Die Näherinnen von Kambodscha

Unsere jüngere Tochter studiert Sozialökonomie. Wenn wir gefragt wurden, was das sei, antworteten wir bisher oft: die kleine Schwester der BWL. Das stimmt – aus der Perspektive der BWL. Aber eigentlich ist es genau umgekehrt.

Denn Sozialökonomie ist viel mehr: Nicht nur BWL, auch VWL, Jura und Soziologie. Sie „versucht die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft, Wirtschaft, Ökonomie und Politik zu verstehen“. (Wikipedia) Und damit hat sie alle meine Sympathien. Mit BWL kann man sicher viel mehr Geld verdienen und ist auf bestimmte Fragen fokussiert. Aber mit Sozialökonomie schaut man auf den größeren Zusammenhang. Und das ist eher mein Ding. Und als mir Inga von ihrer Hausarbeit erzählte, war ich sofort interessiert. Es ging um Shareholder und Stakeholder.

Dabei hatte ich vom ersten Begriff nur eine vage Vorstellung und vom zweiten noch nicht einmal das. Also: Shareholder sind in einem Unternehmen diejenigen, denen der Betrieb gehört – entweder als Inhaber oder als Anteilseigner. Gute Unternehmensentscheidungen müssen immer in ihrem Interesse sein. Stakeholder sind alle, die mit dem Unternehmen zu tun haben. Dazu gehören auch Lieferanten und Zwischenhändler, Kunden und Gewerkschaften, sogar Umweltverbände und Behörden. Der Kreis ist nicht immer genau definiert. Gute Unternehmensentscheidungen sind auch in ihrem Interesse.

Da hatte ich doch gerade einen passgenauen Artikel im Stern gelesen: „Der Preis des Anstands – unterwegs in den Textilfabriken Kambodschas.“ Natürlich wusste ich grob um die Bedingungen, unter denen meine Hemden in Bangla Desh hergestellt werden – spätestens wenn dort mal wieder eine Fabrik brennt und Tote zu beklagen sind. Andererseits habe ich selten auf das Etikett geachtet, wenn ich Hemden gekauft habe. Sie sollten möglichst weich und bequem und gleichzeitig günstig sein.

Im Stern-Artikel ist Ken Loo der typische Shareholder-Manager: Alles für die Aktionäre. Aber dann mischt sich Jenny Holdcroft ein. Sie bringt etwas mit, das in das Shareholder-Konzept nicht passt: Werte wie Nachhaltigkeit und Lebensqualität. Sie erklärt sich zum Stakeholder und aktiviert weitere: Behörden, Gewerkschaften, Kunden. Und Ken Loo beginnt umzudenken.

Inga begründet diesen Prozess in ihrer Arbeit theoretisch. Und es hört sich wunderbar an, nach jeder Menge Win-Win-Situationen. Warum hat sich die Stakeholder-Theorie nicht schon längst durchgesetzt?

Nun, sie wird ja stärker. Aber sie ist nicht nur ein ökonomisches Risiko für die Unternehmen, sondern auch anstrengend. Das macht ein weiterer Artikel deutlich, den ich in brand1 gelesen habe: Der Fleischkonzern Rügenwalder nimmt vegetarische Produkte ins Programm. Am Ende ein Erfolg, auch wirtschaftlich. Aber nur deswegen, weil die Stakeholder-Theorie konsequent angewendet und neben den Geschäftspartnern z.B. auch Umweltverbände angesprochen wurden.

Inga zeigt in ihrer Arbeit allerdings auch, dass einer Stakeholder-Gruppe in diesem Prozess eine entscheidende Rolle zufällt: Uns Kunden. Letztlich entscheiden wir mit unserem Kaufverhalten, was und wie produziert wird.

Und ganz zum Schluss, da kann ich eben nicht aus meiner Haut, habe ich an die Kirche gedacht. Ausgangspunkt der Reformbemühungen seit den 90er Jahren war die Analyse vom Mitglieder-, Bedeutungs- und Finanzverlust. Das ist Shareholder-Mentalität. Oder ist der Ausgangspunkt unserer Strategie, alle Menschen und Gruppen, die etwas mit uns zu tun haben, in den Blick zu bekommen? Das wäre das Stakeholder-Konzept. Oder, in unserer Sprache: Caring Community…

 

Zwischenruf: Homosexualität und Kirche

Im „Zwischenruf“ reagiere ich auf Zeitschriftenartikel, die ich gerade gelesen habe. Manchmal möchte ich einfach Dampf ablassen. 

In den „Zeitzeichen 1/19“ las ich in einem Artikel über das christliche Eheverständnis von Horst Gorski – diese Zeitschrift ist nur für Abonnenten abrufbar, deshalb zitiere ich ausführlicher:

„1996 veröffentlichte der Rat der EKD [eine Schrift unter dem Titel] ‚Mit Spannungen leben. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema Homosexualität und Kirche‘, die unter Vorsitz von Wilfried Härle von einer im Jahre 1994 eingesetzten Ad-hoc-Kommission erarbeitet wurde. Der Text beginnt mit einer Entschuldigung für das Homosexuellen in der Vergangenheit angetane Unrecht. Sodann werden die biblischen Aussagen zu Sexualität und Homosexualität einer gründlichen Prüfung unterzogen. Es zeige sich, dass es keine biblischen Aussagen gibt, die Homosexualität in eine positive Beziehung zum Willen Gottes setzen. Homosexuelle Praxis als solche wird als dem ursprünglichen Schöpferwillen Gottes widersprechend qualifiziert. Angesichts der zentralen Stellung, die das Liebesgebot in der Heiligen Schrift habe, dürfe jedoch auch homosexuelles Zusammenleben nicht von seiner Geltung ausgenommen werden. Dies hebe jedoch den biblischen Widerspruch nicht auf. Die damit gegebene Spannung müsse ausgehalten werden.“

Bis hierher war ich gekommen. Eine ähnliche Argumentation höre ich, mal mit stärkerer, mal mit weniger Ablehnung der Homosexualität verbunden, immer wieder. Als die Nordkirche gegründet wurde, wollte der pommersche Bischof Abromeit das Thema „Homosexualität und Pfarramt“ wieder auf die Tagesordnung setzen. Der nordelbische Bischof Ulrich aber erklärte kategorisch: Über manche Dinge diskutieren wir nicht mehr.

Vor einigen Jahren erhielt ich im Zusammenhang mit einer Taufe einen Anruf einer Frau aus Leipzig. Sie wollte gerne Patin werden, sei aber nicht in der Kirche. Ich erklärte ihr: „In der Tat kann nur Patin werden, wer Mitglied der Kirche ist. Aber wir finden bestimmt eine Lösung.“ Daraufhin meinte sie: „Ich finde Kirche ja prinzipiell gut, und ich glaube auch an Gott.“ Und ich dachte: Das sagen sie alle. Und ich glaube ihnen ja auch, aber es geht trotzdem nicht.

Aber dann sprachen wir weiter, und sie erzählte: „Ich habe hier in Leipzig einen Gottesdienst besucht, und da hat der Pfarrer gesagt: Homosexualität ist Sünde, und deshalb sind Homosexuelle auch keine vollwertigen Mitglieder am Tisch des Herrn. Naja, und weil ich lesbisch bin, bin ich eben ausgetreten.“ Und ich antwortete ihr: „Recht so. Wenn ich schwul wäre, und ein Pfarrer würde das zu mir sagen, hätte ich es genau so gemacht. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich danach überhaupt noch mit einem Vertreter der Kirche gesprochen hätte.“ Und dann erzählte ich ihr von Hamburg: „Einer meiner früheren Pröpste ist bekennend schwul gewesen und jetzt einer der wichtigsten Theologen in der EKD. Und mit der Meinung des Leipzigers Pfarrers stimme ich überhaupt nicht überein.“ Es wurde noch ein gutes Gespräch – und, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte – zwei Wochen später besuchte sie mich und trat wieder in die Kirche ein. – Der „frühere Propst“ ist übrigens derselbe, der auch den zeitzeichen-Artikel geschrieben hat.

Ich selbst bin mit der Vorstellung groß geworden, Homosexualität sei ebenso Sünde wie vorehelicher Geschlechtsverkehr. Dann lernte ich die historisch-kritische Methode kennen. Das heißt: Die Bibel in ihrem historischen Kontext verstehen. Damals, vor zwei- bis dreitausend Jahren, war es einfach die Aufgabe des Mannes, viele Kinder zu zeugen. Es war eine Frage des Überlebens für die Familie, den Clan, das Volk. Wer sich freiwillig aus dieser Aufgabe verabschiedete, versündigte sich an seinen Nächsten. Onan zum Beispiel, ein Enkel des Erzvaters Jakob, „ließ seinen Samen zur Erde fallen“ (1. Mose 38,8-10) – nicht durchs Onanieren übrigens, sondern durch einen Coitus interruptus – und wurde dafür von Gott getötet. Sexualität war keine Privatsache, sondern Dienst an der Gemeinschaft. Das galt nicht nur für biblische Zeiten, sondern im Prinzip noch bis ins vorletzte Jahrhundert hinein.

Keiner wird bestreiten, dass sich Zeiten und Rahmenbedingungen grundlegend geändert haben. Kein Bischof tritt mehr für die Sklaverei ein, obwohl diese Gesellschaftsform für die biblischen Autoren völlig selbstverständlich war. Und ausgerechnet bei der Homosexualität tun wir so, als ob wir mit der Moral von Halbbeduinen die Welt von heute retten könnten.

Die Orientierungshilfe baut eine „Spannung“ auf zwischen dem Liebesgebot und dem Wortlaut der Bibel. Diese Spannung existiert nicht, wenn wir den Wortlaut der Bibel in den Dienst der Liebe stellen. Hat nicht Jesus so etwas immer wieder gefordert?

Im Artikel beschreibt Horst Gorski dann, dass die evangelische Kirche in den vergangenen 20 Jahren große Schritte getan hat auf dem Weg zur Gleichberechtigung von hetero- und homosexuellen Partnerschaften. Aber sie laviert immer noch hin und her. Und ich finde es schon unbefriedigend, dass darüber überhaupt geredet werden muss.

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Beitragsbild von geralt auf Pixabay

 

Keine weißen Schafe

Fahne schwarzes SchafSeit vielen Jahren wird eine besondere Kirchenfahne an unserem Pfingstmontagsgottesdienst aufgehängt. Sie ist ein Geschenk der katholischen Gemeinde St. Ansgar an die lutherische Kirche in Niendorf. Die Farben stehen für die ökumenische Gemeinschaft (gelb-weiß sind die Farben des Vatikans, violett ist die der evangelischen Kirche). Und das schwarze Schaf? Dazu meinte der Pfarrer Rohtert bei der Übergabe: „Ich möchte Ihnen ein Geheimnis erzählen. Es gibt gar keine weißen Schafe.“

Alfons Rohtert war bekannt dafür, dass er eine besondere Liebe zu den schwarzen Schafen hatte – und das hieß für ihn: zu allen Menschen. Als ich ihn kennenlernte, war er schon fast 30 Jahre Pfarrer in Niendorf und bei Katholiken und Protestanten gleichermaßen bekannt und beliebt. Die Konfession spielte für ihn eine untergeordnete Rolle.

Orgelpfeifen mit Rohtert kl

Pastoren Trunz und Thiesen, Organist H.-J. Wulf und Pfarrer Alfons Rohtert

Ich erinnere mich: Im Advent 1994 machte das Niendorfer Wochenblatt in der Kirche am Markt ein Foto mit den lutherischen, freikirchlichen und katholischen Geistlichen aus Schnelsen und Niendorf. Wir bauten damals gerade eine neue Orgel, und die alten Pfeifen standen zum Verkauf. Wir baten um ein Werbefoto. Wie selbstverständlich nahm auch Alfons Rohtert eine kleine Pfeife und meinte: „Ich bin Niendorfer Pastor. Da kann ich auch für diese Orgelpfeifen Werbung machen.“

„Pastor“ ist bei den Katholiken eigentlich ein Pfarrer, der noch keine Gemeinde hat. Alfons Rohtert kümmerte sich nicht um solche Hierarchiefragen. „Hier in Norddeutschland heißen die Seelsorger Pastoren“, meinte er. Und so wurde er auch für viele Evangelische „unser Pastor“. Wenn ich bei einem Feuerwehrfest auftauchte, saß er schon da. Der Wehrführer erzählte von gemeinsamen Gottesdiensten, und es war deutlich: Alfons Rohtert gehörte dazu. Er war auch Dorfpastor von Niendorf.

Aber natürlich war er in erster Linie Pfarrer seiner Gemeinde St. Ansgar, deren Verwaltung er sehr ernst nahm. Das bedeutete die Teilnahme an vielen Gremien und Gemeindekreisen. Er selbst aber kommentierte sein Engagement mit einem typischen Understatement: „Ich gehe nur dahin“, meinte er, „damit die Leute in meiner Abwesenheit nicht über mich reden.“

In St. Ansgar arbeitete damals auch die Gemeindereferentin Gabriele Scheel.
Die beiden bildeten geradezu ein Dreamteam. Gemeinsam veranstalteten sie die Bibelspiele im Kloster Nütschau – mit einer beeindruckenden Zahl von Teilnehmenden. Die jährlichen Kirchweihfeste waren Legende, und die Partnerschaft mit Gemeinden in Indien und Island lag ihnen am Herzen.

Ihr größtes Projekt aber war die Alimaus. Anfang der 90er Jahre hatte Gabriele Scheel damit begonnen, Brötchen an die Obdachlosen am Hauptbahnhof zu verteilen. Sie gründete den „Hilfsverein St. Ansgar e.V.“, kaufte einen Zirkuswagen und setzte dort ihre Arbeit fort. Damals kamen sie und Alfons Rohtert auch in unseren Kirchenvorstand, um für das Projekt zu werben. Wir sagten eine maßvolle finanzielle Hilfe zu, sahen uns aber nicht in der Lage, uns darüber hinaus zu engagieren.

Die katholische Gemeinde aber konnte. Heute ist Alimaus eine der wichtigsten Hilfsorganisationen in der Obdachlosenhilfe in Hamburg. Zu ihr gehören neben der Essensausgabe eine Beratungsstelle, die Kleiderkammer „Don Alfonso“ und medizinische Nothilfe. Und ihr jüngstes Projekt ist der „Kältebus“, der im Winter bei Bedarf obdachlose Menschen in eine Unterkunft bringt.

RohtertAls Pastor Alfons Rohtert im Jahr 2001 starb, kam der befreundete Circus Jodokus und gab ihm zu Ehren Sondervorstellungen auf dem Kinderspielplatz hinter unserer Kirche.

Zu seinem Requiem bat die Gemeinde St. Ansgar uns evangelische Geistliche, im Talar zu erscheinen. Zur Kommunion lud der Priester alle ein, die sich eingeladen fühlten, unabhängig von der Konfession. Viele Protestanten gingen mit nach vorn. Ich schaute Pastor Trunz an, und wir entschieden uns dagegen. Zwei Pastoren im Talar bei einer katholischen Kommunion, damit hätten wir womöglich zu stark provoziert.  Ohne Talar hätten wir wohl teilgenommen.

In diesem Gottesdienst wurde mir aber auch deutlich, dass Alfons Rohtert keinesfalls nur aus Zufall katholisch war, wie ich jahrelang meinte. Er war tief in seiner Glaubenstradition verwurzelt und gewann seine Kraft aus der katholischen Spiritualität und seiner Verbindung zu den Benediktinern im Kloster Nütschau.rohtert-grabstein.jpg

Und dann bekam die Gemeinde doch noch Ärger mit der Hierarchie. Sie hatte in der Folgezeit eine längere Vakanzzeit zu überwinden. Ganz im ökumenischen Sinn lud sie Pastor Trunz ein, einen Wortgottesdienst am Sonntagmorgen zu übernehmen. Doch diese Zeit ist der Heiligen Messe vorbehalten, und das Erzbistum war mit einem Protestanten auf der Kanzel nicht einverstanden. Die Katholiken, die ich danach fragte, zuckten allerdings nur mit den Schultern und erinnerten an die Haltung ihres verstorbenen Pfarrers: Der Papst ist in Rom, und Rom ist weit.

Der Nachfolger versuchte dann das katholisch-konfessionelle Element deutlich zu stärken. Er wechselte dann ins Erzbistum und ist heute Generalvikar. An der Basis aber pflegen wir bis heute ein extrem entspanntes Verhältnis zwischen Protestanten und Katholiken.

Alfons Rohtert ist auf dem Niendorfer Pastorenfriedhof begraben. Auf seinem Stein steht ein Spruch von Vinzenz von Paul: „Glücklich, die den kurzen Augenblick des Lebens nützen, um Erbarmen zu üben.“

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Hat er sich diesen Spruch selbst ausgesucht? Hat es die Gemeinde getan oder seine Familie? Gleichviel – so habe ich ihn kennengelernt.

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Beitragsbild: Drei schwarze Ouessantschafe, von Anton Hornbläser – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34010783
Bild 1, 4 und 5: © Erik Thiesen
Bild 2 Köllmann, im Archiv Forum Kollau, mit frdl. Genehmigung © FORUM KOLLAU e.V.
Bild 3 mit frdl. Genehmigung der Alimaus © Hilfsverein St. Ansgar e.V. – Alimaus

Aus aktuellem Anlass

Am Sonntag möchte ich wieder auf die Kanzel. Ich kann in dieser Chemo zwar nicht seriös über den Tag hinausplanen, und in den letzten Wochen gab es durchaus Zeiten, in denen es mir nicht gut ging. Aber der Wille ist da.

Kohelet ist mein Gesprächspartner, der von Martin Luther so genannte „Prediger Salomo“. Früher war er für mich ein etwas melancholischer Weisheitslehrer, dem ein paar gute Sinnsprüche eingefallen sind („Alles ist Hauch“, „Jegliches hat seine Zeit“). Heute ist er für mich einer der modernsten biblischen Autoren, ein Existentialist lange vor Jean-Paul Sartre, geschult in der Philosophie Epikurs und anderer Griechen. Es hat Spaß gemacht, ihn – neu – kennenzulernen.

Und vielleicht sehen wir uns ja am Sonntag, 10 Uhr, in der Kirche am Markt?

Durch die Hintertür

Die Bauernhäuser im Norden, die ich kenne, haben meistens eine Vordertür und eine Hintertür, die zum Stall rausgeht. So war es auch bei uns – man kam von hinten erst in die Waschküche, in der man das meist dreckige Schuhwerk ausziehen konnte, und dann direkt in die Küche. Diese Tür war fast nie abgeschlossen, man kam nahezu ungehindert direkt in die Wohnung. Die meisten nutzten diesen Zugang. Nach vorne kamen nur Fremde und Gäste bei größeren Festen. Sie gingen dann durch den – aufgeräumten und sauberen Flur – ins gute Wohnzimmer. Oder sogar in die „Beste Stube“, die nur zu besonderen Festen genutzt wurde.  Die Vordertür war die Schauseite.

Wir lernen unsere Welt und unser Land meist durch die Vordertür kennen. Wir bewegen uns auf den 6,2% versiegelten Flächen, auf sicherem Boden, möglichst sicher, möglichst planbar.

Das brachte Henning Sußebach, Reporter bei der Zeit, auf eine Idee: Er wollte einmal die sicheren Wege verlassen und sich auf eine Wanderschaft machen und dabei Straßen, Wege und Ortschaften meiden. Deutschland durch die Hintertür erleben. Sein Weg begann auf dem Darß und endete auf der Zugspitze. Und er erlebte das Land aus einem neuen Blickwinkel.

Ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren schon einmal Zeit-Reporter das Land kennenlernen wollten. Als die AfD in Mecklenburg den Landtagswahlkampf aufmischte, wollten sie wissen: Wer sind die Menschen, die diese Partei wählen? Und sie fragten und beobachteten. Sie machten es gut und differenziert. Aber beide Seiten blieben sich fremd. So richtig verstanden haben sie sich nicht. Diese Reporter kamen durch die Vordertür.

Auch Henning Sußebach lernt Mecklenburg kennen. Er trifft AfD-Wähler, zufällig, am Wegrand. Sie laden ihn ein. Er geht praktisch durch die Hintertür und sitzt mit ihnen in der Küche. Und sie erzählen, und sie kommen sich nahe. Für mich gehört dieses Kapitel zu den berührendsten im Buch „Deutschland ab vom Wege“.

Sußebach lernt auch andere Menschen kennen, ganz unterschiedliche. Er trifft Hippies und kommt in einen Golfclub. Und als er die Grenze zu Bayern überschreitet, spürt er, dass dort wieder etwas anders ist. Das Leben ist schneller, und er, der Fußgänger, fühlt sich mehr als zuvor als Fremder.

Und am 50. Tag steigt er in die Wolken der Zugspitze hinauf. Und mit ihm, so schreibt er, gehen all die Menschen, denen er auf seiner Wanderung begegnet und denen er wirklich nahe gekommen ist.

„Deutschland ab vom Wege“ ist ein langsames Buch, das wir sehr schnell gelesen haben. Es hat uns berührt, neue Perspektiven eröffnet. Vor allem aber hat es uns noch einmal den großen Satz Martin Bubers vor Augen geführt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

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Henning Sußebach, Deutschland ab vom Wege. Eine Reise durch das Hinterland. rororo Taschenbuch, Rowohlt, Reinbek b. Hamburg. 183 Seiten. ISBN 978 3 499 63169 6

 

Parallelgesellschaft

Nach meiner privaten Theorie hat der Norddeutsche an sich seinen Wikingerglauben nie ganz abgelegt. Die Götter unserer Vorfahren waren, im Unterschied zum Gott der Bibel, grundsätzlich bedrohlich. Wenn sie auftauchten, wurde es gefährlich: auf See, in der Schlacht, bei der Ernte, in der Nacht. Im besten Fall bekam man später einen anständigen Platz in Walhalla. Die Menschen wurden von Geistern geängstet und gequält. Entsprechend hielt man sich tunlichst von ihnen fern. Und die Geistlichkeit hatte genau diese Aufgabe, sie zu bannen – oder, wenn sie schon mal da waren, sie zu besänftigen.

Warum also, so die norddeutsche Überzeugung, muss ich zur Kirche, wenn es mir gut geht? Erst zu den prekären Zeiten wird sie gebraucht: Bei Geburt und Tod, in der Pubertät oder bei der Hochzeit, bei Ernte und dann, wenn es dunkel ist: im tiefen Winter. Dann ist die Kirche traditionell auch knallvoll. In der modernen Gesellschaft haben sich die Bedingungen gewandelt, das Prinzip aber ist geblieben – wenn man sich z.B. den Boom der Schulanfängergottesdienste anschaut; dieser Lebensübergang ist ja vor allem für die Eltern angstbesetzt.

In Brinkebüll aber ist diese Naturerfahrung noch unmittelbar. Die Nordfriesen, so erzählt Dörte Hansen in der „Mittagsstunde“, seien „gegen jeden Glauben imprägniert“. Alles Göttliche liefe ab an ihrem Fell wie Wasser am Gefieder einer Gans.

Gemeint ist natürlich der Gott der Bibel, den die Pastoren den Menschen nahe bringen wollen. Die Menschen aber glauben an einen anderen Gott, der näher an ihren eigenen Erfahrungen ist: Unberechenbar und bedrohlich wie die Natur. Und der geht es „gar nicht um das bisschen Mensch“, wie Dörte Hansen am Anfang und am Ende ihres Buches betont. Der Mensch kommt und geht, aber größer noch, wichtiger und beständiger ist das Altmoränenland, der Wind, die Natur.“ Und so hatte „der Gott, an den Sönke Friedrichsen glaubte, nicht viel Väterliches, und besonders gnädig war er auch nicht, nur gerecht“. So einer überhört am besten die lebensferne Botschaft des fremden Evangeliums: „Verrückte und Pastoren, einfach klappern lassen.“ Evangelium auf der Geest ist das, was hilft, in diesem Leben zurecht zu kommen. Und so wird das biblische Sabbatgebot denn auch zur „Middachstunde“, zur heiligen Ruhe mitten am Tag: An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren. (2. Mose 20,10)

Es gab allerdings auch Pastoren, die den Zugang zu ihrer Gemeinde fanden. Sie ehrten die Alten mit ihrem Besuch bei runden Geburtstagen. Sie nahmen selbstverständlich am Beerdigungskaffee teil. Sie sagten nicht nur Moin, sie sprachen platt und sahen, wann ein Schwein reif für den Schlachter war. Sie achteten auf die Moral in der Gemeinde, sahen dann aber nicht mehr so genau hin. Und wenn man dann mal zur Kirche ging, hörte man lebensnahe Predigten, nicht so pastoral.

Pastor Ahlers hat diesen Ton offensichtlich nicht ganz getroffen. Sein Zuhause war eher das Studierzimmer. Bis zuletzt hoffte er „mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, die Seelen zu erquicken und sie aus den dunklen Tälern zu befreien“. Die Seelen aber hatten andere Sorgen.

In meiner Heimatgemeinde Toestrup gab es nun vor hundert Jahren einen Pastor, der sich noch einmal in ganz anderer Weise den Erwartungen widersetzte. Ja, er machte unzählige Hausbesuche. Aber sein Ziel war kein unverbindlicher Klönschnack. Er wollte Seelen zu Jesus bekehren. Er achtete auf die Moral in der Gemeinde und sah auch im Nachhinein genau hin. Als Christ, so seine Botschaft, spielt man keine Karten, man trinkt nicht und lässt die Ehefrau des Nachbarn in Ruhe.

Und siehe, einige Familien ließen sich überzeugen. Zumal dieser Schritt auch mit wirtschaftlichen Vorteilen verbunden war: Man hatte morgens beim Melken einen Kirche Toestrupklaren Kopf, nicht schon die Hälfte der Haushaltskasse verspielt, und das Verhältnis zum Nachbarn war wesentlich gelassener geworden.

Der Kröger im Nachbardorf schenkte nur noch Nichtalkoholisches aus und stellte seinen Gastraum dem kirchlichen Posaunenchor zur Verfügung. Und die Gottesdienste waren auch an normalen Sonntagen gut besucht.

Als mein Vater in der Gemeinde seinen Hof baute, verstand er sich besonders gut mit diesen Familien. Er selbst gehörte zur Gemeinschaft in der Landeskirche, einer Art Freikirche innerhalb landeskirchlicher Strukturen. Und auch meine Mutter gehörte zu den Frommen im Lande. Sie war geprägt von der Breklumer Mission, die 1876 vom Pastor Christian Jensen gegründet worden war. In ihrem Heimatdorf Vollstedt gab es einen aktiven „Missionsnähkreis“, jedes Jahr räumte ein Bauer seine Scheune für das „Missionsfest“, und meine Großmutter hielt am Sonnntagnachmittag die „Sonntagsschule“, in der sie uns und Kindern aus dem Dorf biblische Geschichten beibrachte.

In dieser Welt bin ich groß geworden. Wir lebten in einer Parallelgesellschaft, gut vernetzt bis nach Hamburg – in einer Zeit, in der die meisten Angeliter knapp hinter die Schlei guckten, durchaus ungewöhnlich. Unser Jugendchor kooperierte mit einem anderen aus Altona, und die „Gemeinschaft“ veranstaltete ihre Jahrestreffen in den Holstenhallen in Neumünster. Viele von ihnen sahen wir auf dem Jahresfest des „Elisabethheims“ wieder, einem Waisenhaus in Havetoft zwischen Flensburg und Schleswig. Und beim Jahresfest der Breklumer Mission kamen Delegierte aus der ganzen Welt ins dörfliche Schleswig-Holstein. Mag die Frömmigkeit auch eher eng gewesen sein, der Blick ging weit über den Tellerrand hinaus.

Auch über den der eigenen Gemeinschaft. Bewusst engagierten sich viele Mitglieder in Kirchenvorständen und leitenden Gremien der Landeskirche – durchaus mit missionarischem Impuls: Nach unserer Vorstellung waren die „Kirchenchristen“ mit dem rechten Evangelium eher unterversorgt und von modernen Theologien unterwandert. Das führte manchmal zu harten Auseinandersetzungen und Abgrenzungen, aber auch zum Austausch und besserem Verständnis füreinander.

Es war nicht immer leicht, in einer solchen Parallelgesellschaft zu leben. Wir waren vielleicht nicht unbedingt Außenseiter, aber doch etwas Besonderes – und fühlten uns auch so. Wenn andere erzählen, wieviel Spaß sie in ihrer Jugend gehabt, auf Feten geknutscht und am Strand  abgehangen haben, dann erzähle ich von der Arbeit in der Ernte und dem Schülergebetskreis.

Andererseits habe ich von der frommen Atmosphäre sehr profitiert. Wir fragten immer nach den wirklich wichtigen Dingen: Gibt es einen Gott, einen Sinn? Was hält unsere Welt zusammen? Wie wollen wir leben? Und Spaß hatten wir durchaus auch.

Und dann ging mein Weg ja weiter. Im Studium, in der Ferne konnte ich dann für mich ganz neue Erfahrungen machen.

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Das Beitragsbild zeigt die Nicolaikirche zu Bredstedt, zu deren Kirchengemeinde Högel – und damit wohl auch Brinkebüll – gehört: Von Goegeo – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3838642
Bild im Text: St. Johanniskirche zu Toestrup © Erik Thiesen

Luusangeln

Mein Vater heiratete eine Frau von der Geest, ihr Bruder eine Angeliterin, seine Cousine einen Bauern aus Dithmarschen. Und unsere Nachbarin kam aus Ellerhoop bei Hamburg. Das war in den 50er Jahren sehr ungewöhnlich. Denn sie kamen aus unterschiedlichen Landstrichen in Schleswig-Holstein. Und zwischen ihnen lagen Welten. Eiderstedter und Dithmarscher, reiche und stolze Marschbauern, verband eine jahrhundertealte herzliche Abneigung. Die Angeliter nannten Schwansen „güntaf“, jenseits der Schlei, also nicht weiter der Rede wert – obwohl beide Regionen zum fruchtbaren Hügelland gehören. Und sie alle schauten herab auf die armen Bauern von der Geest.

Der Landstrich, der sich westlich an Angeln anschließt, wird „Luusangeln“ genannt. Ursprünglich war es nur die Beschreibung für „helles“ Land, heller eben als der dunkle Boden Angelns selbst – vom dänischen Wort für Licht, lys. Doch seit Jahrhunderten verstehen die Angeliter darunter nur noch das „lausige Angeln“. Und die richtige Geest kam ja erst dahinter.

Unsere Familien also überwanden kulturelle Grenzen, die leicht zu unterschätzen waren. Es war die völkerverbindende Kraft des christlichen Glaubens, die dies möglich machte. Trotzdem waren die Mentalitätsunterschiede deutlich spürbar.

Und ich merke sie auch in Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“, wenn sie die Flurbereinigung beschreibt. In Brinkebüll kam sie wie ein Ereignis von außen über das Dorf. Fremde, hochdeutsch sprechende Landvermesser kartieren die Landschaft, gestalten sie neu, und nachdem sie noch ein einheimisches Mädchen geschwängert haben, verschwinden sie wieder. Ich habe es anders erlebt. Mein Vater hat die Veränderungen aktiv vorangetrieben und selbst mit den Verantwortlichen in Kappeln und Kiel verhandelt. Für ihn war die Flurbereinigung ein großes Abenteuer und die Zukunft, die er mitgestalten wollte.

Später ging es darum, sich in der Viehwirtschaft zu spezialisieren. Und obwohl er leidenschaftlicher Milchbauer war, baute er große Schweineställe – es war ökonomisch vernünftiger. Natürlich wusste er bald um das Prinzip „Wachsen oder weichen“ oder, wie es in der „Mittagsstunde“ heißt, das „große Dreschen“. Nur wenige konnten überleben. Und er wollte mit dabei sein, sich die Zukunft und den Fortschritt zu Verbündeten machen. Dass mein Bruder aus dem Hof, den er aufgebaut hatte, einen Ökobetrieb machte, war für ihn ein Rückschritt in alte, unökonomische Zeiten.

Meine Mutter hat mit dieser Haltung immer gefremdelt. Ja, so sehr sie sich auch zu integrieren versuchte, sie fühlte sich nie so ganz zugehörig. Immer wieder stichelte sie gegen das „Gedöns“, das mein Vater um die Familie Thiesen und den Hof Spannbrück machte. Und den Investitionen meines Vaters stand sie eher misstrauisch gegenüber. Sie verunglückte dann tödlich bei der Stallarbeit. Und erst durch die Nachrufe bin ich darauf aufmerksam geworden, dass ihr Blick nicht so sehr den Erfolgreichen galt, sondern denen, die in der Dorfgesellschaft eher am Rande standen. Hilfe für Notleidende war auch für meinen Vater selbstverständlich, aber mehr noch aus christlicher Verantwortung, „um Jesu willen“. Für meine Mutter war es eine Haltung, die aus ihrer eigenen Erfahrung kam.

Diese Haltung erkenne ich immer noch wieder. Vor einigen Jahren waren wir zu einem „Vettern- und Cousinentreffen“ der Familie meiner Mutter – sie selbst hatte vier Geschwister – eingeladen. Zu ihnen gehörten die Erfolgreichen ebenso wie „Menschen mit besonderem Assistenzbedarf“ – in Brinkebüll nannte man sie „Halfbackte“. Und wir erzählten uns viele Geschichten, wie sich Eltern um Kinder und Kinder um Eltern und die Geschwister umeinander kümmerten. Alle hatten sie ihre Sorgen und ihre Freuden, die einen mehr vom einen, die anderen mehr vom anderen. Wir trafen Menschen, die reden konnten und zuhören. Es war für uns ein besonderer Tag, an dem die Kategorien „Erfolg“ und „Misserfolg“ nicht zählten.

Waren es also die Gene, die sie so gemacht haben? Oder die Landschaft? Oder der christliche Glaube? Ich denke: einfach eine glückliche Mischung von allem.

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Luusangeln, von Christian Knoll, – selbst fotografiert, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7788111