Gewaltig

New York und Massachusetts – USA ’88, 2. Teil

Kirche in Deutschland verbindet man nicht automatisch mit den Eigenschaften aufregend, spannend, innovativ. Das war 1988 nicht anders. Und so war ich gespannt, was mir das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ zu bieten hatte. Wie gingen dort Kirche und Gesellschaft, Kirche und Politik, Kirche und Spiritualität zusammen? NY St Patrick

Und die USA beeindruckten, zuerst durch ihre schiere Größe. Ich war von Fuhlsbüttel losgeflogen und landete auf dem John-F.-Kennedy-Airport. Das war schlicht eine andere Dimension. Von Hamburg war ich es gewohnt, dass die Kirchen zur Skyline zählten. In New York verschwand selbst die St. Patricks Cathedral zwischen den Häuserschluchten. Und für die Garagenmiete in der Lexington Avenue bekam man in Hamburg eine Dreizimmerwohnung.

Gleich am ersten Abend wartete schon ein Highlight auf uns. Auf dem Broadway lief Sarafina. Das Musical hat den Kampf gegen die Apartheid zum Thema – ein sehr passender Auftakt für unsere Reise.

Freedom is coming, das war 1988 noch eine Vision für Südafrika. Die Apartheid wurde offiziell erst drei Jahre später aufgehoben. An dieser Frage wurde damals in Deutschland wie in den USA leidenschaftlich diskutiert, wie politisch Kirche sein darf. „Kauft keine Früchte aus SA“, forderten die Linken. Wie heikel das Thema war, hatte ich in einer meiner ersten Predigten in der Eirene-Kirche in Langenhorn erlebt. Ich hatte dort nur das Wort fallen gelassen, ohne inhaltlich dazu etwas zu sagen. Nach dem Gottesdienst war ich dafür emotional heftig angegriffen worden.

MS HausAber auch in Amerika sollte uns das Thema nicht so schnell loslassen. Nachdem einer Sightseeing-Tour durch New York fuhren wir aufs Land, nach Sandisfield in Massachusetts. Dort wohnte der Professor für Neues Testament Walter Wink auf einem wahrhaft friedlichen und fast paradiesischen Anwesen. Sein Garten ging hinunter bis zum plätschernden Creek, seine Frau arbeitete in der eigenen Töpferei, und wir diskutierten in seinem Wohnzimmer – über Apartheid, Gewalt und was Jesus dazu sagen würde. MS Pottery

Walter Wink war wesentlich frommer als ich von deutschen Theologen gewohnt war, dafür allerdings auch wesentlich politischer. Er hatte gerade den 2. Teil seiner Trilogie über die „Mächte und Gewalten“ herausgebracht, von denen besonders in den Paulus-Briefen immer wieder die Rede ist. Die Frommen interpretieren sie als die Mächte des Satans, die eine durchaus reale unheimliche Wirkung haben. Ehrlich gesagt – ich habe sie nicht ganz so ernst genommen.

MS Diskussion

Mit W. Wink (M) und A. Ebert

Für Walter Wink aber waren sie durchaus real. Es seien die negativen politischen und gesellschaftlichen Kräfte, meinte er. Es wäre die reale Gewalt, die zum Beispiel die Menschen in Südafrika erlebten. Und genau ihnen hatte Jesus den Kampf angesagt.

Zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit vertrat Wink den „3. Weg“ Jesu. Die meisten Menschen, meinte er, tun Jesu Weg als Idealismus ab. Sie verstehen seine Aufforderung, die andere Backe hinzuhalten, als trottelige Gutmütigkeit. Er aber verstand Jesu Botschaft als Aufruf zu aktiver Gewaltlosigkeit („militant nonviolence“).

Darf Kirche politisch sein, fragte sich unser Kirchengemeinderat vor einiger Zeit. Für Walter Wink keine Frage: Um Jesu willen – sie muss!

Bedeutungsvolle Tüdelchen

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die mir nicht aus dem Kopf gehen. Zum Beispiel Anführungszeichen.

Gestern las ich bei ze.tt, einem Online-Magazin für junge Leute, einen Artikel über Karfreitag, überschrieben mit „Diese Filme dürfen an Karfreitag nicht gezeigt werden – um „religiöses Empfinden“ nicht zu verletzen“. Als erstes Beispiel wurde „Das Leben des Brian“ genannt, es folgten die „Rocky Horror Picture Show“, die Filmklamotten „Vier Fäuste gegen Rio“ und „Police Acadamy“, dann „Terminator“, „Top Gun“ und „Mad Max“. Aber es sind nicht diese Filme, die mein religiöses Empfinden verletzen, sondern die Anführungszeichen in der Überschrift.

Warum wurde das „religiöse Empfinden“ in Tüdelchen gesetzt? Sie suggerieren: Ein solches Empfinden gibt es eigentlich gar nicht. Das ist eine Erfindung der Religiösen, um der Gesellschaft ihre eigene Einstellung aufzudrücken, um Tanz- und Filmverbote durchzusetzen und die Kritik an der eigenen Einstellung zu unterbinden. Gemeint ist damit § 166 StGB, der „Blasphemieparagraph“, in dem es allerdings nicht so sehr um die religiösen Gefühle, sondern vor allem den öffentlichen Frieden geht. Egal. Wichtig ist die Botschaft: Wir Normalos werden von der Religion unterdrückt.

Mein Problem ist: Durch die Tüdelchen werde ich in meinem „religiösen Empfinden“ verletzt. Oder besser: Ich fühle mich angegriffen. Hier wird etwas lächerlich gemacht oder zumindest nicht ernst genommen, was mir viel bedeutet.

Andererseits finde ich aber auch: Die ze.tt-Redakteurin hat im Prinzip Recht. Ich glaube zwar, dass es so etwas wie ein „religiöses Empfinden“ gibt, aber nicht, dass es in besonderer Weise schützenswert ist. Es gehört in die Reihe von Empfindungen und Gefühlen, die zur Identität des Menschen gehören und die ihm am Herzen liegen. Sich darüber lustig zu machen würde ihn sehr verletzen. Aber das gilt nicht nur für Religion. Für andere sind es Familie, Fußball, Homosexualität oder das politische Engagement. Besonders unanständig ist es, Schwächere lächerlich zu machen. Allerdings ist das auch immer eine Gratwanderung. Denn sonst dürfte man auch keine Witze über den HSV mehr machen.

Für all diese Gefühle gibt es die §§ 186-199 StGB, in denen es allgemein um Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung und dergleichen geht. Und zur Religionsfreiheit bekennt sich schon unser Grundgesetz im Artikel 4, die ungestörte Ausübung wird durch § 167 StGB geschützt.

Und die Filmverbote? „Das Leben des Brian“ gehört für mich zu den besten Jesus-Persiflagen überhaupt: intelligent, witzig, treffend. Aber man darf offenbar nicht lachen am Karfreitag. Deshalb stehen ja auch Bud Spencer und Police Academy auf dem Index. Der Terminator und Mad Max dagegen gelten als zu brutal – eine seltsame Argumentation an einem Tag, dessen Ursprung eine Kreuzigung ist.

Ralf Peter Reimann schreibt auf seinem Blog, dass die Kirche stattdessen den Sinn von Karfreitag wieder deutlich machen sollte. Im Prinzip stimme ich ihm zu. Ob seine Argumente aber außerhalb der Kirche überzeugen, wage ich zu bezweifeln.

Und warum sollten zumindest Atheisten all diese Filme nicht sehen dürfen? Ich vermute einmal, dass sich ein Großteil der Deutschen unter Karfreitag etwa soviel vorstellen können wie unter Ramadan. In den Großstädten gehört die Mehrheit keiner Kirche mehr an. Wir mögen ja eine christlich-jüdische Tradition haben, doch wir leben in einem säkularen Staat. Für mich spricht alles dafür, sowohl die Film- und Tanzverbote aufzuheben als auch den § 166 StGB.

Dann kann jeder „nach seiner Fasson selig werden“ (Friedrich II.), die eine im Kino, der andere im Gottesdienst. Und vielleicht kommen wir dann auch einmal irgendwo zueinander, wo wir unverkrampft die jeweiligen Stärken und Vorteile austauschen können.

Das Tibargfest

Der Pastor huscht mit einem fünfstelligen Betrag – Geld, das nicht ihm gehört – in einer Einkaufstüte über den Tibarg, der Wehrführer zieht gemeinsam mit dem Schulleiter die Strippen und unterhält die besten Beziehungen zur örtlichen Polizei, der Sohn des Wehrführers vergibt die besten Stände nach eigenem Ermessen, die Feuerwehr selbst ist für den Aufbau zuständig und ungefähr alle namhaften Geschäftsleute der Umgebung stecken mit ihren Spenden drin – hört sich das nicht irgendwie nach Sizilien und ehrenwerter Gesellschaft an?

Nun, das waren wir. Und ehrenwert waren wir tatsächlich. Denn es waren die Neunzigerjahre, und wir organisierten das Tibargfest – das damals „Niendorfer Markt“ genannt wurde. Denn wir wussten uns in einer Tradition, die schon im 18. Jahrhundert mit dem Niendorfer Jahrmarkt angefangen hatte.

Damals bestand das Organisationskomitee aus engagierten Niendorfer Bürgerinnen und Bürgern. Moderiert wurde es von Kurt Behrens, dem ehemaligen Leiter der Schule Burgunderweg. Manchmal wurde plattdeutsch gesprochen, und es war wie auf dem Dorf. Zu unserem Kreis gehörten Vertreterinnen und Vertreter von Vereinen und Verbänden wie der „Werbegemeinschaft Tibarg“, dem ASB, der Kirche, den Schulen und natürlich der Freiwilligen Feuerwehr, die die Hauptlast beim Aufbau trug.

Es war ein Fest „von Niendorfern für Niendorfer“. Alle waren ehrenamtlich dabei, und die Organisation kostete unendlich viel Arbeit: Die Musiker mussten engagiert werden, die Schausteller ihren Platz bekommen. Das Motto wurde bestimmt, der Kontakt zur Presse und der Polizei gepflegt. Die Plätze für die Flohmarktstände wurden vergeben, und alle Einnahmen und Ausgaben mussten auf den Pfennig abgerechnet werden.

Auch die Kirche hatte ihren Stand – einen kleinen achteckigen Pavillon, in dem wir Tibargfest Presse.jpgantiquarische Bücher verkauften und uns für Gespräche zur Verfügung stellten. Später stellte uns Propst Melzer seine „Original-“ Gutenberg-Druckerpresse zur Verfügung, ein echtes Highlight. Und ein paar Mal feierten wir auf dem Fest auch einen Open-Air-Gottesdienst.

Es gab allerdings auch einige in der Gemeinde, die sich mit dem Fest nicht so recht anfreunden konnten. Warum auf dem Tibarg Gottesdienst, wenn wir eine so schöne Kirche haben? Und überhaupt, passt eine Vergnügungsmeile zu uns? Ich fand es aber wichtig, dass sich die Gemeinde dort zeigt, wo die Menschen sind.

So anstrengend es war – regelmäßig erklärte ich nach dem Fest: Nie wieder! – es machte doch auch Spaß. Und es gab ja auch auch immer Ehrenamtliche und Kollegen, die sich mit an den Stand stellten. Frau Becker gehörte dazu und Frau Bukowski, und viele andere haben uns im Lauf der Jahre unterstützt.

Mit der Zeit veränderte sich nicht nur die Zusammensetzung im Vorbereitungskreis. Heute wird der „Niendorfer Markt“ ganz offiziell „Tibargfest“ genannt, von der Tibargfest06Quartiersmanagerin organisiert und einer Eventagentur ausgerichtet. Die Kirche baut ihr großes Zelt in der Mitte des Tibargs auf, und ein Team von Ehrenamtlichen kümmert sich um das Kirchencafé und andere Aktivitäten.

Es ist alles genauso schön wie damals, auch wenn es professioneller geworden ist. Und doch, wenn ich die Bilder von damals betrachte, werde ich ein wenig melancholisch. Damals war Niendorf noch ein klein wenig mehr Dorf als heute.

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Fotos (c) Erik Thiesen

#bcnordkirche

Am vergangenen Sonnabend habe ich am ersten „Barcamp Nordkirche“ (#bcnordkirche) teilgenommen. Was ein Barcamp ist? Nun, in ganz einfachen Worten: Ein Gettogether von Digital Performern 🙂 .

Zutreffender und verständlicher sagt es Wikipedia: „Ein Barcamp ist eine offene Tagung mit offenen Workshops, deren Inhalte und Ablauf von den Teilnehmern zu Beginn der Tagung selbst entwickelt und im weiteren Verlauf gestaltet werden.“ Ein solches Treffen dient vor allem dem Kennenlernen und dem Austausch. Beim #bcnordkirche ging es um Internt, Social Media und Nordkirche (einen Überblick über den Tag findet ihr hier).

Es kamen sehr unterschiedliche Menschen zusammen. Natürlich hatten sie alle einen positiven Bezug zu digitalen Medien – das ist in der Kirche nicht selbstverständlich. Doch die einen kamen direkt aus dem kirchlichen Binnenraum – waren Kirchenvorsteherinnen, Pastoren oder engagierte Ehrenamtliche. Die anderen waren Jugendliche, die mit der verfassten Kirche so gar nichts anfangen konnten und ihre religiöse Heimat im digitalen Raum gefunden hatten. Und dann gab es natürlich auch diejenigen, die sich irgendwo dazwischen ansiedeln würden.

Und so waren auch die Themen etwas für Einsteiger (z.B. Einführung in Facebook) und Fortgeschrittene (z.B. einen eigenen Youtube-Kanal aufbauen). Die Themen der Sessions wurden am Anfang spontan gesammelt - Copyright: Nordkirche

Es zeigte sich allerdings auch, dass ein solches Barcamp nur ein aller-allererster Schritt sein kann. Noch sind die Unterschiede groß, selbst innerhalb derer, die der Digitalisierung in der Kirche offen bis positiv gegenüber stehen. Das fängt schon bei der Sprache an. So schreibt Ines Hansla, Beauftragte unseres Kirchenkreises für digitale Medien, in ihrem Blog : „Statt Hashtag-Vorstellungsrunde gab es also eine gewohnt fundierte Keynote samt To-Do Liste für die #DigitaleKirche von Ingo Dachwitz, der so charmant antwortete:

Antwort von @roofjoke

Und ich habe sowohl ein Verständigungs- wie auch ein Verständnisproblem. Hashtag-Vorstellungsrunde? Keynote? Skippen? Ich ahne, was sie meint. Schließlich bin ich dabei gewesen.

Und so lässt mich mein erstes Barcamp mit unterschiedlichen Gefühlen und Eindrücken zurück. Auf der einen Seite finde ich es sehr faszinierend, welche Möglichkeiten die digitale Welt der Kirche eröffnet. Ines Zimzinski beschreibt in ihrem Blogbeitrag mit Blick auf die Situation von kleinen Unternehmen, dass man um die Nutzung der sozialen Medien eigentlich nicht mehr herumkommt, wenn man Menschen erreichen will. Der Pastor Andreas-M. Petersen hat ein paar Ideen mit in seine Gemeinde genommen, ebenso wie der Vikar Martin Olejnicki. Sabine Ulrich schreibt von ihrer Arbeit, in Stade „neue Ausdrucksformen von Kirche“ zu finden (fresh expressions, oder kurz: fresh x).

Es sieht so aus, als wenn wir in der traditionellen Form von Kirche mit immer mehr Arbeit immer weniger Menschen erreichen. Selbst in unserem „Kerngeschäft“ – Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen – übernehmen andere Organisationen immer größere Anteile. Junge Leute können sowieso immer weniger mit der verfassten Kirche anfangen. Gibt es darauf gute Antworten? Neue Wege, die Kirche gehen kann und vielleicht auch gehen sollte? Im Netz kann man Menschen kennen lernen, die mit solchen Emerging Churches unterwegs sind, Tobias Faix zum Beispiel oder Chris Dan.

Und wenn ihr nun das Gefühl habt, das seien zu viele Links, dann trügt euer Eindruck nicht. Es gibt schon unglaublich viel, aber es ist alles ziemlich unsortiert. Der Pfarrer Johannes Brakensiek twitterte schon im letzten Jahr: „Habe auch das Gefühl, dass als Idee noch zu breit und unkonkret ist, um produktiv zu sein.“ Und ich habe den Eindruck, dass sich seitdem noch nicht viel verändert hat.

Als ich Ines Hansla einmal fragte, was ich denn nun machen sollte, meinte sie: „Einfach machen.“ Trotzdem glaube ich, dass uns ein wenig mehr Struktur ganz gut tut, damit Social Media auch den Weg zu denen findet, die sich noch nicht so sehr damit beschäftigen. Außerdem kommen weitere inhaltliche Fragen auf uns zu: Wie wird sich Kirche durch Social Media verändern – und wollen wir das überhaupt? Welche Inhalte können und wollen wir auf welchen Plattformen vermitteln? Auch diesen Aufgaben möchte ich mich in der nächsten Zeit verstärkt widmen.

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Beitragsbild: (c) Erik Thiesen
Tabelle im Text: aus dem Beitrag von Andreas-M. Petersen

Der Pate und der Islam

Man muss nicht das Islambild der Beatrix von Storch von „barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden“ teilen, um Parallelgesellschaften skeptisch gegenüber zu stehen. Wie sie entstehen oder zumindest gefördert werden, habe ich auch vom Film „Der Pate I“ gelernt, gleich am Anfang:

(Die Synchronisation ist ungewohnt, das Original hier anzuhören.)

Integration gelingt nur da, wo die Minderheiten das Gefühl haben, nicht benachteiligt zu werden – ökonomisch, juristisch, religiös, wie auch immer. Deshalb: Der Islam gehört zu Deutschland – genauso wie die Bayern oder die AfD-Anhänger, die ja auch z.T. merkwürdige Traditionen und eine Tendenz zur Abschottung haben.

Übrigens: Differenzierter noch setzen sich mit dem Thema Parallelgesellschaften Wikipedia, ein Interview im Spiegel und ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung auseinander.

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Zum Beitragsbild: Die Autorenschaft wurde nicht in einer maschinell lesbaren Form angegeben. Es wird Rainer Zenz als Autor angenommen (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben). –  CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=925746

Mit der AfD reden – Fortsetzung

Mein letzter Beitrag zur AfD endete mit einer Kapitulationserklärung. „Ich kann es einfach nicht“, schrieb ich damals, Mitte März. „Ich habe es ehrlich versucht, viele Anläufe habe ich gemacht, aber ich schaffe es definitiv nicht, Rechtspopulisten wie die AfD wirklich zu verstehen.“ Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das Verständnis wirklich so wichtig ist. Ich glaube, es ist viel wichtiger, überhaupt miteinander zu reden. Denn
1. wer miteinander redet, schießt nicht. Und nimmt sich
2. überhaupt erst wahr. Und hat dann auch
3. die Chance zu erahnen, warum der oder die andere so denkt.

Denn wenn es stimmt, was Berger und Luckmann von der „gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit“ schreiben, ist das Verständnis füreinander ohnehin Glückssache. Und wer dann noch das Gegenüber von der eigenen Meinung überzeugen kann oder auch nur Verständnis dafür weckt, hat schon das große Los gezogen.

Also wollte ich anfangen, nicht über die, sondern mit der AfD zu reden. Mein Problem: Zu meinem Bekanntenkreis gehörte niemand, der sich zu dieser Partei bekannte. Also habe ich unter AfD-Eimsbüttel im Netz geschaut und den Vorsitzenden, Dirk Schömer, einfach mal angemailt. Und er war sehr bereit zu einem Gespräch. Aus verschiedenen Gründen dauerte es noch ein paar Wochen, aber am vergangenen Freitag saßen er und sein Kollege Martin Lemke bei uns im Wohnzimmer. Es wurde ein dreistündiges intensives und offenes Gespräch, in dem es mir vor allem darum ging, die Haltung meines Gegenübers zu verstehen und nachzuvollziehen.

Wie zu erwarten, gingen unsere Meinungen trotzdem auseinander. Und wie ebenfalls zu erwarten, machten sich unsere unterschiedlichen Ansichten vor allem an der Flüchtlingsfrage fest. Während ich nach wie vor der Meinung bin, dass die Politik der offenen Grenze 2015 richtig war, waren Dirk Schömer und Martin Lemke von Anfang an skeptisch bis ablehnend. Und da seinerzeit selbst die konservativen Medien von der Bild-Zeitung bis hin zu Josef Joffe von der Zeit das Loblied der Willkommenskultur sangen, fühlten sie sich in der Öffentlichkeit weder ernst- noch wahrgenommen. Sie misstrauten den Prognosen, dass die Flüchtlinge letztlich ein Gewinn für unsere Wirtschaft sein sollten und befürchteten vielmehr eine Überlastung unserer Sozialsysteme. Und die Diskussion wurde ja auch deshalb verkompliziert, da zwischen einreisewilligen und asylsuchenden Flüchtlingen kaum ein Unterschied gemacht wurde.

Immer wieder wies Dirk Schömer auch darauf hin, dass die Flüchtlinge im Grunde illegal nach Deutschland gekommen sind, wenn man den Grundgesetzartikel 16a und das Dublin-II-Abkommen ernst nehmen würde.

Nun bin ich ja der Meinung, dass die Probleme und Krisen in Afrika und im Nahen Osten wesentlich vom Westen zumindest mit verursacht wurden. Immer wieder wurden auch demokratisch legitimierte Regierungen gestürzt, wenn sie sich unabhängig machen wollten, damit der Zufluss von günstigem Rohöl nicht beeinträchtigt wird. So wurden ganze Regionen destabilisiert. Mit den Flüchtlingen kommen die Ergebnisse dieser Politik nun zu uns.

Diese Zusammenhänge wurden von Dirk Schömer und Martin Lemke nicht so gesehen oder zumindest anders bewertet. Besonders Martin Lemke sieht die Ursache für die Rückständigkeit in der Kultur, genauer in der Religion. Der Islam ist schon vom Ursprung her auf Krieg, Gewalt und militärischer Expansion aufgebaut gewesen, sagt er. Zu seinen Kennzeichen gehören Scharia, Frauenunterdrückung und Dschihad, verstanden als Ausbreitung des Islams mit allen Mitteln. Und mit dem Islamismus kehrt die Religion zu ihren Ursprüngen zurück.

Unsere Kultur dagegen ist geprägt von Freiheit, Toleranz und Nächstenliebe, von Aufklärung und Humanismus. Wir beziehen uns auf einen Religionsgründer, der Mitgefühl und Weisheit gelehrt hat. Damit sind Islam und christlich geprägtes Abendland inkompatibel. Und es ist unsere Aufgabe, unsere Werte zu schützen und zu verteidigen.

Aber, so meine ich, wäre es nicht gerade ein Zeichen von Mitgefühl, Menschen in Not zu helfen? Und wäre es nicht ein Zeichen von Weisheit, Menschen, die in Parallelgesellschaften abzuwandern drohen, versuchen zu integrieren?

Zum Schluss waren wir uns einig, dass wir alle das Beste für das Zusammenleben im Stadtteil wollen. Über die Wege dorthin sind wir uns uneins. Deshalb finde ich es wichtig, weiter miteinander zu reden und zu streiten, damit nicht Ängste und Vorurteile unser Tun bestimmen, sondern die besseren Argumente, die vernünftigeren Überlegungen und professionelles Vorgehen.

 

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Beitragsbild: By Photo: Gémes Sándor/SzomSzed – http://szegedma.hu/hir/szeged/2015/08/migransok-szazai-ozonlenek-roszkerol-szegedre.html, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42990906

 

 

Miteinander reden

Das Gespräch mit der AfD geht weiter – ein Vorwort

Blinde und Elefant.jpgFünf weise Männer, alle blind, bekommen den Auftrag, einen Elefanten zu beschreiben. Der erste sagt: „Ein Elefant ist wie ein langer Arm“ – er hatte nur den Rüssel berührt. Der zweite steht an den Füßen und meint: „Nein, er ist wie eine Tonne.“ Der dritte betastet ein Ohr und sagt: „Nein, wie ein Fächer.“ Der am Schwanz entgegnet: „Keineswegs, ein Elefant ist wie ein großer Pinsel.“ Und der fünfte berührt den Rumpf und sagt: „Wie eine Tonne mit Borsten.“

Wir sind wie die Weisen und sehen alle nur einen Teil der Wirklichkeit – Buddha selbst soll dieses Gleichnis erzählt haben. Ich glaube aber, dass es nicht stimmt.

Denn es geht davon aus, dass es nur eine Wirklichkeit gibt. Und wenn wir nur alle Informationen zusammentragen, dann werden wir sie erkennen. Ich aber glaube, dass die Weisen gar nicht alle den Elefanten berührt haben, sondern der erste einen dicken Schlauch, der zweite einen Baum, der dritte ein großes Tuch, der vierte einen Staubwedel, und nur der fünfte hat den Elefanten berührt. Sie haben verschiedene „Wirklichkeiten“ untersucht.

Vor einiger Zeit habe ich auf diesem Blog mit einer evangelikalen Christin diskutiert. Irgendwann haben wir das Gespräch im gegenseitigen Einvernehmen beendet, ohne wirklich zueinander gekommen zu sein. Wir haben in zwei verschiedenen Wirklichkeiten geredet.

Was völlig normal ist, wenn man den Soziologen Peter L. Berger und Thomas Luckmann glaubt. Sie sind davon überzeugt, dass wir uns unsere Wirklichkeit konstruieren. Sie beschreiben Wirklichkeit – und nun wird es etwas theoretisch – „als Qualität von Phänomenen, die ungeachtet unseres Wollens vorhanden sind – wir können sie ver- aber nicht wegwünschen. ‚Wissen‘ definieren wir als die Gewißheit, daß Phänomene wirklich sind und bestimmbare Eigenschaften haben.“ (Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, S. 1) Wenn man den Alltag beobachtet, zeigt sich aber, dass in verschiedenen Gesellschaften verschiedene Wirklichkeiten gelten, die durch verschiedene Vorgänge erzeugt werden. (Wikipedia) Wie wir Menschen das machen, kann man hier ganz gut nachlesen.

Ein kleiner Rückblick in die Geschichte: Die Reformation wird kirchlicherseits gerne als Ursprung der Toleranz gesehen. Das ist nicht ganz falsch. Aber nicht deswegen, weil die Reformatoren tolerant waren. Ganz im Gegenteil. Durch ihre Intoleranz haben sie das einheitlich-katholische Weltbild des Mittelalters zerstört. Plötzlich gab es auf engem Raum zwei und mehr „Wahrheiten“ – die katholische und evangelischerseits gleich eine ganze Reihe. Im Augsburger Religionsfrieden 1588 – „cuius regio, eius religio“, der Herrscher bestimmt die Konfession seiner Untertanen – wurde diese Vielfalt erstmals akzeptiert. Noch in meiner Jugend gab es auf dem Land praktisch keine Katholiken – mit dem einen Mädchen in der Klasse kamen wir klar. Als ich in Franken studierte und von den handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen protestantischen und katholischen Schülern eines Bamberger Gymnasiums hörte, dachte ich: Das ist Mittelalter. Es war wohl eher der 30-jährige Krieg… Heute leben wir eng zusammen mit verschiedenen Glaubensrichtungen und Weltanschauungen, manche kompatibel, andere nicht so.

Und immer wieder machen wir den Versuch, eine dieser „Wirklichkeiten“ zur dominierenden zu erklären. Im Iran klappt das mit dem Islam noch ganz gut. Die Franzosen bekommen mit ihrem Laizismus schon Probleme mit Katholiken und Moslems. In Deutschland hat sich der Staat entschieden, sich aus weltanschaulichen Fragen herauszuhalten und mit allen Gruppen zusammen zu arbeiten, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Was, wie ich finde, die bei weitem beste Methode ist. Aber auch die bei weitem komplizierteste.

Deshalb diskutieren wir in Abständen immer wieder einmal über Leitkulturen, Verdrängung der Religionen ins Private und der Frage, ob und wie der Islam zu Deutschland gehört.

Und damit sind wir bei der AfD. Darüber mehr im nächsten Blog.

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Beitragsbild: By Skydeas – Own work, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30881279
Bild im Text: By Illustrator unknown – From The Heath readers by grades, D.C. Heath and Company (Boston), p. 69., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4581263