nicht nur, sie machten auch – wenn schon nicht alles, so doch – vieles gemeinsam.

USA 9-23Die Hauptmahlzeit wurde im Gemeinschaftshaus, dem „Rhönhaus“, eingenommen. Abends gab es dann ein gemeinsames Barbecue, an dem so gut wie alle teilnahmen. Für uns war es super. Es gab immer jemanden, der sich um uns kümmerte; wir waren sofort integriert. Alle begegneten uns ausgesprochen freundlich. Wir konnten Fragen stellen, und wir wurden offen über alle möglichen Aspekte informiert.

USA 8-42Den Bruderhöfern war die Erziehung besonders wichtig. Die Kinder kamen so bald wie möglich in den Kindergarten und wurden dort gemeinsam betreut – Tag und Nacht. Das war für uns schon sehr außergewöhnlich. Aber keine Frage: Die Kinder genossen eine intensive und sehr liebevolle Betreuung. Und die Ausstattung war bestechend. Wir haben uns USA 9-04selbst gerne in die Lesekisten gesetzt, auch wenn wir eigentlich aus ihnen schon herausgewachsen waren. Und auf dem Spielplatz  gab es ausschließlich Holzgeräte, natürlich in den eigenen Werkstätten hergestellt. Viele Ideen, die wir damals in Woodcrest kennenlernten, wurden in unseren Kitas in Deutschland erst Jahre und Jahrzehnte später umgesetzt.

Zu den zentralen Anliegen der Bruderhöfer gehörte die konsequente Gewaltfreiheit. SieUSA 9-10 lehnen den Militärdienst ab – ein wesentlicher Grund, weswegen sie in den Dreißigerjahren aus Deutschland vertrieben worden waren. Natürlich waren sie deshalb auch gegen den Vietnamkrieg gewesen – und dieses Anliegen verband sie wiederum mit New Jerusalem und den Sojourners. Doch während diese bewusst den Kontakt zur „Welt“ suchten, ging es den Bruderhöfern um die Gestaltung einer „Gegenwelt“, die konsequent den Grundsätzen des Neuen Testaments verpflichtet war.

Und so spielte sich ihr Leben auch vor allem innerhalb des „Hofes“ ab; Kontakte nach außen gab es zwar, waren aber relativ übersichtlich. Hauptsächlich ging es dann um USA 9-20geschäftliche Beziehungen. Woodcrest stellte Holzspielzeug und Rehageräte für behinderte Menschen her. Und nicht alles, was zum täglichen Leben benötigt wurde, haben sie selbst hergestellt.

Allerdings gehen Jugendliche auch außerhalb zur Schule, damit sie sich selbständig für die Gemeinschaft entscheiden können. Einige bleiben in der Welt. Viele kommen aber auch zurück, weil sie die Gemeinschaft schätzen. Und die Bruderhöfe wachsen, und das liegt vor allem am Kinderreichtum.

Wir verließen Woodcrest mit einem zwiespältigen Gefühl. Auf der einen Seite waren wir von der Freundlichkeit und Gastfreundschaft wirklich beeindruckt. Und wir teilten theologische und soziale Einstellungen. Der Grundsatz „Jeder gibt, was er kann und jeder kriegt, was er braucht“ ist bei den Bruderhöfern verwirklicht, ebenso wie das Prinzip der Gewaltfreiheit.

Andererseits wird das ganze Leben unglaublich kontrolliert. Abwechslung gibt es in einem eher engen Rahmen. Und diese Gemeinschaft führt dazu, dass es Menschen, die sie verlassen wollen, unglaublich schwer haben. Etliche Berichte klingen nach denen von Sektenaussteigern. Oder von Mönchen, die ihr Kloster verlassen.

Aber es war eine faszinierende Erfahrung. Wieder haben wir Menschen kennengelernt, die mit der christlichen Botschaft ernst machten. Es war unsere letzte Station auf einer Reise, die unglaublich viele Eindrücke hinterlassen hat, von denen ich in diesen Berichten nur einen Bruchteil weitergeben konnte.

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Eine gute Beschreibung der Bruderhöfe findet sich im Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen 9/2003 ab Seite 341. Hier werden auch die kritischen Seiten beschrieben.
Bilder © Johannes Jurkat und Erik Thiesen

Meditation und Widerstand

Waren wir früher politischer als die Jugendlichen heute? Vielleicht. Die Verhältnisse waren aber auch andere, irgendwie klarer. Die eine Hälfte der Welt wurde beherrscht vom Kommunismus oder, wie auch gesagt wurde, „realem Sozialismus“. Wir hatten dazu ein zwiespältiges Verhältnis: Einerseits lehnten wir die Regime von Moskau bis Peking cardenal-solentiname.jpgbis nach Tirana ab, andererseits faszinierten uns die Gedanken von Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Eindeutiger war unsere Einstellung zu den – meist von den USA gestützten – Diktaturen, z.B. in Nicaragua, Chile, den Philippinen, Südafrika und  verschiedenen anderen afrikanischen Staaten. Martin Luther King, Desmond Tutu und Ernesto Cardenal, der Priester aus Nicaragua, waren unsere Vorbilder. USA 7-32

Diese Namen begegneten uns auch immer wieder auf unserer Reise in die USA. Jim Wallis und Richard Rohr hatten mit Cardenal gemeinsam, dass sie alle sehr von einem Trappisten-Mönch aus Kentucky beeinflusst waren: Thomas Merton (1915-1968).

Schweigen und harte Arbeit sind die Kennzeichen dieses Ordens. Doch Merton hat nicht nur geschwiegen. Er engagierte sich auch politisch, gegen den Vietnam-Krieg, gegen Aufrüstung und Diktatur. Und er beschäftigte sich intensiv mit Buddhismus und Zen. Für ihn galt ebenfalls die Verbindung von „Kampf und Kontemplation“, die Frère Roger in Taizé zum Motto erhoben hatte.

Was lag näher, als dass wir ebenfalls das Kloster besuchten, in dem Merton und Cardenal gelebt hatten – Gethsemani in Bardstown, KY? Und wer bei Bardstown nun nicht an Kloster, sondern an die Whisky-Destille Maker´s Mark denkt – ja, auch die haben wir besucht.

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Mertons Klause

Vor allem aber war diese Zeit geprägt durch Reflexion, Spaziergänge in der Natur der Umgebung und Stundengebete. Mein Tagebuch verrät mir, dass ich damals auch innerlich in einer Zeit des Übergangs war. Das Projekt „Neu anfangen“ ging zu Ende, mit Ute fing es damals an, und die Zukunft lag im Ungewissen. Ich träumte damals von einem „Kloster in Nordelbien“, in dem die Seele zur Ruhe kommen könnte. Nütschau habe ich erst viel später entdeckt. Und wenn ich an meinen „Kloster“-Aufenthalt in Bingen denke, entdecke ich, wie viel sich in meinem Leben geklärt hat – und wie aktuell Thomas Merton schon damals war.

USA 7-24Im „Garten von Gethsemane“ entdeckten wir nicht nur die Klause, in der Merton viele Jahre gewohnt hatte, sondern auch zwei Skulpturen: Die schlafenden Jünger und Jesus, der die Augen nach oben richtet, aber bedeckt. Und das inmitten der Natur: Ein Specht klopfte, wir sahen ihn den Baum hinauf laufen. Wir sahen andere Vögel, Spinnen, Wespen, Ameisen, hörten sie zirpen, kreischen, klopfen, singen. Die Vielfalt des Gartens und mein Inneres passten wohl ganz gut zusammen.

USA 7-22Auf der Tafel für die Skulptur stand u.a.: „May we always remember that the church exists to lead men to Christ in many varied ways but it is always the same Christ.“ Mögen wir immer daran denken, dass die Kirche existiert, um Menschen zu Christus zu führen auf vielen verschiedenen Wegen. Aber es ist immer derselbe Christus.

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Im Buch „Meditation und Widerstand“ sind Texte Ernesto Cardenals gesammelt, der zwei Jahre bei Thomas Merton Novize war.
Bilder © Erik Thiesen:
Das Evangelium der Bauern von Solentiname – Bibelgespräche mit Cardenal und den Menschen von Solentiname
Thomas Merton
Mertons Klause
Der betende Jesus und die schlafenden Jünger

 

Lichtblick der Woche

Es ist schwer, in dieser Zeit einen Lichtblick auszumachen –
– einer Zeit, in der die Aussichten auf „Rückkehr in die Therapie“ stehen,
– einer Zeit, in der die Enttäuschung über das erneute Wachstum von Metastasen groß ist,
– einer Zeit, in der wir wieder Träume von entspannte(re)m Urlaub begraben können –
– einfach in einer Zeit, in der sich so manche Hoffnungen zerschlagen haben. 

Aber nicht jede. Denn
– noch haben Ärztinnen und Ärzte ihre Möglichkeiten nicht ausgeschöpft,
– und es stehen uns viele Menschen zur Seite,
– und wir haben uns,
– und, nicht zu unterschätzen, wir haben Arbeit, Frühling und einen funktionierenden Laptop. Das mag banal erscheinen, aber es sind auch solche kleinen Dinge, die über einen guten oder schlechten Tag entscheiden.

Und ein Spruch, der mir in anderen Zusammenhängen ebenfalls sehr banal vorkommt, geht mir heute nicht aus dem Kopf: Es ist noch nicht aller Tage Abend.

Nein, es gibt diesmal nicht den einen Lichtblick der Woche. Aber eine ganze Reihe von kleinen.

Der wilde Mann

Zwei Jahre vor der USA-Reise hatte ich von Johannes ein Buch geschenkt bekommen: Rohr Bücher„Der wilde Mann“, geistliche Reden zur Männerbefreiung von einem amerikanischen Franziskaner namens Richard Rohr. Nachdem die Studentenjahre von einer intensiven Beschäftigung mit dem Feminismus geprägt waren, kam hier ein Anstoß, sich mit der Spiritualität von Männern zu beschäftigen. Damals war das fast revolutionär. Und Richard Rohr war einer der Pioniere. Kann sein, dass es ohne ihn das Männerpilgern oder „Mann kocht“ in unserer Gemeinde gar nicht geben würde. Zmindest sind viele Initiativen zur „Männerbefreiung“ oder, wie er es nennt, „Männerinitiation“ von ihm beeinflusst, z.B. die „Männerpfade“ in Deutschland oder „Mannsein.at“ in Österreich.

Richard RohrMit Richard Rohr hatte mich Johannes auch geködert, mit in die USA zu fliegen. Und ausgerechnet ihn sollten wir nicht treffen. Denn er hatte kurz vorher die Gemeinschaft verlassen, die er selbst gegründet hatte: New Jerusalem in Cincinnati. Deshalb hatten wir uns getrennt: Andreas flog mit seinem Freund nach Albuquerque zu Richard Rohr, Johannes und ich fuhren nach Ohio.

Die Gastfreundschaft, die wir dort erlebten, war wieder beeindruckend. Viele Menschen hatten Zeit für uns, wir wohnten in einer der Familien, und wir nahmen am Leben der Gemeinschaft teil. Und wir bekamen viel mit von den Fragen und Problemen dieser Gemeinschaft, die ihren Weg nach dem Weggang ihres Gründers und Leiters suchte.USA 5-21

Richard Rohr sammelte in den Siebzigerjahren 450 Menschen um sich, um tiefer in die spirituelle Erfahrung von Gottes Liebe einzudringen. Viele kamen aus schwierigen Elternhäusern. Es war ihnen wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen. Sie gründeten Familien, teilten ihr Einkommen, und engagierten sich in sozialen Projekten. Mit der Zeit wurde Richard Rohr in sozialer und politischer Hinsicht radikaler. Die einen folgten ihm, andere nicht; es kam zu Spannungen. Und zum schmerzhaften Bruch. Als wir in Cincinnati waren, baute Rohr gerade sein „Center for Action and Contemplation“ auf und engagierte sich in der Sanctuary-Bewegung, der Unterstützung illegaler Migranten.

Als wir dort waren, gehörten noch 270 Personen zur Community, heute sind es etwa 150. Viele Jugendliche konnten mit den Anliegen ihrer Eltern nicht so viel anfangen. Und außerdem wurde es zunehmend schwierig, eine gemeinsame Linie in sozialen und politischen Fragen zu finden. Diesen Prozess konnten wir damals intensiv miterleben.

So außergewöhnlich die Gemeinschaft – auch für amerikanische Verhältnisse – war, so normal waren die Familien. Bei meinen Gasteltern, den Carricos, gab es scrambled eggs with bacon und Cornflakes zum Frühstück, der Fernseher lief ungefähr den ganzen Tag, und ich erlebte zum ersten Mal die Faszination von American Football. Besonders war allerdings, wie wichtig für sie „love and peace“ waren – nicht auf dem Hintergrund der Hippie-Bewegung, sondern von den Quäkern inspiriert.

Und diese ziemlich bürgerlichen Familien setzten sich aktiv mit Hausbesetzungen auseinander, betreuten Menschen aus Mittelamerika in einer Art Kirchenasyl und betrieben ein Nachbarschaftshaus. Und immer trieb sie die Frage um: Wie können wir mit Ernst Christinnen und Christen sein? In Cincinnati arbeiten viele Menschen in der Rüstungsindustrie – einige New-Jerusalemer, die dort arbeiteten, entschieden sich für die Kündigung. Sie wurden darin von der Gemeinschaft getragen und unterstützt. Andere Mitglieder konnten das gar nicht nachvollziehen und verließen die Gemeinde.

Obwohl unser Besuch nun 30 Jahre her ist, habe ich den Eindruck, dass wir uns damals mit Fragen beschäftigt haben, die bis heute aktuell sind.

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Beitragsbild: Tugendreiche Frau zähmt Wildmann, Wandteppich Bassel, 1470/80. Von unknown, Basel – Book-scan: Zahm und wild, Basler und Straßburger Bildteppiche des 15. Jahrhunderts, ISBN 3-8053-1174-5, p185, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=431488
Bild 1: Drei Veröffentlichungen von Richard Rohr: Endlich Mann werden (2005), Der nackte Gott (1987) und Der wilde Mann (1986) © Erik Thiesen
Bild 2: Richard Rohr
Bild 3: New Jerusalem. Der damalige Leiter Ron Auer (re) mit Johannes vor dem Organigramm der „Circles“. Alle Mitglieder der Gemeinschaft treffen sich regelmäßig in diesen Hauskreisen. Gescanntes Dia © Erik Thiesen

 

Wie mit Gott reden?

Wie reden man mit jemandem, den man nicht sieht – ja, von dem man noch nicht einmal sicher weiß, dass es ihn überhaupt gibt? In allen Religionen spielt das Gebet eine hervorragende Rolle. Die meisten Schwierigkeiten scheinen die Protestanten mit ihm zu haben. Der Sonntag Rogate ist eine gute Gelegenheit, diesen Fragen nachzugehen. Zum Beispiel in einer Predigt.

Liebe Gemeinde!

Der Pfarrer von Boscaccio ist entsetzt. Gerade haben die Kommunisten, diese atheistischen Weltzerstörer, die Gemeinderatswahl gegen die christliche Partei gewonnen. „Wie konntest du das zulassen?“, ruft er empört in Richtung Kruzifix. Und der Jesus am Kreuz antwortet. „Das ist eben Demokratie“, sagt er. „Und die Armen haben schließlich Gründe genug, einen kommunistischen Bürgermeister zu wählen.“

Kenner wissen: Wenn ein Jesus am Kreuz antwortet, dann in den Geschichten von Giovanni Guareschi: Don Camillo und Peppone. Camillo pflegt einen sehr ungezwungenen Umgang mit dem Gottessohn. Und wenn sich die beiden unterhalten, geht es um sehr alltägliche Dinge. Ja, meistens geht es auch nur um den Priester und seine Leidenschaften. Mal will Camillo die kommunistische Versammlung aufmischen, mal jemanden verprügeln. Mal hat er Peppone eine Zigarre geklaut, mal will er sein Kind  nicht taufen. Und Jesus gibt immer eine menschliche, oft undogmatische Antwort.

Davon unterscheiden sich unsere Gebete zumindest hier im Gottesdienst. Wir bitten um Gesundheit und Frieden in der Welt, wir danken dafür, dass wir genug zu essen haben. Aber wir erwarten nicht wirklich, dass Gott uns direkt antwortet, dass unser Kruzifix etwa plötzlich zu sprechen anfängt.

Im Grunde wissen wir ja auch, dass der sprechende Jesus ein literarischer Trick Guareschis ist. Weder das Kreuz hier in Niendorf noch das in Boscaccio – oder in Brescello, wo die Filme gedreht wurden – hat jemals auch nur ein Wort gesagt. Die Unterhaltungen zwischen Camillo und Jesus können ebenso gut Selbstgespräche sein. Sie sind der Ausdruck der beiden Seelen in der Brust des Priesters. Jesus ist seine innere Stimme, sein Gewissen. Und wir erkennen uns darin nur allzu gut.

Ich glaube: Genauso spricht Gott zu uns, wenn er zu uns spricht. Genauso war es in der Bibel, und so ist es auch bei den Menschen, die meinen, ihn deutlich zu hören. Und es ist nicht immer, eigentlich nie deutlich zu unterscheiden: Ist das nun wirklich Gottes Stimme oder nur unsere eigene, der wir Bedeutung und Autorität geben wollen? Nicht umsonst heißt es in der Bibel an prominenter Stelle: Du sollst dir kein Bildnis, keine Vorstellung von Gott machen.

Während der Exerzitien vor zwei Jahren sprach ich darüber auch mit dem Pfarrer, der mich durch diese geistlichen Übungen begleitete. Und er meinte: „Sprechen Sie mit Gott darüber.“ Und ich: „Wie bitte? Wie soll ich erkennen, dass Gott spricht und antwortet? Wie soll ich verhindern, dass ein solches Gespräch ein Selbstgespräch bleibt?“ Und er sagte: „Probieren Sie es aus. Werden Sie still.“ Und was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist: „Trauen Sie es Gott doch einfach zu, dass er zu Ihnen redet. Wo sollte er es sonst tun, wenn nicht in der Stille?“

Ich hab’s gemacht. Und ehrlich gesagt: Ich bin mir keineswegs sicher, dass Gott zu mir gesprochen hat. Oder wann oder wie. Aber das ist mir auch nicht mehr wichtig. Irgendwie haben sich die Gedanken und Erkenntnisse in dieser Zeit geordnet und zusammengefügt. Ja, irgendwie hatte ich den Eindruck: Das war Gott. Und wenn er es nicht war, dann konnte man es gut mit ihm verwechseln.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber wurde einmal gefragt, ob er an Gott glaube, und er meinte: „Wenn an Gott glauben bedeutet, von ihm in der dritten Person reden zu können, glaube ich nicht an Gott. Wenn an ihn glauben bedeutet, zu ihm reden zu können, glaube ich an Gott.“ Damit kann ich sehr viel anfangen.

Und wie wir mit Gott reden können – das hängt dann doch sehr von dem Bild ab, das wir von Gott haben. Denn wir haben Erfahrungen gemacht, die wir mit Gott verbinden. Und so unterschiedlich wie diese Erfahrungen sind auch unsere Gebete.

Ein Beispiel. Kürzlich hat der Papst gemeint, wir müssten das Vater unser verändern. Die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ passe nicht zu Gott. Er meint: Gott schickt uns nichts Böses. Deshalb sollten wir lieber beten: Lass mich nicht in Versuchung geraten.

Ich habe ein anderes Bild von Gott. Ich glaube, dass er sehr wohl mit dem Bösen zu tun hat. Denn er ist der Ursprung von allem. Und wenn es mir schlecht geht, dann wende ich mich an ihn und klage und klage an: Warum? Und die Bibel gibt mir Recht: Auch die Psalmisten klagen, und manchmal bekommen auch sie keine Antwort.

Wenn aber Klage und Anklage die einzige Art ist, wie ich bete, dann kreise ich mich ein bei meinem Leiden, bei den Gefühlen von Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit, bei den Schmerzen und der Schwäche. Unser Bibeltext lenkt den Blick auf eine andere Art von Gebet: „Hört nicht auf zu beten“, heißt es da. „Bleibt dabei stets wachsam und voller Dankbarkeit!“

Das ist nichts anderes als das, was Jesus immer wieder gepredigt hat: Schaut auf den Gott, der euch das Nötige zum Leben gibt, sagt er. Der euch vergibt und euch zu guten Taten ermutigt. Seid aufmerksam für den Mitmenschen und für die Gelegenheiten, Gutes zu tun.

Und genau darum geht es auch beim Beten: Aufmerksam zu werden für das, was ist. Wer wir sind und was wir tun, für die Gelegenheiten, die uns das Leben – oder Gott – bietet. Und es ist nicht entscheidend, wie wir beten. Wir können gemeinsam mit anderen unsere Anliegen aussprechen oder auch alleine für uns. Wir können gemeinsam oder alleine schweigen oder singen. Wir können Gebete frei formulieren oder von anderen formulierte wie das Vater unser sprechen – ob nun in der traditionellen Form oder der vom Papst vorgeschlagenen. Wir können im Gottesdienst die Gebete, die vom Altar gesprochen werden, mitbeten und nachvollziehen oder in dieser Zeit auch unseren eigenen Gedanken nachhängen. Wir können klagen und bitten, danken und unsere Sünden bekennen.

Und damit habe ich lange meine Schwierigkeiten gehabt. Nicht weil ich nicht einsehen wollte, auch mal etwas falsch gemacht zu haben. Sondern weil mich das Bekenntnis niedergedrückt hat: Ich armer elender Sünder bin es nicht wert, zu Gott zu kommen, weil ich notorisch alles falsch mache.

Bis ich für mich gelernt habe, dass Sünden gar nicht die Verstöße gegen einen Moralkodex sind, den andere festgelegt haben. Sondern dass es die Fallen sind, in die ich immer wieder hineintappe: die Gedanken, die Einstellungen und Taten, die mich davon abhalten, das Gute zu tun. Und das Gute ist: Liebe und Hoffnung und Vertrauen zu fördern, bei mir und bei anderen.

Und wenn es dann heißt, dass Gott uns unsere Sünden vergibt, dann nichts anderes als: wir sollen uns nicht in unsere Schuldgefühle einkreisen, wir können und sollen neu und unbelastet anfangen, aufeinander zugehen, Frieden schließen, wenn wir mit uns oder auch mit anderen Menschen im Unfrieden leben. Wir sollen frei werden, den Weg zu gehen, der für uns der gute und der richtige Weg ist.

Oder, mit den Worten des Kolosserbriefs: „Führt im Unterschied zu denen draußen ein Leben voller Weisheit. Macht das Beste aus der Zeit! Eure Rede sei stets verbindlich, aber mit der nötigen Prise Salz. Dann wisst ihr auch, wie ihr jedem die angemessene Antwort geben könnt.“ Also: Christinnen und Christen vermeiden Hate Speech, die Hassrede gegen alle, die nicht ihrer Meinung sind. Sie vermeiden auch Fake News, die Verdrehung oder Erfindung von Tatsachen, damit sie in mein Weltbild passen. Denn sie lassen sich bei ihrem Reden nicht von den eigenen Emotionen beherrschen.

Ich merke: Dieser Abschnitt aus dem Kolosserbrief ist seit langem mal wieder ein Text aus der Bibel, dem ich vorbehaltlos zustimmen kann: Eine Anleitung und eine Mahnung zu einem selbstbestimmten, weisen und vernünftigen Leben und Handeln. Ich bin sicher, dass wir alle damit auch schon gute Erfahrungen gemacht haben. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass wir noch einen guten Weg vor uns haben. Nun fängt ja jeder Weg mit dem ersten Schritt an. Und je eher wir losgehen, desto eher kommen wir an.

Amen.