Aus aktuellem Anlass

Am Sonntag möchte ich wieder auf die Kanzel. Ich kann in dieser Chemo zwar nicht seriös über den Tag hinausplanen, und in den letzten Wochen gab es durchaus Zeiten, in denen es mir nicht gut ging. Aber der Wille ist da.

Kohelet ist mein Gesprächspartner, der von Martin Luther so genannte „Prediger Salomo“. Früher war er für mich ein etwas melancholischer Weisheitslehrer, dem ein paar gute Sinnsprüche eingefallen sind („Alles ist Hauch“, „Jegliches hat seine Zeit“). Heute ist er für mich einer der modernsten biblischen Autoren, ein Existentialist lange vor Jean-Paul Sartre, geschult in der Philosophie Epikurs und anderer Griechen. Es hat Spaß gemacht, ihn – neu – kennenzulernen.

Und vielleicht sehen wir uns ja am Sonntag, 10 Uhr, in der Kirche am Markt?

Parallelgesellschaft

Nach meiner privaten Theorie hat der Norddeutsche an sich seinen Wikingerglauben nie ganz abgelegt. Die Götter unserer Vorfahren waren, im Unterschied zum Gott der Bibel, grundsätzlich bedrohlich. Wenn sie auftauchten, wurde es gefährlich: auf See, in der Schlacht, bei der Ernte, in der Nacht. Im besten Fall bekam man später einen anständigen Platz in Walhalla. Die Menschen wurden von Geistern geängstet und gequält. Entsprechend hielt man sich tunlichst von ihnen fern. Und die Geistlichkeit hatte genau diese Aufgabe, sie zu bannen – oder, wenn sie schon mal da waren, sie zu besänftigen.

Warum also, so die norddeutsche Überzeugung, muss ich zur Kirche, wenn es mir gut geht? Erst zu den prekären Zeiten wird sie gebraucht: Bei Geburt und Tod, in der Pubertät oder bei der Hochzeit, bei Ernte und dann, wenn es dunkel ist: im tiefen Winter. Dann ist die Kirche traditionell auch knallvoll. In der modernen Gesellschaft haben sich die Bedingungen gewandelt, das Prinzip aber ist geblieben – wenn man sich z.B. den Boom der Schulanfängergottesdienste anschaut; dieser Lebensübergang ist ja vor allem für die Eltern angstbesetzt.

In Brinkebüll aber ist diese Naturerfahrung noch unmittelbar. Die Nordfriesen, so erzählt Dörte Hansen in der „Mittagsstunde“, seien „gegen jeden Glauben imprägniert“. Alles Göttliche liefe ab an ihrem Fell wie Wasser am Gefieder einer Gans.

Gemeint ist natürlich der Gott der Bibel, den die Pastoren den Menschen nahe bringen wollen. Die Menschen aber glauben an einen anderen Gott, der näher an ihren eigenen Erfahrungen ist: Unberechenbar und bedrohlich wie die Natur. Und der geht es „gar nicht um das bisschen Mensch“, wie Dörte Hansen am Anfang und am Ende ihres Buches betont. Der Mensch kommt und geht, aber größer noch, wichtiger und beständiger ist das Altmoränenland, der Wind, die Natur.“ Und so hatte „der Gott, an den Sönke Friedrichsen glaubte, nicht viel Väterliches, und besonders gnädig war er auch nicht, nur gerecht“. So einer überhört am besten die lebensferne Botschaft des fremden Evangeliums: „Verrückte und Pastoren, einfach klappern lassen.“ Evangelium auf der Geest ist das, was hilft, in diesem Leben zurecht zu kommen. Und so wird das biblische Sabbatgebot denn auch zur „Middachstunde“, zur heiligen Ruhe mitten am Tag: An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren. (2. Mose 20,10)

Es gab allerdings auch Pastoren, die den Zugang zu ihrer Gemeinde fanden. Sie ehrten die Alten mit ihrem Besuch bei runden Geburtstagen. Sie nahmen selbstverständlich am Beerdigungskaffee teil. Sie sagten nicht nur Moin, sie sprachen platt und sahen, wann ein Schwein reif für den Schlachter war. Sie achteten auf die Moral in der Gemeinde, sahen dann aber nicht mehr so genau hin. Und wenn man dann mal zur Kirche ging, hörte man lebensnahe Predigten, nicht so pastoral.

Pastor Ahlers hat diesen Ton offensichtlich nicht ganz getroffen. Sein Zuhause war eher das Studierzimmer. Bis zuletzt hoffte er „mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, die Seelen zu erquicken und sie aus den dunklen Tälern zu befreien“. Die Seelen aber hatten andere Sorgen.

In meiner Heimatgemeinde Toestrup gab es nun vor hundert Jahren einen Pastor, der sich noch einmal in ganz anderer Weise den Erwartungen widersetzte. Ja, er machte unzählige Hausbesuche. Aber sein Ziel war kein unverbindlicher Klönschnack. Er wollte Seelen zu Jesus bekehren. Er achtete auf die Moral in der Gemeinde und sah auch im Nachhinein genau hin. Als Christ, so seine Botschaft, spielt man keine Karten, man trinkt nicht und lässt die Ehefrau des Nachbarn in Ruhe.

Und siehe, einige Familien ließen sich überzeugen. Zumal dieser Schritt auch mit wirtschaftlichen Vorteilen verbunden war: Man hatte morgens beim Melken einen Kirche Toestrupklaren Kopf, nicht schon die Hälfte der Haushaltskasse verspielt, und das Verhältnis zum Nachbarn war wesentlich gelassener geworden.

Der Kröger im Nachbardorf schenkte nur noch Nichtalkoholisches aus und stellte seinen Gastraum dem kirchlichen Posaunenchor zur Verfügung. Und die Gottesdienste waren auch an normalen Sonntagen gut besucht.

Als mein Vater in der Gemeinde seinen Hof baute, verstand er sich besonders gut mit diesen Familien. Er selbst gehörte zur Gemeinschaft in der Landeskirche, einer Art Freikirche innerhalb landeskirchlicher Strukturen. Und auch meine Mutter gehörte zu den Frommen im Lande. Sie war geprägt von der Breklumer Mission, die 1876 vom Pastor Christian Jensen gegründet worden war. In ihrem Heimatdorf Vollstedt gab es einen aktiven „Missionsnähkreis“, jedes Jahr räumte ein Bauer seine Scheune für das „Missionsfest“, und meine Großmutter hielt am Sonnntagnachmittag die „Sonntagsschule“, in der sie uns und Kindern aus dem Dorf biblische Geschichten beibrachte.

In dieser Welt bin ich groß geworden. Wir lebten in einer Parallelgesellschaft, gut vernetzt bis nach Hamburg – in einer Zeit, in der die meisten Angeliter knapp hinter die Schlei guckten, durchaus ungewöhnlich. Unser Jugendchor kooperierte mit einem anderen aus Altona, und die „Gemeinschaft“ veranstaltete ihre Jahrestreffen in den Holstenhallen in Neumünster. Viele von ihnen sahen wir auf dem Jahresfest des „Elisabethheims“ wieder, einem Waisenhaus in Havetoft zwischen Flensburg und Schleswig. Und beim Jahresfest der Breklumer Mission kamen Delegierte aus der ganzen Welt ins dörfliche Schleswig-Holstein. Mag die Frömmigkeit auch eher eng gewesen sein, der Blick ging weit über den Tellerrand hinaus.

Auch über den der eigenen Gemeinschaft. Bewusst engagierten sich viele Mitglieder in Kirchenvorständen und leitenden Gremien der Landeskirche – durchaus mit missionarischem Impuls: Nach unserer Vorstellung waren die „Kirchenchristen“ mit dem rechten Evangelium eher unterversorgt und von modernen Theologien unterwandert. Das führte manchmal zu harten Auseinandersetzungen und Abgrenzungen, aber auch zum Austausch und besserem Verständnis füreinander.

Es war nicht immer leicht, in einer solchen Parallelgesellschaft zu leben. Wir waren vielleicht nicht unbedingt Außenseiter, aber doch etwas Besonderes – und fühlten uns auch so. Wenn andere erzählen, wieviel Spaß sie in ihrer Jugend gehabt, auf Feten geknutscht und am Strand  abgehangen haben, dann erzähle ich von der Arbeit in der Ernte und dem Schülergebetskreis.

Andererseits habe ich von der frommen Atmosphäre sehr profitiert. Wir fragten immer nach den wirklich wichtigen Dingen: Gibt es einen Gott, einen Sinn? Was hält unsere Welt zusammen? Wie wollen wir leben? Und Spaß hatten wir durchaus auch.

Und dann ging mein Weg ja weiter. Im Studium, in der Ferne konnte ich dann für mich ganz neue Erfahrungen machen.

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Das Beitragsbild zeigt die Nicolaikirche zu Bredstedt, zu deren Kirchengemeinde Högel – und damit wohl auch Brinkebüll – gehört: Von Goegeo – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3838642
Bild im Text: St. Johanniskirche zu Toestrup © Erik Thiesen

Wirklich oder wahr?

Im nächsten Jahr feiert die Kirchengemeinde Niendorf ihr 250-jähriges Jubiläum. Vor ihrer Gründung gehörte sie zum Hamburger Kirchspiel Eppendorf, politisch aber zur Herrschaft Pinneberg und unterstand dem dänischen König. Zwischen den reichen Hamburgern und den ärmlichen Schleswig-Holsteinern gab es oft Streit, meist um Geld und Personalfragen. Wobei die „Pfeffersäcke“ die Nase immer ein wenig höher trugen.

Das Verhältnis wird schön von einer Geschichte illustriert, die ich von einem alten Niendorfer hörte: Es muss irgendwann in den Jahren vor dem Bau der Kirche geschehen sein. Die Eppendorfer hatten ihre alte Kirche renoviert und Kirchengestühl eingebaut. Da aber nicht genug Platz zur Verfügung stand und die Niendorfer sowieso mit den kirchlichen Abgaben im Rückstand waren, waren alle Sitzplätze für die Hamburger reserviert. Das erfuhren die Niendorfer Bauernjungs, überquerten in der Nacht vor der Einweihung die Grenze zur Hansestadt, brachen in die Kirche ein, stapelten das Gestühl auf dem Vorplatz und verbrannten es. Es hat die Freundschaft der Nachbarorte nicht vertieft.

Diese Geschichte erzählte ich gerne bei so mancher Kirchenführung. Bis mich ein anderer alter Niendorfer fragte, woher ich sie habe. Und ich erzählte, ich hätte sie gehört und sie stünde doch in der Kollau-Chronik.

Neugierig geworden schaute ich nun selber nach. Und siehe da, ich fand die Stelle. Allerdings hörte sie sich anders an. Der Streit ging um die Besetzung der Pfarrstelle. Man konnte sich nicht einigen. Und dann heißt es: „Es kam so weit, daß, als die Eppendorfer Kirche neu gebaut war, man die Kirchenstühle neu verpachtete und die alten Rechte der Holsteiner nicht achtete. Sie beschwerten sich und vernagelten die neuen Stühle, obwohl sie nicht übermäßig pünktlich in der Bezahlung der Kirchstände zu sein pflegten.“ Was auch immer das Vernageln bedeutete, es war ein unfreundlicher Akt der Pinneberger. Aber nichts von Bauernjungs, nichts von Freudenfeuer – und das Ganze passierte auch nicht kurz vor 1770, sondern 1631. Und die Vorstellung, dass hier in der Gegend nur arme Geestbauern lebten? Als ich das einem Nachfahren einer alten Niendorfer Bauernfamilie erzählte, wiegte er mit dem Kopf und meinte: Nein, arm waren sie nicht. Richtig reich auch nicht. Aber durchaus vermögend.

Meine Geschichte von den armen, aber tapferen Niendorfern, die sich gegen die hochnäsigen Geldsäcke aus der Stadt auflehnten, fiel ziemlich in sich zusammen. Das mag in diesem Fall harmlos gewesen sein. Aber aus solchen Vorstellungen können auch Mythen gewoben werden: So ist er nun einmal, der Niendorfer an sich. Macht nicht viel von sich her, hat aber innen ein aufrechtes Herz. Mit der Realität hat das dann nur noch am Rande zu tun.

Ich zeige gerne mit dem Finger auf Donald Trump und seine „alternativen Fakten“, lache über den Stern, der auf die Hitler-Tagebücher hereingefallen ist und frage mich, warum Claas Relotius so lange beim Spiegel mit seinen Reportagen aus Fakt und Fiction durchgekommen ist. Dabei bin ich selbst keineswegs gefeit davor, gerne das aufzunehmen und zu glauben, was sowieso in mein Weltbild passt.

Ja, sagte ich, als ich meinen Irrtum eingestehen musste, es gibt eine Wirklichkeit und es gibt eine Wahrheit. Und meine Geschichte mit den Bauernjungs ist eben wahr, denn sie illustriert doch wunderbar die Situation, wie sie zur Zeit der Kirchengründung existierte.

Diese Einstellung fand ich wieder beim Regisseur Werner Herzog, der in einem Interview mit dem Tagesspiegel gesagt hat: „Ich habe Dokumentationen gedreht, in denen so gut wie jedes Detail erfunden ist und die genau deshalb viel mehr Wahrheit enthalten als viele andere, die sich buchhalterisch an Objektivismus klammern.“

Ganz ähnlich gehen wir ja auch mit den biblischen Geschichten um, wenn wir sie nicht wörtlich nehmen wollen, weil wir dann mit der Naturwissenschaft in Konflikt kommen – von der Schöpfungsgeschichte über die Sintflut bis hin zu den Wundern Jesu: Wenn sie auch vielleicht nicht wirklich passiert sind, so sagen wir, drücken sie doch eine tiefere, eine göttliche Wahrheit aus.

Woher aber wissen wir von dieser Wahrheit, woher weiß Herzog, welche Wahrheit wirklich wahr ist? Liegt sie in den Geschichten, die aber womöglich erfunden – oder vielmehr gefunden – wurden, um eine dahinter liegende Wahrheit zu erzählen?

Ich bewege mich da auf unsicherem Boden. Wir können nur ahnen, wer die Autoren der Bibel wirklich waren – welche Erfahrungen sie gemacht, welche Verletzungen sie in ihrem Leben davon getragen, mit welchen Dämonen sie gekämpft haben. Wir kennen ihre Welt und ihre Motive nur in Umrissen. Und ich bin ganz anders, lebe in einer anderen Zeit und habe andere Herausforderungen zu bestehen.

Wahrheit entdecke ich, wenn ich genau danach frage, was unsere Welt zusammenhält. Was uns gut tut. Indem ich nach Gott frage und dem Sinn. Und ich entdecke, dass es die eine Wahrheit nicht gibt. Was für mich früher einmal wahr war, ist fraglich geworden. Was für mich heute wahr ist, sieht eine andere völlig anders. Und auch das gilt: Ich entdecke in den Gedanken des anderen eine Wahrheit, die mir völlig plausibel scheint. Aus einem Bibeltext leuchtet eine Erkenntnis, die mein Leben hell macht. Aber wenn ich nicht vorsichtig mit dieser Wahrheit umgehe, ist sie schnell wieder verschwunden.

„Zart und genau“, schrieb Kurt Marti, „sind … Kategorien …, die göttlich zu nennen erlaubt ist, weil ihr Recht … dem Willen entspringt …, zart und genau zu sein, d. h. den Menschen, den Dingen zutiefst gerecht zu werden.“

Den Menschen und Dingen gerecht zu werden bedeutet, immer wieder neu hinzuschauen. Denn sie können ganz anders sein und ganz anders werden als ich vorher dachte. Das gilt auch für Werner Herzog. Ich weiß noch nicht einmal, ob er den Satz wirklich so gesagt hat. Denn das Interview führte ausgerechnet Claas Relotius.

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Das Zitat aus der Kollau-Chronik stammt aus Dr. Adolf Hansen und Rudolf Sottorf, Die Kollauer Chronik II. Band, Seite 80, Altona 1929. 
Und „Zart und genau“: Kurt Marti, Zärtlichkeit und Schmerz, Seite 116, Darmstadt 1981.

 

Heilige heidnische Weihnachten

Eigentlich dürfte Weihnachten gar nicht mehr existieren, denn gefühlt alle Menschen haben etwas dagegen: Die einen finden den Konsum ganz furchtbar, die anderen beklagen sich über zu wenig Geschenke. Die Familien versinken im Stress, die anderen verfallen in Depressionen, und die dritten fliegen in den Süden oder fahren wenigstens nach Dänemark. Die Heiden beschweren sich über den christlichen Überbau und betonen die Tradition des Sonnenwendfestes, die Christen beklagen die heidnische Ausgestaltung.

In der Tat hat die heutige Weihnachtsfeier nicht mehr viel mit den original christlichen Traditionen zu tun. In amerikanischen Weihnachtsfilmen wird zwar sehr viel für den Glauben geworben, aber nicht den an Jesus oder Gott, sondern an Santa Claus. Und selbst hierzulande kann man die Krippenspiele nur als grobe Verfälschungen der biblischen Aussagen bezeichnen (beliebte Quizfragen: Gab es in der Bibel Esel, Ochse, Wirt, eine überfüllte Stadt, die Heiligen drei Könige, den Stern, der den Hirten erschien? Nein, nichts davon!).

All das war mir natürlich von Anfang an bekannt. Und trotzdem habe ich jedes Jahr wieder ein Krippenspiel verantwortet, die rührendsten Geschichten erzählt, vom Zauber der Weihnacht gepredigt und mich gefreut, dass so viele Menschen in der Kirche waren. Und ich stehe dazu.

Auch wenn es Lukas 2 in fast jedem Gottesdienst im Wortlaut gab, selbst in den Familiengottesdiensten – ich verstehe meine Aufgabe als Pastor nicht so, dass ich die Bibel vorlesen oder auslegen soll. Ich möchte die Botschaft des Evangeliums verkündigen, das ist etwas anderes. Denn diese Botschaft muss heute anders lauten als damals, weil die Umstände und Verhältnisse ganz andere sind. Deshalb darf ich an Weihnachten zum Beispiel von Flüchtlingen sprechen, obwohl in der ganzen Weihnachtsgeschichte kein einziger vorkommt.

Ich habe als Pastor meine Aufgabe weniger darin gesehen, Seelen zu retten. Das erschien mir immer eine Nummer zu groß, und deshalb habe ich es Gott überlassen. Aber ich habe mich immer gefreut, wenn Menschen, sinngemäß, gesagt haben: Meine Seele ist größer geworden, freier. Jetzt sehe ich etwas in der Welt und in meinem Leben, was ich vorher daraus nicht habe entnehmen können: Einen Zauber, eine Bedeutung, eine Kraft, eine Richtung, ein Ziel. Einen Gott.

Wenn ich es richtig einschätze, sehen die meisten Menschen in ihrem Leben keinen wirklichen Sinn. Und wenn, dann den, den sie sich selbst geben. Und irgendwie haben sie auch recht. Es gibt keinen Lebenssinn an und für sich und für alle Menschen gleich. Man muss ihn für sich schon irgendwie herausfinden. Wenn man partout keinen sieht, ist das aber sehr schwer

Mein Glaube besteht darin, dass es für jeden Menschen diesen Sinn gibt. Dass jedes Leben zauberhaft ist und bedeutungsvoll. Dass Gott schon unter uns und in uns wohnt. Und wir ihn nur entdecken müssen. Und Weihnachten ist ein wunderbarer Anlass, gemeinsam auf diese Entdeckungsreise zu gehen.

Und auch das ist die Botschaft des Kindes in der Krippe: Hier fängt etwas an, etwas Bedeutungsvolles, und es ist noch nicht abzusehen, wohin es führen wird.

Deshalb werde ich den Menschen in dieser Zeit weiterhin „Gesegnete Weihnachten“ oder zumindest „Fröhliche Weihnachten“ wünschen, und nicht „Happy Holidays“ oder „Season’s Greetings“ oder irgendwelche deutschen Ableger. Weil darin nun wirklich kein Zauber und keine Bedeutung mehr zu spüren sind.

Deshalb sind die Suchbewegungen nach dem Sinn von Weihnachten, wie sie in den Medien und Gesprächen jedes Jahr um diese Zeit geführt werden, oft so viel spannender als viele Predigten, die die Antwort schon gefunden haben, ehe die Frage gestellt wurde. Und mir deshalb die Frage, die ich zu stellen habe, gleich mit vorgeben.

Ja, Weihnachten ist furchtbar: zu stressig, zu viel Konsum, zu heidnisch, zu kitschig, zu … ach, es gibt eine ganze Menge, was man an diesem Fest aussetzen kann. Und Weihnachten ist wunderbar. Soviel Zauber, soviel Gemeinsamkeit, soviel Mühe um Menschen, die man liebt, aber auch die, denen man sonst im Jahr aus dem Weg geht. Soviel Zukunft und Hoffnung und Schönheit. Ostern mag vielleicht, christlich gesehen, bedeutender sein. Weihnachten aber ist schöner, zweifellos.

Mien Fründ Hein

„Mien Fründ Hein“ begegnet mir seit einigen Jahren, immer zur Weihnachtszeit, immer auf dem Weihnachtsmarkt. Und beim Waldsingen erzähle ich von ihm. So auch gestern wieder.

Hein schnackt nur platt. Und da ich diese Sprache auch spreche, wenn auch nicht als Mutter-, so doch als 1. Fremdsprache, erzähle ich von ihm auf platt. Diesmal ging es um Weihnachtsfilme, die wir aus Tradition gemeinsam mit der Familie schauen. Und wer gestern nicht dabei gewesen ist, kann die Geschichte hier noch einmal nachlesen. 

Nun kann ich zwar leidlich platt, habe aber nie die plattdeutsche Rechtschreibung gelernt. Wer eine Übersetzung braucht – ich stehe gerne zur Verfügung. 

Un nu, leewe Neendörpers un Lüüd vunne Nawerschapp, warrd dat werr lütt bet plattdüütsch. Denn een Geschicht vun mien Fründ Hein, de will ik nuch vertellen. Letz dreep ik em oppe Wiehnachtsmarkt und segg: „Na, wat is mit’n Punsch.“ – „Ne“, seggt he, „heff keen Tied.“ – „Watt, segg ik, keen Tied? Wat is denn wichtiger ass’n Punsch?“ – „Ik mutt nah Huus“, seggt he. „Mitte Famili Fernsehn kieken.“ – „De ganze Famili, segg ik? Wat is denn dat förn Film, wo de ganze Famili al tohoop kieken deiht? Dien Dochter, dien Söhn, dien Frau und du?“ – „Na“, seggt he, „dat maken wi jede Johr inne Wiehnachtstied. Wi kaam tosaam und kieken ‚Is dat Lewen nich schöön?‘“ – „Ah“, segg ik, „de kenn ik, dat is doch de mit James Stewart, wo he sik ümbringen will, wieldat he een Fehler maakt hett? Un he meent, sien Lewen hett keen Sinn – un denn kummt een Engel un wiest em, wat ut sien Stadt wurrn weer, wenn he nich leewt harr? Und dat he ganz veel Guudes dahn hett?“ – „Jo“, seggt Hein, „unne Geschicht is so schöön un geiht so to Harten, un jedereen vun uns hett Traan inne Oogen ann’t Enn, un vun dor mööten wi dat sehn, jede Johr. Ok wenn de Film öwer sömtig Johr old is.“

Glühweinstand„Wi hemm ok sunn Film“, segg ik. „Bi uns is dat die lütte Lord.“ – „Ah, seggt Hein, „dat is de mitte amerikaansche Jung, de awers eegentlich de Enkel vunne rieke un böse englische Lord is. Un wieldat de lütte Lord jümmers an’t Goode inne Minschen glööwt, ok bi sien Grootvadder, dorum warrd de ok nuch gude Minschen.“ – „Jo“, segg ik, „un dat is bi uns Traditschon – Wiehnachten kümmt de ganze Famili tosaam un kiekt de lütte Lord. Wat mutt, dat mutt.“ – „Jo“, seggt Hein, „wat mutt, dat mutt.“ Un löppt nah Huus to sien Famili. Keen Punsch dit Johr.

Leewe Neendörpers, de eene Film is öwer sömtig Johr old. De annere spelt in’t neenteinste Johrhunnert. Dat sünn ole Geschichten – passeert dat hüüt nich mehr? Duch, dat glööw ik, sowatt passeert hüüt un alle Daag. Awers hüüt is dat Olldaag. Dat passeert, wenn wi een guude Wuurt för de Famili öwer hemm, dat passeert, wenn wi unse Nawer anlächeln dohn, wenn wi de helpen dohn, de nich vun hier is un de sik nich utkennt un egentlich jedereen, de uns bruuken deit.

Un wenn wi de olen Geschichten sehn un höörn, denn warrn wi wies: Dat Guude, wat wi doon, dat is nich umsüns. Un ann’t Gude in’t Minschen glooben, dat maakt Minschen gud. Wi hemm de olen Geschichten nöödig. So ass de Geschicht, de tweedusend Johr old is und de wi jede Johr an Wiehnachten fiern: De vun Maria un Josef ut de Bibel.

Denn heff ik de plattdüütsche Wiehnachtsgeschicht lesen, ut „Dat ole un dat Nie Testament in unse Moderspraak, vun Johannes Jessen. In’t Internet fint man de ok, op Hosteener Platt:

De Wiehnachtsgeschicht erinnert uns, dat jüss wenn dat duuster is, dat Licht inne Welt kümmt. Wi mööten blots an glooben – so as James Stewart an sien Engel glooben dee un de lütte Lord an’t Guude in sien Grootvadder. Denn warrd dat ok wohr.

Veelen Dank.

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Der Abend war schön. Posaunix, die Bigband der FF Garstedt und der Chor Musicorie spielten und sangen, und Daniel Birkner führte uns durch das Programm. Es war kalt und stimmungsvoll.
Mien Fründ Hein ist natürlich nicht zu verwechseln mit „Freund Hein„, den ich erst vor gut zwei Jahren zum ersten und bisher einzigen Mal in Mainz in der Tür habe stehen sehen – damals nach der Diagnose, die seitdem unser Leben prägt. Und so wurde ich i
m Anschluss an das Waldsingen auch von einigen Gästen nach meinem Zustand gefragt. Deshalb hier ein kurzer Überblick: Gestern begannen die Bestrahlungen an Kopf und Leiste, und sie dauern bis Jahresende. Leider hat sich offensichtlich am Fuß eine weitere Metastase gebildet, die die Ärzte, wenn es gut geht, demnächst operativ entfernen.

Bildnachweise:
Beitragsbild: Die Tipi Lounge, Mittelpunkt des Nordischen Weihnachtsmarkts auf dem Tibarg.

Bild im Text: Glühweinstand auf dem Nordischen Weihnachtsmarkt. Beide Bilder: © tibarg.de, Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Nina Häder, Quartiersmanagerin.

Nicht ganz so Stille Nacht

Früher war ja alles besser, so die allgemeine Meinung. Und wenn schon nicht alles, so zumindest Weihnachten. Der Adventsschmuck kam erst nach dem Ewigkeitssonntag ins Haus, die Weihnachtsbäckerei eröffnete am 1. Advent, leuchtende Kinderaugen allüberall, und am Heiligabend ging die ganze Familie in die Kirche, versammelte sich dann um den Tannenbaum, und alle waren dankbar für alle Geschenke. Und heute? Spekulatius gibt es schon im Oktober, die Adventsbeleuchtung führt die E-Werke an ihre Grenzen, nörgelnde Kinder im Advent und an Weihnachten selbst bei den teuersten Geschenken – und überhaupt: Ist ja sowieso alles nur Kommerz. Übrigens: Wer waren nochmal Maria und Joseph?

Es ist wahr: Die christliche Botschaft tritt zunehmend in den Hintergrund. Auch das Kirchenjahr hat nicht mehr die Bedeutung wie früher. Kein Wunder, ist die Religion in Deutschland doch eher auf dem Rückzug.

Die Kirche kann sich nun auf ihre Kernkompetenz zurückziehen und ist dann vor allem für die Kerngemeinde da. Das machen wir auch in Niendorf auf, wie ich finde, ziemlich hohem Niveau: Gottesdienste, Konzerte, Weihnachtsfeiern – der Kalender ist gut gefüllt.

Außerhalb der Kirchenmauern werden zwar alte Traditionen aufgenommen, aber der amerikanische Einfluss ist auf dem Weihnachtsmarkt unübersehbar – und unüberhörbar: Rudolph, the red-nosed reindeer statt Vom Himmel hoch, Tipi-Lounge statt Stall von Bethlehem. Krippe Tibarg

Moment – die Heilige Familie ist doch auch auf unserem Weihnachtsmarkt zu sehen, sogar lebensgroß. Und es gibt noch einen anderen Ort, an dem sich „Welt“ und „Kirche“ begegnen: beim Waldsingen.

Vor über 30 Jahren hatte die Freiwillige Feuerwehr die Idee und realisiert sie Jahr für Jahr gemeinsam mit der Kirchengemeinde und der Arbeitsgemeinschaft Tibarg auf dem Kinderspielplatz hinter der Kirche: Gemeinsames Singen von alten und neuen Advents- und Weihnachtsliedern. Damals führte Horst Moldenhauer noch teilweise plattdeutsch durch das Programm, Musikgruppen aus Niendorf und Umgebung spielten und sangen, und der Pastor hielt eine kleine Ansprache. So ist es bis heute geblieben. Robert Hertwig Waldsingen1steht mit seinem „Posaunix“ vor allem in deutscher Tradition von „Alle Jahre wieder“ bis „Leise rieselt der Schnee“, die Bigband der Garstedter Feuerwehr hat eher „Winter Wonderland“ und „Feliz Navidad“ im Programm. Andere Personen und Gruppen haben seitdem gewechselt.

Vor 20 Jahren „erbte“ ich die Ansprache von Pastor Trunz. Und ich überlegte, wie ich auch die religiös eher Unmusikalischen interessieren könnte. Weil das Waldsingen nun eine Mischung aus Folklore und christlichen Traditionen ist, schien mir das Plattdeutsche eine gute Wahl. In dieser Sprache hört es sich viel freundlicher an, was auf hochdeutsch einfach nur grob wirkt. Manchmal bin ich mir aber nicht sicher, ob das Wohlwollen der Zuhörenden eher darauf beruht, dass Plattdeutsch nicht mehr so gebräuchlich ist. „Es war so nett“, meinte einmal eine Besucherin. „Ich habe kein Wort verstanden, aber so nett.“ Trotzdem hoffe ich, dass das eine oder andere doch rüberkommt. waldsingen3-e1544619332776.jpg

So ist das geblieben – bis auf die letzten zwei Jahre, in denen ich aus gesundheitlichen Gründen passen musste. Aber in diesem Jahr soll es wieder so weit sein. Daniel Birkner übernimmt die Moderation, die plattdeutsche Ansprache steht schon auf dem Papier, und am Freitag, den 14.12. um 19 Uhr ist es so weit. Und ihr seid alle eingeladen.

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Bilder © Arbeitsgemeinschaft Tibarg, http://www.tibarg.de
Beitragsbild: Blick von den Mitwirkenden aus Richtung Kirche; rechts das Glühweinzelt der Feuerwehr, links die Anna-Warburg-Schule.
1. Bild: Die Krippe auf dem Nordischen Weihnachtsmarkt, Tibarg.
2. Bild: Blick Richtung Kirche.
3. Bild: Blick auf die Mitwirkenden.

Kritisch: der Volkstrauertag

 

Der Krieg war 12 Jahre vorbei, als ich geboren wurde. Mein Großvater war damals bei den Besatzungstruppen in Dänemark und desertierte, ehe er an die Ostfront kam. Mein Vater war ein „weißer Jahrgang“ und hatte weder mit der Wehrmacht noch der Bundeswehr zu tun. Das Einzige, was ich in meiner Kindheit und Jugend mit dem Krieg verband, war ein Bombentrichter auf unserem Land.

Erst im Vikariat habe ich zum ersten Mal bewusst den Volkstrauertag gefeiert, am Ehrenmal mit Kranzniederlegung, Rede und „Ich hatt‘ einen Kameraden“. Ich konnte herzlich wenig damit anfangen. Bis heute kann ich keinen Sinn darin sehen, dass so viele deutsche Soldaten und Zivilisten im 2. Weltkrieg gestorben sind.

In Niendorf musste ich dann bald selbst die Ansprache zum Volkstrauertag halten. Ich formulierte sehr vorsichtig, und doch waren Angehörige von Gefallenen und ehemalige Wehrmachtssoldaten enttäuscht. Sie hatten erwartet, dass ich den Kampf als „Vaterlandsverteidigung“ rechtfertigte. Mahnmal

Dabei hatte sich die Niendorfer Tradition schon von Anfang an von der des „Heldengedenktags“ verabschiedet. Ich lernte schon früh von meinem Kollegen Pastor Trunz, dass wir hinter der Kirche kein Ehrenmal, auch keinen Gedenkstein und schon gar kein Kriegerdenkmal haben, sondern ein Mahnmal. Unser Vorgänger Claus Seebrandt hatte es gemeinsam mit dem Niendorfer Hans Wullenweber errichten lassen und auf der Inschrift bestanden: „Schaffet Frieden“.

Damals wurden an diesem Mahnmal nach meiner Erinnerung vier Kränze niedergelegt – von der CDU, den Sozialverbänden, den Reservisten und der Freiwilligen Feuerwehr. Das passte zu meiner Vorstellung einer eher konservativen Veranstaltung. Dann aber hörte ich aus Lokstedt, dass die Vereine sich auf einen gemeinsamen Kranz verständigt hatten. Bildergebnis für niendorf volkstrauertagDiese Idee fand ich stark, und bald hatten wir sie auch in Niendorf umgesetzt.

Unser Motto ist seitdem gleich geblieben: Gedenken der Opfer – Mahnung zum Frieden. Auf der Kranzschleife sind nun die unterschiedlichen Niendorfer Parteien und Vereine vereint und machen deutlich: Wir gehen unterschiedliche Wege, haben aber ein gemeinsames Ziel: den Frieden.

Die Ansprache hält seitdem auch nicht mehr der Pastor, sondern ein Vertreter oder eine Vertreterin der Vereine und Verbände: Sie hielten persönliche und nicht selten sehr bewegende Reden: Die Feuerwehr würdigte seinerzeit das Engagement der Kameraden beim Anschlag auf das World Trade Center, die Behinderten-AG und der SoVD warben um Integration, die Reservisten erinnerten daran, dass sich auch heute deutsche Soldaten in gefährlichen Einsätzen befinden. Der Bezirksamtsleiter machte das gemeinsame Engagement für den Frieden zum Thema, und eine Jugendliche berichtete von ihrem Einsatz mit dem Volksbund dt. Kriegsgräberfürsorge in Polen – und wie sie Versöhnung mit einem alten Kriegsteilnehmer erlebt hat.

Auch wenn der Feiertag schon etwas angestaubt und die Teilnahme gerade von Jugendlichen eher übersichtlich ist – das Anliegen ist und bleibt aktuell. Es gibt zwar immer weniger Menschen, die den Krieg noch erlebt haben. Doch zu uns kommen andere, die vor ihm fliehen, aus Afghanistan oder Ostghuta, Jemen oder Kongo, vor Leid, Schmerz und Tod. Es lohnt jeden Einsatz, den Frieden zu bewahren und zu schaffen. Und am Volkstrauertag erinnern wir uns daran, dass wir uns in diesem Ziel einig sind.