Kirche für das 3. Jahrtausend

USA 88 – ein Resumee

Kurz nach unserer USA-Reise stellten Johannes und ich aus unseren Bildern Diaserien zusammen, nannten sie „Spiritualität und Weltverantwortung“, „Kirche in der Stadt“ oder gleich etwas unbescheidener „Überlebenschancen der Kirche“ oder gleich „Kirche für das 3. Jahrtausend“. Tatsächlich sahen wir in den christlichen Gemeinschaften, die sich jenseits der Konfessionen an der Bibel ausrichteten, Modelle für eine Kirche der Zukunft. Wir luden interessierte Bekannte ein, stellten die Bilder, Erfahrungen und Begegnungen vor, hatten intensive Diskussionen – und gingen dann bald als normale Pastoren in die Gemeinde. Entweder war die Zeit noch nicht reif für tief greifende Veränderungen oder wir waren es nicht – oder beides. Weiterlesen

Gemeinschaft total

Konsequent konservativ – 8. Teil der USA-Reihe

In New Jerusalem hatten wir zum ersten Mal von ihnen gehört: Den Bruderhöfern. Eine christliche Gemeinschaft, ähnlich wie die Hutterer, aber erst 1920 in Deutschland gegründet. Durch Verfolgung im 3. Reich wanderten sie über Paraguay nach Nordamerika aus und gründeten dort einige „Bruderhöfe“. Wir wurden neugierig.

Nach unserem Besuch im Kloster hatten wir noch eine Woche Zeit. Der nächste Bruderhof war Woodcrest in Rifton, nördlich von New York City. Und auch dort wurden wir herzlich aufgenommen.

Bruderhof MannBruderhof FrauWir fühlten uns in der Zeit ein paar Jahrzehnte zurück versetzt. Die Frauen mit Kopftuch und Kleid, die Männer mit Hosenträgern und Karohemd. Einige von ihnen sprachen auch noch einen deutschen Dialekt, der dem hessischen ähnelte. Wir könnten so lange bleiben wie wir wollten, erzählte man uns, doch ab dem 2. Tag würde man von uns erwarten, in den Werkstätten mitzuarbeiten. Wir ließen uns gerne darauf ein. Weiterlesen

Meditation und Widerstand

Im Garten von Gethsemani – 7. Teil der USA-Reise

Waren wir früher politischer als die Jugendlichen heute? Vielleicht. Die Verhältnisse waren aber auch andere, irgendwie klarer. Die eine Hälfte der Welt wurde beherrscht vom Kommunismus oder, wie auch gesagt wurde, „realem Sozialismus“. Wir hatten dazu ein zwiespältiges Verhältnis: Einerseits lehnten wir die Regime von Moskau bis Peking cardenal-solentiname.jpgbis nach Tirana ab, andererseits faszinierten uns die Gedanken von Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Eindeutiger war unsere Einstellung zu den – meist von den USA gestützten – Diktaturen, z.B. in Nicaragua, Chile, den Philippinen, Südafrika und  verschiedenen anderen afrikanischen Staaten. Martin Luther King, Desmond Tutu und Ernesto Cardenal, der Priester aus Nicaragua, waren unsere Vorbilder. USA 7-32

Diese Namen begegneten uns auch immer wieder auf unserer Reise in die USA. Jim Wallis und Richard Rohr hatten mit Cardenal gemeinsam, dass sie alle sehr von einem Trappisten-Mönch aus Kentucky beeinflusst waren: Thomas Merton (1915-1968).

Schweigen und harte Arbeit sind die Kennzeichen dieses Ordens. Doch Merton hat nicht nur geschwiegen. Er engagierte sich auch politisch, gegen den Vietnam-Krieg, gegen Aufrüstung und Diktatur. Und er beschäftigte sich intensiv mit Buddhismus und Zen. Weiterlesen

Der wilde Mann

Die Basisgemeinde New Jerusalem – 6. Teil der USA-Reihe

Zwei Jahre vor der USA-Reise hatte ich von Johannes ein Buch geschenkt bekommen: Rohr Bücher„Der wilde Mann“, geistliche Reden zur Männerbefreiung von einem amerikanischen Franziskaner namens Richard Rohr. Nachdem die Studentenjahre von einer intensiven Beschäftigung mit dem Feminismus geprägt waren, kam hier ein Anstoß, sich mit der Spiritualität von Männern zu beschäftigen. Damals war das fast revolutionär. Und Richard Rohr war einer der Pioniere. Kann sein, dass es ohne ihn das Männerpilgern oder „Mann kocht“ in unserer Gemeinde gar nicht geben würde. Zmindest sind viele Initiativen zur „Männerbefreiung“ oder, wie er es nennt, „Männerinitiation“ von ihm beeinflusst, z.B. die „Männerpfade“ in Deutschland oder „Mannsein.at“ in Österreich. Weiterlesen

Shelter

John Steinbruck und die Obdachlosen – USA ’88, 5. Teil

Eigentlich waren wir nur nach Washington D.C. gekommen, um Jim Wallis und die Sojourners zu besuchen und intensiv kennenzulernen. Aber mal waren die verantwortlichen Personen nicht da, mal hatten sie keine Zeit. Lese ich mein Tagebuch von damals, spüre ich immer noch die Enttäuschung.

Luther PlaceAber wären wir erfolgreich gewesen, hätten wir Gordon Cosby nicht getroffen. Und auch John Steinbruck nicht, den Pastor der Luther Place Memorial Church, einer alt-ehrwürdigen lutherischen Kirche, die am Thomas Circle und damit mitten im Rotlichtbezirk lag.

Wir kamen gerade noch rechtzeitig in der Gemeinde an, denn John Steinbruck war praktisch schon auf dem Weg in den Urlaub und hatte die Angel schon in der Hand. Trotzdem war er bereit, uns seine Kirche und seine Lebensaufgabe zu zeigen. „Die Armen und die Obdachlosen“, sagte er, „sind die eigentlichen Bewohner des Reiches Gottes und damit Mitglieder der Kirche. Sie haben hier Aufenthaltsrecht. Weiterlesen

Task-Force-Gemeinde

Church of the Saviour – USA ’88, 4. Teil

Das Potter’s House dürfte in Washington D.C. schon eine Legende sein, ebenso wie sein Potters innenInitiator und die Geschichte, die hinter der Gründung steckt. In den Fünfzigerjahren wurde der Prediger Gordon Cosby mit seiner Frau einmal in eine Kirche in den New-England-Staaten eingeladen. Sie empfanden die Atmosphäre dort als ebenso unfreundlich wie kalt. Für die Nacht wurden sie über einer lauten Kneipe untergebracht, in der bis in die Morgenstunden wild gefeiert wurde. Am nächsten Morgen meinten sie, dass Jesus sich aber auf alle Fälle in dieser Kneipe wohler gefühlt haben dürfte als in der Gemeinde. Die Idee für Washingtons erste Teestube war geboren.

Potters innen neuSie eröffnete 1960 in Columbia Heights, im gemütlich-dunkelbraunen Stil der damaligen Zeit gehalten. Zur Zeit der Unruhen nach der Ermordung Martin Luther Kings war sie ein Ort des Friedens, und in den vielen Jahren und Jahrzehnten ihres Bestehens haben hier unzählige Menschen Obdach und Lebenshilfe gefunden. Hier wurden nicht nur neben Kaffee und einem guten Essen auch Bücher angeboten, hier fanden ebenso Ausstellungen, Gottesdienste und Versammlungen statt. Vor allem aber lebte das Haus von den Menschen, allen voran Gordon und Mary Cosby. Wir haben es selbst erlebt.

Potters OConnorKaum hatten wir einen Kaffee bestellt, setzte sich Elizabeth O’Connor zu uns („You are Germans!“) und erzählte von der Gemeinde, der Church of the Saviour. Später setzte sich Gordon Cosby himself dazu. Er war damals immerhin schon um die 70, und er erklärte uns die Grundzüge seiner Gemeinde: Ihm war es wichtig, dass die Menschen sich auf eine innere und eine äußere Reise begeben. Für die inward journey hatte die Gemeinde schon seit den Fünfzigerjahren in Maryland ein Recreation Center aufgebaut, um im Rhythmus der Natur, das heißt dem Rhythmus Gottes leben zu lernen. Und es ist wichtig, die eigene Berufung zu finden und auf die outward journey zu gehen. Das alles hat mich schon damals stark an die Exerzitien des Ignatius von Loyola erinnert, die ich selbst allerdings erst fast 20 Jahre später kennenlernen sollte.

Potters Cosby

Gordon Cosby

Die äußere Reise mündet dann nicht selten im Engagement für die Gemeinde. Die Church of the Saviour besteht aus verschiedenen Teams, zum Beispiel eins für das Recreation Center, ein anderes für das Potter’s House. Wenn aber das Team größer wird als etwa 30 Personen, muss es sich teilen und eine neue task, eine neue Aufgabe finden. Heute sind es 40 ministries, die zur Church of the Saviour und den aus ihr entstandenen Kirchen gehören, von einer Aids-Seelsorge über Familienbildung, Obdachlosenhilfe bis zur Fortbildung von kirchlichen Mitarbeitenden.

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Christ House

Cosby war wie Wallis zugewandt und geduldig, freundlich und ruhig. Man merkte aber auch, dass er es gewohnt war, aufmerksame Zuhörer zu haben. Zu Recht, wie Jim Wallis in seinem Nachruf beschreibt: Cosby hat unzählige Menschen begleitet und angeregt. Zum Beispiel Allan Goutcheus, den Präsidenten des Christ House, den wir auch im Potter’s House trafen.

ChristHouse Goutcheus

A. Goutcheus

Allan war Pastor der United Methodist Church und seine Frau Janelle Ärztin. Eigentlich wollten sie in Pakistan arbeiten, bekamen kein Visum und dafür Kontakt zu Gordon Cosby. Aus dieser Begegnung heraus entstanden das Columbia Health Center und das Christ House, eine Gesundheitsstation für Obdachlose: Hoffnung für die Hoffnungslosen. Im Unterschied zu den Gottesdiensten im Potter’s House und der Kirche der Church of the Saviour, die besonders von Weißen besucht wurden, nahmen hier auch sehr viele Latinos und Farbige teil. Wir kamen während unserer Zeit in Washington dann auch im Christ House unter.

Allan gab uns dann noch den Tipp, John Steinbruck von der Luther Place Memorial Church zu besuchen. Wir haben den Rat befolgt und nicht bereut.

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Das 2. Bild zeigt das Potter’s House bei unserem Besuch 2010 © Erik Thiesen
Alle anderen Bilder von 1988 © Johannes Jurkat

Im Zentrum der Macht

Die Sojourners in Washington D.C. – USA ’88, 3. Teil

In den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts teilte sich die christliche Welt – zumindest in Deutschland – ziemlich sauber auf in fromm-konservativ und kritisch-links. Ich selbst hatte diesen Weg ja mitgemacht: Von einem Evangelikalen mit entsprechenden moralischen Ansichten zu Homosexualität und Ehe zu einem bibel- und kirchenkritischen Theologiestudenten mit solider sozialistischer Gesinnung.

USA 3-29In den Achtzigerjahren aber suchte ich nach einer Verbindung zwischen diesen beiden Leben. Und fand sie in den USA. Dort fand sich eine evangelikale Gruppe, die sich abhob von den ganzen Fernsehpredigern und Evolutionsleugnern: Die Sojourners – zu deutsch etwa: die Freunde, die Wegbegleiter. Jim Wallis hatte sie in den Siebzigerjahren in Illinois gegründet. Weiterlesen