Nachdenken über den Heiligen Geist

Nachdenken über…In dieser kleinen Serie über Gott, Jesus und den Heiligen Geist versuche ich zusammenzufassen, was mir in den letzten Jahren wichtig geworden ist. Es ist sozusagen ein persönliches Glaubensbekenntnis und nimmt den Gedanken von „Christentum to go“ wieder auf.

Die Entscheidung, am 17. Februar den Gottesdienst zu halten, obwohl gesundheitlich alles dagegen sprach, war kein bewusstes Abwägen. Ich nahm zwar wahr, wie es um mich stand, aber das spielte keine Rolle. Irgendetwas in mir hatte den Beschluss schon gefasst. Als Ute davon einer Freundin erzählte, meinte die spontan: Das war der Heilige Geist.

Der Heilige Geist. Er ist schwer zu fassen und weht eben, wo er will, wie Jesus sagt. Und je nachdem, wen man fragt, scheint er auch an ganz unterschiedlichen Orten aufzutauchen und ganz verschiedene Eigenschaften zu haben. Die Charismatiker identifizieren ihn zum Beispiel überall dort, wo bei christlichen Menschen übernatürliche Gaben festgestellt werden können: Wunderheilungen, Exorzismen, unverständliches Reden zum Beispiel. In der Feministischen Theologie wird er gendergerecht oft die Heilige Geistkraft genannt. Das weibliche Element darf schließlich auch in der Trinität nicht fehlen, und schließlich ist die hebräische Grundbedeutung רוּחַ auch weiblich. Die Vorstellung, wie oder wer der Heilige Geist sei, hat eben viel mit der Gottesvorstellung zu tun.

Durch den Heiligen Geist wird die Botschaft Jesu heute konkret. Und für mich ist die wichtigste Eigenschaft dieses Geistes, dass er der Tröster ist. „Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit“, sagt Jesus (Johannes 14,16). Wir haben in den letzten Jahren unendlich viele tröstende Worte bekommen. Sie berührten unser Herz, sie richteten uns auf, sie waren ohne Zweifel geistgesättigt.

Bei Ignatius spielt der Trost eine zentrale Rolle. Wenn ich Gott liebe – und das heißt für mich: wenn ich das Leben liebe -, wenn Glaube, Liebe und Hoffnung in mir wachsen, wenn ich innerlich ruhig werde und ausgeglichen, dann sind es deutliche Zeichen: Hier wirkt der gute Geist.

„Die Liebe zum Leben“, schreibt Fulbert Steffensky, „bringt Feuer und Wasser zusammen: die harten Fakten und die gerupfte, aber nicht erschlagene Hoffnung. Die Liebe zum Leben lässt sich nicht durch falsche Stimmigkeit betören. Sie wird nicht zynisch und sie bleibt nicht blind.“ 

In diesem Satz klingen zentrale Elemente meines Glaubens an. Zunächst einmal das Hohelied der Liebe: Die Liebe „erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand … Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Die Liebe aber ist die größte unter ihnen.“ (1. Korinther 13,7) Und das Bild von Feuer und Wasser erinnert mich an das Wasser der Taufe, das Jesus mit dem Geist in Verbindung gebracht hat („Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen,“ sagt er in Johannes 3,5) und das Feuer von Pfingsten (Apostelgeschichte 2). An dem Tag werden die Jüngerinnen und Jünger be-geistert (eine beliebte kirchliche Schreibweise).

Der Neurobiologe Gerald Hüther betont, dass Begeisterung die Voraussetzung von Lernen ist und eine Umgebung benötigt, in der wir mit anderen Menschen verbunden sind und persönlich wachsen können. Das klingt nach einer Gemeinde, in der der Geist das Sagen hat.

Die Gaben des Geistes sind die „Charismen“, die Gnadengaben. „Charisma“ ist eine Ableitung von „Charis“, der Gnade (grch. χάρις, lat. gratia). Wir verstehen darunter vor allem ein Geschenk, das ein Mächtiger einem Schuldigen macht: Der Erlass der Strafe – in der Theologie die Folgen der Sünden, in der Justiz die der Schuld. Im Prinzip aber bleibt der Schuldige schuldig und abhängig und der Mächtige mächtig.

Ursprünglich aber hat die Charis nichts mit dem Recht zu tun, sondern mit der Ästhetik. Es bedeutete Schönheit oder, mit einem schon fast vergessenen Wort, Anmut – eine Qualität, die Navid Kermani gerade unter Protestanten so schmerzlich vermisst. Später wandelte sich die Bedeutung auch zur Wohltat. Auch das hebräische Chanan (חנן)   wandelt sich in seiner Bedeutung – nur in entgegengesetzter Richtung von Wohltat zu Schönheit. Ist der gnädige Gott vielleicht eher ein schöner Gott? Und was ändert sich, wenn wir statt „Die Gnade Gottes sei mit dir“ sagen: „Die Schönheit Gottes sei mit dir“? Für mich hat sich mit dieser Vorstellung eine völlig neue Glaubenswelt aufgetan.

Und ich erinnerte mich an einen meiner Lieblingssätze: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“ (Christoph Schlingensief). Dieses Wort hat ihm der Heilige Geist gegeben.

Nachdenken über Jesus

Jesus sei ganz Gott und ganz Mensch, heißt es. Aber wie ist das zu verstehen? Die Menschen stritten sich, ob „der Sohn“ mit „dem Vater“ nun wesensgleich sei oder nur wesensähnlich – griechisch ὁμοούσιος oder ὁμοιούσιος. Es ging um einen Buchstaben, den kleinsten im Alphabet, das ι. Deshalb wurden Kriege geführt und Konfessionen getrennt. War es das wert?

Nein, definitiv nicht. Schon die Fragestellung ist mir herzlich egal.

Wichtig ist mir nicht, ob er mit dem Vater, sondern mit mir wesensähnlich oder sogar wesensgleich ist. Denn ich habe das tiefe Gefühl: Er steht auf meiner Seite. Er ist wie ich. Oder ich wie er. Oder besser: Ich auf seiner Spur.

Wie er habe ich einen handwerklichen Beruf ausgeschlagen. Uns zog es wohl beide eher zu Büchern – ihn zur Heiligen Schrift, mich eher zu Karl May. Beide suchten wir unseren eigenen Weg, gerade auch in der Auseinandersetzung mit der Familie. Mir gefällt auch sein Hang zum Feiern, ob in Kana, bei den Zöllnern oder den Pharisäern.

Er sucht und findet immer wieder die positive und leichte Seite im Leben – und an Gott. Gott ist jemand, der die Vögel und Blumen beschützt – und mich erst recht. Gott fragt nicht nach Schuld und Irrwegen. Wer zurückfindet wie der „verlorene Sohn“, bekommt erst einmal einen Kaffee oder gleich ein Festmahl ausgerichtet. Und dabei weiß er sehr wohl um die Gefahren und Untiefen des Lebens, um die Wankelmütigkeit des Schicksals, um die Unberechenbarkeit des Vaters. Schau nicht zu sehr dahin, sagt Jesus. Hoffe gegen die Erfahrung.

Und immer wieder sucht er den Weg des Friedens, des Ausgleichs, der Gerechtigkeit. Auch wenn ihn das in große Schwierigkeiten bringt. Schließlich hat er nur die Wahl, entweder seinen Weg zu verlassen oder ans Kreuz zu gehen. Und dieser innere Kampf, wie er ihn im Garten Gethsemane ausgefochten hat, ist mein Kampf mit der Krankheit. „God, Thy will is hard, but you hold every card…“ (Jesus Christ Superstar). Und von seinen letzten Worten am Kreuz darf keines fehlen. Denn sie alle umfassen das Leben wie das Sterben: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Mk. 15,34 und Mt. 27,46), „Es ist vollbracht“ (Joh. 19,30) und „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk. 23,46).

Paulus selbst betont immer wieder, dass wir mit Jesus eins sind. Ja, wir sind mit ihm gestorben und auferstanden (Römer 6,3-5). Jesus lebt in uns und wir in ihm. Das kann ich so allerdings (noch?) nicht ganz nachvollziehen.

menas-meditationVorerst reicht es mir, wenn ich Jesus als meinen Freund bezeichnen kann. Der mich stützt und unterstützt und gleichzeitig den Raum gibt, damit ich mich entfalten kann. Der mir die Wahrheit sagt, die gerade gut ist für mich. Der meinen Weg mit mir geht.

Diese Ikone liegt auf meiner Meditationsmatte; ich gehe täglich daran vorbei. Sie erinnert mich an meine Sehnsucht, geborgen und aufgehoben zu sein und zur Ruhe zu kommen. Die Realität sieht zurzeit anders aus. Aber diese Ikone holt mich immer wieder ein bisschen aus der Realität heraus in die Wirklichkeit Jesu. Das tut gut.

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Beitragsbild: Jesus-Mosaik in der Ayia Napa Kapelle, Zypern. Bild von dimitrisvetsikas1969 auf Pixabay
Menas-Ikone: Die Quelle kann ich nicht mehr zurückverfolgen. Bitte ein Hinweis, wenn eine Urheberrechtsverletzung vorliegt.

 

Die heiligen drei Könige

„Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Nur beim Evangelisten Matthäus steht diese Geschichte, die zu einer der bekanntesten der Bibel werden sollte: die Geschichte von den Heiligen drei Königen. Und wir sehen: Sie waren offensichtlich weder heilig noch drei noch Könige.

Drei wurden sie erst im 3. Jahrhundert, wegen der drei Geschenke, Könige  im 8. Jahrhundert, ihre Namen, Hautfarben und Altersangaben bekamen sie erst im Mittelalter. Und heilig gesprochen wurden sie von der katholischen Kirche nie. Hat es sie überhaupt gegeben?

Die einen sagen so, die andern so. Ich gehöre eher zu den Skeptikern. Für den Historiker ist die Faktenlage außerordentlich dünn, dünner noch als bei den anderen Geschichten von Jesus. Überhaupt ist es schwierig, die Bibel historisch zu „beweisen“, denn archäologische Funde aus der Zeit sind selten. Und für die, die es gibt, gilt die Aussage des Detektivs Phil Marlowe aus Raymond Chandlers „Lebwohl, mein Liebling“: „‚Ein Beweis‘, sagte ich, ‚ist immer etwas Relatives. Ein sehr starkes Überwiegen von Wahrscheinlichkeiten. Und dann ist noch die Frage, wie sehr einen diese Wahrscheinlichkeiten beeindrucken.'“ Aus diesem Grund drehen sich die Diskussionen um die Historizität der Bibel auch bis heute im Kreis. So behauptet der Theologe Armin Baum: „Die Evangelien enthalten keine frei erfundenen Legenden, sondern früheste historische Nachrichten über die Worte und Taten Jesu von Nazareth.“ Der Religionskritiker Richard Dawkins meint dagegen, die Evangelien seien „von Anfang bis Ende frei erfunden und reine Fiktion“.

Viele andere Theologen weisen allerdings darauf hin, dass es den biblischen Autoren nicht darum ging, historische Fakten aufzuzählen, sondern zum Glauben aufzurufen. Fiktion sei für antike Autoren keine Unwahrheit, sondern ein Stilmittel, um eine theologische Wahrheit zum Ausdruck zu bringen (Manfred Diefenbach). Und Klaus Wengst versteht zum Beispiel die Ostergeschichten als „wirkliche Gleichnisse“ und „wahre Geschichten“.

Das klingt kompliziert und arg abgehoben. Ich kann es in meiner Situation allerdings ganz gut nachvollziehen. Die biblischen Erzähler wussten sehr wohl um die historischen Umstände, und die waren damals nicht gut: Besatzung durch die Römer, Ungerechtigkeit, Armut, Krankheit. Und sie erzählten dazu die Gegengeschichte: Von Jesus, der Menschen befreit, heilt und aufrichtet. Diese Geschichten beglaubigen sich nicht durch historische Beweise, sondern durch ihre Wirksamkeit.

Auch unsere objektive Lage ist nicht gut, wenn wir nach den Aussagen der Wissenschaft und Schulmedizin gehen. Wir brauchen die Gegengeschichten, die uns Hoffnung geben. Und die von den Männern aus dem Osten ist eine solche Hoffnungsgeschichte: Sie folgten ihrem Stern und kamen zum Kind, das heilen kann. Davon erzählen ihre Geschenke, Gold, Weihrauch und Myrrhe. Alle drei waren damals anerkannte Heilmittel.

Ob diese Geschichte wahr ist, hängt nicht von ihrer historischen Glaubwürdigkeit ab, sondern ob wir sie glauben können. Und wenn wir sie glauben können, dann kann sie womöglich helfen.

Lichtblick der Woche

Zu sagen, dass Weihnachten unser „Lichtblick“ gewesen ist, wäre etwas untertrieben. Es war eine ganze Kette von Lichtblicken, die mit dem Waldsingen begann, sich über den Tannenbaumkauf im Gehege fortsetzte, dann kam das Weihnachtsoratorium im Michel, der kleine Lord mit der Familie, der Heilige Abend auch, danach der Gottesdienst, und schließlich zwei bestrahlungsfreie Tage.

Möge das weihnachtliche Licht noch lange leuchten, Euch und uns und der ganzen Welt.

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Johann S. Bach, Weihnachtsoratorium, 1. Teil, Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage, mit dem Thomanerchor Leipzig.
Beitragsbild: Pixabay

Gegen das Drehbuch

Am 24. Dezember veröffentlichte das Hamburger Abendblatt auf der Titelseite eine Geschichte mit dem Titel „Es begab sich in Ostfriesland…“. Ich empfehle allen, die sie gelesen haben oder auch nicht, das Original von Ruth Schmidt-Mumm „Wie man zum Engel wird“ (für den vollen Genuss jetzt, denn es folgt eine kleine Zusammenfassung).

Die 6. Klasse richtet traditionell das jährliche Krippenspiel aus. Doch in diesem Jahr kann die Rolle des Wirts nicht besetzt werden, da es an Jungen mangelt. Da soll Tim, der kleine Bruder des Joseph-Darstellers, einspringen. Er hat ja nur einen Satz zu sagen: Kein Zimmer mehr frei. Tim sagt zu. Und bei der Probe klappt auch alles.

Als Joseph jedoch bei der ersten Vorstellung fragt: „Habt ihr ein Zimmer frei?“, antwortet Tim, der Wirt: „Ja, gerne.“ Und er lässt sich auch durch die Improvisationen des Joseph nicht davon abbringen. Nach der Vorstellung meint er zur Begründung, „dass Joseph eine so traurige Stimme gehabt hätte, da hätte er nicht nein sagen können, und zu Hause hätten sie auch immer Platz für alle, notfalls auf der Luftmatratze“. Aber bei der nächsten Vorstellung, so verspricht er, wolle er die richtigen Worte sagen.

Doch auch die zweite Vorstellung geht schief. „Für die dritte und letzte Aufführung des Krippenspiels in diesem Jahr wurde Tim seiner Rolle als böser Wirt enthoben. Er bekam Stoffflügel und wurde zu den Engeln im Stall versetzt. Sein „HaIleluja“ war unüberhörbar, und es bestand kein Zweifel, dass er endlich am richtigen Platz war.“

Für mich ist es das schönste Krippenspiel, das ich je gesehen, gehört oder gelesen habe – noch weit vor „Hilfe, die Herdmanns kommen“ von Barbara Robinson (und der Ostfriesen-Fassung im Abendblatt). Deshalb habe ich sie auch 2005 zur Grundlage meiner plattdeutschen Ansprache zum Waldsingen gemacht und neun Jahre später zum Krippenspiel umgearbeitet.

Und ihre Botschaft finde ich heute wichtiger denn je: dass wir uns dem unbarmherzigen Drehbuch des Lebens einfach widersetzen. Selbst dann, wenn wir zu den „Engeln“ abgeschoben werden, wo wir keinen „Schaden“ mehr anrichten können.

Aber ist dieser Schaden nicht schon längst entstanden? Sicher, das Drehbuch schreiben wir ebensowenig um wie Tim. Und oft genug werden wir in die Ecke der Engel, der Gutmenschen und Träumer gestellt. Aber das „Ja, gerne, natürlich haben wir noch einen Platz frei für Menschen, die ihn brauchen“, ist nun mal in der Welt. 2015 gilt bei vielen als das Jahr, in dem wir die Kontrolle über unsere Grenzen verloren haben, und als Anfang vom Ende von Merkels Kanzlerschaft. Für mich ist es das Jahr, in dem sich gezeigt hat, wie viel Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn und Lust an Nächstenliebe in uns Deutschen steckt. „Wir schaffen das“ ist Merkels stärkster Satz gewesen. Leider hat sie selbst nicht darauf vertraut.

Dabei ist das doch ein zutiefst christlicher Satz. Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, heißt es im Psalm (18,30). Und Jesus sagt: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (Markus 9,23) Und auf dieser Linie liegt auch der Satz von David Ben Gurion, den Ute mir vor kurzem vorgelesen hat: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

Wie schwer ein solcher Glaube sein kann, muss uns niemand erzählen. Aber er ist unsere einzige Chance gegen ein unbarmherziges Drehbuch. Er ist unsere Chance auf Leben.

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Beitragsbild: Hosterwitzer Krippenspiel in der Schifferkirche „Maria am Wasser“, Dresden, Bild von Dr. Bernd Gross – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30491624

Heilige heidnische Weihnachten

Eigentlich dürfte Weihnachten gar nicht mehr existieren, denn gefühlt alle Menschen haben etwas dagegen: Die einen finden den Konsum ganz furchtbar, die anderen beklagen sich über zu wenig Geschenke. Die Familien versinken im Stress, die anderen verfallen in Depressionen, und die dritten fliegen in den Süden oder fahren wenigstens nach Dänemark. Die Heiden beschweren sich über den christlichen Überbau und betonen die Tradition des Sonnenwendfestes, die Christen beklagen die heidnische Ausgestaltung.

In der Tat hat die heutige Weihnachtsfeier nicht mehr viel mit den original christlichen Traditionen zu tun. In amerikanischen Weihnachtsfilmen wird zwar sehr viel für den Glauben geworben, aber nicht den an Jesus oder Gott, sondern an Santa Claus. Und selbst hierzulande kann man die Krippenspiele nur als grobe Verfälschungen der biblischen Aussagen bezeichnen (beliebte Quizfragen: Gab es in der Bibel Esel, Ochse, Wirt, eine überfüllte Stadt, die Heiligen drei Könige, den Stern, der den Hirten erschien? Nein, nichts davon!).

All das war mir natürlich von Anfang an bekannt. Und trotzdem habe ich jedes Jahr wieder ein Krippenspiel verantwortet, die rührendsten Geschichten erzählt, vom Zauber der Weihnacht gepredigt und mich gefreut, dass so viele Menschen in der Kirche waren. Und ich stehe dazu.

Auch wenn es Lukas 2 in fast jedem Gottesdienst im Wortlaut gab, selbst in den Familiengottesdiensten – ich verstehe meine Aufgabe als Pastor nicht so, dass ich die Bibel vorlesen oder auslegen soll. Ich möchte die Botschaft des Evangeliums verkündigen, das ist etwas anderes. Denn diese Botschaft muss heute anders lauten als damals, weil die Umstände und Verhältnisse ganz andere sind. Deshalb darf ich an Weihnachten zum Beispiel von Flüchtlingen sprechen, obwohl in der ganzen Weihnachtsgeschichte kein einziger vorkommt.

Ich habe als Pastor meine Aufgabe weniger darin gesehen, Seelen zu retten. Das erschien mir immer eine Nummer zu groß, und deshalb habe ich es Gott überlassen. Aber ich habe mich immer gefreut, wenn Menschen, sinngemäß, gesagt haben: Meine Seele ist größer geworden, freier. Jetzt sehe ich etwas in der Welt und in meinem Leben, was ich vorher daraus nicht habe entnehmen können: Einen Zauber, eine Bedeutung, eine Kraft, eine Richtung, ein Ziel. Einen Gott.

Wenn ich es richtig einschätze, sehen die meisten Menschen in ihrem Leben keinen wirklichen Sinn. Und wenn, dann den, den sie sich selbst geben. Und irgendwie haben sie auch recht. Es gibt keinen Lebenssinn an und für sich und für alle Menschen gleich. Man muss ihn für sich schon irgendwie herausfinden. Wenn man partout keinen sieht, ist das aber sehr schwer

Mein Glaube besteht darin, dass es für jeden Menschen diesen Sinn gibt. Dass jedes Leben zauberhaft ist und bedeutungsvoll. Dass Gott schon unter uns und in uns wohnt. Und wir ihn nur entdecken müssen. Und Weihnachten ist ein wunderbarer Anlass, gemeinsam auf diese Entdeckungsreise zu gehen.

Und auch das ist die Botschaft des Kindes in der Krippe: Hier fängt etwas an, etwas Bedeutungsvolles, und es ist noch nicht abzusehen, wohin es führen wird.

Deshalb werde ich den Menschen in dieser Zeit weiterhin „Gesegnete Weihnachten“ oder zumindest „Fröhliche Weihnachten“ wünschen, und nicht „Happy Holidays“ oder „Season’s Greetings“ oder irgendwelche deutschen Ableger. Weil darin nun wirklich kein Zauber und keine Bedeutung mehr zu spüren sind.

Deshalb sind die Suchbewegungen nach dem Sinn von Weihnachten, wie sie in den Medien und Gesprächen jedes Jahr um diese Zeit geführt werden, oft so viel spannender als viele Predigten, die die Antwort schon gefunden haben, ehe die Frage gestellt wurde. Und mir deshalb die Frage, die ich zu stellen habe, gleich mit vorgeben.

Ja, Weihnachten ist furchtbar: zu stressig, zu viel Konsum, zu heidnisch, zu kitschig, zu … ach, es gibt eine ganze Menge, was man an diesem Fest aussetzen kann. Und Weihnachten ist wunderbar. Soviel Zauber, soviel Gemeinsamkeit, soviel Mühe um Menschen, die man liebt, aber auch die, denen man sonst im Jahr aus dem Weg geht. Soviel Zukunft und Hoffnung und Schönheit. Ostern mag vielleicht, christlich gesehen, bedeutender sein. Weihnachten aber ist schöner, zweifellos.

Das wirkliche Leben

Eines der geheimnisvollsten und wichtigsten Worte, die mir in der letzten Zeit begegnet sind, hat Martin Buber gesagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Wie wahr, habe ich oft gedacht. Wenn wir unseren wöchentlichen Lichtblick zu wählen hatten, dann waren es fast immer Begegnungen, die uns eingefallen sind. Oft haben wir dann einen anderen Lichtblick gewählt, weil es sonst ziemlich eintönig geworden wäre; nur die Namen hätten manchmal gewechselt.

Begegnungen und Gespräche, die Nähe zu anderen Menschen, ihre Teilnahme, ihre Gebete, einfach ihr Da-sein geben uns Leben und Freude und Energie – das, was die Mediziner etwas spröde „Lebensqualität“ nennen. Man kann auch sagen: Sie sind unser Lebenselixier. Dazu zählen natürlich vor allem die persönlichen Begegnungen, aber auch die über den Blog, über Mails, übers Telefon. Oder diejenigen „über Bande“ – wenn uns Menschen erzählen, dass andere Menschen innerlich unseren Weg mitgehen.

„Begegnung“ aber ist auch das Zauberwort in meiner Glaubenswelt geworden. Dabei haben mir die Exerzitien wichtige Anstöße gegeben. So fragte ich Pfr. Mückstein, warum Gott bei meiner Krankheit nicht besser aufgepasst habe. Ein andermal erzählte ich ihm, dass ich den Paulustext Römer 1,18-31 ablehne. Ich hoffte dann auf eine anregende theologische Diskussion – die mir der Spiritual jedesmal verweigerte. Stattdessen gab er mir den Ratschlag: Sprechen sie mit ihm – mit Gott, mit Paulus. Gehen Sie in den Meditationsraum und schweigen Sie eine Stunde mit Gott. Und als ich ihn fragte, wer mir dort antworten sollte, meinte er: Trauen Sie Gott doch zu, dass er mit Ihnen redet.

Ich habe es getan. Und es war tatsächlich wie ein Gespräch. Ob es mit Gott oder mit mir selbst war – wer will das objektiv wirklich beurteilen? Es hat mich zumindest weitergebracht als eine theologische Diskussion. Und näher zu mir selbst. „Wenn an Gott glauben heißt, über ihn in der dritten Person zu reden, glaube ich nicht an ihn. Wenn es heißt, mit ihm zu reden, glaube ich.“ (Martin Buber) Und auch die Gespräche mit Paulus und Jesus haben mir noch einmal neue Türen geöffnet. Trotzdem bin ich nach wie vor ein Fan von differenziertem theologischen Denken.

Und noch in einem dritten Bereich ist mir „Begegnung“ wichtig geworden: in der Politik. Hans-Dietrich Genscher hat einmal gesagt: „Solange man miteinander redet, schießt man nicht aufeinander.“ Das gilt für mich nicht nur für die internationale Politik, sondern auch für das Miteinander in unserem Land. Ich trete dafür ein, mehr mit Moslems zu reden als über sie, mit der AfD, mit dem nervigen Nachbarn. Ronja von Rönne hat dazu in einer schönen Kolumne geschrieben: „Es geht auch um den Entschluss, nicht erfrieren zu wollen in einer erkalteten Gesellschaft, sondern stattdessen ein Nachbarschaftsfest zu organisieren. Was natürlich viel schwieriger ist, als ein Deckenburrito zu sein [= sich in eine Decke einzumümmeln wie in einen Burrito]: Was, wenn keiner kommt? Oder noch schlimmer, was wenn jemand kommt?“

Was aber ist, wenn die Nachbarn nicht wollen, wenn sich die AfD in ihren Hassreden gefällt, und die moslemische Gemeinde lieber in ihrer Opferrolle verharrt und sich gar nicht integrieren will? Ralf hat mir bei unserem letzten Besuch das Buch von Tuba Sarica gezeigt, in dem sie die Scheinheiligkeit der im Grunde integrationsunwilligen Deutschtürken schildert. Die Probleme sind immens, ob bei Moslems oder AfD. Übrigens – kann jemand mal anfangen, Horst Seehofer zu integrieren?

Manchmal ist es auch nötig, Abstand zu halten, wenn es geht. Nicht mit allen Menschen kommt man klar. Und auch in der Gesellschaft ist die Haltung eines „leben und leben lassen“ manchmal hilfreicher als sich mit allem und jedem auseinander zu setzen.

Trotzdem bleibe ich dabei: Soviel und solange miteinander reden wie möglich. Mein Beispiel ist unsere türkische Gemeinde, die ich mit den Konfis viele Jahre lang besucht habe. Sie pflegt intensiv eine türkische und muslimische Identität. Und doch gehörten ihre Beiträge zu meinem Abschied aus der Gemeinde zu den berührendsten. Ich glaube auch, dass ich mehr erreiche, wenn ich sie als Freund kritisiere und nicht als Gegner.

Begegnung ist für mich zwar kein Allheilmittel, aber ein Schlüsselwort geworden, im persönlichen wie im religiösen und politischen Bereich.