Ein Lehrer

Gestern habe ich mal wieder in alten Zeiten geschwelgt. Wir haben nach der Untersuchung im UKE einen Ausflug in Hamburgs Osten gemacht und das Ehepaar Diehn besucht.

Dr. Otto Diehn hatte ich vor gut 30 Jahren kennengelernt, als ich nach dem 1. Examen nicht sofort ins Vikariat wollte und eine Alternative suchte. Er bot mir eine Stelle als Assistent in der „Volksmission“ an, einem Arbeitszweig des „Nordelbischen Gemeindedienstes“. Hier lernte ich innovative Formate der kirchlichen Arbeit kennen wie den „Cursillo“ und vor allem das Projekt „Neu anfangen“. Vor einem Jahr habe ich davon schon einmal berichtet.

Diehn.jpgOtto Diehn war im November 90 Jahre alt geworden. Zur Feier, die der „Freundeskreis der Volksmission“ für ihn ausgerichtet hatte, konnte ich nicht kommen; eine Hirn-OP kam dazwischen. Deshalb verabredeten wir ein persönliches Treffen. Und es wurden wunderbar leichte drei Stunden. Natürlich erinnerten wir uns an gemeinsame Erlebnisse, erzählten aber auch darüber hinaus, wie wir wurden und was wir jetzt sind. Wir entdeckten, dass Frau Diehn und Ute denselben Beruf haben – Bibliothekarin. Dass uns ähnliche Fragen beschäftigen, sie wegen des Alters und uns wegen der Krankheit. Und ich hatte den Eindruck, dass wir trotzdem große Lust hatten, noch einmal dort anzusetzen, wo wir damals aufgehört hatten.

Immer noch waren die beiden begeisterungsfähig, offen und neugierig – Eigenschaften, durch die Otto Diehn seine Projekte damals entwickeln und umsetzen konnte. Er schaute sich dabei bei Organisationen um, um die ein liberaler Volkskirchler einen Bogen gemacht hätte. „Campus für Christus“, im Original sogar „Campus Crusade“, Kreuzzug für Christus, hatte eine Werbekampagne entwickelt, die „Menschen für Christus gewinnen“ sollte: „Ich hab’s gefunden“. In der Schweiz hieß sie dann „Aktion Neues Leben“. Und die Katholiken hatten einen „Kleinen Glaubenskurs“, einen „Cursillo“ entwickelt, der tief in der katholischen Lehre verwurzelt war und Menschen in die Gemeinde integrieren sollte. Und auch hier war die theologische Grundannahme: „Christus ist die Antwort auf unsere Fragen und Probleme.“

In beiden Fällen war Otto Diehn begeistert und beschloss: Das machen wir auch bei den Protestanten in Norddeutschland. Genau so. Nur ganz anders. Aus der „Aktion“ wurde ein „Projekt“, aus „Ich hab’s gefunden“ „Christen laden ein zum Gespräch“. Aus der Vermittlung christlich-katholischer Lehre wurde ein offener Austausch über Glauben und Zweifel, eigenen Erfahrungen und kirchlicher Lehre. Wichtig war die Beteiligung und Befähigung von Laien – Geistliche hatten sich zurückzuhalten.

Lag es daran, dass Otto Diehn kein Pastor, sondern Lehrer war? Er hatte ein besonderes pädagogisches Gespür und konnte Menschen dazu ermutigen, gerne Neues zu lernen. Als er noch Referendar war, so erzählte er, sollte er eine Oberstufenklasse in Religion übernehmen, in der schon drei Referendare unterrichtet hatten. Vor der Tür stand ein Schüler, der ihm erklärte: Wir werden mit Ihnen nicht arbeiten. Von Referendaren haben wir genug. Er ging in die Klasse und sagte: Sie wollen mit mir nicht arbeiten? Das ist schade, auch im Hinblick auf meine Prüfung. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich gehe jetzt nach Hause, und wir überlegen bis zur nächsten Stunde, ob und wie wir nicht doch noch etwas gemeinsam machen können. Mit dieser Klasse, meinte Otto Diehn, habe er noch manches Schöne unternommen. Eine solche Souveränität hätte ich mir als Mittzwanziger auch gewünscht.

Bei aller Offenheit spürt man, dass das Ehepaar Diehn eine feste Grundlage und Haltung besitzt. Ihr Rückhalt ist die Gemeinschaft der Ansverus-Communität. Und die, die sie untereinander pflegen. Renate Diehn hatte ihren Beruf aufgegeben, um ihn zu unterstützen. „Sie war die Kantorin“, meinte er – und da der a-capella-Gesang in den Kursen und Projekten eine zentrale Rolle spielte, war das eine wichtige Position. Aber ich bin mir sicher, dass die beiden auch darüber hinaus einen intensiven Austausch pflegen.

Otto Diehn war ein Lehrer. Er war mein Lehrer. Sicher, seine organisatorischen Fähigkeiten habe ich nie auch nur annähernd erreicht. Aber er hat mir neue Glaubenswelten erschlossen, von denen er selbst begeistert war. Und vor allem hat er mir gezeigt, wie groß das Leben sein kann, wenn man – ausgehend von einem tragfähigen Fundament – mit Offenheit und Neugier und ohne große Berührungsängste die Welt erkundet.

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Beitragsbild: Von Anonym – Camille Flammarion, L’Atmosphère: Météorologie Populaire (Paris, 1888), pp. 163, (Neugier). Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=318054
Bild mit Renate und Otto Diehn © Ute Thiesen

Lichtblick der Woche

Zu sagen, dass Weihnachten unser „Lichtblick“ gewesen ist, wäre etwas untertrieben. Es war eine ganze Kette von Lichtblicken, die mit dem Waldsingen begann, sich über den Tannenbaumkauf im Gehege fortsetzte, dann kam das Weihnachtsoratorium im Michel, der kleine Lord mit der Familie, der Heilige Abend auch, danach der Gottesdienst, und schließlich zwei bestrahlungsfreie Tage.

Möge das weihnachtliche Licht noch lange leuchten, Euch und uns und der ganzen Welt.

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Johann S. Bach, Weihnachtsoratorium, 1. Teil, Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage, mit dem Thomanerchor Leipzig.
Beitragsbild: Pixabay

Der kleine Lord

An dieser Stelle muss ich gestehen, dass wir es in diesem Jahr nicht geschafft haben, den „Kleinen Lord“ live und zur Original-Sendezeit zu sehen. Die moderne Arbeitswelt kam dazwischen. Ein Auftrag musste unbedingt vor Weihnachten noch erledigt werden, und so wären wir am Freitag nicht vollzählig gewesen. Aber auch gestern, einen Tag später, war es wieder ein richtig schönes Familienerlebnis. Das lag natürlich an unserer Familie, aber auch am Film.

Denn „Der kleine Lord“ funktioniert immer wieder. Wenn Cedric seine Freunde wiedersieht, seine Mutter unter dem Tannenbaum erscheint oder wenn er am Schluss aller Welt „Gesegnete Weihnachten“ wünscht, dann ist es leicht, an das Gute im Menschen und in der Welt zu glauben. Ricky Schroder spielt den Jungen absolut glaubwürdig, und Alec Guiness ist sowieso eine Klasse für sich. Aber auch an den Nebenrollen haben wir jede Menge Spaß: Wenn John Cater als Butler Thomas vielsagend guckt, Patrick „Captain Picard“ Stewart den Stallmeister spielt oder Ballard Berkeley als Lord Lorradaile grenzdebil kichert – das ist hohe Kunst. Nur Connie Booth als Mutter nervt uns mit ihrer gleichzeitig so gütigen und etwas hochmütigen Art. Dabei hatte sie doch bei Monty Python mitgespielt.

Immerhin – für fast zwei Stunden erleben wir eine heile Welt, in der die Probleme mit einfachen Mitteln gelöst werden. Das Leben ist schön und geht gut aus.

Ich darf das Ganze nur nicht zu sehr politisch angehen. Zwar werden die sozialen Probleme durchaus genannt: Die Enge im New York der Jahrhundertwende, der immense Reichtum und Hochmut der englischen Adligen, die furchtbare Armut unter den Pächtern. Aber diese Strukturen werden nicht angetastet, im Gegenteil. Der einzige „aufrechte Demokrat“, der amerikanische Krämer Hobbs, ist am Ende froh, für 14 Tage im Schloss wohnen zu dürfen. Seine anfänglichen kämpferischen Aussagen halten der Wirklichkeit kaum stand.

Aber so funktioniert ja auch Weihnachten, vor allem in seiner säkularen Variante und wenn es gut geht: Als kuscheliges Familien-Wohlfühlfest. Die Wirklichkeit kommt danach noch früh genug.

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Beitragsbild: Belvoir Castle, im Film Schloss Dorincourt. Von Nancy – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3677806

 

Lichtblick der Woche

Heute ist es wieder so weit: Seit vielen Jahren gehört „Der kleine Lord“ zu unserem Adventsprogramm – und die ganze Familie versammelt sich vor dem Fernseher. Familienfilm Kleiner LordNatürlich haben wir den Film inzwischen aufgezeichnet – für den Fall, dass jemand nicht zum Sendetermin dabei sein kann. Aber das versuchen wir zu vermeiden – und das ist schon der erste Lichtblick: dass alle mit dabei sein wollen. Der zweite ist, wenn wir alle live dabei sind. Und der dritte ist die Botschaft des Films: Unbeirrt an das Gute im Menschen und in der Welt glauben, dann wandeln sich selbst misanthropische englische Adlige. Und wer weiß, was sonst noch alles.

„Fröhliche Weihnachten“, wünscht Little Lord Fountleroy am Ende den Gästen. Wir schließen uns an.

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Beitragsbild: Pixabay
Bild im Text: Unser Ausblick heute Abend © Erik Thiesen
Bilder vom Film sind urheberrechtlich geschützt. Also selber ansehen…

 

 

Hier wollten Sie nie hin…

… aber nun sind Sie schon mal da.

Ein Unglück, eine falsche Entscheidung, ein dummer Zufall – und schon sitzt man an einem Ort, an den man nie hin wollte. Einem Ort, der depressiv macht oder einfach nur schlechte Laune. Es ist ein trostloser Ort, an dem offensichtlich nix los ist. Ein Ort, von dem Ute einmal sagte: „Weißt du, was das erste wäre, was ich machen würde, wenn ich hier wohnen würde?“ – „Nein…“ – „Wegziehen.“

Die Wochenzeitung Die Zeit hat dem Motto „Hier wollten Sie nie hin…“ eine ganze Serie gewidmet, in die dann die Städte Neumünster oder Elmshorn aufgenommen wurden. Schleswig-Holsteiner wissen jetzt, welche Orte gemeint sind. Die hohe Kunst dieser Serie ist es, auch ihnen noch etwas abzugewinnen. Nun sind Sie schon mal da – und tatsächlich, es gibt auch dort Ecken und Seiten, die ihren eigenen Charme haben.

Auch ich kenne einen solchen Ort, an den ich nie hin wollte, und an dem ich doch oft zu finden bin. Tagsüber ist hier sogar eine Menge los, abends aber und am Wochenende wird es sehr viel ruhiger, und man bekommt sogar leicht einen kostenlosen Parkplatz. Es gibt hier auch durchaus für Touristen ein paar charmante Ecken: Gründerzeitbauten, ein UKE MuseumMuseum und eine wirklich reizende Veranstaltungslocation. Und doch kommt hier kaum ein Besucher, eine Besucherin freiwillig hin. Man braucht schon einen wirklich sehr guten Grund, und den habe ich.

Ich spreche vom UKE, dem Universitätsklinikum Eppendorf.

Der Grund, weswegen ich hier nicht hin will und doch so oft komme, ist natürlich eine Krankheit. Meine Krankheit.

Auch die anderen kommen nur her, weil sie krank sind oder weil sie Kranke besuchen – wenn sie hier nicht gerade arbeiten. Das macht aus dem UKE einen ziemlich trostlosen Ort, würdig, in die Zeit-Serie aufgenommen zu werden. Aber es hat auch noch eine ganz andere Seite.

Die beiden Cafés, rechts vom Eingang und im Hauptgebäude O11, bringen das mit ihrem UKE Health KitchenNamen – geschrieben und gesprochen – feinsinnig zum Ausdruck: Health Kitchen. Ja, manchmal und für manche ist es Hell’s Kitchen, die Hölle. Denn hier begegnet man Leid, Schmerzen und Tod, Verzweiflung und Depression. Mehr als anderswo.

Andererseits werden Menschen hier geheilt, sie bekommen neue Hoffnung. Das UKE gehört zu den modernsten Krankenhäusern Europas. Und schon mehrmals traf ich Patienten, mit denen andere Kliniken überfordert waren.

Und ich habe die größte Hochachtung vor den Mitarbeitenden. Da näht ein Arzt mit Fingern wie ein Boxer Arterien zusammen, ein anderer macht im Kopf Schnitte im Mikrobereich. Und ich möchte nicht wissen, was ein dritter in unmittelbarer Nähe meines Rückenmarks angestellt hat – und ich bin im Besitz aller meiner Fähigkeiten wie vor der OP. Eine Ärztin bedient souverän Strahlengeräte, die der Serie Stargate entsprungen sein könnten. Eine Schwester lässt mich meine Vorbehalte Spritzen gegenüber fast vergessen, so professionell arbeitet sie.

Ich habe großes Vertrauen in das Können derer, die mich behandeln. Und dieses Vertrauen wurde noch nicht enttäuscht.

Und dann gibt es diejenigen, die nicht nur Profis in ihrem Fachgebiet sind, sondern die ihren Beruf auch noch persönlich nehmen. Wir haben schon Mails um kurz vor Mitternacht bekommen, nachdem die Kinder der Ärztin ins Bett gegangen waren. Oder aus San Diego, nachdem ein anderer Arzt dort seinen Vortrag beendet hatte. Wir haben anderthalbstündige Gespräche geführt, von denen eine halbe Stunde deutlich persönlichen Charakter hatte. Eine Schwester nahm mich einfach in den Arm, und aus so manchem Gespräch sind wir hoffnungsvoll und mit guter Laune herausgekommen. Ich habe Teams erlebt, auf Station und im OP, die vertrauensvoll und fröhlich zusammengearbeitet haben, Schwestern und Pfleger, die ihren Beruf als Berufung empfinden und bei denen man es merkt.

Und dann gibt es auch die persönlichen und berührenden Begegnungen mit anderen Patienten. Wenn wir gemeinsam auf einem Zimmer liegen, erleben wir uns in unseren verletzlichsten und intimsten Momenten. Es ist nicht selbstverständlich, dass man sich dort auch öffnet – gerade Männer sind da meistens eher zurückhaltend. Aber wenn es geschieht, und es geschah immer wieder, dann wird es sehr besonders.

Gut, es gab auch Menschen, die eher genervt haben. Die Mitarbeitenden, die einen schlechten Tag hatten, eine gewöhnungsbedürftige Art oder ein Dauermontagsgesicht. Aber sie waren deutlich in der Minderheit.

Ich komme immer noch nicht freiwillig ins UKE. Aber inzwischen wird es trotzdem für mich fast zu einem zweiten Zuhause, zumindest die Stationen vorne rechts. Ärzte fangen an mich zu grüßen, und bei der nächsten OP beantrage ich Mengenrabatt. Besuchern erkläre ich nicht nur den Weg, sondern kann ihnen auch gleich einen Abriss der Medizin- und Baugeschichte geben – so wie der Elmshornerin, die letztens zur Stroke Unit wollte.

Und ich schätze das UKE. Als einen Ort, an dem die Extreme des Lebens sichtbar werden. An dem Menschen an den Rand ihres Lebens und behutsam wieder zurück geführt werden. „There is a crack, a crack in everything. That’s where the light gets in.“ (Leonard Cohen) Das gilt in besonderer Weise für das Universitätsklinikum Eppendorf.

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Bilder:
Alter Eingang, Medizinhistorisches Museum, Neubau, Health Kitchen © Erik Thiesen

If I Get An Encore

Heute wird das „Gebrochene Licht“ genau zwei Jahre alt. Am 9. Dezember 2016 gingen wir online mit dem Beitrag „Advent ist im November“, dem dann bisher 364 weitere folgten. Seitdem wurde dieser Blog über 24.000 mal aufgerufen, und über 95.000 mal wurden einzelne Beiträge gelesen. 134 Follower bekommen jeden Beitrag entweder per Mail oder in ihren WordPress-Reader.

Das sind, gemessen an anderen Blogs, sehr niedrige Zahlen. Sie zeigen, dass wir uns im Internet-Universum mit unseren religiösen, zumal christlich-theologischen Fragen, in einer Nische befinden. Und wenn ich es richtig sehe, befinden wir uns innerhalb dieser Nische im mittleren Bereich.

Wer mich kennt, weiß um mein Faible für Statistiken. Ich weiß aber auch, dass es nicht die Zahlen sind, die diesen Blog am Leben erhalten. Ihr seid es. Eure Begleitung, eure Beiträge, eure Anregungen und Ermutigungen sind sein Elixier. Mir geht es da nicht anders als anderen, die eine Bühne für ihre Gedanken, Lieder und Auftritte brauchen. Und als Christy Moore sang: If I get an encore, I go home feeling like a king, dachte ich: Genauso geht es mir, wenn ein Gottesdienst positiv aufgenommen wird – oder ein Blogbeitrag.

„Wenn ich eine Zugabe bekomme – und er meint damit: wenn ich soviel Applaus bekomme, dass ich eine Zugabe geben kann -, gehe ich nach Hause und fühle ich mich wie ein König. Und das beruht auf Gegenseitigkeit: Es ist ein großes Vergnügen, wenn ich singe“, meint Moore. So wie es für mich ein Vergnügen ist, wenn ich schreibe.

Künstler, die auf die Bühne treten, wünschen sich ein möglichst großes Publikum. Nun kann man darüber diskutieren, ob auf mich die Bezeichnung „Künstler“ zutrifft. In jedem Fall freue ich mich über Publikum, über Follower, Likes und Kommentare. Und ich frage mich immer mal wieder, ob ich nicht an unserer Reichweite arbeiten sollte.

Und bin dann doch wieder vorsichtig. Denn dieser Blog hat einen besonderen Charakter. Wir fühlen uns nicht wirklich wie auf einer Bühne, sondern eher wie in einem Wohnzimmer. Es ist ein besonderer Ort: Ihr kommt zu Besuch und bleibt eine kürzere oder längere Zeit. Einige sind gleich wieder weg, andere sozusagen Dauergäste. Einige hören nur zu, andere beteiligen sich an der Diskussion, öffentlich oder persönlich über den Mailkontakt. Viele von euch kenne ich persönlich, andere folgen mit einer mir fremden Adresse, und wieder andere bleiben ganz anonym. Und alles ist möglich und gut.

Wir reden über meine Themen, natürlich. Aber ihr beeinflusst die Diskussion vielleicht mehr als ihr ahnt. Das würden wir gerne bewahren und gleichzeitig weiterentwickeln. Und es ist für uns ein großes Vergnügen, wenn ihr dabei seid und wir es mit euch gemeinsam tun können.

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Christy Moore habe ich über Inke kennengelernt. Sie ist sein Fan, und ihre Begeisterung hat auf mich abgefärbt.
Beitragsbild:
by Sinn Féin: Christy Moore sings at the Graveside (Ausschnitt), eingestellt auf Flickr 

 

Ich bin keine Veganerin

Dies ist ein Gastbeitrag unserer Tochter Inga. Angeregt dazu wurde sie von den Kommentaren zu „Irgendwas mit Tieren“. Auch wenn es dort eher um die Art und Weise ging, wie das Thema „vegan“ diskutiert wird als um die Gründe dafür oder dagegen, fühlte sie sich herausgefordert. Und wir freuen uns auf eine lebendige und konstruktive Diskussion. Inga schreibt:

Ich bin keine Veganerin – zumindest sehe ich mich nicht zu 100% so.

Vor fast 3 Jahren habe ich mich aus ethischen Gründen dagegen entschieden, weiterhin Fleisch zu konsumieren. Für mich ist der Gedanke mittlerweile komisch, dass ich einem vorher lebendigem Wesen für ein paar Minuten Genuss das Leben nehmen musste.

Vor knapp 2 Jahren habe ich mich dann weiter mit der Thematik befasst, und ich begriff, dass auch für die Milchprodukte und Eier, die ich kaufe, Tiere genutzt und natürlich am Ende getötet wurden.

Seit diesem Zeitpunkt habe ich mich viel informiert, viel gelesen, Dokumentationen geschaut und war mit so einigen Leuten in Kontakt, sodass ich mich im Endeffekt dazu entschieden habe, dass ich keinen guten Grund mehr finde, mein Essverhalten zu rechtfertigen. Ich kann mir nicht mal Szenen in der Massentierhaltung anschauen – wie kann ich etwas essen, das ich nicht für unterstützenswert halte? Für mich ist Veganismus und Vegetarismus kein Trend, sondern der für mich(!) friedlichste Weg zu leben. Es ist kein Geheimnis, dass Nutztierhaltung der größte Faktor für die Entstehung von CO2 und den Verbrauch von Wasser auf der Welt ist. Dafür muss man nur ein wenig rechnen.

Doch auch wenn ich versuche, soweit es geht ethisch zu handeln, kann ich mich nicht als Veganerin sehen. Ich stehe regelmäßig im Zwiespalt, wenn mein Freund abgelaufenes Essen von der Arbeit mitbringt. Esse ich etwas Unveganes, statt etwas Neues zu kaufen? Ökologischer wäre es. Vegan aber nicht.

Konsumiere ich Palmöl trotz Regenwaldrodung? Fliege ich in den Urlaub? Kaufe ich fast-fashion? Welchen Strom nutze ich? Wie kann ich Plastik reduzieren?

Mit all diesen Gedanken wird man konfrontiert, wenn man sich mit dem Veganismus befasst. Ist man kein Veganer, weil man ja noch Palmöl kauft? Und das, obwohl doch eigentlich keine Tiere involviert sind?

Man muss einen ganz schön weiten Spagat schaffen, um mit sich selbst im Reinen zu sein, sich aber auch nicht in das soziale Aus zu schießen. Was mache ich, wenn all meine Arbeitskollegen in der Pause Eis essen gehen, es aber kein veganes Eis gibt?

Ich persönlich versuche eine für mich(!) gute Mischung zu finden. Ich esse nie Fleisch und Fisch; das kann ich einfach nicht mehr. Ich esse ab und an das Abgelaufene, was mir schmeckt, wenn es sonst weggeschmissen wird, und ich esse das Veganste, was es auf der Speisekarte gibt, wenn ich bei Geschäftsessen bin.

Ich möchte niemandem auf die Füße treten oder in großen Diskussionen festhängen, wenn sie nicht sachlich geführt sind. Ich lasse jeden, der will, essen, was er will, solange er es bewusst tut und niemanden dafür belächelt oder es als Trend abspeist, dass jemand sich ethisch und ökologisch ernähren will. Das mag ich gar nicht! Und selbst wenn es ein Trend ist – ist es nicht ein toller Trend? Keine Tiere töten? Was ist daran verwerflich? Auch fange ich keine Diskussionen dazu an, wenn es nicht jemand anders auf den Tisch gebracht hat. Und das erlebe ich – entgegen dem Klischee, dass Veganer alles an die große Glocke hängen – tatsächlich sehr oft.

Ich möchte an alle, die dies lesen, appellieren, dass sie versuchen, bewusst zu konsumieren. Dass sie überlegen, ob sie wirklich eine Plastiktüte, einen Kaffee im Pappbecher, das x-te neue T-Shirt oder das günstige Fleisch auf dem Tisch brauchen (über 95% des verkauften Fleisches stammt aus der Massentierhaltung und nicht vom Bauern von nebenan).

Und zuletzt finde ich, dass man dieses Thema behandeln muss und nicht totschweigen darf. Das Einweg-Plastikgeschirr-Verbot ab 2020 zeigt, dass wir Probleme auf dieser Welt haben, wenn wir uns stetig vermehren, die Welt zumüllen, mehr billiges Fleisch kaufen und Wälder roden. Jeder kann etwas tun! Man muss kein Veganer, keine Veganerin werden. Es gibt so viele Möglichkeiten…

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Beitragsbild: Pexels