Jeremia. Zwei Predigten

Eigentlich hätte ich am letzten Sonntag auf der Kanzel stehen sollen. Aber dann grätschte eine gefährliche Metastase dazwischen. Die Predigt stand im Entwurf, und ich habe sie nun noch einmal aufbereitet. So wie hier abgedruckt hätte sie also aussehen können.

Daniel Birkner hat dann den kompletten Gottesdienst übernommen. Als ich meine Predigt überarbeitete, kannte ich die seine nicht. Jetzt finde ich es beeindruckend, wie gut sich beide ergänzen. Aber urteilt selbst. 

Die Last des Prophetenamts (Jeremias fünfte Klage)

7 Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. 8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des Herrn Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. 9 Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht. 10 Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.« 11 Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt.

(Hier geht es gleich zur Predigt von Erik Thiesen, die wieder kursiv gesetzt ist.)

Daniel Birkner: 

Liebe Gemeinde!

Jeremia leidet. Er leidet an seinem Leben, er leidet an seinem Gott, er leidet an seinem Auftrag, er leidet an sich selbst.

Er kann einem leid tun.

Wut und Verzweiflung stecken in seinen Worten. Er ringt mit seinem Gott.

„Ich bin zum Spott geworden. Sie lachen mich aus!“

Und er hat Angst: Sie wollen mich verklagen! Sie warten nur darauf, dass ich einen Fehler mache und falle. Sie wollen Rache an mir üben!

Er spricht das Klagegebet eines Menschen, der sich von Gott verlassen und sogar getäuscht fühlt. Und vielleicht die eine oder der andere von uns auch manchmal so.

„Du hast mich überredet. Ich habe das eigentlich nicht gewollt – und jetzt stehe ich hier und alles ist anders als gedacht. Als ich darüber nachdachte, dir zu folgen Gott, hatte ich mir erhofft, durch den Glauben ein erfülltes Leben zu finden, aber jetzt erlebe ich die andere Seite der Nachfolge. Ich leide unter meinem Auftrag.“

Um Nachfolge geht es heute. Und Jesus, das haben wir im Evangelium gehört, verschweigt nicht, dass es schwierig sein kann, dem eigenen Glauben zu folgen. Die Beschäftigung mit dem Glauben verändert einen Menschen: In seiner Wahrnehmung des eigenen Lebens, in der Wahrnehmung seiner Umwelt und der Menschen, in seiner Sicht auf das Leiden anderer. Wer sich mit dem Glauben beschäftigt, wer sich damit auch auf den Gedanken der Nächstenliebe einlässt, wird achtsamer und empfindsamer.

Das Leiden und das Kreuz Jesu – damit ist eine weitführende, tiefgehende Theologie verbunden – aber als erstes will es vielleicht erst einmal das: Mitgefühl erzeugen. Und zwar nicht mit Gott oder Jesus – es geht Jesus nie um sich selbst – sondern Mitgefühl mit Menschen, die leiden. Im Kreuz erblicken wir einen Auftrag: Nehmt das Leiden wahr. Verschließt euch nicht denen gegenüber, die Leid tragen.

Und dann entdecken wir das Leid so vieler Menschen auf unserer Erde und wissen erst einmal gar nicht, wie wir damit umgehen sollen. Am liebsten wieder weggucken.

Jeremia aber bekommt es nicht mehr hin, dass seine innere Stimme schweigt. Er wollte nicht mehr an Gott denken, er wollte nicht mehr predigen, aber es brannte in ihm wie Feuer, sagt er. Das Leid der anderen hat ihm weh getan. Er konnte und wollte dazu nicht mehr schweigen.

„Frevel und Gewalt!“ muss er rufen. Das bringt ihm keine Freunde ein. Im Gegenteil.

Die Menschen mögen es nicht, kritisiert zu werden. Der Überbringer schlechter Nachrichten wurde in der Antike auch schon mal deswegen umgebracht. Zumindest mundtot möchte man sie manchmal machen.

In den letzten Wochen dreht sich viel um Greta und die Schülerproteste bei der Aktion „Friday for future“.

Und die einen zollen ihr größten Respekt und die anderen überschütten das Mädchen persönlich wie auch die ganze Kampagne mit Hohn und Spott.

„Die gehen doch nur auf die Demo, um Schule zu schwänzen!“ „Die haben keine Ahnung von dem, was sie reden und fordern.“ Sie könnten doch auch am Wochenende demonstrieren“ schallt es ihnen entgegen.

Aber sie demonstrieren nicht aus Lust am Demonstrieren oder Schuleschwänzen, sondern aus Angst und Sorge. Und sie bekommen die Aufmerksamkeit nur durch den Rechtsbruch, es am Freitag zu tun. Und ich frage mich, warum die Schulen nicht aufspringen und das Thema aufgreifen? Warum nehmen sie das Interesse nicht auf, um mit ihren Schülerinnen und Schülern Projekte jetzt entwickeln, um dieses brennende Lebensthema zu vertiefen? Und dann sollten sie als Schulveranstaltung zu den Demos gehen. Wie oft habe ich in der Schule gesessen und mich gefragt: „Wofür brauche ich das in meinem Leben?“  Die Beschäftigung mit diesem Thema würde dem Lehrauftrag „Lernen fürs Leben“ und dem Bedürfnis der Jugendlichen entsprechen und es miteinander verbinden.

Viele Erwachsene stimmen nun den Jugendlichen und Kindern zu – ich tue das auch. Aber ich tue es auch mit einem schlechten Gewissen und mit Schuldgefühlen. Wir haben – wider besseren Wissens – zu wenig bisher gemacht. Wir sind zu selten wie sie auf die Straße gegangen, um zu protestieren und die Politik unter Druck zu setzen. Und zugleich ist ja nicht nur die Politik Schuld: Wir waren und sind in unserem Verhalten unverantwortlich gegenüber nachfolgenden Generationen gewesen.

Das kath. Hilfswerk Misereor hat im vergangenen Jahr eine Ausstellung mit 99 Karikaturen zu dem Thema: „Klima, Konsum und andere Katastrophen“ gemacht. Es war ein Blick in einen kritischen Spiegel. Eine Karikatur stellte einen Großvater mit seiner Enkeltochter dar. Sie stehen vor einer Landschaft mit kaputten Bäumen, und der Großvater sagt: „Ja meinst du denn im Ernst, da wäre auch nur einer noch in sein Auto gestiegen, wenn wir das gewusst hätten damals?“ Jetzt klagen die Jugendlichen uns an. „Ihr habt es gewusst und habt nichts getan!“

Martin Buber schreibt: „Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering -, die große Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.“

Es gibt Menschen, die den Klimawandel immer noch leugnen, andere, die ihn relativieren: „Vor 30 Jahren dachten wir, dass das Ozonloch immer größer würde! Dass alle Wälder sterben. Ist doch alles nicht so schlimm gekommen.“ Das erinnert mich an den Evangeliumstext: „Ach nein, Jesus. Ich würde gerne was tun und dir folgen, aber nicht gleich!“ Wenn Jesus sagt: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“, dann verstehe ich ihn so: „Sobald du die Wahrheit erkannt hast, ist es Zeit danach zu handeln.“

Die nachfolgende Generation hat Angst, dass Punkte in der Entwicklung des Klimas erreicht werden, in denen Prozesse in der Natur in Gang kommen, die unumkehrbar sind und zu dramatischen Veränderungen der Lebensbedingungen führen werden.

Dem Gewissen, dem Glauben, der inneren – auch anklagenden Stimme zu folgen ist nicht leicht. Nachfolge ist nicht immer leicht. Sie kann dazu führen, sich selbst hinterfragen zu müssen und auch die Welt mit anderen Augen zu beurteilen.

Was ich an Greta und all den demonstrierenden Jugendlichen bewundere, was ich an Jeremia bewundere – ist, dass er, dass sie es trotz des Gegenwinds, der ihnen entgegenschlägt, tun und dass sie nicht mehr schweigen wollen.

Das ist auch eine Form von Zivilcourage. Davon möchte ich lernen.

Das ist auch damit gemeint: den Hand an den Pflug zu legen und dann nach vorne zu sehen und was not ist zu tun.

Nachfolge braucht Mut.

Man muss kein Christ sein, um so zu handeln, zu fühlen und zu denken. Aber unser Glaube kann uns zu einer solchen kritischen Haltung führen und er kann uns den Mut geben, entsprechend zu reden und zu handeln.

Auch Jeremia kommt schließlich wieder dahin, doch zu hoffen: Gott wird bei mir sein wie ein starker Held.

Gegen die inneren Stimmen, die er hört und gegen die Stimmen von außen, die ihn einschüchtern wollen, hofft er, dass Gottes Stimme in ihm stärker sein wird. Und dass er Kraft aus dem Glauben bekommt.

Als zu Beginn der Woche in einer Diskussionsrunde bei Markus Lanz die Hamburger Schülerin, die hier die Demonstrationen organisiert, gefragt wurde, zu welchen Opfern sie bereit wäre, antwortete sie zunächst, dass sie vegan lebe und auf Flugreisen verzichten würde. Aber, und das fand ich noch viel interessanter, sie sagte, das seien aber keine Opfer für sie. Sie tue das ja für ihre Zukunft und ihr Leben.

Das ist Weisheit! Denn der Gedanke „sich einschränken zu sollen“ löst sofort Abwehr aus. Aber die Einsicht, dass es dem eigenen Leben dient, weckt Bereitschaft. Schon in der antiken Philosophie hat man über Glück so nachgedacht, dass man erkannte: es gibt Dinge oder Handlungen, die uns jetzt glücklich machen, aber auf Dauer Unglück bringen. Dem gegenüber gibt es andere Dinge, die nicht gleich, aber auf Dauer dann zu einem glücklichen Leben führen. Und natürlich ist letzteres vorzuziehen.

Wenn der Glaube in uns zur Anklage wird, dann nicht um uns zu sagen, wie schlecht wir sind, sondern um uns zu einem besseren, weil gerechteren und nachhaltigeren Leben zu locken. Der Glaube appelliert an unsere Kreativität, an unsere Phantasie, an unsere Liebe und Gefühl für Gerechtigkeit. Er macht uns, wie ich eingangs sagte, achtsam und mitfühlsam. Was wir tun, tun wir für uns, für die Generationen nach uns, für Menschen und Mitgeschöpfe, die andernorts schon unter dem Klimawandel leiden.

Die Schülerin wurde von Markus Lanz dann abschließend eingeladen, ein Schlusswort zu sprechen. Er sagte sinngemäß: „Du hast jetzt noch 1 ½ Minuten, alles zu sagen, was dir wichtig ist.“

Sie überlegte kurz, und antwortete: „Ich fasse es mal so zusammen: Wenn nicht jetzt, wann dann?“

„Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Amen

Erik Thiesen:

Liebe Gemeinde!

Jeremia gehört zu den bekanntesten Propheten und wird in der Bibel zu den drei „großen“ gezählt. Das liegt in erster Linie am Umfang seines Buches. Aber auch daran, dass er uns wie kaum ein anderer biblischer Autor auch persönlich ganz intensiv nahe kommt. In verschiedenen Kapiteln seines Buches öffnet er sich und sein Innerstes. Und was wir sehen und erleben – ist dunkel. Er ist enttäuscht, er leidet.

Er leidet an seinen Mitmenschen, die ihn ausstoßen und sogar verfolgen und ins Gefängnis stecken. Noch nicht einmal seine Familie hält zu ihm. Bis auf ganz wenige Freunde, Baruch gehört zu ihnen, ist er allein und vor allem einsam. Und das, weil er ihnen eine Botschaft zu verkünden hat, die er selbst nicht mag – die Botschaft vom Untergang Israels und Judas.

„Anstatt positiv zu denken“, sagen sie, untergräbt Jeremia die gesellschaftliche Moral. Und das gerade jetzt, im Angesicht der Gefahr aus Babylon, in der wir alle Kräfte mobilisieren müssen.“ – „Im Gegenteil“, meint Jeremia, „unterwerft euch dem Angreifer und überlasst den Rest dem Willen Gottes.“

Und nicht zuletzt leidet Jeremia an sich selbst, an seiner eigenen Schwäche: Er ist zu jung, zu ungeschickt, zu hilflos, um ein guter Prophet zu sein und das Wort Gottes wirksam zu verkünden. Eines Gottes, an dem er übrigens selbst leidet. Denn der hat ihm diese Unheilsbotschaft aufgetragen. Und ihm versprochen, bei ihm zu sein. Und ihn dann doch allein gelassen und an seine Feinde ausgeliefert.

Denkt Jeremia an Gott, dann nicht an Geborgenheit und Liebe, sondern an Dunkelheit und Einsamkeit. Und da stellt sich doch die Frage: Warum bleibt er bei ihm? Warum kehrt er ihm dann nicht den Rücken? Täte er das, er bräuchte keine Unheilsbotschaften mehr zu überbringen, das Verhältnis zu Familie, Freunden und Nachbarn könnte sich normalisieren. Jeremia würde es einfach besser gehen. Für den modernen Menschen wäre das völlig normal.

Aber nein, Jeremia bleibt. „Von Gott gepackt“, so nennt Elie Wiesel sein kleines Buch über „prophetische Gestalten“. Das gilt für Jeremia, besonders für ihn. Aber wie macht Gott das? In welcher Sprache spricht er zu Jeremia? Als Stimme aus dem Off? Welche Möglichkeiten hatte Gott damals, Menschen zu überzeugen? Oder waren die Menschen einfach naiver als wir heute?

Nun, möglicherweise hat sich auch gar so viel verändert seit damals. Vielleicht hat Jeremia gar keine sonderbaren Stimmen gehört. Vielleicht war seine Botschaft, seine Überzeugung wie bei mir entstanden: Durch Beobachtung der politischen Zustände, durch innere Überzeugungen, durch das geduldige Hören auf eine innere Erkenntnis.

Jeremia kam aus Anatot. Dieser Ort liegt eigentlich nicht weit weg von Jerusalem, etwa 7 km. Und doch war er ein Ort der Verbannung, man kam schlecht hin, und er lag ganz am Rand des Jerusalemer Verwaltungsbezirks. Jeremia war also nah genug am Zentrum der Macht, um sich ein Bild von der politischen Realität machen zu können. Aber er war nicht Teil des Systems, er konnte sich einen unabhängigen Blick bewahren. Und das machte ihn hellsichtig. Und wenn er den Willen und die Worte Gottes verkündet, dann klingt es wie: Seht ihr denn nicht, was vor Augen liegt? Sehr ihr nicht die übergroße Bedrohung durch die Babylonier? Woher eure katastrophale Überschätzung eurer Möglichkeiten?

Seine Gegner aber denken in anderen Kategorien. Sie sehen den Aufwiegler. Wenn wir jetzt nicht alle an einem Strang ziehen, sagen sie, dann erst kommt die Katastrophe. Wir brauchen keinen, der in Frage stellt. Keinen, der den Zweifel nährt. Wir wollen überleben, und wir werden es, denn Gott ist mit uns. Und die Ägypter sind es auch.

Und beide Seiten graben sich ein, kämpfen verzweifelt und mit allen Mitteln – wobei Jeremia natürlich in einer ganz schwachen Position ist. Das Einzige, was er auf seiner Seite hat, ist seine Überzeugung. Dass er letztlich auch politisch Recht haben wird, kann damals noch keiner wissen.

Und Jeremia ist auch keineswegs so selbstsicher, wie seine Botschaft manchmal glauben lassen will – wenn er mit großem Pathos verkündet: So spricht der Herr! Immer wieder fragt er nach dem Sinn des Ganzen, und er findet ihn nicht. Immer wieder sucht er nach sich selbst, sucht nach einer Gemeinschaft, die ihn trägt, und immer wieder wird er ausgestoßen, ja verfolgt. Nur wenige Freunde bleiben ihm. Denn wenn es darauf ankommt, will er auch keine Kompromisse eingehen. Er sucht nach der Wahrheit – oder besser: nach Wahrhaftigkeit in Zeiten der Unaufrichtigkeit.

Generationen von Predigern und Predigerinnen haben versucht, in Jeremias Fußstapfen zu treten. Sich nicht von der Politik oder der Wirtschaft einfangen zu lassen, sondern zu sagen, was ist. Ich denke da zum Beispiel an Margot Käßmanns Ausspruch: „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Sie hat damit der offiziellen Lesart widersprochen und gerade von sogenannten Realpolitikern viel Gegenwind bekommen. Sie hat sich an ihrer Überzeugung orientiert, ihrer Ethik vom Frieden, ihrer Orientierung an Bibel und Glauben.

Trotzdem hat sie mich nicht überzeugt. Gerade weil sie sich so sehr an ihrer christlichen Botschaft orientiert hat. Zu Recht, so meine ich, muss sie sich fragen lassen, ob man die Taliban wirklich effektiv mit Gebeten bekämpfen kann. Und welche Strategie nun wirklich die richtige ist, kann man erst im Nachhinein sagen. Wenn überhaupt.

Ich glaube auch nicht, dass wir als Christinnen und Christen der Politik sagen müssen oder auch nur können, wie sie zu handeln habe – so gerne wir auch ein solches sogenanntes „Wächteramt“ ausüben würden. Ich glaube viel eher, dass wir gar keine Antworten geben sollten, sondern vielmehr die Fragen stellen, die sonst keiner stellt.

Martin Buber erzählte dazu einmal eine Geschichte: „Es ereignete sich, dass ich einmal den Besuch eines unbekannten jungen Menschen empfing, ohne mit der Seele dabei zu sein. Ich ließ es durchaus nicht an einem freundlichen Entgegenkommen fehlen, ich unterhielt mich mit ihm aufmerksam und freimütig – und unterließ nur, die Fragen zu erraten, die er nicht stellte. Diese Fragen habe ich später ihrem wesentlichen Gehalt nach erfahren, erfahren, dass er nicht beiläufig, sondern schicksalhaft zu mir gekommen war, nicht um Plauderei, sondern um Entscheidung, gerade zu mir, gerade in dieser Stunde. Was erwarten wir, wenn wir verzweifeln und doch noch zu einem Menschen gehen? Wohl eine Gegenwärtigkeit, durch die uns gesagt wird, dass es ihn dennoch gibt, den Sinn.“ Und was wir für den persönlich-seelsorglichen Bereich erwarten, gilt genauso für den politischen.

Wenn wir uns als Christinnen und Christen mit den Fragen unserer Gesellschaft beschäftigen, mit der Politik oder mit der Wirtschaft, dann ist unser Ort nicht der Tempel der Kirche – also nicht unser religiöser Elfenbeinturm, unser biblisches Sonderwissen. Dann ist es aber auch nicht der Tempel der Macht. Es ist nicht unsere Aufgabe, irgendeine politische Richtung zu unterstützen.

Dann ist es der Ort, der für Jeremia Anatot war: Nahe genug, dass wir dabei sind, mit den Menschen fühlen und denken, den politischen Wind spüren, dass wir die Fragen erahnen, die die Menschen nicht stellen und nicht zu stellen wagen. Und weit genug weg, dass wir uns nicht von ihnen vereinnahmen lassen. Dass wir uns die Zeit nehmen und geduldig sind, bis die Antworten vielleicht sogar von selbst kommen. Es ist der Vorteil einer Kirche, die kleiner und unbedeutender wird: Wir können auch einmal zu spät kommen. Die Hauptsache ist, dass wir dann das hilfreiche Wort zu sagen haben, das weiterbringt, den Frieden fördert, Menschen zusammenführt. Dann wird aus unserem Wort Gottes Wort.

Amen.

Sapere aude

„Habe den Mut, weise zu sein“, lautet das lateinische Sprichwort. Immanuel Kant machte es zum Motto der Aufklärung und übersetzte: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Im Grunde könnte dieser Satz aber auch der Bibel entstammen… 

Der heutige Gottesdienst stand unter dem Motto „Glaube und Wissen“. Ausgangspunkt war ein Text aus dem Buch Kohelet, Kapitel 7,15-18 (E).

15 In meinen Tagen voll Windhauch habe ich beides beobachtet: Es kommt vor, dass ein gesetzestreuer Mensch trotz seiner Gesetzestreue elend endet, und es kommt vor, dass einer, der sich nicht um das Gesetz kümmert, trotz seines bösen Tuns ein langes Leben hat. 1Halte dich nicht zu streng an das Gesetz und sei nicht maßlos im Erwerb von Wissen! Warum solltest du dich selbst ruinieren? 1Entfern dich nicht zu weit vom Gesetz und verharre nicht im Unwissen: Warum solltest du vor der Zeit sterben? 1Es ist am besten, wenn du an dem einen festhältst, aber auch das andere nicht loslässt. Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten.

Begrüßung:

Liebe Gemeinde, herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst am Sonntag Septuagesimae. „Credo quia absurdum“ lautete in der Alten Kirche ein geflügeltes Wort: Ich glaube, weil es absurd ist. Das klang damals nicht ganz so widersinnig wie heute. Denn damals setzte man gleichberechtigt neben das Vernunftwissen das Erfahrungswissen. So schreibt Paulus (1. Korinther 1,18): „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.“ Wenn wir im unvernünftigen Wort vom Kreuz Gottes Kraft erfahren, dann ist Gott anders als wir meinen, und mit dem Menschen und seiner Vernunft kann etwas nicht stimmen. Der moderne Mensch aber setzt die Vernunft an die erste Stelle und kommt zum Schluss, dass dann mit Gott etwas nicht stimmen kann.

Müssen wir also, wenn wir an das Wort vom Kreuz glauben wollen, denken wie die vormittelalterlichen Menschen? Oder gibt es eine Brücke zum modernen Denken? Für diese Frage habe ich einen interessanten Gesprächspartner gefunden. Einen Denker aus der ganz alten Zeit, der sehr modern gedacht hat. Kohelet, den Prediger Salomo.

In diesem Gottesdienst soll aber nicht nur das Denken zu seinem Recht kommen, sondern auch das Feiern: Musik und Singen, Beten und Hören und Segnen – in christlicher Gemeinschaft unter Beteiligung des Heiligen Geistes, der mit dem Vater und dem Sohn lebt und regiert von Ewigkeit bis Ewigkeit. Amen.

Und die Predigt:

Liebe Gemeinde!

Obwohl sich das Wissen der Menschen enorm vergrößert hat und wir durch das Internet Zugang zu allen möglichen Informationen haben, halten sich immer noch eine Reihe von populären Irrtümern. Sie werden immer weitererzählt, sind aber trotzdem falsch. Falsch ist z.B., dass die Menschen im Mittelalter dachten, die Erde sei eine Scheibe, dass die Wikinger Helme mit Hörnern trugen und die Beatles und Rolling Stones miteinander verfeindet waren. Das alles kann man auch überall bei ernsthaften Wissenschaftlern nachlesen.

Es gibt aber einen Irrtum, dem selten widersprochen wird, gerade auch von Wissenschaftlern. Und das ist die Meinung, dass Glauben und Wissen Gegensätze seien. Und Wissen besser sei als glauben.

Gut, früher glaubten die Menschen, Jupiter schleudert die Blitze und die Erde ist in 7 Tagen à 24 Stunden erschaffen – und einige glauben das heute immer noch. Aber wir wissen es eigentlich besser. Und keine Frage: Da ist das Wissen dem Glauben überlegen.

Aber es gibt ja noch ein anderes „glauben“. Wenn ich sage: Ich glaube, dass es regnet, heißt es: Ich weiß es nicht, ich vermute mal. Wenn ich es wissen will, muss ich es anschauen, untersuchen, prüfen. Ich muss mich distanzieren, damit ich ein möglichst objektives Urteil fällen kann.

Wenn ich an etwas glaube, an den Sieg des HSV, an meine Kinder, an die Liebe oder auch an Gott, dann muss ich es ganz nah an mich heranlassen. Dann werde ich emotional, subjektiv. Der Glaube an die Kinder oder an Gott hat mit Logik nicht mehr viel zu tun; er ist eine Frage der Beziehung. Dann gibt es auch, objektiv gesehen, plötzlich mehrere Wahrheiten. Denn andere glauben an Borussia Dortmund und hoffentlich ihre eigenen Kinder.

Alles also nur ein großes Missverständnis, weil wir glauben und glauben nicht auseinanderhalten können? Religion und Wissenschaft gehören also nur in verschiedene Schubladen – wobei die Religion in unserer Gesellschaft immer mehr an Bedeutung verliert.

So dachte ich. Und dann lernte ich, dass Religion und Wissenschaft durchaus in eine Schublade gehören und sich nicht ausschließen müssen, ja, dass die Wissenschaft sogar ihre Wurzeln im Glauben, in der Religion hat.

Am Anfang jeder Wissenschaft steht die Frage: Könnte es nicht sein, dass…? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem und jenem? Eine Theorie wird aufgestellt und wieder verworfen, und so erweitert sich das Wissen von der Welt. Und je mehr wir wissen, desto mehr können wir beeinflussen.

Und genauso ist die Religion entstanden. Die Ägypter erkannten Zusammenhänge zwischen den Sternen und dem Nilhochwasser. Ihre Theorie: Da wirken Götter im Hintergrund. Und je besser wir diese Götter verstehen, desto mehr können wir sie beeinflussen.

Und genauso lesen wir es auch in der Bibel. Ursprünglich, so lesen wir in der Schöpfungsgeschichte, lebten Mensch, Natur und Gott in einer engen Beziehung. Dann stellt die Schlange die Frage: Sollte Gott gesagt haben…? Gott wird Objekt einer Untersuchung – der Anfang der Wissenschaft. Die enge Beziehung bricht auseinander. Und einen Weg zurück gibt es nicht, denn ein Engel steht davor. Der Garten wird zum Dornenfeld. Schmerzen und Leid gehören nun zu uns Menschen. Und wir können diese Folgen nur in den Griff bekommen, wenn wir forschen und erfinden, in der Landwirtschaft wie in Medizin und Technik. Macht euch die Erde untertan. Wir sind auf diesem Weg schon ganz schön weit gekommen. Und all das wird in der Bibel nicht Sünde oder Sündenfall genannt, sondern einfach nur erzählt.

In der Bibel geht es dann nicht so sehr um Fragen der Technik, sondern des Zusammenlebens: Was ist richtig, was falsch, damit wir leben und überleben können? Wenn sich etwas als erfolgreich erwies, wurde es aufgeschrieben und bekam mit der Zeit vielleicht sogar den Rang eines göttlichen (Zehn-)Gebots. Nach diesem Prinzip fanden auch die Propheten ihren Eingang in die Bibel – wenn ihnen der Lauf der Geschichte Recht gegeben hatte.

Die Autoren der Bibel waren Forscher. Und das gilt besonders für den, den Martin Luther den „Prediger“ genannt hat. Sein Name „Kohelet“ hat aber vielmehr mit „versammeln“ zu tun. Er sammelt Sprüche und Weisheiten – aber nicht die alten, die überlieferten und bewährten. Er beobachtet selbst.

Kohelet ist ein Philosoph ganz im Sinne des Sokrates. „Ich richtete“, schreibt er am Anfang des Buches, „mein Herz darauf, die Weisheit zu suchen und zu erforschen bei allem, was man unter dem Himmel tut.“ Und das macht er, konsequent und ohne Kompromisse. Er sieht die Welt an, und er ist erschüttert. Das Leben? Ein Hauch, mehr nicht. Gott? Auch er schenkt keine Geborgenheit mehr, sondern ist unberechenbar und letztlich ungerecht. Eine Gerechtigkeit nach dem Tod gibt es für Kohelet nicht. Das Streben nach Sicherheit ist sinnlos. Ja, selbst die Moral ist relativ. Kohelet ist der Existentialist unter den biblischen Autoren, melancholisch, manchmal sogar pessimistisch.

Und dann gibt er auch Ratschläge gegen den Weltschmerz: „Sieh, was ich Gutes sah: Es ist schön, zu essen und zu trinken und Gutes zu genießen für all die Mühe und Arbeit unter der Sonne in der ganzen Zeit seines Lebens, die Gott einem gegeben hat.“ Und er meint es keineswegs ironisch wie später Paulus, sondern wiederholt diesen Rat an mehreren Stellen.

Gut, er sieht auch, dass es den einen mehr als anderen vergönnt ist zu genießen. Wir sollten es akzeptieren, meint er. Und uns im Übrigen an Gott und seine Gebote halten. Was das allerdings genau bedeutet, wird bei ihm nicht so ganz klar. Auf alle Fälle nicht übertreiben, meint er, weder mit den Gesetzen noch mit dem Wissen:

Halte dich nicht zu streng an das Gesetz und sei nicht maßlos im Erwerb von Wissen! Warum solltest du dich selbst ruinieren? Entfern dich nicht zu weit vom Gesetz und verharre nicht im Unwissen: Warum solltest du vor der Zeit sterben? Es ist am besten, wenn du an dem einen festhältst, aber auch das andere nicht loslässt. Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten.

Kohelet hat gesehen, wie schnell Gesetzestreue in Selbstgerechtigkeit und Einbildung umschlagen kann. Er weiß, dass das Wissen zum Guten wie zum Schlechten verwendet wird und dass alles, was doch dem Leben dienen soll, schnell auch zum Tod führen kann.

Wer die Kunst des Maßhaltens beherrscht, so seine Überzeugung, der findet Ruhe in seiner Seele. Ganz ähnlich hören wir es von den griechischen Philosophen. Und er gibt uns den Rat: „Geh deinen Weg mit Verstand und mit offenen Augen.“ Das klingt auch sehr nach dem „Sapere aude“, das der Aufklärer Immanuel Kant viele Jahrhunderte später verkündete: Wage es, selber zu denken.

Wenn wir selber denken, können wir allerdings auch zu anderen Schlüssen kommen als Kohelet. Es kann Zeiten geben, in denen der Mittelweg nicht der richtige ist, in denen man sich entscheiden muss. Oder in denen man sich am besten ganz zurückhält. Und was für den einen gilt, muss für die andere noch lange nicht stimmen. Wir stehen an ganz unterschiedlichen Stellen in unserem Leben und haben ganz verschiedene Aufgaben. Das finden wir aber nur heraus, wenn wir uns unseres eigenen Verstandes bedienen.

Warum nur sind Wissenschaft und Glaube in einen Gegensatz geraten? Weil wir angefangen haben, an die Autoren der Bibel zu glauben und nicht, wie sie zu glauben. Wir haben gemeint, die Bibel wäre irgendwann vor fast 2000 Jahren abgeschlossen gewesen. Aber sie wird weitergeschrieben, durch jeden, jede von uns. Jeden Tag.

Wir sind, wie die Autoren der Bibel, auf einer Pilgerreise durch ein Land, das uns bekannt ist und dann wieder ganz neu. Wir haben keine Sicherheit – noch nicht einmal die, dass Gott uns trägt und wir tatsächlich ans Ziel kommen. Wir haben nur sein vages Versprechen: Ich werde mit dir sein. Ob es stimmt, werden wir nur herausfinden, wenn wir gehen. Und Pilger reisen mit leichtem Gepäck. Pablo Neruda nennt die Dinge, die wir brauchen. Er schreibt:

Nur drei Dinge nahm er mit
auf seine Pilgerreise:
die Augen geöffnet für die Weite,
die Ohren gespitzt
und den leichten Schritt.

Amen.

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Beitragsbild: Motto der Manchester Grammar School, by Sallyannewilliamson – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9950216

Geheimnis des Glaubens

„Geheimnis des Glaubens – deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ So sprechen die Katholiken, so sprechen wir auch manchmal zum Abendmahl. Geheimnisvoll ist schon dieser Satz – wie der Vers aus dem 1. Timotheusbrief, der ebenfalls vom Geheimnis des Glaubens spricht und Grundlage der Predigt in der Christmette in der Kirche am Markt in Niendorf war. Gemeinsam mit Daniel Birkner (seine Abschnitte sind kursiv gesetzt) konnte ich auf der Kanzel stehen.

Es ist ein Geheimnis um Weihnachten. So wie um unseren Glauben ein Geheimnis ist. Davon spricht ein Vers aus der Bibel. Paulus schreibt an Timotheus (Kapitel 3, Vers 16):

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens – Jesus Christus.
Er ist uns erschienen als Mensch
und freigesprochen worden im Geist.
Er wurde erkannt von den Engeln
und bekannt unter den Völkern.
Er wurde geglaubt in der Welt,
und aufgenommen in Herrlichkeit.

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens – Jesus Christus.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens. Groß ist das Geheimnis von Weihnachten. Wie auch immer die letzten Stunden gewesen sind – ob die Geschenke glücklich gemacht haben oder enttäuschend waren, ob das Zusammensein harmonisch war oder anstrengend, ob Sie Weihnachten eher als den Geburtstag Jesu Christi oder als Fest mit der Familie gefeiert haben – jetzt sind Sie hier, um noch einmal in besonderer Weise Weihnachten zu erleben, das Geheimnis von Weihnachten.

Natürlich gibt es diejenigen, für die Weihnachten eine einzige Enttäuschung ist und immer war. Sie fliehen die Lieder, das gedimmte Licht und die allzu oft vorgetäuschte Weihnachtsharmonie. Andere erwarten schon deshalb nichts von dieser Zeit, weil das Leben für sie keine Geheimnisse kennt – nur Rätsel, die man prinzipiell lösen kann.

Wir aber reden vom Geheimnis von Weihnachten: Dass Gott in die Welt kam, damals vor 2000 Jahren. Und was kam denn überhaupt in die Welt? Gott? Auch das – ein Geheimnis. Denn wir können Gott nicht fassen, nicht denken; und jeder, jede von uns hat zudem eigene Vorstellungen von dem Gott, an den wir glauben oder an den wir gerade nicht glauben. Gott ist der große Unbekannte, die Lebenskraft, das Leben an sich. Er ist der liebe Gott und verhindert doch nicht das ganze Leid auf dieser Welt. Er ist unberechenbar. Unfassbar. Unsichtbar.

Aber wir sagen: Er hat sich gezeigt. Er ist erschienen. In einem Menschen. Er wurde sichtbar und anfassbar. Damals in Bethlehem, in einem kleinen Kind. In Windeln gewickelt – und die hatte es nicht nur, damit es von den Hirten besser erkannt wurde. Die hat es gebraucht. Denn Gott wurde ein normaler Mensch – wie du und ich.

Das Geheimnis von Weihnachten: Der unfassbare, allmächtige Gott offenbart sich in einem Kind. Ein einfaches Kind. Das soll der Erlöser sein. Später werden auch viele Wunderlegenden von dem Kind erzählt. Aber Lukas erzählt von einem einfachen Kind in Windeln.  

Gott wird anfassbar, sagst du. Gott wird sichtbar. Aber das muss ich erst einmal glauben. Denn ich habe dieses Kind weder angefasst, noch gesehen. Aber – ich glaube es. Ich glaube, dass in Jesus von Nazareth das Göttliche in einer Weise Gestalt annahm, dass wir Menschen darin wahrnehmen können, welch Göttlichkeit auch auf uns liegt, welch Göttlichkeit auf dieser Welt liegt. Ich glaube das. Aber das ist ein weiteres Geheimnis. Geheimnis des Glaubens. Woher kommt das? Es ist ja, als ob noch immer Wellen von diesem Kind in der Krippe ausgingen, und von dem, was Jesus dann lebte und lehrte. Das hat mich schon in meiner Jugend, als mir christlicher  Glaube noch fremd war, dennoch fasziniert: da gab es vor 2000 Jahren einen Menschen und noch heute richten Menschen ihr Herz und ihre Taten nach ihm aus.  So, als ob er durch Jahrtausende hindurch greifen und Herzen berühren kann; meins hat er dann auch erreicht. Dorothee Sölle hat es für mich auf den Punkt gebracht. Sie hat einmal den schönen Satz gesagt: „am ende der suche nach der frage nach gott steht keine antwort sondern eine umarmung.“

Ich habe viel über den Glauben nachgedacht, aber seine Wurzel hat er nicht im Kopf, sondern im Herz. Wie im Einzelnen mein Glaube entstanden ist, ist kaum zu beschreiben. Geheimnis des Glaubens. Was ich empfinde ist: Glauben zu können ist ein Geschenk.

Und du sagst es, Daniel: Mit dem Glauben ist es so eine Sache. Die einen können’s, die anderen nicht. Erstere haben es sicher einfacher in der Kirche, die anderen müssen sich ein wenig mehr anstrengen. Aber vielleicht gelingt es ja, wenigstens für heute Abend, für diesen Gottesdienst. Stellen wir uns doch einfach vor, dass Gott oder, wie du auch sagst, das Göttliche in einem Kind erschienen ist. Durch Jesus wird der unfassbare Gott fassbar. Gott kommt uns nahe. „Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werden könne“, sagte schon  im 2. Jahrhundert der Kirchenvater Irenäus. Das klingt für unsere protestantischen Ohren ungewohnt, ja vermessen. Wenn wir sagen: „Der Mensch spielt Gott“, so meinen wir: Er spielt sich auf zum Herrn über Leben und Tod. Fühlt sich allmächtig – und zerstört damit die Grundlagen unseres Lebens. Genau das Gegenteil aber ist gemeint. Wenn wir Gott – oder göttlich – werden, dann heißt das: Wir verwirklichen in unserem Leben den Willen Gottes. Und der Wille Gottes ist, dass allen Menschen geholfen werde. Auch uns selbst.

Deshalb hat Gott nicht die eine allgemeine Botschaft für alle. Denn wir brauchen, wenn uns geholfen werden soll, durchaus unterschiedliche Hilfen, weil wir verschieden sind. Und wir gehen, wenn wir den Willen Gottes tun, auch unterschiedliche Wege. Als Christinnen und Christen sagen wir: Diesen Weg gehen wir am besten in der Nachfolge Jesu. Denn in ihm sehen wir, wer wir eigentlich sein sollen. Deshalb gibt es auch so viele unterschiedliche Geschichten von Jesus – weil wir Menschen so unterschiedlich sind.

„Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werden könne“, sagt Irenäus. Ich stelle dem ein verwandtes Wort zur Seite: „Mach es wie Gott – werde Mensch.“

Wir sagen manchmal: „Was der gemacht hat, war echt unmenschlich.“ Oder umgekehrt: „Man sollte menschlich miteinander umgehen.“ Wenn wir das so sagen, haben wir ein hohes Ideal des Menschen vor Augen. Wir haben ein Bild vor Augen – vom wahren Menschen. Wir wissen alle, was es bedeutet. Wir tragen dieses Bild in uns. Ein Bild der Liebe und Nächstenliebe. Es ist in gewisser Weise das Bild, das Jesus verkörpert. Würden wir alle mit solcher Liebe, gepaart mit Achtung und Respekt seinem Beispiel folgen, wären viele Veränderungen zum Guten möglich. Menschlich sein – göttlich sein: Jesus spiegelt uns beides – das Göttliche und das Menschliche. Und auch die Abgründe des Menschseins.

Für dich ist Jesus ein Bild der Liebe. Das ist er für mich auch. Noch mehr aber bewundere ich an ihm, wie er seinen eigenen Weg gegangen ist: den Weg der Gewaltlosigkeit. Er hat nach dem Guten gesucht, in der Welt, in den Menschen und auch in Gott. Er hat sich nicht beirren lassen, weder von seinen Anhängern noch von seinen Gegnern. Er strebte nicht nach Macht und Reichtum und war sich bewusst, dass ihn sein Weg ins Leiden und schließlich in den Tod führen könnte. Und so ist es ja schließlich auch gekommen. Er setzte sich für die Menschen ein, und er hat immer wieder gepredigt: Glaubt daran, dass Gott es gut mit euch meint. Glaubt an das Gute im Leben und in Gott. Und ich glaube, dass Jesus ein wirklich freier Mensch war.

Daniel: So heißt es – etwas geheimnisvoll – ja auch in unserem Hymnus: Freigesprochen im Geist. Freispruch – das klingt immer nach Gerichtsverhandlung. Aber es geht hier um eine andere Freiheit. Es geht um eine Freiheit von Zwängen. Um die Freiheit vom zwanghaften Gefühl: erst wenn ich etwas geleistet habe, habe ich es verdient geliebt zu werden. Jesus weiß sich uneingeschränkt geliebt von Gott und lebt aus dieser Liebe.

Wir müssen nichts vorweisen, wir müssen nichts leisten und werden umarmt. Das ist der Freispruch im Geist – wir sind frei – von der Last der Selbstrechtfertigung. Glauben heißt: loszulassen von dem Zwang, etwas vorweisen zu wollen und darauf zu vertrauen: Du bist geliebt. „Lass los von der Vorstellung, etwas dafür leisten zu müssen!“ Gott liebt! Punkt. In den Krippenspielen wollen die Hirten dem Kind gerne etwas mitbringen. Lukas erzählt davon nichts. Sie haben nichts und brauchen nichts mitzubringen – und doch sind sie die, die Gott als erstes anspricht. „Euch ist heute der Heiland geboren!“

Und dass in Jesus Gott selbst auf die Erde gekommen ist, können wir nicht beweisen oder erklären. Alles, was wir sehen, ist ein normales Kind. Wir können es aber leben und erleben. Wir können es bekennen und davon singen, wie die ersten Christinnen und Christen den Timotheus-Hymnus:

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens – Jesus Christus.
Er ist uns erschienen als Mensch
und freigesprochen worden im Geist.
Er wurde erkannt von den Engeln
und bekannt unter den Völkern.
Er wurde geglaubt in der Welt,
und aufgenommen in Herrlichkeit.

So haben sie gesungen, weil sie in Jesus ihr eigenes Leben wiedergefunden haben. Und weil sie gespürt haben, wie das Göttliche sie berührt hat. So singen wir auch jedes Jahr wieder zu Weihnachten, weil wir zumindest etwas ahnen von dem Geheimnis unseres Glaubens, dass Gott in die Welt, zu den Menschen, zu uns gekommen ist: Himmlische Heere jauchzen dir Ehre. Freue dich, o Christenheit.

Amen.

Mien Fründ Hein

„Mien Fründ Hein“ begegnet mir seit einigen Jahren, immer zur Weihnachtszeit, immer auf dem Weihnachtsmarkt. Und beim Waldsingen erzähle ich von ihm. So auch gestern wieder.

Hein schnackt nur platt. Und da ich diese Sprache auch spreche, wenn auch nicht als Mutter-, so doch als 1. Fremdsprache, erzähle ich von ihm auf platt. Diesmal ging es um Weihnachtsfilme, die wir aus Tradition gemeinsam mit der Familie schauen. Und wer gestern nicht dabei gewesen ist, kann die Geschichte hier noch einmal nachlesen. 

Nun kann ich zwar leidlich platt, habe aber nie die plattdeutsche Rechtschreibung gelernt. Wer eine Übersetzung braucht – ich stehe gerne zur Verfügung. 

Un nu, leewe Neendörpers un Lüüd vunne Nawerschapp, warrd dat werr lütt bet plattdüütsch. Denn een Geschicht vun mien Fründ Hein, de will ik nuch vertellen. Letz dreep ik em oppe Wiehnachtsmarkt und segg: „Na, wat is mit’n Punsch.“ – „Ne“, seggt he, „heff keen Tied.“ – „Watt, segg ik, keen Tied? Wat is denn wichtiger ass’n Punsch?“ – „Ik mutt nah Huus“, seggt he. „Mitte Famili Fernsehn kieken.“ – „De ganze Famili, segg ik? Wat is denn dat förn Film, wo de ganze Famili al tohoop kieken deiht? Dien Dochter, dien Söhn, dien Frau und du?“ – „Na“, seggt he, „dat maken wi jede Johr inne Wiehnachtstied. Wi kaam tosaam und kieken ‚Is dat Lewen nich schöön?‘“ – „Ah“, segg ik, „de kenn ik, dat is doch de mit James Stewart, wo he sik ümbringen will, wieldat he een Fehler maakt hett? Un he meent, sien Lewen hett keen Sinn – un denn kummt een Engel un wiest em, wat ut sien Stadt wurrn weer, wenn he nich leewt harr? Und dat he ganz veel Guudes dahn hett?“ – „Jo“, seggt Hein, „unne Geschicht is so schöön un geiht so to Harten, un jedereen vun uns hett Traan inne Oogen ann’t Enn, un vun dor mööten wi dat sehn, jede Johr. Ok wenn de Film öwer sömtig Johr old is.“

Glühweinstand„Wi hemm ok sunn Film“, segg ik. „Bi uns is dat die lütte Lord.“ – „Ah, seggt Hein, „dat is de mitte amerikaansche Jung, de awers eegentlich de Enkel vunne rieke un böse englische Lord is. Un wieldat de lütte Lord jümmers an’t Goode inne Minschen glööwt, ok bi sien Grootvadder, dorum warrd de ok nuch gude Minschen.“ – „Jo“, segg ik, „un dat is bi uns Traditschon – Wiehnachten kümmt de ganze Famili tosaam un kiekt de lütte Lord. Wat mutt, dat mutt.“ – „Jo“, seggt Hein, „wat mutt, dat mutt.“ Un löppt nah Huus to sien Famili. Keen Punsch dit Johr.

Leewe Neendörpers, de eene Film is öwer sömtig Johr old. De annere spelt in’t neenteinste Johrhunnert. Dat sünn ole Geschichten – passeert dat hüüt nich mehr? Duch, dat glööw ik, sowatt passeert hüüt un alle Daag. Awers hüüt is dat Olldaag. Dat passeert, wenn wi een guude Wuurt för de Famili öwer hemm, dat passeert, wenn wi unse Nawer anlächeln dohn, wenn wi de helpen dohn, de nich vun hier is un de sik nich utkennt un egentlich jedereen, de uns bruuken deit.

Un wenn wi de olen Geschichten sehn un höörn, denn warrn wi wies: Dat Guude, wat wi doon, dat is nich umsüns. Un ann’t Gude in’t Minschen glooben, dat maakt Minschen gud. Wi hemm de olen Geschichten nöödig. So ass de Geschicht, de tweedusend Johr old is und de wi jede Johr an Wiehnachten fiern: De vun Maria un Josef ut de Bibel.

Denn heff ik de plattdüütsche Wiehnachtsgeschicht lesen, ut „Dat ole un dat Nie Testament in unse Moderspraak, vun Johannes Jessen. In’t Internet fint man de ok, op Hosteener Platt:

De Wiehnachtsgeschicht erinnert uns, dat jüss wenn dat duuster is, dat Licht inne Welt kümmt. Wi mööten blots an glooben – so as James Stewart an sien Engel glooben dee un de lütte Lord an’t Guude in sien Grootvadder. Denn warrd dat ok wohr.

Veelen Dank.

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Der Abend war schön. Posaunix, die Bigband der FF Garstedt und der Chor Musicorie spielten und sangen, und Daniel Birkner führte uns durch das Programm. Es war kalt und stimmungsvoll.
Mien Fründ Hein ist natürlich nicht zu verwechseln mit „Freund Hein„, den ich erst vor gut zwei Jahren zum ersten und bisher einzigen Mal in Mainz in der Tür habe stehen sehen – damals nach der Diagnose, die seitdem unser Leben prägt. Und so wurde ich i
m Anschluss an das Waldsingen auch von einigen Gästen nach meinem Zustand gefragt. Deshalb hier ein kurzer Überblick: Gestern begannen die Bestrahlungen an Kopf und Leiste, und sie dauern bis Jahresende. Leider hat sich offensichtlich am Fuß eine weitere Metastase gebildet, die die Ärzte, wenn es gut geht, demnächst operativ entfernen.

Bildnachweise:
Beitragsbild: Die Tipi Lounge, Mittelpunkt des Nordischen Weihnachtsmarkts auf dem Tibarg.

Bild im Text: Glühweinstand auf dem Nordischen Weihnachtsmarkt. Beide Bilder: © tibarg.de, Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Nina Häder, Quartiersmanagerin.

Bedeutende Zeiten

 

Predigt am 14. Oktober 2018, dem 20. Sonntag nach Trinitatis

Warum nur habe ich mich im Gottesdienst heute wieder so wohl gefühlt? Weil Daniel ihn so schön gestaltet hat? Weil so viele freundliche, offene, fröhliche, traurige, junge und ältere Menschen da waren? Weil es einfach Niendorf ist? Oder einfach alles zusammen und noch viel mehr?

Hier also wieder die Predigt. Die Grundlage war 1. Korinther 7, 29-31, ein Abschnitt innerhalb eines Kapitels, in dem es um Mann und Frau geht. Viel wichtiger aber ist seine Zeitansage: 29 Aber eins muss ich euch sagen, Brüder und Schwestern: Die Zeit ist knapp. Künftig gilt: Wer eine Frau hat, soll so leben, als hätte er keine. 30 Wer weint, soll sich nicht von der Trauer gefangen nehmen lassen. Wer sich freut, soll sich nicht in der Freude verlieren. Wer etwas kauft, soll es nicht festhalten wollen. 31 Und wer die Dinge dieser Welt benutzt, soll gut auf sie verzichten können. Denn die Welt, so wie sie ist, vergeht. (Text nach der Basisbibel)

Liebe Gemeinde!

„Ganz entspannt im Hier und Jetzt“ – die Älteren unter uns erinnern sich bestimmt: Vor ungefähr 40 Jahren machte ein indischer Guru auf sich aufmerksam: Bhagwan Shree Rajneesh. Er versammelte eine große Schar von Anhängerinnen und Anhängern um sich, die dann oft mit orange gefärbten Gewändern durch die Stadt liefen. Er versprach den Menschen Orientierung, Ruhe und Erleuchtung. Und vor allem ein erfülltes Leben in Gelassenheit und Erfüllung: ganz entspannt im Hier und Jetzt.

Bhagwan ist 1990 gestorben. Sein Imperium aber lebt weiter, und nicht wenige Sinnsuchende pilgern auch heute noch zu seinem Ashram in Pune. Denn seine Botschaft scheint gerade für uns im Westen attraktiv und zeitlos zu sein. Aufmerksam für das, was uns heute begegnet. Achtsam zu sein, sagen die Buddhisten.

Achtsam – das Wort haben wir vorhin schon gehört, am Anfang des Gottesdienstes, der Wochenspruch vom Propheten Micha: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Gerechtigkeit üben, Freundlichkeit lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“ Das war 1995 das Motto des Hamburger Kirchentags – mit dieser Formulierung. Achtsam mitgehen – hat der Buddhismus schon den Kirchentag gekapert? Denn wir kennen den Vers eigentlich anders. Bei Luther heißt es: „…was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Luther scheint mit Demut eher an konkrete Gebote zu denken, auf dem Kirchentag und übrigens auch in der Einheitsbibel geht es mit Achtsamkeit eher um eine innere Haltung.

In der Tat kann man das entsprechende hebräische Wort so oder so übersetzen – ein Beispiel dafür, dass unser Glaube schon von der Sprache her eine große Weite hat: Was für Paulus die Demut ist, ist für mich die Achtsamkeit.

Paulus dagegen scheint eher auf der Seite Luthers zu stehen. Er hat einen ausgeprägten Sinn für Vorschriften und Hierarchien, bis in das Verhältnis von Mann und Frau hinein. Der Mann sei das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Gemeinde sei, meint er (1. Korinther 11,3). Und jeder solle in seinem Stand bleiben, ob Sklave oder Herr. Wer verheiratet ist, soll es bleiben. Und wer nicht, soll es lieber bleiben lassen, damit man sich ganz für das Reich Gottes einsetzen kann – es sei denn, das körperliche Begehren ist einfach zu stark.

Das klingt alles ein bisschen retro. Ich glaube, dass die meisten unter uns doch ziemlich erstaunt wären, wenn sich ein Pastor in unser Liebesleben einmischen würde. Und so mag jeder und jede für sich selbst entscheiden, ob man sich nach den Vorgaben des Paulus richtet. Für mich hat er deutlich zu wenig Ahnung vom Verhältnis zwischen Mann und Frau.

Aber da ist noch etwas anderes. Paulus steht unter Druck. „Die Zeit ist knapp“, sagt er. Wir wissen, dass er wie die Gemeinde damals überhaupt mit der nahen Wiederkunft Jesu gerechnet hat. Und dann klingt seine Botschaft wie: Schwestern und Brüder, wir haben nicht mehr viel Zeit. Nächstes Jahr am Freitag kommt Christus wieder, lasst uns die Tage bis dahin nicht mit Nebensächlichkeiten wie Ehe und allem, was damit zu hat, vergeuden.

Dann hätte die Botschaft für uns allerdings auch nur begrenzte Relevanz. Denn seit damals sind eine Menge Freitage ins Land gegangen, und auch für die nächste Zeit rechnen wir nicht unbedingt mit der Wiederkunft Christi. Natürlich wissen wir, dass auch unsere Zeit kurz sein kann, dass wir jederzeit sterben können. Trotzdem planen wir schon mal den Urlaub fürs nächste Jahr und zahlen in die Rente ein.

Aber vielleicht missverstehen wir den Apostel auch. Denn die Zeit, die vergeht, heißt auf griechisch Chronos. Hier aber steht Kairos. Und das heißt so viel wie günstiger Zeitpunkt, und zwar die beste Zeit für eine Entscheidung. Wenn wir zu früh handeln oder zu spät, dann haben wir nicht den richtigen Kairos getroffen. Und dieser Kairos ist, so meint Paulus, kurz. Oder vielmehr: zusammengedrängt. Und dann heißt seine Botschaft: Die Zeit, in der wir jetzt leben, ist sehr wichtig, sehr bedeutend. So ähnlich sagte es auch der Bhagwan: Lebe im Hier und Jetzt – nur ist Paulus nicht ganz so entspannt. Sondern vielmehr aufmerksam, wach, bereit und achtsam.

Dieser Zeitpunkt ist wichtig – das heißt dann auch: Wir sind wichtig, jeder und jede Einzelne von uns, was wir tun oder unterlassen. Ob wir mit „somm Gesicht“ durch die Gegend laufen oder freundlich lächeln. Wie wir mit anderen umgehen und mit uns selbst. Und welche Entscheidungen wir treffen.

Und stehen gleich vor der nächsten Schwierigkeit. Denn es ist gar nicht so einfach, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Bei Paulus hört sich das so an: „Künftig gilt: Wer eine Frau hat, soll so leben, als hätte er keine. Wer weint, soll sich nicht von der Trauer gefangen nehmen lassen. Wer sich freut, soll sich nicht in der Freude verlieren. Wer etwas kauft, soll es nicht festhalten wollen. Und wer die Dinge dieser Welt benutzt, soll gut auf sie verzichten können. Denn die Welt, so wie sie ist, vergeht.“

Das mag ja sein, hört sich für mich aber erstmal nur so mittelgut an. Ich würde schon darauf bestehen, dass ich so lebe, als hätte ich eine Frau. Und wenn ich traurig bin, dann möchte ich traurig sein. Und wenn fröhlich, dann fröhlich. Es mag ja sein, dass diese Welt vergeht. Bis dahin würde ich sie aber gerne voll auskosten.

Andererseits ist genau das der Ratschlag der großen spirituellen Meister: Jesus rät dem reichen Jüngling, alles zu verschenken. Buddha meditiert, um sich von der Welt frei zu machen. Ignatius predigt die indifferentia: Sich einüben in eine Haltung, in der es nicht wichtig ist, ob man reich ist oder arm, angesehen oder verachtet. Ja, auch ob man gesund ist oder krank, ob man früh stirbt oder als alter Mensch ist nicht so wichtig wie – den Willen Gottes zu tun.

Und Gott will, dass ich genau das tue, was ich eigentlich will. Was mir innere Ruhe und Trost gibt. Was meine Berufung ist. Und es gibt Dinge, die mich genau davon abhalten. Für Ignatius waren es eben Reichtum, Ehre, Gesundheit und langes Leben.

Reichtum für sich ist nichts Böses; ich darf ihn genießen. Wenn er mich aber davon abhält, zu mir selbst zu kommen und das zu tun, was meine Bestimmung ist, dann sollte ich mich von ihm trennen. Das ist gar nicht einfach, und ich weiß viele Gründe und Entschuldigungen für faule Kompromisse. Doch mit jedem dieser Kompromisse schade ich mir selbst.

Und so ist es längst nicht damit getan, irgendwelche Gebote zu erfüllen, und seien sie noch so biblisch. Wenn wir zu uns selbst kommen wollen, sollten wir uns selbst kennen – oder zumindest immer besser kennenlernen. Das kriegen wir sicher nicht vollkommen hin. Aber schon der Weg dahin ist spannend: der Weg zur Selbsterkenntnis und zur Gotteserkenntnis.

Wir merken es, wenn wir auf der richtigen Spur sind. Denn wir haben einen inneren Maßstab. Wir spüren, wie wir frei werden und gelassen, wie wir innerlich reifen und einen offenen Blick für die Zukunft bekommen. Und dieses Gespür können wir trainieren – in der Stille und durch geistliche Übungen, mit Geduld und Achtsamkeit, auch in der Auseinandersetzung mit der Bibel und den Menschen.

Und wir haben eine äußere Orientierung: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Nichts anderes als Gerechtigkeit üben, Freundlichkeit lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“

Amen.

Jeremias Berufung

Jeremia hatte offenbar einen direkten Kontakt zu Gott und brauchte sich keine Gedanken darum zu machen, was er sagen und tun sollte. Und wie bekommt Gott heute Kontakt zu uns? Eine Spurensuche am 9. Sonntag nach Trinitatis. Wie eigentlich jede Predigt eine Spurensuche ist. 

Liebe Gemeinde!

Am 9. Juli 2000 wurden Susan Kigula und ihre Familie brutal überfallen. Ihr Mann wurde getötet, sie selbst schwer verletzt. Doch der Albtraum sollte erst beginnen. Während sie sich mit ihrer Tochter noch bei ihrer Familie erholte, zeigte die Familie ihres Mannes sie an – der Vorwurf: Sie habe ihn selbst ermordet. Sie wurde angeklagt und verurteilt zum Tod durch den Strang. Und weil sie – wie viele Frauen in Uganda – ihre Rechte nicht kannte, konnte sie sich nicht wehren.

In der ersten Zeit im Gefängnis war sie nur verzweifelt. Aber nach und nach, jeden Monat ein wenig mehr, fand sie den Mut, mit ihrem Leben etwas anzufangen. „Ich konnte ja nicht nur auf den Tod warten“, sagt sie heute. Und ich glaube, es war der Heilige Geist, der in ihr groß wurde: der Geist, der ihr Trost und Kraft gab. Sie gründete einen Chor, eine Tanzgruppe, schrieb Gospels und sorgte dafür, dass die Frauen – wie die Männer auch – im Gefängnis zur Schule gehen konnten. „Gott, nur du weißt, wie ich das überleben werde“, dichtete und sang sie in der Zeit. Und dann kam Gott selbst zu ihr. In Gestalt eines englischen Jurastudenten namens Alexander McLean, der die Bedingungen in afrikanischen Gefängnissen verbessern wollte. Er lernte Susan Kigula kennen. Und er war fasziniert von dieser Frau. Er ermöglichte ihr, dass sie Jura studieren konnte. Er besorgte ihr Audiodateien und Bücher, und sie lernte, immer nachts. Am Anfang wollte sie verzweifeln. Aber aufgeben war für sie keine Option.

Mit der Zeit konnte sie Mitgefangene beraten. Und dachte bald größer: Sie reichte Verfassungsklage ein: Die Todesstrafe sei unmenschlich, meinte sie, und deshalb verfassungswidrig. Sie klagte gegen den Staat Uganda – und gewann sensationell. Damit rettete sie unzähligen Menschen das Leben. Selbst der Nachbarstaat Kenia änderte daraufhin seine entsprechenden Gesetze.

Wir müssen nicht durch die Hölle gehen wie Susan Kigula es getan hat, um zu wissen: Das Leben von jedem Einzelnen von uns ist geprägt von ständigem Auf und Ab – manchmal leicht, manchmal ganz schön mühsam, und manchmal schier zum Verzweifeln. Spätestens dann ist es gut, wenn uns der Heilige Geist besucht. Oder vielleicht ist er dann auch schon längst da, und wir müssen ihn nur wecken? Zum Beispiel mit dem Satz: Aufgeben ist keine Option.

Wenn es schwierig wird in unserem Leben, dann ist es viel wert, wenn wir uns diesen Satz sagen können. Aber er ist erst der Anfang. Wirklich interessant wird es, wenn Gott uns begegnet. Und ich glaube, dass er bei jedem, bei jeder von uns vorbeischaut. Und dass wir es nur nicht merken. Oder erst im Nachhinein realisieren.

Und dann ist immer noch die Frage, ob wir ihn richtig verstehen. Jeremia zum Beispiel war davon überzeugt, dass Gott ihm seine Worte in den Mund legte. Seine Zeitgenossen allerdings waren völlig anderer Meinung. Erst im Nachhinein, als man merkte, dass seine Vorhersagen eingetroffen waren, erkannte man ihn als echten Propheten an.

Und auch bei Susan Kigula bin ich mir sicher, dass der Heilige Geist, ja dass Gott selbst am Werk gewesen ist. Denn es gibt tatsächlich Kriterien, wie wir sein Wirken identifizieren können: Wenn es der Liebe dient, dann sind wir schon einmal auf einem guten Weg. Wenn es Menschen aufbaut und tröstet, ist es ein weiterer Hinweis. Das muss dann auch nicht immer fromm aussehen – ich habe zum Beispiel keine Ahnung, ob Alexander McLean religiös war und, wie Susan Kigula, seine Kraft und Orientierung aus dem Glauben zog. Es ist für mich auch unwichtig, denn Gott hat viele Wege, um zu wirken.

Nicht immer aber liegt der Weg so klar vor uns wie bei Susan Kigula. Bei der Flüchtlingsfrage etwa: Was dient der Liebe mehr – die Grenzen auf oder zu zu machen? Und dann gibt es ja auch nicht nur diese beiden Alternativen, sondern noch tausend Möglichkeiten dazwischen. Oder einer zerrütteten Ehe: Dient es der Liebe, sich scheiden zu lassen oder beieinander zu bleiben, der Kinder wegen? Und wenn man sich einmal entschieden hat, fangen die Schwierigkeiten oft erst an. Vor vielen Jahren traf ich in Amerika einen Mann, der seinen Job bei einer Firma aufgab, weil sie für die Rüstungsindustrie arbeitete. Er konnte es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Aber nun hatte er keinen Job mehr, und seine Gemeinde musste ihn unterstützen. Und es war fraglich, dass er überhaupt die Möglichkeit hatte, einen Arbeitgeber zu finden, der gar nichts mit Rüstung zu tun hat. Wäre die Autoindustrie eine Alternative? Moralischer Rigorismus hilft nicht unbedingt weiter. Und für viele, ja für die meisten Entscheidungen in unserem Leben gibt es keine einfache Antwort.

Und dann gibt es noch unsere eigenen Befindlichkeiten, die uns von einer guten Lösung abhalten. Die Kirche hat dafür den Ausdruck „Sünden“ geprägt und sie negativ aufgeladen. Weil sie meinte, durch die Erbsünde sei der Mensch durch und durch verdorben. Das aber halte ich für einen Irrtum. Selbst die Sünden haben ihre guten Seiten. Nehmen wir die so genannten Todsünden wie Stolz oder Genuss, auch Faulheit oder Wut, Geiz oder Neid. Ich mag stolze Menschen. Ja, ich finde sie sogar einfacher als Menschen, die sich klein machen. Ich mag es nur nicht, wenn Menschen auf Kosten anderer leben. Und ebenso ist es mit dem Genuss. „Wer nicht genießt, ist ungenießbar“, sang einst Konstantin Wecker. Menschen aber, deren Leben sich nur um den eigenen Genuss dreht, finde ich ebenso ungenießbar. Wut über ungerechte Verhältnisse finde ich nötig, Hass aber auf Menschen furchtbar. Und ebenso ist es mit Geiz oder Neid: Sie geben uns die Energie zu großen Taten – und können uns  und anderen sehr schaden. Und im täglichen Leben ist die Grenze dazwischen oft nur schwer zu finden. Umso wichtiger ist die Aufgabe, immer wieder nach ihr zu fragen.

Eines aber lässt Gott gar nicht gelten, seinen Willen zu tun: Ausreden. „Ich bin zu jung“, meinte Jeremia. Kein Mensch ist zu jung oder zu alt, zu krank oder zu beschäftigt, das Gute zu tun. „Ich kann nicht reden“, meinte Mose, als er den Auftrag bekam, das Volk Israel aus Ägypten zu führen. „Dann hole dir Helfer“, antwortet Gott. Was man allein nicht schafft, geht oft gemeinsam.

Es geht darum, das Gute zu tun. Und das Gute ist das, was uns und anderen Menschen gut tut. Natürlich werden wir, selbst mit der größten Willensanstrengung, nicht zu rundum guten Menschen. Wir können aber immer wieder danach fragen, was das Richtige ist.

Jeremia brauchte nicht zu fragen. Ihm wurden die Worte in den Mund gelegt. Es mag sein, dass es auch heute Menschen gibt, die besonders hellsichtig sind. Oder solche, denen eine Wahrheit aufgeht, die andere so nicht oder noch nicht erkennen. Doch gilt auch dabei der Rat des Paulus: Prüfet alles und das Beste behaltet.

Oder noch besser: gerade nicht behalten, sondern das Beste weitergeben und teilen, tun und reden. Ich bin zuversichtlich, dass wir genug Aufgaben finden werden. Und um das Gute zu tun, sind wir genau im richtigen Alter und haben die besten Voraussetzungen. Denn wir tun es mit dem Rückenwind des Heiligen Geistes.

Amen.

Zungenrede und Prophetie

In der Kirche wird viel geredet. Dabei Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden ist eine bleibende Aufgabe. Schon Paulus hat diese Frage beschäftigt, zum Beispiel im 14. Kapitel des 1. Korintherbriefs. Davon sind die Verse 1-3 und 20-25 die Grundlage der Predigt gewesen, heute am 2. Sonntag nach Trinitatis. Eine Gelegenheit, sich ein paar Gedanken um das Reden im Gottesdienst – und darüber hinaus – zu machen.

 

Liebe Gemeinde!

Mit den Konfis habe ich seinerzeit jedes Jahr auch einen afrikanischen Gottesdienst besucht. In den letzten Jahren war ich hier am Sootbörn bei den Adventisten. Dort wird viel gesungen, lebendig gepredigt, und die Gemeinschaft ist beeindruckend. Noch bunter ging es allerdings bei den Lutheranern am Berliner Tor zu, die wir davor besuchten. Bei den Liedern tanzten Frauen durch die Bänke, ein Mann versuchte die Konfis wenigstens zum Klatschen zu animieren, was diese sichtlich überforderte. Und einmal fing einer an, in einer hohen Stimmlage zu reden. Und das war weder deutsch noch englisch noch Suaheli. Erst langsam erkannte ich: Der redet in Zungen, ein ekstatisches Gebet, das sonst keiner versteht. Weiterlesen