baum1

Lichtblick der Woche

Über die Geduld

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Vielen Dank, Waltraud, für diesen Lichtblick

unterstutzung

Lichtblick der Woche

Es geht nicht immer geradeaus,
manchmal geht es auch nach unten.
Und das, wonach du suchst,
hast du noch immer nicht gefunden.
Die Jahre ziehen im Flug an dir vorbei.
Die Last auf deinen Schultern, schwer wie Blei.

Jeden Morgen stehst du auf
und kippst den Kaffee runter.
Deine Träume aufgebraucht
und du glaubst nicht mehr an Wunder.
Mit Vollgas knapp am Glück vorbeigerauscht.
Was dich runterzieht, ey ich zieh dich wieder rauf.

Ich trag‘ dich durch
die schweren Zeiten.
So wie ein Schatten
werd‘ ich dich begleiten.

Ich werd‘ dich begleiten,
denn es ist nie zu spät,
um nochmal durchzustarten.
Wo hinter all den schwarzen Wolken
wieder gute Zeiten warten.

Stell die Uhr nochmal auf null.
Lass uns neue Lieder singen.
So wie zwei Helikopter
schweben wir über den Dingen.
Und was da unten los ist, ist egal.
Wir finden einen Weg, so wie jedes Mal.

Udo Lindenberg: Durch die schweren Zeiten

Auf dieses Lied hat uns Thomas E. neu aufmerksam gemacht.

chance4

Lichtblick der Woche

Als beim 14-jährigen Albert Espinosa ein Tumor gefunden wurde, gaben ihm die Ärzte eine Überlebenschance von drei Prozent und rieten den Eltern, mit ihrem Sohn noch einen schönen letzten Monat in einem Kinderhospiz auf der Insel Menorca zu verbringen. „Wir blieben eine Woche und entschieden dann, dass drei Prozent eigentlich gar nicht so wenig sind“, sagt Espinosa. Sie flogen nach Hause – und begannen zu kämpfen … Nach seinem linken Unterschenkel wurden ihm später ein Lungenflügel und ein Teil seiner Leber entfernt, aber nach drei Chemotherapien und zehn Jahren ständiger Krankenhausaufenthalte gilt Espinosa heute als geheilt.

aus dem Stern, 08. November 2016

weg

Lichtblick der Woche

Und nun wollen wir glauben
an ein langes Jahr,
das uns gegeben ist, neu,
unberührt,
voll nie gewesener Dinge,
voll nie getaner Arbeit,
voll Aufgabe, Anspruch,
Zumutung,
und wollen sehen, dass wir’s
nehmen lernen,
ohne allzu viel fallen zu lassen,
von dem,
was es zu vergeben hat.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Aus einem Brief an Clara Rilke, 1. Januar 1907