Keine weißen Schafe

Fahne schwarzes SchafSeit vielen Jahren wird eine besondere Kirchenfahne an unserem Pfingstmontagsgottesdienst aufgehängt. Sie ist ein Geschenk der katholischen Gemeinde St. Ansgar an die lutherische Kirche in Niendorf. Die Farben stehen für die ökumenische Gemeinschaft (gelb-weiß sind die Farben des Vatikans, violett ist die der evangelischen Kirche). Und das schwarze Schaf? Dazu meinte der Pfarrer Rohtert bei der Übergabe: „Ich möchte Ihnen ein Geheimnis erzählen. Es gibt gar keine weißen Schafe.“

Alfons Rohtert war bekannt dafür, dass er eine besondere Liebe zu den schwarzen Schafen hatte – und das hieß für ihn: zu allen Menschen. Als ich ihn kennenlernte, war er schon fast 30 Jahre Pfarrer in Niendorf und bei Katholiken und Protestanten gleichermaßen bekannt und beliebt. Die Konfession spielte für ihn eine untergeordnete Rolle.

Orgelpfeifen mit Rohtert kl

Pastoren Trunz und Thiesen, Organist H.-J. Wulf und Pfarrer Alfons Rohtert

Ich erinnere mich: Im Advent 1994 machte das Niendorfer Wochenblatt in der Kirche am Markt ein Foto mit den lutherischen, freikirchlichen und katholischen Geistlichen aus Schnelsen und Niendorf. Wir bauten damals gerade eine neue Orgel, und die alten Pfeifen standen zum Verkauf. Wir baten um ein Werbefoto. Wie selbstverständlich nahm auch Alfons Rohtert eine kleine Pfeife und meinte: „Ich bin Niendorfer Pastor. Da kann ich auch für diese Orgelpfeifen Werbung machen.“

„Pastor“ ist bei den Katholiken eigentlich ein Pfarrer, der noch keine Gemeinde hat. Alfons Rohtert kümmerte sich nicht um solche Hierarchiefragen. „Hier in Norddeutschland heißen die Seelsorger Pastoren“, meinte er. Und so wurde er auch für viele Evangelische „unser Pastor“. Wenn ich bei einem Feuerwehrfest auftauchte, saß er schon da. Der Wehrführer erzählte von gemeinsamen Gottesdiensten, und es war deutlich: Alfons Rohtert gehörte dazu. Er war auch Dorfpastor von Niendorf.

Aber natürlich war er in erster Linie Pfarrer seiner Gemeinde St. Ansgar, deren Verwaltung er sehr ernst nahm. Das bedeutete die Teilnahme an vielen Gremien und Gemeindekreisen. Er selbst aber kommentierte sein Engagement mit einem typischen Understatement: „Ich gehe nur dahin“, meinte er, „damit die Leute in meiner Abwesenheit nicht über mich reden.“

In St. Ansgar arbeitete damals auch die Gemeindereferentin Gabriele Scheel.
Die beiden bildeten geradezu ein Dreamteam. Gemeinsam veranstalteten sie die Bibelspiele im Kloster Nütschau – mit einer beeindruckenden Zahl von Teilnehmenden. Die jährlichen Kirchweihfeste waren Legende, und die Partnerschaft mit Gemeinden in Indien und Island lag ihnen am Herzen.

Ihr größtes Projekt aber war die Alimaus. Anfang der 90er Jahre hatte Gabriele Scheel damit begonnen, Brötchen an die Obdachlosen am Hauptbahnhof zu verteilen. Sie gründete den „Hilfsverein St. Ansgar e.V.“, kaufte einen Zirkuswagen und setzte dort ihre Arbeit fort. Damals kamen sie und Alfons Rohtert auch in unseren Kirchenvorstand, um für das Projekt zu werben. Wir sagten eine maßvolle finanzielle Hilfe zu, sahen uns aber nicht in der Lage, uns darüber hinaus zu engagieren.

Die katholische Gemeinde aber konnte. Heute ist Alimaus eine der wichtigsten Hilfsorganisationen in der Obdachlosenhilfe in Hamburg. Zu ihr gehören neben der Essensausgabe eine Beratungsstelle, die Kleiderkammer „Don Alfonso“ und medizinische Nothilfe. Und ihr jüngstes Projekt ist der „Kältebus“, der im Winter bei Bedarf obdachlose Menschen in eine Unterkunft bringt.

RohtertAls Pastor Alfons Rohtert im Jahr 2001 starb, kam der befreundete Circus Jodokus und gab ihm zu Ehren Sondervorstellungen auf dem Kinderspielplatz hinter unserer Kirche.

Zu seinem Requiem bat die Gemeinde St. Ansgar uns evangelische Geistliche, im Talar zu erscheinen. Zur Kommunion lud der Priester alle ein, die sich eingeladen fühlten, unabhängig von der Konfession. Viele Protestanten gingen mit nach vorn. Ich schaute Pastor Trunz an, und wir entschieden uns dagegen. Zwei Pastoren im Talar bei einer katholischen Kommunion, damit hätten wir womöglich zu stark provoziert.  Ohne Talar hätten wir wohl teilgenommen.

In diesem Gottesdienst wurde mir aber auch deutlich, dass Alfons Rohtert keinesfalls nur aus Zufall katholisch war, wie ich jahrelang meinte. Er war tief in seiner Glaubenstradition verwurzelt und gewann seine Kraft aus der katholischen Spiritualität und seiner Verbindung zu den Benediktinern im Kloster Nütschau.rohtert-grabstein.jpg

Und dann bekam die Gemeinde doch noch Ärger mit der Hierarchie. Sie hatte in der Folgezeit eine längere Vakanzzeit zu überwinden. Ganz im ökumenischen Sinn lud sie Pastor Trunz ein, einen Wortgottesdienst am Sonntagmorgen zu übernehmen. Doch diese Zeit ist der Heiligen Messe vorbehalten, und das Erzbistum war mit einem Protestanten auf der Kanzel nicht einverstanden. Die Katholiken, die ich danach fragte, zuckten allerdings nur mit den Schultern und erinnerten an die Haltung ihres verstorbenen Pfarrers: Der Papst ist in Rom, und Rom ist weit.

Der Nachfolger versuchte dann das katholisch-konfessionelle Element deutlich zu stärken. Er wechselte dann ins Erzbistum und ist heute Generalvikar. An der Basis aber pflegen wir bis heute ein extrem entspanntes Verhältnis zwischen Protestanten und Katholiken.

Alfons Rohtert ist auf dem Niendorfer Pastorenfriedhof begraben. Auf seinem Stein steht ein Spruch von Vinzenz von Paul: „Glücklich, die den kurzen Augenblick des Lebens nützen, um Erbarmen zu üben.“

rohtert-grabstein-detail.jpg

Hat er sich diesen Spruch selbst ausgesucht? Hat es die Gemeinde getan oder seine Familie? Gleichviel – so habe ich ihn kennengelernt.

_______________________________
Beitragsbild: Drei schwarze Ouessantschafe, von Anton Hornbläser – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34010783
Bild 1, 4 und 5: © Erik Thiesen
Bild 2 Köllmann, im Archiv Forum Kollau, mit frdl. Genehmigung © FORUM KOLLAU e.V.
Bild 3 mit frdl. Genehmigung der Alimaus © Hilfsverein St. Ansgar e.V. – Alimaus

Gegen das Drehbuch

Am 24. Dezember veröffentlichte das Hamburger Abendblatt auf der Titelseite eine Geschichte mit dem Titel „Es begab sich in Ostfriesland…“. Ich empfehle allen, die sie gelesen haben oder auch nicht, das Original von Ruth Schmidt-Mumm „Wie man zum Engel wird“ (für den vollen Genuss jetzt, denn es folgt eine kleine Zusammenfassung).

Die 6. Klasse richtet traditionell das jährliche Krippenspiel aus. Doch in diesem Jahr kann die Rolle des Wirts nicht besetzt werden, da es an Jungen mangelt. Da soll Tim, der kleine Bruder des Joseph-Darstellers, einspringen. Er hat ja nur einen Satz zu sagen: Kein Zimmer mehr frei. Tim sagt zu. Und bei der Probe klappt auch alles.

Als Joseph jedoch bei der ersten Vorstellung fragt: „Habt ihr ein Zimmer frei?“, antwortet Tim, der Wirt: „Ja, gerne.“ Und er lässt sich auch durch die Improvisationen des Joseph nicht davon abbringen. Nach der Vorstellung meint er zur Begründung, „dass Joseph eine so traurige Stimme gehabt hätte, da hätte er nicht nein sagen können, und zu Hause hätten sie auch immer Platz für alle, notfalls auf der Luftmatratze“. Aber bei der nächsten Vorstellung, so verspricht er, wolle er die richtigen Worte sagen.

Doch auch die zweite Vorstellung geht schief. „Für die dritte und letzte Aufführung des Krippenspiels in diesem Jahr wurde Tim seiner Rolle als böser Wirt enthoben. Er bekam Stoffflügel und wurde zu den Engeln im Stall versetzt. Sein „HaIleluja“ war unüberhörbar, und es bestand kein Zweifel, dass er endlich am richtigen Platz war.“

Für mich ist es das schönste Krippenspiel, das ich je gesehen, gehört oder gelesen habe – noch weit vor „Hilfe, die Herdmanns kommen“ von Barbara Robinson (und der Ostfriesen-Fassung im Abendblatt). Deshalb habe ich sie auch 2005 zur Grundlage meiner plattdeutschen Ansprache zum Waldsingen gemacht und neun Jahre später zum Krippenspiel umgearbeitet.

Und ihre Botschaft finde ich heute wichtiger denn je: dass wir uns dem unbarmherzigen Drehbuch des Lebens einfach widersetzen. Selbst dann, wenn wir zu den „Engeln“ abgeschoben werden, wo wir keinen „Schaden“ mehr anrichten können.

Aber ist dieser Schaden nicht schon längst entstanden? Sicher, das Drehbuch schreiben wir ebensowenig um wie Tim. Und oft genug werden wir in die Ecke der Engel, der Gutmenschen und Träumer gestellt. Aber das „Ja, gerne, natürlich haben wir noch einen Platz frei für Menschen, die ihn brauchen“, ist nun mal in der Welt. 2015 gilt bei vielen als das Jahr, in dem wir die Kontrolle über unsere Grenzen verloren haben, und als Anfang vom Ende von Merkels Kanzlerschaft. Für mich ist es das Jahr, in dem sich gezeigt hat, wie viel Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn und Lust an Nächstenliebe in uns Deutschen steckt. „Wir schaffen das“ ist Merkels stärkster Satz gewesen. Leider hat sie selbst nicht darauf vertraut.

Dabei ist das doch ein zutiefst christlicher Satz. Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, heißt es im Psalm (18,30). Und Jesus sagt: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (Markus 9,23) Und auf dieser Linie liegt auch der Satz von David Ben Gurion, den Ute mir vor kurzem vorgelesen hat: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

Wie schwer ein solcher Glaube sein kann, muss uns niemand erzählen. Aber er ist unsere einzige Chance gegen ein unbarmherziges Drehbuch. Er ist unsere Chance auf Leben.

_____________________________________________
Beitragsbild: Hosterwitzer Krippenspiel in der Schifferkirche „Maria am Wasser“, Dresden, Bild von Dr. Bernd Gross – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30491624

Nicht ganz so Stille Nacht

Früher war ja alles besser, so die allgemeine Meinung. Und wenn schon nicht alles, so zumindest Weihnachten. Der Adventsschmuck kam erst nach dem Ewigkeitssonntag ins Haus, die Weihnachtsbäckerei eröffnete am 1. Advent, leuchtende Kinderaugen allüberall, und am Heiligabend ging die ganze Familie in die Kirche, versammelte sich dann um den Tannenbaum, und alle waren dankbar für alle Geschenke. Und heute? Spekulatius gibt es schon im Oktober, die Adventsbeleuchtung führt die E-Werke an ihre Grenzen, nörgelnde Kinder im Advent und an Weihnachten selbst bei den teuersten Geschenken – und überhaupt: Ist ja sowieso alles nur Kommerz. Übrigens: Wer waren nochmal Maria und Joseph?

Es ist wahr: Die christliche Botschaft tritt zunehmend in den Hintergrund. Auch das Kirchenjahr hat nicht mehr die Bedeutung wie früher. Kein Wunder, ist die Religion in Deutschland doch eher auf dem Rückzug.

Die Kirche kann sich nun auf ihre Kernkompetenz zurückziehen und ist dann vor allem für die Kerngemeinde da. Das machen wir auch in Niendorf auf, wie ich finde, ziemlich hohem Niveau: Gottesdienste, Konzerte, Weihnachtsfeiern – der Kalender ist gut gefüllt.

Außerhalb der Kirchenmauern werden zwar alte Traditionen aufgenommen, aber der amerikanische Einfluss ist auf dem Weihnachtsmarkt unübersehbar – und unüberhörbar: Rudolph, the red-nosed reindeer statt Vom Himmel hoch, Tipi-Lounge statt Stall von Bethlehem. Krippe Tibarg

Moment – die Heilige Familie ist doch auch auf unserem Weihnachtsmarkt zu sehen, sogar lebensgroß. Und es gibt noch einen anderen Ort, an dem sich „Welt“ und „Kirche“ begegnen: beim Waldsingen.

Vor über 30 Jahren hatte die Freiwillige Feuerwehr die Idee und realisiert sie Jahr für Jahr gemeinsam mit der Kirchengemeinde und der Arbeitsgemeinschaft Tibarg auf dem Kinderspielplatz hinter der Kirche: Gemeinsames Singen von alten und neuen Advents- und Weihnachtsliedern. Damals führte Horst Moldenhauer noch teilweise plattdeutsch durch das Programm, Musikgruppen aus Niendorf und Umgebung spielten und sangen, und der Pastor hielt eine kleine Ansprache. So ist es bis heute geblieben. Robert Hertwig Waldsingen1steht mit seinem „Posaunix“ vor allem in deutscher Tradition von „Alle Jahre wieder“ bis „Leise rieselt der Schnee“, die Bigband der Garstedter Feuerwehr hat eher „Winter Wonderland“ und „Feliz Navidad“ im Programm. Andere Personen und Gruppen haben seitdem gewechselt.

Vor 20 Jahren „erbte“ ich die Ansprache von Pastor Trunz. Und ich überlegte, wie ich auch die religiös eher Unmusikalischen interessieren könnte. Weil das Waldsingen nun eine Mischung aus Folklore und christlichen Traditionen ist, schien mir das Plattdeutsche eine gute Wahl. In dieser Sprache hört es sich viel freundlicher an, was auf hochdeutsch einfach nur grob wirkt. Manchmal bin ich mir aber nicht sicher, ob das Wohlwollen der Zuhörenden eher darauf beruht, dass Plattdeutsch nicht mehr so gebräuchlich ist. „Es war so nett“, meinte einmal eine Besucherin. „Ich habe kein Wort verstanden, aber so nett.“ Trotzdem hoffe ich, dass das eine oder andere doch rüberkommt. waldsingen3-e1544619332776.jpg

So ist das geblieben – bis auf die letzten zwei Jahre, in denen ich aus gesundheitlichen Gründen passen musste. Aber in diesem Jahr soll es wieder so weit sein. Daniel Birkner übernimmt die Moderation, die plattdeutsche Ansprache steht schon auf dem Papier, und am Freitag, den 14.12. um 19 Uhr ist es so weit. Und ihr seid alle eingeladen.

_________________________________
Bilder © Arbeitsgemeinschaft Tibarg, http://www.tibarg.de
Beitragsbild: Blick von den Mitwirkenden aus Richtung Kirche; rechts das Glühweinzelt der Feuerwehr, links die Anna-Warburg-Schule.
1. Bild: Die Krippe auf dem Nordischen Weihnachtsmarkt, Tibarg.
2. Bild: Blick Richtung Kirche.
3. Bild: Blick auf die Mitwirkenden.

Kritisch: der Volkstrauertag

 

Der Krieg war 12 Jahre vorbei, als ich geboren wurde. Mein Großvater war damals bei den Besatzungstruppen in Dänemark und desertierte, ehe er an die Ostfront kam. Mein Vater war ein „weißer Jahrgang“ und hatte weder mit der Wehrmacht noch der Bundeswehr zu tun. Das Einzige, was ich in meiner Kindheit und Jugend mit dem Krieg verband, war ein Bombentrichter auf unserem Land.

Erst im Vikariat habe ich zum ersten Mal bewusst den Volkstrauertag gefeiert, am Ehrenmal mit Kranzniederlegung, Rede und „Ich hatt‘ einen Kameraden“. Ich konnte herzlich wenig damit anfangen. Bis heute kann ich keinen Sinn darin sehen, dass so viele deutsche Soldaten und Zivilisten im 2. Weltkrieg gestorben sind.

In Niendorf musste ich dann bald selbst die Ansprache zum Volkstrauertag halten. Ich formulierte sehr vorsichtig, und doch waren Angehörige von Gefallenen und ehemalige Wehrmachtssoldaten enttäuscht. Sie hatten erwartet, dass ich den Kampf als „Vaterlandsverteidigung“ rechtfertigte. Mahnmal

Dabei hatte sich die Niendorfer Tradition schon von Anfang an von der des „Heldengedenktags“ verabschiedet. Ich lernte schon früh von meinem Kollegen Pastor Trunz, dass wir hinter der Kirche kein Ehrenmal, auch keinen Gedenkstein und schon gar kein Kriegerdenkmal haben, sondern ein Mahnmal. Unser Vorgänger Claus Seebrandt hatte es gemeinsam mit dem Niendorfer Hans Wullenweber errichten lassen und auf der Inschrift bestanden: „Schaffet Frieden“.

Damals wurden an diesem Mahnmal nach meiner Erinnerung vier Kränze niedergelegt – von der CDU, den Sozialverbänden, den Reservisten und der Freiwilligen Feuerwehr. Das passte zu meiner Vorstellung einer eher konservativen Veranstaltung. Dann aber hörte ich aus Lokstedt, dass die Vereine sich auf einen gemeinsamen Kranz verständigt hatten. Bildergebnis für niendorf volkstrauertagDiese Idee fand ich stark, und bald hatten wir sie auch in Niendorf umgesetzt.

Unser Motto ist seitdem gleich geblieben: Gedenken der Opfer – Mahnung zum Frieden. Auf der Kranzschleife sind nun die unterschiedlichen Niendorfer Parteien und Vereine vereint und machen deutlich: Wir gehen unterschiedliche Wege, haben aber ein gemeinsames Ziel: den Frieden.

Die Ansprache hält seitdem auch nicht mehr der Pastor, sondern ein Vertreter oder eine Vertreterin der Vereine und Verbände: Sie hielten persönliche und nicht selten sehr bewegende Reden: Die Feuerwehr würdigte seinerzeit das Engagement der Kameraden beim Anschlag auf das World Trade Center, die Behinderten-AG und der SoVD warben um Integration, die Reservisten erinnerten daran, dass sich auch heute deutsche Soldaten in gefährlichen Einsätzen befinden. Der Bezirksamtsleiter machte das gemeinsame Engagement für den Frieden zum Thema, und eine Jugendliche berichtete von ihrem Einsatz mit dem Volksbund dt. Kriegsgräberfürsorge in Polen – und wie sie Versöhnung mit einem alten Kriegsteilnehmer erlebt hat.

Auch wenn der Feiertag schon etwas angestaubt und die Teilnahme gerade von Jugendlichen eher übersichtlich ist – das Anliegen ist und bleibt aktuell. Es gibt zwar immer weniger Menschen, die den Krieg noch erlebt haben. Doch zu uns kommen andere, die vor ihm fliehen, aus Afghanistan oder Ostghuta, Jemen oder Kongo, vor Leid, Schmerz und Tod. Es lohnt jeden Einsatz, den Frieden zu bewahren und zu schaffen. Und am Volkstrauertag erinnern wir uns daran, dass wir uns in diesem Ziel einig sind.

 

Zuhause

William Somerset Maugham hat einmal geschrieben: „Ich glaube, dass manche Menschen fern von ihrer wahren Heimat geboren werden. Der Zufall hat sie in eine bestimmte Umgebung gestellt, aber sie haben immer Heimweh nach einem unbekannten Land … Bisweilen stößt ein Mensch auf einen Ort, dem er sich geheimnisvoll verbunden fühlt. Hier ist die Heimat, die er sucht; … Hier findet er endlich Ruhe.“

In diesen Worten steckt für mich eine tiefe Weisheit. Aber sie ist nur die halbe Wahrheit. Das lernte ich schon im ersten Semester meines Studiums. Ich wohnte damals im Wohnheim in Neuendettelsau. Auf demselben Gang hatte auch Thomas sein Zimmer, Norddeutscher wie ich. Und bei ihm war immer etwas los. Einen Grund erkannte man sofort, wenn man bei ihm zu Besuch war: In seinem Wohnheimzimmer war es – im Gegensatz zu vielen anderen und auch meinem – sehr gemütlich. „Wie machst du das“, fragte ich ihn. Und er riet mir: „Mache den Ort, an dem du wohnst, zu deinem Zuhause.“

Diesen Rat habe ich immer zu beherzigen versucht. Ich war an vielen Orten zuhause, manchmal nur ein paar Monate, manchmal viele Jahre. Ich war Berliner und Basler und Waabser. Und heute bin ich Niendorfer. Und ich erkannte: Dieses Prinzip gilt nicht nur für Orte. Sondern auch für den Beruf.

Ich habe das große Glück, den Beruf ausüben zu können, der mir liegt, der mir Spaß macht und einfach zu mir passt. Aber immer wieder war es auch eine bewusste Entscheidung, die vor mir liegenden Aufgaben zu erfüllen und mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein.

Das fing schon im Studium an. Ich habe Kollegen kennengelernt, die die Ausbildung nur als Durchgangsstation zum Pfarrberuf verstanden haben. Das war für mich anders. Die Studentenzeit hatte ihren Wert in sich, hatte ihre eigenen Gesetze, Freiheiten und Ziele. Ich war gerne Student.

Und bin nun gerne Pastor. Nicht immer passte alles gut zusammen. So wie in Eppendorf zum Beispiel. Dann musste es passend gemacht werden. Und wir kamen nach Niendorf. Wir hatten den Ort gefunden, dem wir uns geheimnisvoll verbunden fühlten.

Trotzdem gab es auch hier Phasen, in denen wir mit der Gemeinde fremdelten und uns wieder aneinander annähern mussten. Zu manchen Menschen mussten wir etwas auf Abstand gehen, zu anderen wurde die Beziehung sehr intensiv. Manche Aufgaben lagen mir nicht so, andere gingen mir leichter von der Hand.

Immer wieder haben wir nachjustieren müssen. Manchmal haben wir uns überfordert, manchmal sind wir hinter unseren Möglichkeiten zurückgeblieben. Immer hatten wir aber das Gefühl: Hier in Niendorf, hier sind wir richtig. Und das gilt offenbar für unsere ganze Familie.

Zuhause zu sein und gleichzeitig Sehnsucht zu haben – ist das nicht geradezu die Grundbedingung des christlichen Lebens? Sich in dieser Welt wohlzufühlen und gleichzeitig unruhig zu bleiben, nach einer besseren Welt Ausschau zu halten, die ruhig schon in unserem Leben Wirklichkeit werden kann. Ein bisschen zumindest.

Wieder auf dem Rochusberg

Bingen – schon das Wort löst bei uns besondere Gefühle aus. Vor fast zwei Jahren fuhr ich mit starken Rückenschmerzen zu den Exerzitien ins Kardinal-Volk-Haus. Die Themen, mit denen ich mich damals auseinandersetzte, waren: „Wer bin ich?“ und „Wer soll ich sein?“ – und dies, indem ich den Weg Jesu von der Menschwerdung bis zur Auferstehung meditierte. Doch dann, nach zwei Wochen, ziemlich genau der Hälfte, musste ich die Exerzitien wegen der Krebs-OP abbrechen.

Seitdem musste ich mich fast ununterbrochen diversen Behandlungen unterziehen. Zurzeit bekomme ich die Immuntherapie. Sie hat den Vorteil, dass die Nebenwirkungen normalerweise relativ gering sind. Und erst in zwei, drei Monaten werden wir wissen, ob die Therapie angeschlagen hat.

Bis dahin bleibt mir Zeit, und die möchte ich nutzen. Weiterlesen

Die beste Hochzeit aller Zeiten

Die Hochzeit ist ein tolles Fest: Zwei Menschen sagen: Wir wollen zusammen bleiben unser Leben lang. Der Weg zu dieser Entscheidung war manchmal schwierig. Und der Ehealltag liegt noch vor ihnen. An diesem Tag aber feiern wir ihre ungetrübte Partnerschaft. Ich liebe Trauungen.

Das geht nicht allen meinen Kolleginnen und Kollegen so. Öfters schon hörte ich die Klage: „Bei diesem Fest sind wir doch nur die Zeremonienmeister.“ Und ich denke: Ja, genau das möchte ich sein. Ein guter Meister der Zeremonie.

Denn eine gute Zeremonie ist viel mehr als schöner Schein. Sie ist gleichzeitig Ausdruck unserer Gefühle und Einstellungen und vertieft sie noch. In der Kirche nennen wir sie „Liturgie“. Auf sie wollen wir ja auch in keinem Gottesdienst verzichten.

Zugegeben, die meisten Brautpaare setzen bei der Zeremonie in der Regel andere Schwerpunkte als wir Geistliche. Wir würden gerne den Segen in den Mittelpunkt stellen, oder die Liebe und die Treue. Und dann reden wir hauptsächlich übers Fotografieren und über den Einzug der Braut.

Als ich meine prinzipielle Aversion gegen diese Wünsche einmal überwunden hatte, fand ich die Diskussionen darüber ausgesprochen spannend. Was passiert eigentlich beim Segen? Kann man dieses Geschehen mit einem Foto reproduzieren? In gewisser Weise ja, denn das Foto erinnert uns an die Gefühle, die wir in dieser Situation hatten. Und wir können sie auch später mit anderen teilen – das ist ja geradezu der Sinn eines Fotos. Aber ist es nicht angemessener, gerade beim Segen aufs Foto zu verzichten – um einen Raum zu schaffen für ein Ereignis und ein Erlebnis, das wir weder durch Bild noch durch Wort vermitteln können? Manche Paare hatten für solche Gedanken ein offenes Ohr, anderen blieben sie eher fremd.

Oder der Einzug der Braut mit ihrem Vater. Bis Anfang der Neunzigerjahre spielte dieser Brauch in Deutschland praktisch keine Rolle. Dann kamen Linda de Mol mit ihrer „Traumhochzeit“ und die Adelshochzeiten im Fernsehen. Und innerhalb von 15 Jahren wurde die bis dahin nur im angelsächsischen Raum vorherrschende Tradition zum festen Bestandteil deutscher Trauungen. Wir Geistliche waren dagegen. Weil der Ursprung allzu offensichtlich mittelalterlich war: Die Frau, vor der Ehe Eigentum des Vaters, wird nun zum Eigentum des Ehemannes. Warum um alles in der Welt tun sich das aufgeklärte Frauen an???

Auf die Spur brachte mich ein Artikel im Deutschen Pfarrerblatt: Mit dieser Tradition werde die Ablösung vom Elternhaus noch einmal zeremoniell begangen. Das konnte ich nachvollziehen. Aber wo bleibt der Mann und seine Familie? Und ich begann mit den Paaren zu experimentieren. Jetzt ziehe ich unter Glockengeläut mit dem Ehemann ein, die Gemeinde erhebt sich, und kurz darauf folgt die Braut mit ihrem Vater, und die Orgel beginnt zu spielen. Die Rolle der Bräutigamsfamilie kann dann individuell gestaltet werden. Ich fühle mich ganz wohl mit dieser Regelung.

Ein anderer Punkt sind die Lieder. „Lobe den Herren“ konnten viele noch mitsingen. Und oft kam auch die Gitarre zum Einsatz. „Herr deine Liebe“ war fast schon Standard. Aber ich mochte auch, wenn die Kirche bei „Laudato si“ ins Schwingen kam. Oder wenn die Orgel ein wunderbares Stück zum Auszug spielte.

Und ich habe mich immer gefreut, wenn die Gemeinde durch die Predigt nicht nur etwas zum Nachdenken, sondern auch etwas zum Schmunzeln hatte.

Natürlich steht mein Urteil fest, welche die beste Hochzeit aller Zeiten gewesen ist: meine eigene! Natürlich sind wir gemeinsam eingezogen. Der St.-Marien-Chor sang „Alles, was ihr tut“, unseren Trauspruch. Ein zweiter Chor aus Mitgliedern der Familie trat ganz überraschend auf. Pastor i.R. Schiel hielt die Ansprache, wir feierten gemeinsam das Abendmahl. Und die Erinnerungen daran werden mit jedem Jahr schöner, denn es gibt keine Bilder vom Gottesdienst, die sie verfälschen könnten 🙂

Es macht mich allerdings auch glücklich, wenn auch die Paare, für die ich „Zeremonienmeister“ sein durfte, sagen: „Das war die beste Hochzeit aller Zeiten.“