Unterwerfung

Der Roman hat mich fasziniert, die schauspielerische Umsetzung durch Edgar Selge war genial, und den Film habe ich genossen: Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ hat mich immer wieder angeregt, über unsere Gesellschaft nachzudenken.

Houellebecq beschreibt, wie der Vertreter einer islamischen Partei in Frankreich die Präsidentschaftswahlen gewinnt und unverzüglich damit beginnt, die Gesellschaft zu islamisieren. Und das beschreibt er durchaus glaubwürdig: So könnte es wirklich kommen. Und wenn nicht 2022, wie im Roman, dann eben ein paar Jahre später. Genauer: so könnte es in Frankreich kommen.

Denn für Deutschland kann ich mir ein solches Szenario noch nicht recht vorstellen. Keine einzelne Person hat hier eine solche Macht wie in Frankreich der Präsident. Unser Parteiensystem begünstigt Kompromisse und Koalitionen. Genau dieser Zustand wird ja auch von vielen Menschen beklagt: Die politischen Entscheidungen wären nicht richtig rechts, nicht richtig links und manchmal reichlich undurchsichtig.

Wichtiger noch aber finde ich einen anderen Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich: Jenseits des Rheins ist die Gesellschaft laizistisch. Das heißt: Eine konsequente Trennung von Kirche und Staat. Anders gesagt: Religion im Allgemeinen und die (katholische) Kirche im Besonderen haben sich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.

Deutschland hat ein anderes Konzept. Hier hält sich der Staat aus weltanschaulichen Fragen heraus und bemüht sich, Religionen und andere entsprechende Verbände als gesellschaftliche Akteure einzubinden. „Hinkende Trennung“ von Kirche und Staat heißt das dann, oder „Subsidiaritätsprinzip“.

Wenn wir dieses Prinzip durchhalten, dann kann der Staat gar nicht islamisiert werden. Dann muss er „nur“ dafür sorgen, dass alle gesellschaftlichen Akteure gemäß ihrer Bedeutung vorkommen und die Gesellschaft mitgestalten können. Keine Frage: Das ist ungeheuer kompliziert und sehr aufwändig. Aber ich finde, es lohnt sich unbedingt.

Es bedeutet allerdings auch, dass die christlichen Kirchen Privilegien abgeben müssen, da ihre Bedeutung in der Gesellschaft objektiv schwindet. Und dass der Islam stärker vorkommen muss, da immer mehr Moslems zu Deutschland gehören. Dass aber auch alle Nichtreligiösen ihren angemessenen Platz bekommen. Und die anderen auch. Und ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung, wie es dann am Ende aussehen wird. Oder genauer: Wir werden mit diesem Prozess nie an ein Ende kommen.

Wie es aber bestimmt nicht geht:
– Wenn wir erklären, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.
– Wenn wir Kreuze in öffentlichen Gebäuden aufhängen wollen.
– Wenn wir die Religion vollständig aus der Öffentlichkeit verbannen wollen.
– Wenn wir einzelne Gruppen vom gesellschaftlichen Diskurs ausschließen oder behindern, daran teilzunehmen.

Ich glaube, das geht nur, wenn wir reden. Miteinander, nicht übereinander. Ich weiß, das ist anstrengend. Besonders das Reden mit den Anstrengenden, mit denen, die so gar nicht unserer Meinung sind. Aber es lohnt sich.

So verhindern wir eine islamische Gesellschaft, wie Houellebecq sie beschreibt. Aber auch eine christliche, wie sie möglicherweise Söder vorschwebt. Oder eine sozialistische, wie wir sie aus der DDR kannten. Oder eine laizistische, wie sie in Frankreich praktiziert wird.

Und genau so möchte ich leben.

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Beitragsbild: Sultan-Achmed-Moschee (Istanbul). Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=395994

WM-Aus: Söder hat Schuld

digWährend der Exerzitien hatten wir einen eigenen Blick auf die WM – zeitversetzt und als Standbild bzw. als Nachricht aus der Zeitung. Und während die Nation noch nach den Verantwortlichen für das Debakel suchte, stand für mich sofort fest: Söder hat Schuld. Nicht, dass er nun für alles Schlechte in der Welt verantwortlich wäre, obwohl er sich wirklich alle Mühe gibt. Aber dafür schon.

Angefangen hat es aber nicht mit ihm, sondern mit Gauland, der Boateng nicht als Nachbarn haben wollte. Und seinen Höhepunkt fand es mit dem Shitstorm, den Özil und Gündogan bei Erdogan ausgelöst haben. Und dazwischen war die klare Stellungnahme der CSU, dass der Islam, in welcher Form auch immer, nicht zu Deutschland gehöre. Damit war zumindest Özil, der seinen Glauben bewusst praktiziert, schon einmal raus. Von Gündogan weiß ich das nicht so genau.

Wie ich überhaupt von den beiden nichts weiß – warum sind sie zu Erdogan mit ihrem Trikot, stehen sie immer noch dazu, solche Fragen. Wie lebt es sich, wenn man sich als türkischer Deutsche oder deutscher Türke fühlt? Und dann noch in der Nationalmannschaft spielt? Das wären spannende Fragen, auch wichtig für die Frage nach Integration überhaupt.

Aber die durften ja nicht reden. Wahrscheinlich ein Maulkorb vom DFB. Es ginge ja nur um Fußball, meinte Bierhoff.

Quatsch. Beim DFB geht es nie nur um Fußball, sondern ebenso um Geld, Macht und Einfluss. Bei der FIFA sowieso. Da dürfen sich alle möglichen Verantwortlichen mit allen möglichen Diktatoren dieser Welt ablichten lassen und kriegen auch noch viel Geld dafür.

Ich halte es für gut möglich, dass Özil & Co. in Russland zumindest unbewusst gedacht haben: Sollen sich die Leute in Deutschland doch gehackt legen. Ich verdiene mein Geld sowieso woanders, Weltmeister bin ich schon, und ich will endlich Urlaub.

Dass es anders geht, kennen wir vom Sommermärchen und aus Brasilien, als alle, wirklich alle Spieler fraglos „zu uns“ gehörten. Insofern stimmt Merkels Satz nicht ganz: Wir schaffen das. Genauer müsste er heißen: Gemeinsam schaffen wir das.

Und es stimmt also auch nicht ganz, dass Söder am WM-Aus alleine Schuld ist. Der DFB auch.

Gutes Karma

Die einen beschwören die christlichen Wurzeln unserer Gesellschaft und lassen Kreuze in Amtsstuben aufhängen, die anderen träumen von einer Islamisierung des Abendlandes und wieder andere sehen die Religion schon völlig bedeutungslos werden, während einige Inhalte östlicher Religionen offenbar unaufhaltsam auf dem Vormarsch sind. Fast dreiviertel der Österreicher glaubt, dass gute Handlungen ein gutes Karma erzeugen. Mehr Menschen als an Gott glauben. Im katholischen Österreich! In Deutschland dürfte es ähnlich sein.

Was dieser Satz genau bedeutet, ist nicht so ganz klar. Immerhin hat sich das Karma schon einen Platz in unserer Umgangssprache erobert: „Mach mal was für dein Karma und leih mir 10 Euro.“ Man kann Karma-Chucks kaufen und Karma-Tee trinken. Und man kann sich über das Ganze lustig machen.

Das liegt mir fern. Denn ich halte selbst einiges von dem Konzept. Allerdings nicht in seiner ursprünglichen Variante. Weiterlesen

Zungenrede und Prophetie

In der Kirche wird viel geredet. Dabei Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden ist eine bleibende Aufgabe. Schon Paulus hat diese Frage beschäftigt, zum Beispiel im 14. Kapitel des 1. Korintherbriefs. Davon sind die Verse 1-3 und 20-25 die Grundlage der Predigt gewesen, heute am 2. Sonntag nach Trinitatis. Eine Gelegenheit, sich ein paar Gedanken um das Reden im Gottesdienst – und darüber hinaus – zu machen.

 

Liebe Gemeinde!

Mit den Konfis habe ich seinerzeit jedes Jahr auch einen afrikanischen Gottesdienst besucht. In den letzten Jahren war ich hier am Sootbörn bei den Adventisten. Dort wird viel gesungen, lebendig gepredigt, und die Gemeinschaft ist beeindruckend. Noch bunter ging es allerdings bei den Lutheranern am Berliner Tor zu, die wir davor besuchten. Bei den Liedern tanzten Frauen durch die Bänke, ein Mann versuchte die Konfis wenigstens zum Klatschen zu animieren, was diese sichtlich überforderte. Und einmal fing einer an, in einer hohen Stimmlage zu reden. Und das war weder deutsch noch englisch noch Suaheli. Erst langsam erkannte ich: Der redet in Zungen, ein ekstatisches Gebet, das sonst keiner versteht. Weiterlesen

Die beste Hochzeit aller Zeiten

Die Hochzeit ist ein tolles Fest: Zwei Menschen sagen: Wir wollen zusammen bleiben unser Leben lang. Der Weg zu dieser Entscheidung war manchmal schwierig. Und der Ehealltag liegt noch vor ihnen. An diesem Tag aber feiern wir ihre ungetrübte Partnerschaft. Ich liebe Trauungen.

Das geht nicht allen meinen Kolleginnen und Kollegen so. Öfters schon hörte ich die Klage: „Bei diesem Fest sind wir doch nur die Zeremonienmeister.“ Und ich denke: Ja, genau das möchte ich sein. Ein guter Meister der Zeremonie.

Denn eine gute Zeremonie ist viel mehr als schöner Schein. Sie ist gleichzeitig Ausdruck unserer Gefühle und Einstellungen und vertieft sie noch. In der Kirche nennen wir sie „Liturgie“. Auf sie wollen wir ja auch in keinem Gottesdienst verzichten.

Zugegeben, die meisten Brautpaare setzen bei der Zeremonie in der Regel andere Schwerpunkte als wir Geistliche. Wir würden gerne den Segen in den Mittelpunkt stellen, oder die Liebe und die Treue. Und dann reden wir hauptsächlich übers Fotografieren und über den Einzug der Braut.

Als ich meine prinzipielle Aversion gegen diese Wünsche einmal überwunden hatte, fand ich die Diskussionen darüber ausgesprochen spannend. Was passiert eigentlich beim Segen? Kann man dieses Geschehen mit einem Foto reproduzieren? In gewisser Weise ja, denn das Foto erinnert uns an die Gefühle, die wir in dieser Situation hatten. Und wir können sie auch später mit anderen teilen – das ist ja geradezu der Sinn eines Fotos. Aber ist es nicht angemessener, gerade beim Segen aufs Foto zu verzichten – um einen Raum zu schaffen für ein Ereignis und ein Erlebnis, das wir weder durch Bild noch durch Wort vermitteln können? Manche Paare hatten für solche Gedanken ein offenes Ohr, anderen blieben sie eher fremd.

Oder der Einzug der Braut mit ihrem Vater. Bis Anfang der Neunzigerjahre spielte dieser Brauch in Deutschland praktisch keine Rolle. Dann kamen Linda de Mol mit ihrer „Traumhochzeit“ und die Adelshochzeiten im Fernsehen. Und innerhalb von 15 Jahren wurde die bis dahin nur im angelsächsischen Raum vorherrschende Tradition zum festen Bestandteil deutscher Trauungen. Wir Geistliche waren dagegen. Weil der Ursprung allzu offensichtlich mittelalterlich war: Die Frau, vor der Ehe Eigentum des Vaters, wird nun zum Eigentum des Ehemannes. Warum um alles in der Welt tun sich das aufgeklärte Frauen an???

Auf die Spur brachte mich ein Artikel im Deutschen Pfarrerblatt: Mit dieser Tradition werde die Ablösung vom Elternhaus noch einmal zeremoniell begangen. Das konnte ich nachvollziehen. Aber wo bleibt der Mann und seine Familie? Und ich begann mit den Paaren zu experimentieren. Jetzt ziehe ich unter Glockengeläut mit dem Ehemann ein, die Gemeinde erhebt sich, und kurz darauf folgt die Braut mit ihrem Vater, und die Orgel beginnt zu spielen. Die Rolle der Bräutigamsfamilie kann dann individuell gestaltet werden. Ich fühle mich ganz wohl mit dieser Regelung.

Ein anderer Punkt sind die Lieder. „Lobe den Herren“ konnten viele noch mitsingen. Und oft kam auch die Gitarre zum Einsatz. „Herr deine Liebe“ war fast schon Standard. Aber ich mochte auch, wenn die Kirche bei „Laudato si“ ins Schwingen kam. Oder wenn die Orgel ein wunderbares Stück zum Auszug spielte.

Und ich habe mich immer gefreut, wenn die Gemeinde durch die Predigt nicht nur etwas zum Nachdenken, sondern auch etwas zum Schmunzeln hatte.

Natürlich steht mein Urteil fest, welche die beste Hochzeit aller Zeiten gewesen ist: meine eigene! Natürlich sind wir gemeinsam eingezogen. Der St.-Marien-Chor sang „Alles, was ihr tut“, unseren Trauspruch. Ein zweiter Chor aus Mitgliedern der Familie trat ganz überraschend auf. Pastor i.R. Schiel hielt die Ansprache, wir feierten gemeinsam das Abendmahl. Und die Erinnerungen daran werden mit jedem Jahr schöner, denn es gibt keine Bilder vom Gottesdienst, die sie verfälschen könnten 🙂

Es macht mich allerdings auch glücklich, wenn auch die Paare, für die ich „Zeremonienmeister“ sein durfte, sagen: „Das war die beste Hochzeit aller Zeiten.“

Was bleibt

Jeder Mensch hat seine Geschichte. Und sie ist nicht nur die Summe der Erlebnisse und Erfahrungen seines Lebens. Sie ist das Band, das sein Leben umfasst und zusammenhält, dem Leben Sinn verleiht und unverwechselbar ist. Sie ist so etwas wie der rote Faden oder die goldene Schnur.

Immer habe ich in meinem Leben nach meiner Geschichte gesucht. Manchmal hatte ich sie verloren. Dann machte mein Leben keinen Sinn, ich verlor mich – in depressiven Gedanken, in Selbstvorwürfen oder in der Geschichte, die andere für mich erzählten. Dann wieder hatte ich das Gefühl, meine Geschichte wiedergefunden zu haben. Ich war bei mir selber, war innerlich stark und überzeugt davon, dass mein Handeln und Denken richtig war. Weiterlesen

Kirche für das 3. Jahrtausend

USA 88 – ein Resumee

Kurz nach unserer USA-Reise stellten Johannes und ich aus unseren Bildern Diaserien zusammen, nannten sie „Spiritualität und Weltverantwortung“, „Kirche in der Stadt“ oder gleich etwas unbescheidener „Überlebenschancen der Kirche“ oder gleich „Kirche für das 3. Jahrtausend“. Tatsächlich sahen wir in den christlichen Gemeinschaften, die sich jenseits der Konfessionen an der Bibel ausrichteten, Modelle für eine Kirche der Zukunft. Wir luden interessierte Bekannte ein, stellten die Bilder, Erfahrungen und Begegnungen vor, hatten intensive Diskussionen – und gingen dann bald als normale Pastoren in die Gemeinde. Entweder war die Zeit noch nicht reif für tief greifende Veränderungen oder wir waren es nicht – oder beides. Weiterlesen