Aus aktuellem Anlass

Die Metastasen wachsen, dafür schrumpft der Atem – es muss etwas getan werden. Deshalb hat heute die neue Chemo begonnen. Und damit stehen wir wieder am Anfang einer schwierigen Zeit. Wie stark die Nebenwirkungen sein werden, ist jetzt natürlich noch nicht abzusehen. Aber wir können davon ausgehen, dass sie kommen.

Und anders als vor einem Jahr ist der Zeitraum nicht genau definiert. Der Arzt sprach zwar von 6 Zyklen à 3 Wochen. Das wäre dann bis in den Mai, ohnehin eine lange Zeit. Aber das hängt alles von der Wirkung ab. In sechs Wochen werden wir nachschauen, ob das Wachstum der Metastasen zum Stillstand gekommen ist oder ob sie sogar geschrumpft sind. Wenn ja, machen wir weiter. Wenn nicht, müssen wir die Therapie wechseln.

In dem Zusammenhang hat uns der Arzt geraten, dass wir schon mal eine Palliativberatung in Anspruch nehmen – für den Fall, dass sich der Zustand weiter verschlechtert: Was müssen wir bedenken, wenn nichts mehr hilft und wir den letzten Abschnitt des Weges in Angriff nehmen müssen? Diese Vorstellung beschäftigt uns zurzeit auch sehr.

Aber noch ist es nicht so weit, noch lange nicht. Die letzte Chemo war ein voller Erfolg gewesen. Warum sollte er sich nicht wiederholen, zumindest zum Teil?

Wir werden weiterhin versuchen, aus jedem Tag das zu schöpfen, was er hergibt. Täglich fallen neue Aufgaben an. Eine der wichtigeren ist in dieser Woche die Vorbereitung auf den Gottesdienst am kommenden Sonntag. Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich ihn gemeinsam mit Hendrik Hoever und Helge Baumann werde halten können. Außerdem spielt unser neuer Posaunenchorleiter Andrii Spharkyi gemeinsam mit Gudrun Fliegner an der Orgel. Das wollen wir uns auf keinen Fall entgehen lassen.

Also lassen wir die Höllenhunde wieder los und hoffen, dass sie die Krebszellen erkennen und richtig Appetit auf sie haben – und die anderen möglichst verschonen.

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Das Beitragsbild habe ich auf der Seite http://de.call-of-duty.wikia.com/wiki/H%C3%B6llenhund gefunden. Wenn ich es richtig verstanden habe, fällt es unter CC BY-NC License und ich darf es zu nichtkommerziellen Zwecken verwenden. Sollte ich es missverstanden haben, bitte ich um Benachrichtigung.

Lichtblick der Woche

 

Wir haben zwar kein Torffeuer entzündet. Doch nachdem wir einen Strandspaziergang bei starkem Wind mit Sturmböen gemacht und den Kamin entzündet haben, können wir sehr gut nachvollziehen, wie sich der Fremde gefühlt haben mag, wenn er eingeladen wird, sich daran zu wärmen. Mögen alle Fremden und solchen, denen es außen oder innen kalt ist, ein solches Feuer finden.

Segen sei mit dir, der Segen strahlenden Lichtes,kaminfeuer
Licht um dich her und innen in deinem Herzen.
Sonnenschein leuchte dir und erwärme dein Herz,
bis es zu glühen beginnt wie ein großes Torffeuer –
und der Fremde tritt näher,
um sich daran zu wärmen.

Aus deinen Augen strahle gesegnetes Licht,
wie zwei Kerzen in den Fenstern eines Hauses,
die den Wanderer locken,
Schutz zu suchen dort drinnen
vor der stürmischen Nacht.

Wen du auch triffst,
wenn du über die Straße gehst –
ein freundlicher Blick von dir
möge ihn treffen.

Und der gesegnete Regen,
der köstliche, sanfte Regen
ströme auf dich herab.
Die kleinen Blumen mögen zu blühen beginnen
und ihren köstlichen Duft ausbreiten,
wo immer du gehst.

Der Segen der Erde,
der guten, der reichen Erde
sei für dich da.
Weich sei die Erde dir, wenn du auf ihr ruhst,
müde am Ende des Tages,
und leicht ruhe die Erde auf dir
am Ende des Lebens,
dass du sie schnell abschütteln kannst –
auf und davon
auf deinem Wege zu Gott.

Irischer Segen

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Betragsbild: unixgeek42, Torffeuer, Flickr, https://www.flickr.com/photos/mo-photo/305744294/in/photostream/
Bild im Text © Erik Thiesen
Für den Segen konnte ich kein Copyright ermitteln. Im Netz firmiert er unter „Volksgut“. Für Hinweise bin ich dankbar.

Familienurlaub

Andere Menschen fahren im Urlaub zum Base Jumping nach Norwegen, fliegen auf die Malediven oder zum Shoppen nach New York. Wir machen Familienurlaub in Dänemark. Und das sieht auch ziemlich spannend aus: Sechs Personen und zwei Hunde, alle mit durchaus eigenem Kopf und Charakter, in einem Ferienhaus mit einem Wohnzimmer und integrierter Küche, meistens warm, und vier kleinen Schlafzimmern, immer kalt. Ich kann mir vorstellen, dass diese Konstellation in manchen Familien durchaus zu Konflikten führen kann. In unserer im Prinzip auch. Aber es wurde im Gegenteil eine außerordentlich entspannte Zeit.

Morgen fahren die Kinder wieder zurück nach Hamburg, mit Ute bleibe ich noch einen Tag länger. Wir haben miteinander geredet und gespielt, haben gepuzzelt und Bücher gelesen. Wir haben abwechselnd Essen gemacht und eingekauft – neben Lebensmitteln ein paar Sack Brennholz – und dann noch einen und noch einen… So konnte der Kamin bollern, während die Hunde im Korb lagen oder durch das Zimmer getigert sind.

dänemark2Die Nordsee zeigte sich uns bei jedem Wetter – der Wind fegte uns den Kopf frei, der Regen erfrischte uns, und die Sonne zauberte wunderbare Farben auf das Wasser. Besonders die Hunde haben die Weite des menschenleeren Strands ausgenutzt, und die Familie säuberte ihn noch von einigem Abfall.

Das Schöne an diesem Urlaub ist, dass so gar nichts Spektakuläres passiert ist. Unser „großer“ Ausflug ging nach Ringkøbing. Wir besichtigten die alte Kirche, die uns mit modernem Altarbild und Taufbecken überraschte. Anschließend spazierten wir durch die nicht sehr lange Fußgängerzone und besuchten danach ein schönes Keramikgeschäft, in dem Inga eine Teekanne fand, die sie schon lange suchte.

Alles in allem ist es ein sehr gelassener Urlaub. Wir erholen uns und genießen die gemeinsame Zeit. Wir nehmen aufeinander Rücksicht. Und neben all den gemeinsamen Unternehmungen machen wir auch unsere eigenen Dinge. Und das alles auf so engem Raum, fast eine Woche lang. Ein großes Dankeschön an alle.

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Beitragsbild © Ute Thiesen, Bild im Text © Rasmus Thiesen

Aus aktuellem Anlass mit Lichtblick

Heute besprachen wir das Ergebnis des PET/CTs mit Dr. Münscher, und die Atmosphäre des Gesprächs stand im umgekehrten Verhältnis zu den Befunden. Einmal wieder sind neue Metastasen aufgetaucht. Diesmal ist die Leber befallen. Und die Lunge. Und natürlich der Fuß. Und noch drei, vier Stellen, einige unklar.

Noch hatten wir gehofft, dass die Entwicklung am kleinen Zeh die einzige Baustelle wäre. Aber deren extreme Expansion deutete schon darauf hin, dass dieser Tumor weiterhin darauf besteht, besonders aggressiv und bösartig zu sein. Also führt, realistisch gesehen, kein Weg an einer erneuten Chemotherapie vorbei.

Ob dann noch die Metastasen am Fuß operiert werden, hängt von deren Entwicklung ab. Und im Anschluss könnte man – unter der Voraussetzung, dass die Chemo erfolgreich ist – wieder mit einer Immuntherapie weitermachen.

Aber das alles liegt weit in der Zukunft. Zunächst einmal wollen wir nach Dänemark. Und auch wenn die Chemo sicher kein Spaß und sehr anstrengend wird – am Predigttermin 20. Januar halten wir fest.

Und heute ist Freitag. Zeit für einen Lichtblick. Die Losung ist da allerdings keine wirkliche Hilfe, eher realistisch als hoffnungsvoll: „Ihr erwartet wohl viel, aber siehe, es wird wenig; und wenn ihr’s schon heimbringt, so blase ich’s weg.“ Sagt Gott, nach Haggai 1,9. Das bestätigt nur meinen Eindruck, den ich von ihm habe: Er ist nicht lieb, zumindest nicht nur.

Aber er kann eben auch anders. Gestern zum Beispiel hieß es in den Losungen: „Der Gott aller Gnade, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.“ Steht im Neuen Testament, 1.Petrus 5,10. Und auch das haben wir schon erlebt.

Also gehen wir einmal davon aus, dass die Chemo diese „kleine Zeit“ sein wird und dass wir darüber weder den Lebensmut noch die Hoffnung verlieren. Denn „Hoffnung ist ein Offensein für das, was kommen wird, und ein Vertrauen darauf, es bewältigen zu können.“ (Giovanni Maio)

Ein Lehrer

Gestern habe ich mal wieder in alten Zeiten geschwelgt. Wir haben nach der Untersuchung im UKE einen Ausflug in Hamburgs Osten gemacht und das Ehepaar Diehn besucht.

Dr. Otto Diehn hatte ich vor gut 30 Jahren kennengelernt, als ich nach dem 1. Examen nicht sofort ins Vikariat wollte und eine Alternative suchte. Er bot mir eine Stelle als Assistent in der „Volksmission“ an, einem Arbeitszweig des „Nordelbischen Gemeindedienstes“. Hier lernte ich innovative Formate der kirchlichen Arbeit kennen wie den „Cursillo“ und vor allem das Projekt „Neu anfangen“. Vor einem Jahr habe ich davon schon einmal berichtet.

Diehn.jpgOtto Diehn war im November 90 Jahre alt geworden. Zur Feier, die der „Freundeskreis der Volksmission“ für ihn ausgerichtet hatte, konnte ich nicht kommen; eine Hirn-OP kam dazwischen. Deshalb verabredeten wir ein persönliches Treffen. Und es wurden wunderbar leichte drei Stunden. Natürlich erinnerten wir uns an gemeinsame Erlebnisse, erzählten aber auch darüber hinaus, wie wir wurden und was wir jetzt sind. Wir entdeckten, dass Frau Diehn und Ute denselben Beruf haben – Bibliothekarin. Dass uns ähnliche Fragen beschäftigen, sie wegen des Alters und uns wegen der Krankheit. Und ich hatte den Eindruck, dass wir trotzdem große Lust hatten, noch einmal dort anzusetzen, wo wir damals aufgehört hatten.

Immer noch waren die beiden begeisterungsfähig, offen und neugierig – Eigenschaften, durch die Otto Diehn seine Projekte damals entwickeln und umsetzen konnte. Er schaute sich dabei bei Organisationen um, um die ein liberaler Volkskirchler einen Bogen gemacht hätte. „Campus für Christus“, im Original sogar „Campus Crusade“, Kreuzzug für Christus, hatte eine Werbekampagne entwickelt, die „Menschen für Christus gewinnen“ sollte: „Ich hab’s gefunden“. In der Schweiz hieß sie dann „Aktion Neues Leben“. Und die Katholiken hatten einen „Kleinen Glaubenskurs“, einen „Cursillo“ entwickelt, der tief in der katholischen Lehre verwurzelt war und Menschen in die Gemeinde integrieren sollte. Und auch hier war die theologische Grundannahme: „Christus ist die Antwort auf unsere Fragen und Probleme.“

In beiden Fällen war Otto Diehn begeistert und beschloss: Das machen wir auch bei den Protestanten in Norddeutschland. Genau so. Nur ganz anders. Aus der „Aktion“ wurde ein „Projekt“, aus „Ich hab’s gefunden“ „Christen laden ein zum Gespräch“. Aus der Vermittlung christlich-katholischer Lehre wurde ein offener Austausch über Glauben und Zweifel, eigenen Erfahrungen und kirchlicher Lehre. Wichtig war die Beteiligung und Befähigung von Laien – Geistliche hatten sich zurückzuhalten.

Lag es daran, dass Otto Diehn kein Pastor, sondern Lehrer war? Er hatte ein besonderes pädagogisches Gespür und konnte Menschen dazu ermutigen, gerne Neues zu lernen. Als er noch Referendar war, so erzählte er, sollte er eine Oberstufenklasse in Religion übernehmen, in der schon drei Referendare unterrichtet hatten. Vor der Tür stand ein Schüler, der ihm erklärte: Wir werden mit Ihnen nicht arbeiten. Von Referendaren haben wir genug. Er ging in die Klasse und sagte: Sie wollen mit mir nicht arbeiten? Das ist schade, auch im Hinblick auf meine Prüfung. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich gehe jetzt nach Hause, und wir überlegen bis zur nächsten Stunde, ob und wie wir nicht doch noch etwas gemeinsam machen können. Mit dieser Klasse, meinte Otto Diehn, habe er noch manches Schöne unternommen. Eine solche Souveränität hätte ich mir als Mittzwanziger auch gewünscht.

Bei aller Offenheit spürt man, dass das Ehepaar Diehn eine feste Grundlage und Haltung besitzt. Ihr Rückhalt ist die Gemeinschaft der Ansverus-Communität. Und die, die sie untereinander pflegen. Renate Diehn hatte ihren Beruf aufgegeben, um ihn zu unterstützen. „Sie war die Kantorin“, meinte er – und da der a-capella-Gesang in den Kursen und Projekten eine zentrale Rolle spielte, war das eine wichtige Position. Aber ich bin mir sicher, dass die beiden auch darüber hinaus einen intensiven Austausch pflegen.

Otto Diehn war ein Lehrer. Er war mein Lehrer. Sicher, seine organisatorischen Fähigkeiten habe ich nie auch nur annähernd erreicht. Aber er hat mir neue Glaubenswelten erschlossen, von denen er selbst begeistert war. Und vor allem hat er mir gezeigt, wie groß das Leben sein kann, wenn man – ausgehend von einem tragfähigen Fundament – mit Offenheit und Neugier und ohne große Berührungsängste die Welt erkundet.

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Beitragsbild: Von Anonym – Camille Flammarion, L’Atmosphère: Météorologie Populaire (Paris, 1888), pp. 163, (Neugier). Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=318054
Bild mit Renate und Otto Diehn © Ute Thiesen

Lichtblick der Woche

Zu sagen, dass Weihnachten unser „Lichtblick“ gewesen ist, wäre etwas untertrieben. Es war eine ganze Kette von Lichtblicken, die mit dem Waldsingen begann, sich über den Tannenbaumkauf im Gehege fortsetzte, dann kam das Weihnachtsoratorium im Michel, der kleine Lord mit der Familie, der Heilige Abend auch, danach der Gottesdienst, und schließlich zwei bestrahlungsfreie Tage.

Möge das weihnachtliche Licht noch lange leuchten, Euch und uns und der ganzen Welt.

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Johann S. Bach, Weihnachtsoratorium, 1. Teil, Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage, mit dem Thomanerchor Leipzig.
Beitragsbild: Pixabay

Der kleine Lord

An dieser Stelle muss ich gestehen, dass wir es in diesem Jahr nicht geschafft haben, den „Kleinen Lord“ live und zur Original-Sendezeit zu sehen. Die moderne Arbeitswelt kam dazwischen. Ein Auftrag musste unbedingt vor Weihnachten noch erledigt werden, und so wären wir am Freitag nicht vollzählig gewesen. Aber auch gestern, einen Tag später, war es wieder ein richtig schönes Familienerlebnis. Das lag natürlich an unserer Familie, aber auch am Film.

Denn „Der kleine Lord“ funktioniert immer wieder. Wenn Cedric seine Freunde wiedersieht, seine Mutter unter dem Tannenbaum erscheint oder wenn er am Schluss aller Welt „Gesegnete Weihnachten“ wünscht, dann ist es leicht, an das Gute im Menschen und in der Welt zu glauben. Ricky Schroder spielt den Jungen absolut glaubwürdig, und Alec Guiness ist sowieso eine Klasse für sich. Aber auch an den Nebenrollen haben wir jede Menge Spaß: Wenn John Cater als Butler Thomas vielsagend guckt, Patrick „Captain Picard“ Stewart den Stallmeister spielt oder Ballard Berkeley als Lord Lorradaile grenzdebil kichert – das ist hohe Kunst. Nur Connie Booth als Mutter nervt uns mit ihrer gleichzeitig so gütigen und etwas hochmütigen Art. Dabei hatte sie doch bei Monty Python mitgespielt.

Immerhin – für fast zwei Stunden erleben wir eine heile Welt, in der die Probleme mit einfachen Mitteln gelöst werden. Das Leben ist schön und geht gut aus.

Ich darf das Ganze nur nicht zu sehr politisch angehen. Zwar werden die sozialen Probleme durchaus genannt: Die Enge im New York der Jahrhundertwende, der immense Reichtum und Hochmut der englischen Adligen, die furchtbare Armut unter den Pächtern. Aber diese Strukturen werden nicht angetastet, im Gegenteil. Der einzige „aufrechte Demokrat“, der amerikanische Krämer Hobbs, ist am Ende froh, für 14 Tage im Schloss wohnen zu dürfen. Seine anfänglichen kämpferischen Aussagen halten der Wirklichkeit kaum stand.

Aber so funktioniert ja auch Weihnachten, vor allem in seiner säkularen Variante und wenn es gut geht: Als kuscheliges Familien-Wohlfühlfest. Die Wirklichkeit kommt danach noch früh genug.

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Beitragsbild: Belvoir Castle, im Film Schloss Dorincourt. Von Nancy – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3677806