Zungenrede und Prophetie

In der Kirche wird viel geredet. Dabei Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden ist eine bleibende Aufgabe. Schon Paulus hat diese Frage beschäftigt, zum Beispiel im 14. Kapitel des 1. Korintherbriefs. Davon sind die Verse 1-3 und 20-25 die Grundlage der Predigt gewesen, heute am 2. Sonntag nach Trinitatis. Eine Gelegenheit, sich ein paar Gedanken um das Reden im Gottesdienst – und darüber hinaus – zu machen.

 

Liebe Gemeinde!

Mit den Konfis habe ich seinerzeit jedes Jahr auch einen afrikanischen Gottesdienst besucht. In den letzten Jahren war ich hier am Sootbörn bei den Adventisten. Dort wird viel gesungen, lebendig gepredigt, und die Gemeinschaft ist beeindruckend. Noch bunter ging es allerdings bei den Lutheranern am Berliner Tor zu, die wir davor besuchten. Bei den Liedern tanzten Frauen durch die Bänke, ein Mann versuchte die Konfis wenigstens zum Klatschen zu animieren, was diese sichtlich überforderte. Und einmal fing einer an, in einer hohen Stimmlage zu reden. Und das war weder deutsch noch englisch noch Suaheli. Erst langsam erkannte ich: Der redet in Zungen, ein ekstatisches Gebet, das sonst keiner versteht. Weiterlesen

Die beste Hochzeit aller Zeiten

Die Hochzeit ist ein tolles Fest: Zwei Menschen sagen: Wir wollen zusammen bleiben unser Leben lang. Der Weg zu dieser Entscheidung war manchmal schwierig. Und der Ehealltag liegt noch vor ihnen. An diesem Tag aber feiern wir ihre ungetrübte Partnerschaft. Ich liebe Trauungen.

Das geht nicht allen meinen Kolleginnen und Kollegen so. Öfters schon hörte ich die Klage: „Bei diesem Fest sind wir doch nur die Zeremonienmeister.“ Und ich denke: Ja, genau das möchte ich sein. Ein guter Meister der Zeremonie.

Denn eine gute Zeremonie ist viel mehr als schöner Schein. Sie ist gleichzeitig Ausdruck unserer Gefühle und Einstellungen und vertieft sie noch. In der Kirche nennen wir sie „Liturgie“. Auf sie wollen wir ja auch in keinem Gottesdienst verzichten.

Zugegeben, die meisten Brautpaare setzen bei der Zeremonie in der Regel andere Schwerpunkte als wir Geistliche. Wir würden gerne den Segen in den Mittelpunkt stellen, oder die Liebe und die Treue. Und dann reden wir hauptsächlich übers Fotografieren und über den Einzug der Braut.

Als ich meine prinzipielle Aversion gegen diese Wünsche einmal überwunden hatte, fand ich die Diskussionen darüber ausgesprochen spannend. Was passiert eigentlich beim Segen? Kann man dieses Geschehen mit einem Foto reproduzieren? In gewisser Weise ja, denn das Foto erinnert uns an die Gefühle, die wir in dieser Situation hatten. Und wir können sie auch später mit anderen teilen – das ist ja geradezu der Sinn eines Fotos. Aber ist es nicht angemessener, gerade beim Segen aufs Foto zu verzichten – um einen Raum zu schaffen für ein Ereignis und ein Erlebnis, das wir weder durch Bild noch durch Wort vermitteln können? Manche Paare hatten für solche Gedanken ein offenes Ohr, anderen blieben sie eher fremd.

Oder der Einzug der Braut mit ihrem Vater. Bis Anfang der Neunzigerjahre spielte dieser Brauch in Deutschland praktisch keine Rolle. Dann kamen Linda de Mol mit ihrer „Traumhochzeit“ und die Adelshochzeiten im Fernsehen. Und innerhalb von 15 Jahren wurde die bis dahin nur im angelsächsischen Raum vorherrschende Tradition zum festen Bestandteil deutscher Trauungen. Wir Geistliche waren dagegen. Weil der Ursprung allzu offensichtlich mittelalterlich war: Die Frau, vor der Ehe Eigentum des Vaters, wird nun zum Eigentum des Ehemannes. Warum um alles in der Welt tun sich das aufgeklärte Frauen an???

Auf die Spur brachte mich ein Artikel im Deutschen Pfarrerblatt: Mit dieser Tradition werde die Ablösung vom Elternhaus noch einmal zeremoniell begangen. Das konnte ich nachvollziehen. Aber wo bleibt der Mann und seine Familie? Und ich begann mit den Paaren zu experimentieren. Jetzt ziehe ich unter Glockengeläut mit dem Ehemann ein, die Gemeinde erhebt sich, und kurz darauf folgt die Braut mit ihrem Vater, und die Orgel beginnt zu spielen. Die Rolle der Bräutigamsfamilie kann dann individuell gestaltet werden. Ich fühle mich ganz wohl mit dieser Regelung.

Ein anderer Punkt sind die Lieder. „Lobe den Herren“ konnten viele noch mitsingen. Und oft kam auch die Gitarre zum Einsatz. „Herr deine Liebe“ war fast schon Standard. Aber ich mochte auch, wenn die Kirche bei „Laudato si“ ins Schwingen kam. Oder wenn die Orgel ein wunderbares Stück zum Auszug spielte.

Und ich habe mich immer gefreut, wenn die Gemeinde durch die Predigt nicht nur etwas zum Nachdenken, sondern auch etwas zum Schmunzeln hatte.

Natürlich steht mein Urteil fest, welche die beste Hochzeit aller Zeiten gewesen ist: meine eigene! Natürlich sind wir gemeinsam eingezogen. Der St.-Marien-Chor sang „Alles, was ihr tut“, unseren Trauspruch. Ein zweiter Chor aus Mitgliedern der Familie trat ganz überraschend auf. Pastor i.R. Schiel hielt die Ansprache, wir feierten gemeinsam das Abendmahl. Und die Erinnerungen daran werden mit jedem Jahr schöner, denn es gibt keine Bilder vom Gottesdienst, die sie verfälschen könnten 🙂

Es macht mich allerdings auch glücklich, wenn auch die Paare, für die ich „Zeremonienmeister“ sein durfte, sagen: „Das war die beste Hochzeit aller Zeiten.“

Was bleibt

Jeder Mensch hat seine Geschichte. Und sie ist nicht nur die Summe der Erlebnisse und Erfahrungen seines Lebens. Sie ist das Band, das sein Leben umfasst und zusammenhält, dem Leben Sinn verleiht und unverwechselbar ist. Sie ist so etwas wie der rote Faden oder die goldene Schnur.

Immer habe ich in meinem Leben nach meiner Geschichte gesucht. Manchmal hatte ich sie verloren. Dann machte mein Leben keinen Sinn, ich verlor mich – in depressiven Gedanken, in Selbstvorwürfen oder in der Geschichte, die andere für mich erzählten. Dann wieder hatte ich das Gefühl, meine Geschichte wiedergefunden zu haben. Ich war bei mir selber, war innerlich stark und überzeugt davon, dass mein Handeln und Denken richtig war. Weiterlesen

Kirche für das 3. Jahrtausend

USA 88 – ein Resumee

Kurz nach unserer USA-Reise stellten Johannes und ich aus unseren Bildern Diaserien zusammen, nannten sie „Spiritualität und Weltverantwortung“, „Kirche in der Stadt“ oder gleich etwas unbescheidener „Überlebenschancen der Kirche“ oder gleich „Kirche für das 3. Jahrtausend“. Tatsächlich sahen wir in den christlichen Gemeinschaften, die sich jenseits der Konfessionen an der Bibel ausrichteten, Modelle für eine Kirche der Zukunft. Wir luden interessierte Bekannte ein, stellten die Bilder, Erfahrungen und Begegnungen vor, hatten intensive Diskussionen – und gingen dann bald als normale Pastoren in die Gemeinde. Entweder war die Zeit noch nicht reif für tief greifende Veränderungen oder wir waren es nicht – oder beides. Weiterlesen

Gemeinschaft total

Konsequent konservativ – 8. Teil der USA-Reihe

In New Jerusalem hatten wir zum ersten Mal von ihnen gehört: Den Bruderhöfern. Eine christliche Gemeinschaft, ähnlich wie die Hutterer, aber erst 1920 in Deutschland gegründet. Durch Verfolgung im 3. Reich wanderten sie über Paraguay nach Nordamerika aus und gründeten dort einige „Bruderhöfe“. Wir wurden neugierig.

Nach unserem Besuch im Kloster hatten wir noch eine Woche Zeit. Der nächste Bruderhof war Woodcrest in Rifton, nördlich von New York City. Und auch dort wurden wir herzlich aufgenommen.

Bruderhof MannBruderhof FrauWir fühlten uns in der Zeit ein paar Jahrzehnte zurück versetzt. Die Frauen mit Kopftuch und Kleid, die Männer mit Hosenträgern und Karohemd. Einige von ihnen sprachen auch noch einen deutschen Dialekt, der dem hessischen ähnelte. Wir könnten so lange bleiben wie wir wollten, erzählte man uns, doch ab dem 2. Tag würde man von uns erwarten, in den Werkstätten mitzuarbeiten. Wir ließen uns gerne darauf ein. Weiterlesen

Meditation und Widerstand

Im Garten von Gethsemani – 7. Teil der USA-Reise

Waren wir früher politischer als die Jugendlichen heute? Vielleicht. Die Verhältnisse waren aber auch andere, irgendwie klarer. Die eine Hälfte der Welt wurde beherrscht vom Kommunismus oder, wie auch gesagt wurde, „realem Sozialismus“. Wir hatten dazu ein zwiespältiges Verhältnis: Einerseits lehnten wir die Regime von Moskau bis Peking cardenal-solentiname.jpgbis nach Tirana ab, andererseits faszinierten uns die Gedanken von Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Eindeutiger war unsere Einstellung zu den – meist von den USA gestützten – Diktaturen, z.B. in Nicaragua, Chile, den Philippinen, Südafrika und  verschiedenen anderen afrikanischen Staaten. Martin Luther King, Desmond Tutu und Ernesto Cardenal, der Priester aus Nicaragua, waren unsere Vorbilder. USA 7-32

Diese Namen begegneten uns auch immer wieder auf unserer Reise in die USA. Jim Wallis und Richard Rohr hatten mit Cardenal gemeinsam, dass sie alle sehr von einem Trappisten-Mönch aus Kentucky beeinflusst waren: Thomas Merton (1915-1968).

Schweigen und harte Arbeit sind die Kennzeichen dieses Ordens. Doch Merton hat nicht nur geschwiegen. Er engagierte sich auch politisch, gegen den Vietnam-Krieg, gegen Aufrüstung und Diktatur. Und er beschäftigte sich intensiv mit Buddhismus und Zen. Weiterlesen

Der wilde Mann

Die Basisgemeinde New Jerusalem – 6. Teil der USA-Reihe

Zwei Jahre vor der USA-Reise hatte ich von Johannes ein Buch geschenkt bekommen: Rohr Bücher„Der wilde Mann“, geistliche Reden zur Männerbefreiung von einem amerikanischen Franziskaner namens Richard Rohr. Nachdem die Studentenjahre von einer intensiven Beschäftigung mit dem Feminismus geprägt waren, kam hier ein Anstoß, sich mit der Spiritualität von Männern zu beschäftigen. Damals war das fast revolutionär. Und Richard Rohr war einer der Pioniere. Kann sein, dass es ohne ihn das Männerpilgern oder „Mann kocht“ in unserer Gemeinde gar nicht geben würde. Zmindest sind viele Initiativen zur „Männerbefreiung“ oder, wie er es nennt, „Männerinitiation“ von ihm beeinflusst, z.B. die „Männerpfade“ in Deutschland oder „Mannsein.at“ in Österreich. Weiterlesen