Was man so braucht

Die Kinder sind aus dem Haus. Sie haben ihre eigenen Wohnungen, gehen ihre eigenen Wege. Und doch gibt es, außer Weihnachten, ein Ereignis, das uns Jahr für Jahr wieder zusammenführt. Und zwar in Bad Segeberg.

Karl May ist Kult in unserer Familie. 2000 waren wir zum ersten Mal dort. Der Ölprinz, damals noch ohne Inga, für die das Geballer einfach zu laut war. Seitdem waren wir in jedem Jahr dort. Bis auf 2016. Was noch einmal deutlich macht, wie dramatisch das letzte Jahr für uns war.

Pierre Brice haben wir natürlich verpasst. Aber Gojko Mitic wurde für uns und besonders für die Kinder zur Winnetou-Legende. Und im ersten Jahr holte sich Maj-Britt ein Autogramm von Matthieu Carriere, der auch in diesem wieder den Schurken spielte. Damals hatte die Story auch noch eine Bedeutung; nach und nach trat sie in den Hintergrund. Aber immer noch macht es Spaß, emotional einzusteigen: mitzufiebern beim ersten Kuss des Liebespaars, Entsetzen zu zeigen, wenn der Bösewicht erscheint oder dahinzuschmelzen, wenn Winnetou bei „seinem“ Soundtrack auftritt.

Zu Karl May gehörte eigentlich auch immer die Currywurst mit Pommes und Mayo oder Ketchup und Cola. Doch zeigt sich gerade hier der Wandel der Zeiten. Aus der Cola wurde für die einen Wasser, für andere Bier. Und die Currywurst fiel teilweise ganz weg, weil sie den veganen Vorgaben nun gar nicht mehr genügte.

Kalkberg17.jpgNatürlich ist das alles nahe am Kitsch oder vielmehr schon jenseits davon. Selbst Sila Sahin aus der Soap Opera „GZSZ“ fragte an, ob das mit dem Schmalz bei den Liebesszenen „nicht alles einen Tacken zu viel sei“. Die Regie reagierte und „verdoppelte die Schmuse-Dosis“ (Abendblatt vom 22.7.17).

Hach, das Leben kann so einfach sein. Und so schön. Nächstes Jahr fahren wir wieder alle zu Karl May. Wir brauchen das.

Das Beitragsbild zeigt das Bühnenbild von „Winnetou II“ aus dem Jahr 2012 (Pixabay).
Das Bild im Text zeigt die Schlussszene aus diesem Jahr (Old Surehand, 2017) (c) Erik Thiesen.

Adler vegan

Wenn wir mit der Familie essen gehen, ist die Auswahl des Restaurants gar nicht so einfach. Wir sind fünf Personen, und es gibt unter uns Veganerinnen, Vegetarierin und Carnivore in unterschiedlicher Konsequenz und Abstufung. Meistens ist das Angebot für Vegetarier – und Veganer sowieso – recht übersichtlich. Das gilt übrigens auch für Buffets bei kirchlichen Festen.

VeganEagleVor ein paar Tagen waren wir deshalb zum ersten Mal im Vegan Eagle in Langenhorn, und ich muss sagen: Es schmeckte ziemlich gut, und satt wurde ich auch. Das Gespräch drehte sich bald um unsere Essgewohnheiten, und ich begann über meine ethischen Einstellungen nachzudenken.

Denn unsere vegane Fraktion hatte gute Gründe: Das Leiden der Tiere, der ökologische Fußabdruck, Gesundheit. Meine Rechtfertigung klang da eher nach: Fleisch zu essen, das war schon immer so, es macht Spaß und ich darf das. Bei Harley-Fahrern, die ihre Maschinen aufdrehen, verabscheue ich diese Argumentation.

Ok, ganz so einfach mache ich mir es natürlich nicht. Ich glaube aber, dass sich vieles regelt, wenn wir konsequent Biofleisch essen würden – schon über den Preis. Daraus würde dann eine ausgewogenere Ernährung folgen. Kükenschreddern und Tiertransporte gehen dann schon mal gar nicht. Aber auch auf dem Biohof werden Kühen die Kälber weggenommen, das Tierwohl wird oft den ökonomischen Zwängen untergeordnet, und am Ende werden alle Tiere sowieso getötet.

Und da denke ich: Ja, so ist es. Ich bin auf einem Hof aufgewachsen. Tiere, die auf dem Bauernhof leben, sind Nutztiere und dazu da, dem Menschen als Nahrung zu dienen. Und zum Spaß kann man sich Haustiere halten. Man soll Tiere nicht unnötig quälen. Aber sie sind keine Menschen.

Ich kann den Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht schlüssig begründen, weder mit der Biologie noch mit der Theologie. Ich kann nur sagen: So bin ich aufgewachsen, das ist für mich natürlich.

Reicht das?

Das Beitragsbild stammt von Pixabay, das Bild im Text von der Webseite des Vegan Eagle (c) Hannah Elser

Wir müssen reden

Christoph war nicht ganz zufrieden mit mir, das wurde deutlich. „Warum willst du den interreligiösen Dialog?“, fragte er mich. Und ich sagte: „Weil er wichtig ist. Weil wir die anderen kennenlernen müssen, wie sie denken und so. Und die uns.“ – „Das reicht nicht“, meinte er. Christoph ist Experte für den interreligiösen Dialog. „Wie, das reicht nicht?“, fragte ich.

„Es kommt auf die persönlichen Beziehungen an“, sagte er. „Über den Koran und die Bibel reden und über Islamismus und Kopftuch und all das, ist gut und schön. Aber viel wichtiger ist: gemeinsam essen, lachen, reden. Organisiere doch mal ein Fußballspiel, etwas, wo man sich näher kommt.“

Ehrlich gesagt, ich wollte nicht Fußball spielen. Ich wollte über Koran reden und Bibel und Islamismus und Kopftuch. Darüber, dass in der islamischen Gemeinde fast ausschließlich türkisch gesprochen wird, türkisches Fernsehen geschaut und türkische Cola getrunken. Ich fand und finde das immer noch crazy und nicht sehr zielführend, was Integration angeht.

Und ich habe darüber auch geredet, aber eher so am Rande. Vor allem bin ich in jedem Jahr mit Konfis in der Islamischen Gemeinde Eidelstedt-Schnelsen gewesen. Am Anfang trafen wir uns noch in der Spanischen Furt unter einem Supermarkt. Dann kaufte die Gemeinde in Eidelstedt ein ehemaliges Pastorat, und nun haben sie sich eine Fabrikhalle am Ring 3 ausgebaut. Ein wenig neidisch bin ich schon. Über 400 Leute kommen zum Freitagsgebet, das schaffen sonntags bei uns nicht einmal die Katholiken.

Und immer wieder traf ich Mehmet, der eigentlich schon längst im Ruhestand in der Türkei sein wollte, aber ständig genau dann vor Ort war, wenn ich mit den Konfis vorbei kam. Und Sevgi hat unseren Jugendlichen so begeistert vom Islam erzählt, dass regelmäßig zwei, drei von ihnen nahe dran waren zu konvertieren.

Und dann kamen sie zu viert aus der islamischen Gemeinde zur Verabschiedung. Und die beiden Männer brachten den Auszug aus der Kirche durcheinander, weil sie die ersten mit den Blumen sein wollten. Und Sevgi hat mich nach einer bewegenden Rede zweimal lange in den Arm genommen.

Und heute weiß ich: Ja, ich will mit ihnen weiter und immer wieder reden über Koran und Kopftuch und Integration und alles. Aber das Wichtigste ist tatsächlich die Freundschaft und die Beziehung zwischen uns. Und das Trennende rutscht in der Prioritätenliste gerade ganz nach unten.

Danke, Sevgi. Danke, Mehmet.

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Mehmet Ünver und Ibrahim Orhan sind die ersten beim Auszug nach dem Gottesdienst
Foto: Wolfgang Hertwig

Gemeinsam in der Not

Es gibt viele liebe Menschen, die an uns denken, und dafür sind wir unendlich dankbar. Aber wir sind beileibe nicht die einzigen, die eine schwere Zeit durchmachen. Und die ihre Situation in gute Worte fassen können. So bekamen wir gerade eine Mail von G., die für ihren Mann da sein muss:

Meinem Mann geht es wieder besser. Aber er hat an körperlicher und geistiger Kraft eingebüßt. Wieder eine Stufe tiefer. Ich weiß nicht, wie lang die Treppe ist, die nach unten führt. Und in welchen zeitlichen und gesundheitlichen Etappen solch eine Treppe gebaut ist. Den Erbauer kenne ich nicht. Nur den Begleiter. Er hält mich und uns an Seiner Hand fest.

Ausgestattet mit neuem Mut und Kraft für einen Tag gehen wir unseren Weg. Auch meine Haut ist dünner geworden. Meine Nerven, Geduld und Nachsicht werden ständig auf die Probe gestellt. Ob ich diese Art von Ausbildung oder Lehre letztlich schaffen werde, weiß ich nicht. Denn, so gerne ich lese und dazulerne – eine passende Lektüre gibt es nicht für diesen Lehrgang. Auf eine Prüfung kann ich mich ebenso wenig vorbereiten wie auf das Ende des Weges. Jeder Tag verläuft nämlich etwas anders als geplant und gewollt. Und wenn es nur an kleinen Dingen liegt.

G.M.

 

Dir, liebe G., wünschen wir ganz viel Kraft für Deine Aufgabe.

Wie geht es dir?

Im „normalen Leben“ taucht diese Frage gerne auch auf in der Variante: „Geht’s gut?“ Und nur in seltenen Fällen will jemand darauf eine ausführliche Antwort. Ich verstehe sie als freundlich gemeinten Gruß und antworte meistens mit „Gut“ – und das kann eigentlich alles bedeuten, signalisiert aber in jedem Fall: Wir müssen nicht weiter darüber reden.

Ich lebe aber inzwischen kein „normales“ Leben mehr. Wenn mich jetzt jemand von euch fragt: „Wie geht es dir?“, dann spüre ich ein anderes, größeres Interesse. Mitgefühl. Aber manchmal auch Unsicherheit: Worüber redet man mit jemandem, der Krebs hat? Über die Krankheit? Oder gerade nicht, sondern über ganz normale Dinge?

Ich weiß auch, dass ich es euch nicht immer leicht mache. Manchmal will ich ohne Ende von meiner Situation reden, manchmal eher nicht. Manchmal finde ich Mitleid hilfreich, manchmal eher lästig.

Von der Redakteurin des Niendorfer Wochenblatts Kirsa Kleist wurde ich einmal gefragt: „Wie tröstet man einen Mann, der sonst – von Berufs wegen – als Trostspender bekannt war?“ Und ich habe geantwortet: „Ich denke so, wie man andere auch tröstet: Da sein, nicht weglaufen, keine Floskeln, nur was sagen, wenn es ehrlich ist, sonst den Mund halten. Keine Antworten geben, sondern nach Antworten – vielleicht eher noch nach den richtigen Fragen – suchen. Sowas hilft, auch wenn man es nicht merkt.“

Krebs kann heißen, dass ich unter den Nach- und Nebenwirkungen von OPs oder Therapien leide. Es kann aber auch heißen, dass ich ein äußerlich normales Leben führe. In jedem Fall aber begleitet mich das Bewusstsein, dass der Tod ganz nahe ist. Natürlich wissen wir alle, dass wir sterben müssen. Aber für mich und ebenso für Ute ist es konkreter. Wir verbinden damit eine Zeit: die nächste Untersuchung, einen Ort:  mein Körper, und einen Namen: Tumor.

Dieses Bewusstsein erzeugt bei uns auch so etwas wie eine milde Paranoia. Jeder Schmerz, jede ungewöhnliche Stelle auf der Haut, die wir nicht sofort einordnen können, macht uns unruhig. Darum verbringen wir gerne einmal eine Extrastunde in der Notaufnahme, selbst im Urlaub. Und wie gut, wenn der Arzt dann sagt: Das ist ein ganz normaler Husten. Ein ganz normaler Bluterguss. Kein Krebs.

Vielleicht hilft es euch, wenn ihr das wisst. Uns zumindest hilft es, wenn ihr uns das Gefühl gebt, dass ihr es wisst und respektiert.

Einigen von euch brauchen wir es aber gar nicht erst zu sagen, weil ihr euch in derselben Welt bewegt wie wir. Ihr habt ähnliche Erfahrungen gemacht. Und wir erleben immer wieder, wie gut uns der Austausch mit euch tut.

Mag sein, dass auch für uns einmal wieder so etwas wie Normalität einkehrt und wir auf die Frage „Wie geht es euch?“ wieder mit einem einfachen „Gut“ antworten und zu Alltäglichkeiten wechseln können. Bis dahin werden wir erzählen oder auch nicht – in jedem Fall aber tut uns die Frage gut. Denn sie signalisiert uns euer Interesse, eure Nähe und euer Mitgefühl.

 

Den Austausch fördern

Kirche im Dialog (5). Hier, hier,  hier und hier stehen die ersten vier Teile

Um mit Menschen außerhalb der Kirche in einen Dialog treten zu können, müsste man ja eine gemeinsame Sprache finden. Doch die religiöse Mundart verschwindet langsam. Manche Wörter werden gar nicht mehr verstanden oder bekommen eine andere Bedeutung. Wenn ich etwas fürs Wochenblatt geschrieben habe, sollte es ausdrücklich „nicht so kirchlich oder pastoral“ sein.

Die Kirche hat in den letzten Jahrzehnten viel dafür getan, „gegen den Trend zu wachsen“. Trotzdem bewegt sich die Kirchenmitgliedschaft unaufhaltsam auf die 20%-Marke zu. Damit sind wir nicht mehr die bestimmende Kraft in der Gesellschaft, sondern eine unter vielen religiösen und quasireligiösen Gruppen. Und alle bilden ihre eigene Sprache und ihre eigenen Rituale: Moslems und Säkulare, Rechtspopulisten und High Performer. Es bilden sich Communities um Fußball und Fitness, Kochen und Computerspiele.

In dieser Gesellschaft muss die Kirche ihre Rolle erst noch finden. Dazu hat Dietrich Bonhoeffer schon vor über 70 Jahren geschrieben: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist … nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muss den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt, ‚für andere dazusein‘… nicht durch Begriffe (!), sondern durch ‚Vorbild‘ bekommt ihr Wort Nachdruck und Kraft.“ Vielleicht kommen wir jetzt erst dort an, wo Bonhoeffer uns schon damals sah.

Auf der einen Seite Vorbild sein und auf der anderen helfen und dienen. Eine wichtige Aufgabe könnte sein, den Austausch zwischen den unterschiedlichen Gruppen und Communities anzuregen und zu fördern. Kirche im Dialog – ein wenig anders interpretiert.

Dafür würde ich mich selbst gerne einsetzen, wenn es meine Kraft, Zeit und Gesundheit zulassen.

Dialog oder Mission?

Kirche im Dialog (4). Hier, hier und hier stehen die ersten drei Teile

Dass der Vorsitzende des Säkularen Forums Hamburg, Prof. Helmut Kramer, ausgerechnet der Nordkirche ein vordemokratisches Dialogverständnis vorwirft, kann nur bedeuten, dass er entweder eine selektive Wahrnehmung hat, ein Feindbild braucht oder Lust an der Provokation hat. Trotzdem ist auch mir nicht ganz klar, mit welchen Voraussetzungen und Zielen die Kirche in den Dialog hineingehen will.

Will sie den Konfessionslosen die christlichen Inhalte  nahebringen? Man muss es ja nicht machen wie die Zeugen Jehovas, sondern auf die nette Art, etwa wie das Projekt „Neu anfangen – Christen laden ein zum Gespräch“. Wäre dann die Mitarbeit auf den „dritten Feldern“ auch als eine Art Türöffner gedacht, um Menschen mit dem Evangelium in Berührung zu bringen?

Oder will man erst einmal wissen, wie Religionslose überhaupt ticken? Einfach mal ins Gespräch kommen und dann mal sehen, was kommt? Denn, wie Prof. Kramer richtig sagt: Ein respektvoller Gedankenaustausch ist Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Aber ist das nicht ein bisschen wenig für eine „bleibende Herausforderung der Kirche“ (Bischof von Maltzahn)?

Mir schwebt ein anderes Modell vor: Eine Gruppe von Christinnen und Christen lebt in einem nichtchristlichen Umfeld ihren Glauben mit Ernst und Konsequenz. Ihre Mitglieder pflegen sorgfältig ihre Traditionen und spirituellen Ressourcen. Ihren Mitmenschen begegnen sie mit Respekt und Verständnis. Sie helfen, wo es nötig ist und arbeiten mit an einem konstruktiven Miteinander. Dietrich Bonhoeffer hat es auf die Formel gebracht: „Beten und tun des Gerechten.“

Es ist vielleicht kein Wunder, dass mir gerade dieses Modell vorschwebt. Ich habe es gerade gesehen, auf DVD (und hier besprochen): „Von Menschen und Göttern“, ein Film über ein Kloster in Algerien. Ich habe davon gelesen, in einer Rede von Navid Kermani, eine Beschreibung über ein Kloster in Syrien. Und ich habe es erlebt. Vielleicht nicht ganz so ideal, aber dafür viel näher, in einer Gemeinde in Niendorf.