Gemeinsam in der Not

Es gibt viele liebe Menschen, die an uns denken, und dafür sind wir unendlich dankbar. Aber wir sind beileibe nicht die einzigen, die eine schwere Zeit durchmachen. Und die ihre Situation in gute Worte fassen können. So bekamen wir gerade eine Mail von G., die für ihren Mann da sein muss:

Meinem Mann geht es wieder besser. Aber er hat an körperlicher und geistiger Kraft eingebüßt. Wieder eine Stufe tiefer. Ich weiß nicht, wie lang die Treppe ist, die nach unten führt. Und in welchen zeitlichen und gesundheitlichen Etappen solch eine Treppe gebaut ist. Den Erbauer kenne ich nicht. Nur den Begleiter. Er hält mich und uns an Seiner Hand fest.

Ausgestattet mit neuem Mut und Kraft für einen Tag gehen wir unseren Weg. Auch meine Haut ist dünner geworden. Meine Nerven, Geduld und Nachsicht werden ständig auf die Probe gestellt. Ob ich diese Art von Ausbildung oder Lehre letztlich schaffen werde, weiß ich nicht. Denn, so gerne ich lese und dazulerne – eine passende Lektüre gibt es nicht für diesen Lehrgang. Auf eine Prüfung kann ich mich ebenso wenig vorbereiten wie auf das Ende des Weges. Jeder Tag verläuft nämlich etwas anders als geplant und gewollt. Und wenn es nur an kleinen Dingen liegt.

G.M.

 

Dir, liebe G., wünschen wir ganz viel Kraft für Deine Aufgabe.

Wie geht es dir?

Im „normalen Leben“ taucht diese Frage gerne auch auf in der Variante: „Geht’s gut?“ Und nur in seltenen Fällen will jemand darauf eine ausführliche Antwort. Ich verstehe sie als freundlich gemeinten Gruß und antworte meistens mit „Gut“ – und das kann eigentlich alles bedeuten, signalisiert aber in jedem Fall: Wir müssen nicht weiter darüber reden.

Ich lebe aber inzwischen kein „normales“ Leben mehr. Wenn mich jetzt jemand von euch fragt: „Wie geht es dir?“, dann spüre ich ein anderes, größeres Interesse. Mitgefühl. Aber manchmal auch Unsicherheit: Worüber redet man mit jemandem, der Krebs hat? Über die Krankheit? Oder gerade nicht, sondern über ganz normale Dinge?

Ich weiß auch, dass ich es euch nicht immer leicht mache. Manchmal will ich ohne Ende von meiner Situation reden, manchmal eher nicht. Manchmal finde ich Mitleid hilfreich, manchmal eher lästig.

Von der Redakteurin des Niendorfer Wochenblatts Kirsa Kleist wurde ich einmal gefragt: „Wie tröstet man einen Mann, der sonst – von Berufs wegen – als Trostspender bekannt war?“ Und ich habe geantwortet: „Ich denke so, wie man andere auch tröstet: Da sein, nicht weglaufen, keine Floskeln, nur was sagen, wenn es ehrlich ist, sonst den Mund halten. Keine Antworten geben, sondern nach Antworten – vielleicht eher noch nach den richtigen Fragen – suchen. Sowas hilft, auch wenn man es nicht merkt.“

Krebs kann heißen, dass ich unter den Nach- und Nebenwirkungen von OPs oder Therapien leide. Es kann aber auch heißen, dass ich ein äußerlich normales Leben führe. In jedem Fall aber begleitet mich das Bewusstsein, dass der Tod ganz nahe ist. Natürlich wissen wir alle, dass wir sterben müssen. Aber für mich und ebenso für Ute ist es konkreter. Wir verbinden damit eine Zeit: die nächste Untersuchung, einen Ort:  mein Körper, und einen Namen: Tumor.

Dieses Bewusstsein erzeugt bei uns auch so etwas wie eine milde Paranoia. Jeder Schmerz, jede ungewöhnliche Stelle auf der Haut, die wir nicht sofort einordnen können, macht uns unruhig. Darum verbringen wir gerne einmal eine Extrastunde in der Notaufnahme, selbst im Urlaub. Und wie gut, wenn der Arzt dann sagt: Das ist ein ganz normaler Husten. Ein ganz normaler Bluterguss. Kein Krebs.

Vielleicht hilft es euch, wenn ihr das wisst. Uns zumindest hilft es, wenn ihr uns das Gefühl gebt, dass ihr es wisst und respektiert.

Einigen von euch brauchen wir es aber gar nicht erst zu sagen, weil ihr euch in derselben Welt bewegt wie wir. Ihr habt ähnliche Erfahrungen gemacht. Und wir erleben immer wieder, wie gut uns der Austausch mit euch tut.

Mag sein, dass auch für uns einmal wieder so etwas wie Normalität einkehrt und wir auf die Frage „Wie geht es euch?“ wieder mit einem einfachen „Gut“ antworten und zu Alltäglichkeiten wechseln können. Bis dahin werden wir erzählen oder auch nicht – in jedem Fall aber tut uns die Frage gut. Denn sie signalisiert uns euer Interesse, eure Nähe und euer Mitgefühl.

 

Den Austausch fördern

Kirche im Dialog (5). Hier, hier,  hier und hier stehen die ersten vier Teile

Um mit Menschen außerhalb der Kirche in einen Dialog treten zu können, müsste man ja eine gemeinsame Sprache finden. Doch die religiöse Mundart verschwindet langsam. Manche Wörter werden gar nicht mehr verstanden oder bekommen eine andere Bedeutung. Wenn ich etwas fürs Wochenblatt geschrieben habe, sollte es ausdrücklich „nicht so kirchlich oder pastoral“ sein.

Die Kirche hat in den letzten Jahrzehnten viel dafür getan, „gegen den Trend zu wachsen“. Trotzdem bewegt sich die Kirchenmitgliedschaft unaufhaltsam auf die 20%-Marke zu. Damit sind wir nicht mehr die bestimmende Kraft in der Gesellschaft, sondern eine unter vielen religiösen und quasireligiösen Gruppen. Und alle bilden ihre eigene Sprache und ihre eigenen Rituale: Moslems und Säkulare, Rechtspopulisten und High Performer. Es bilden sich Communities um Fußball und Fitness, Kochen und Computerspiele.

In dieser Gesellschaft muss die Kirche ihre Rolle erst noch finden. Dazu hat Dietrich Bonhoeffer schon vor über 70 Jahren geschrieben: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist … nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muss den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt, ‚für andere dazusein‘… nicht durch Begriffe (!), sondern durch ‚Vorbild‘ bekommt ihr Wort Nachdruck und Kraft.“ Vielleicht kommen wir jetzt erst dort an, wo Bonhoeffer uns schon damals sah.

Auf der einen Seite Vorbild sein und auf der anderen helfen und dienen. Eine wichtige Aufgabe könnte sein, den Austausch zwischen den unterschiedlichen Gruppen und Communities anzuregen und zu fördern. Kirche im Dialog – ein wenig anders interpretiert.

Dafür würde ich mich selbst gerne einsetzen, wenn es meine Kraft, Zeit und Gesundheit zulassen.

Dialog oder Mission?

Kirche im Dialog (4). Hier, hier und hier stehen die ersten drei Teile

Dass der Vorsitzende des Säkularen Forums Hamburg, Prof. Helmut Kramer, ausgerechnet der Nordkirche ein vordemokratisches Dialogverständnis vorwirft, kann nur bedeuten, dass er entweder eine selektive Wahrnehmung hat, ein Feindbild braucht oder Lust an der Provokation hat. Trotzdem ist auch mir nicht ganz klar, mit welchen Voraussetzungen und Zielen die Kirche in den Dialog hineingehen will.

Will sie den Konfessionslosen die christlichen Inhalte  nahebringen? Man muss es ja nicht machen wie die Zeugen Jehovas, sondern auf die nette Art, etwa wie das Projekt „Neu anfangen – Christen laden ein zum Gespräch“. Wäre dann die Mitarbeit auf den „dritten Feldern“ auch als eine Art Türöffner gedacht, um Menschen mit dem Evangelium in Berührung zu bringen?

Oder will man erst einmal wissen, wie Religionslose überhaupt ticken? Einfach mal ins Gespräch kommen und dann mal sehen, was kommt? Denn, wie Prof. Kramer richtig sagt: Ein respektvoller Gedankenaustausch ist Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Aber ist das nicht ein bisschen wenig für eine „bleibende Herausforderung der Kirche“ (Bischof von Maltzahn)?

Mir schwebt ein anderes Modell vor: Eine Gruppe von Christinnen und Christen lebt in einem nichtchristlichen Umfeld ihren Glauben mit Ernst und Konsequenz. Ihre Mitglieder pflegen sorgfältig ihre Traditionen und spirituellen Ressourcen. Ihren Mitmenschen begegnen sie mit Respekt und Verständnis. Sie helfen, wo es nötig ist und arbeiten mit an einem konstruktiven Miteinander. Dietrich Bonhoeffer hat es auf die Formel gebracht: „Beten und tun des Gerechten.“

Es ist vielleicht kein Wunder, dass mir gerade dieses Modell vorschwebt. Ich habe es gerade gesehen, auf DVD (und hier besprochen): „Von Menschen und Göttern“, ein Film über ein Kloster in Algerien. Ich habe davon gelesen, in einer Rede von Navid Kermani, eine Beschreibung über ein Kloster in Syrien. Und ich habe es erlebt. Vielleicht nicht ganz so ideal, aber dafür viel näher, in einer Gemeinde in Niendorf.

Die Säkularen

Kirche im Dialog (3). Hier und hier stehen die ersten beiden Teile.

Richard Dawkins hat eine Mission. Er ist von Haus aus Evolutionsbiologe und damit der Ansicht, dass die Lebewesen, die Erde, ja das ganze Universum aus sich selbst heraus entstanden ist und sich entwickelt hat. Seine Gegner sind die Kreationisten. Diese meinen, dass alles erschaffen wurde. Von Gott erschaffen wurde.

Es gibt sie grundsätzlich in zwei Ausgaben: Denen, die vom „Intelligent Design“ sprechen und die „Junge-Erde-Kreationisten“. Erstere geben zu, dass es Urknall und Evolution gegeben hat, aber nicht einfach so. Es müsse, sagen sie, einen intelligenten Designer hinter allem geben, der die ganze Entwicklung immer wieder, auch mit übernatürlichen Mitteln, in die richtige Richtung gelenkt hat. Nur so hätte der Mensch entstehen können. Die zweite Gruppe hält sich strikt an die Bibel: Das Universum ist in sieben Tagen entstanden. Weil es so in der Bibel steht, und die ist schließlich Gottes Wort.

Dagegen kämpft Dawkins an. Er schreibt Bücher. Sein berühmtestes heißt „Der Gotteswahn“. Sein Anliegen ist nun nicht nur, die Evolutionstheorie zu verteidigen, sondern gegen die Religion insgesamt zu kämpfen. Sie hält er für schädlich, weil sie das freie Denken unmöglich mache. Denn Religion, so sagt er, geht immer von Vorgaben aus, die nicht beweisbar seien: Von Gott und der unhinterfragbaren Autorität der Bibel. Deshalb diskutiert er auch mit Vorliebe mit Kreationisten, die ihre Theorie auf wissenschaftlichem Weg beweisen wollen – und meistens dann wie die Idioten dastehen. Schließlich gründet er eine Bewegung, die „Brights“ (deutsch: Die Erleuchteten).

In Deutschland ist es besonders die Giordano-Bruno-Stiftung mit ihrem Vorsitzenden Michael Schmidt-Salomon, die seine Ideen aufgreift und in die Öffentlichkeit bringt. Bekannte Mitglieder ihres wissenschaftlichen Beirats sind etwa Monika Griefahn, Janosch oder Ingrid Matthäus-Maier. Und ihr Hauptgegner ist nach wie vor die Kirche.

Sie kooperieren mit so genannten Humanistischen Vereinen, die sich in ganz Deutschland gegründet haben. Sieben dieser Verbände schließen sich hier 2014 zum Säkularen Forum Hamburg (SF-HH) zusammen. Ihre Ziele: Rechtliche Gleichstellung mit den Kirchen und Zurückdrängen der religiösen Inhalte und Symbole aus dem öffentlichen Leben – von Feiertagsregelung bis Schulunterricht.

Ich hoffe, dass ich die Lage soweit ziemlich objektiv dargestellt habe. Nun kommt meine Haltung dazu.

Gemeinsam ist den „Humanisten“ um Dawkins und Schmidt-Salomon und den Kreationisten, dass sie Gott als ein naturwissenschaftliches Prinzip begreifen, das irgendeine Leerstelle in der Forschung ausfüllen könnte. Doch für mich ist Gott eine völlig andere Dimension, naturwissenschaftlich weder zu erklären, noch erklärt er etwas. Die Wissenschaft selbst kommt völlig ohne Gott aus. Ja, sie muss es sogar, denn sie muss Zusammenhänge in der Natur erforschen und erklären. Sie muss objektiv sein. Sie muss Rätsel lösen können.

Mit Gott aber kommen wir in eine andere Dimension. Hier wird das Rätsel zu einem Geheimnis, dem wir uns annähern, das wir aber niemals lösen können. Es ist die Welt der Liebe und der Suche nach Lebenssinn. Es gelten nicht die Fragen: Wie funktioniert das?, sondern: Nach welchen Grundsätzen will ich leben, was ist meine Berufung? Um diese Fragen zu klären, muss ich den Bereich der Objektivität verlassen und subjektiv werden. Ich muss mich betreffen lassen, Entscheidungen fällen, Beziehungen eingehen.

Die Kreationisten vermischen diese Bereiche – und haben deshalb schon verloren, ehe sie den Kampf aufgenommen haben. Für Dawkins dankbare Gegner. Dass er sich immer wieder solche Gesprächspartner aussucht, ja sie für Prototypen religiösen Denkens hält, zeigt sein sehr begrenztes Weltbild.

Damit die „Brights“ jeglicher Couleur immer als Sieger aus der Diskussion hervorgehen, bedienen sie sich mehrerer Tricks. Der erste besteht darin, dass sie selbst definieren, was religiöse Menschen auszeichnet. Sie würden nicht eigenständig denken, sondern entnähmen ihre Meinungen und Handlungsanweisungen unkritisch einem heiligen Buch, so Dawkins. Wenn sie es nicht täten, sondern selbst dieses Buch kritisch hinterfragten, seien sie keine richtigen, sondern weichgespülte Religiöse, die man nicht ernstnehmen könne.

Ein zweiter Trick besteht darin, alle Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, zu Säkularen zu erklären. Deshalb nimmt das SF-HH für sich in Anspruch, für 60% der Hamburger zu sprechen, obwohl  nach eigenen Angaben nur ca. 1.000 Mitglieder dazugehören.

Der dritte Weg ist der, die Bedeutung der Kirchen und ihre Finanzierung durch den Staat hochzuspielen. Jeder Cent, mit dem ein Krankenhaus oder eine Kita unterstützt wird, wird damit der Kirchensteuer gleichgestellt. Als Quelle wird fast immer der Kirchenkritiker Carsten Frerk genannt. Berechnungen der Kirchen selber werden konstant ignoriert. Soviel zu einer objektiven Berichterstattung.

Die vierte These: Säkularer Humanismus wird zur Normalität erklärt. Alle anderen Einstellungen sind dann irgendwie unnormal – zu ertragen, wenn sie privat ausgeübt werden, aber aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Deshalb lautet eine der Forderungen des SF-HH „Nicht zum Glauben erziehen“ (so der Titel eines Beitrags in der taz vom 15. März 2017).

Das erinnert schon fast an das Mittelalter – mit dem Unterschied, dass damals die christliche Religion die Norm war. Alle anderen Meinungen mussten damals auch aus dem öffentlichen Raum entfernt und bekämpft werden, wenn sie der herrschenden Meinung widersprachen. Damals galten alle Andersgläubigen als Heiden. Heute nennt man sie „unvernünftig“. Das Prinzip ist das gleiche.

Wir haben also tatsächlich Gesprächsbedarf.

Polit-Blues

Ich kann es einfach nicht. Ich habe es ehrlich versucht, viele Anläufe habe ich gemacht, aber ich schaffe es definitiv nicht, Rechtspopulisten wie die AfD wirklich zu verstehen. Liegt es vielleicht an mir, an meiner politischen Sozialisation?

Als ich anfing, politisch zu denken, herrschte noch der Kalte Krieg. Die Feindbilder waren klar verteilt, der Vietnamkrieg gerade vorbei, und unser Kampf galt unter anderem den Diktatoren der Welt. Ein Mitstudent hatte sie mit Konterfei aufgereiht, wie auf einem Fahndungsplakat der RAF-Terroristen. Und wie die gefangenen oder getöteten Terroristen mit einem roten Kreuz durchgestrichen wurden, strich er die Diktatoren aus, die gestürzt worden waren. Und sie fielen, einer nach dem anderen: Somoza in Nicaragua, Mao in China, Pol Pot in Kambodscha, Pinochet in Chile, das Apartheidsregime in Südafrika und der Schah von Persien. Schließlich brach auch noch die Sowjetunion zusammen und die Mauer fiel. Und als dann der Arabische Frühling ausbrach und Obama Präsident der USA wurde, schien die Welt wirklich eine bessere zu werden. Yes, we can!

Und nun erlebe ich die Rückkehr der Despoten. Und das nicht nur in Staaten, die Demokratie nie wirklich gelernt haben, in Russland, im Nahen Osten, in Afrika. Mitten in Europa beginnen die demokratischen Strukturen wegzuschwimmen. Orbán, Kazcynski, Hofer, le Pen, Wilders, Trump, Höcke und Petry, alles dieselbe Suppe.

Sie wollen den Nationalismus zurück. Geht’s noch? Das letzte Mal, als wir es versuchten, endete es im furchtbarsten Krieg der Weltgeschichte. Sie wollen die Flüchtlinge zurück ins Meer kippen. Wo um Himmels willen sind unsere christlichen oder humanistischen Werte geblieben?

Dabei kann ich sie ja in Ansätzen durchaus verstehen. Der Euro hat wohl ökonomisch gesehen tatsächlich etliche Nachteile. Aber eine Rückkehr zur D-Mark wäre doch noch unsinniger. Die EU ist aus meiner Sicht reichlich undurchsichtig, teuer und weit weg und muss dringend reformiert werden – aber sie deswegen gleich abschaffen? Die USA sind seit 150 Jahren eine Imperialmacht. Sie zwangen Japan schon 1854 mit militärischen Mitteln ein Handelsabkommen auf, führten ab 1955 Krieg in Vietnam, ermordeten den chilenischen Präsidenten Allende 1973, kämpften ums Öl 2001 in Afghanistan, 2003 im Irak – und das sind nur wenige von vielen militärischen und nichtmilitärischen Interventionen, die dem einen Ziel dienten: America first. Aber sich deshalb Putin an den Hals werfen? Das wäre dann ein Beispiel für das Sprichwort, wie man den Teufel durch Beelzebub austreibt.

Und ja, die großen Konzerne bestimmen seit Jahrzehnten die Politik in West und Ost. Banken, die sich schlicht verzockt haben, werden mit zig Milliarden „gerettet“, und die Verantwortlichen kommen nicht nur davon, sie profitieren auch noch. Das kritisiert auch die AfD. Dann aber findet sie einen Präsidenten toll, der seine Presseerklärung bei der Industrie abschreibt? Mir fehlen schlicht die Worte. Es ist derselbe Präsident, der versprochen hat, den Lobbyismus auszutrocknen – indem er die Lobbyisten gleich zu Ministern macht. Die Logik dahinter ist mir zu hoch.

Dazu kommt noch ein eigenartiges Verhältnis der AfD-Politiker zu Wissenschaft und Kultur.Dass 95% der Wissenschaftler von einem vor allem menschengemachten Klimawandel ausgehen, ist egal. Meinung geht vor Argument. Fake News bestimmen die Nachrichten.Kultur wird wieder national definiert. Hatten wir das nicht schon einmal, damals in der DDR und vorher noch, zwischen 32 und 45?

Und noch ein persönlicher Eindruck: Ich finde, Trump sieht immer aus wie ein ungezogenes und unerzogenes Kind. Der Präsident des mächtigsten Staates unseres Planeten!

Gute Nacht, Deutschland. Gute Nacht, Welt. Kann mich mal jemand aufmuntern?

Kirche und Säkulares Forum

Kirche im Dialog (2). Hier steht der 1. Teil

Eine der ersten Reaktionen auf das neugegründete Werk der Nordkirche kam vom Säkularen Forum. Der epd (Evangelische Pressedienst) war sofort angetan: „In Zeiten zunehmender weltanschaulich und religiös motivierter Radikalisierung sei ein respektvoller Gedankenaustausch zwischen den verschiedenen Bekenntnissen Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben, sagte der Vorsitzende Helmut Kramer.“

Prof. Kramer machte im Hamburger Abendblatt (Leserbrief vom 8.3.2017) aber auch gleich deutlich, dass Kirche und Forum Welten trennen: „Die Gründung von ‚Kirche im Dialog‘ ist begrüßenswert. Wer aus der Kirche austritt, ist damit aber nicht konfessionslos, sondern konfessionsfrei.“ Wer konfessionslos sagt, meint: Den Anderen fehlt etwas. Wer konfessionsfrei sagt, meint: Die Anderen haben etwas zu viel. Nämlich Religion. Ob man auf der Basis wirklich zueinander kommt?

Und Kramer geht mit viel Skepsis in den „Dialog“: „Wenn die Kirche tatsächlich bereit wäre, in einen Dialog mit säkularen, konfessionsfreien Menschen einzutreten, müsste sie von dem Alleinvertretungsanspruch der Offenbarungsreligionen Abstand nehmen und auch kirchenfernen Menschen das Recht auf alternative Vorstellungen von Sinn und Werten zugestehen.“ Ups, da hat der Herr wohl ein paar tausend Veröffentlichungen der Kirche zum Thema Toleranz in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht wahrgenommen.

Ich habe mir mal die Forderungen des Säkularen Forums Hamburg angeschaut und den Eindruck gewonnen: Die wollen nicht nur eine Gleichberechtigung mit den Kirchen im öffentlichen Leben, sie wollen die Religion insgesamt zurückdrängen und Säkularität zur leitenden Weltanschauung machen.

Ok, der Dialog ist eröffnet.