Über die Schönheit

Seitdem ich darauf gestoßen bin, dass das Wort „Gnade“ in den alten Sprachen hebräisch, griechisch und lateinisch viel eher mit „Wohltat“, besser noch mit „Schönheit“ zu übersetzen ist, lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los. Heute las ich ein Interview mit dem britischen Neurobiologen Semir Zeki, der wissenschaftlich bestätigt, „dass Liebe und Schönheit eng zusammenhängen“. Durch beide Empfindungen wird nämlich dieselbe Region im Gehirn aktiviert. Sie „ist Teil eines größeren Komplexes, der sich mit Entscheidungen beschäftigt. Vor allem bewertet er Reize, die wir als angenehm oder als Belohnung empfinden“.

Im Grunde wissen wir das auch. Zum Beispiel, wenn wir mit Goethe „zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!“ Oder mit Schlingensief: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“ Das Schöne ist gleichzeitig das Gute. Die Griechen hatten dafür sogar ein Wort: Kalokagathia. Das Ideal der Vollkommenheit.

Schönheit ist aber nicht nur eine emotionale und eine ästhetische Kategorie. Sie spielt auch in der Mathematik eine Rolle. Einstein meinte einmal zu seiner Formel E=mc², was so schön ist, könne nicht falsch sein. Und der Mathematiker Hermann Weyl meinte einmal, im Zweifelsfall würde er sich immer für die „schöne“ Theorie entscheiden.

Wenn es denn stimmt, dass Schönheit auch eine zentrale Eigenschaft Gottes ist, dann lag Paul Schulz vielleicht doch nicht so falsch, als er in den siebziger Jahren fragte: „Ist Gott eine mathematische Formel?“ Damals verlor er für diese These seine Stelle als Hauptpastor der Hamburger Kirche St. Jacobi. Heute würde man mit dem Thema vielleicht etwas gelassener umgehen.

Schönheit muss natürlich nicht immer glatt und einfach sein. Auch die runzligen Gesichter von alten Menschen können schön sein, eine karge Landschaft kann es – und für manche Menschen auch ein Musikstück von Karlheinz Stockhausen. Die Bibel aber bringt noch einen Aspekt ins Gespräch, der der griechischen Tradition von Schönheit eher fremd ist. Der „ideale Mensch“ ist für sie nicht derjenige, der dem „Ideal der körperlichen und geistigen Vortrefflichkeit“ nahekommt. Es ist der gekreuzigte Mensch, der leidende. In Gott kommt es zusammen: Die Schönheit und das Leiden. Wie aber verhält es sich im wirklichen Leben?

Vielleicht so: Weil Gott das Leiden kennt, sein Sohn – und damit er selbst – sogar gestorben ist, ist er mir nahe. Und ich brauche ihn in meiner Nähe, nicht nur, um mich bei ihm zu beklagen. Ich brauche ihn, damit er mir Türen öffnet hin zur Schönheit, zum Guten, hin zum Leben.

Geheimnis des Glaubens

„Geheimnis des Glaubens – deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ So sprechen die Katholiken, so sprechen wir auch manchmal zum Abendmahl. Geheimnisvoll ist schon dieser Satz – wie der Vers aus dem 1. Timotheusbrief, der ebenfalls vom Geheimnis des Glaubens spricht und Grundlage der Predigt in der Christmette in der Kirche am Markt in Niendorf war. Gemeinsam mit Daniel Birkner (seine Abschnitte sind kursiv gesetzt) konnte ich auf der Kanzel stehen.

Es ist ein Geheimnis um Weihnachten. So wie um unseren Glauben ein Geheimnis ist. Davon spricht ein Vers aus der Bibel. Paulus schreibt an Timotheus (Kapitel 3, Vers 16):

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens – Jesus Christus.
Er ist uns erschienen als Mensch
und freigesprochen worden im Geist.
Er wurde erkannt von den Engeln
und bekannt unter den Völkern.
Er wurde geglaubt in der Welt,
und aufgenommen in Herrlichkeit.

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens – Jesus Christus.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens. Groß ist das Geheimnis von Weihnachten. Wie auch immer die letzten Stunden gewesen sind – ob die Geschenke glücklich gemacht haben oder enttäuschend waren, ob das Zusammensein harmonisch war oder anstrengend, ob Sie Weihnachten eher als den Geburtstag Jesu Christi oder als Fest mit der Familie gefeiert haben – jetzt sind Sie hier, um noch einmal in besonderer Weise Weihnachten zu erleben, das Geheimnis von Weihnachten.

Natürlich gibt es diejenigen, für die Weihnachten eine einzige Enttäuschung ist und immer war. Sie fliehen die Lieder, das gedimmte Licht und die allzu oft vorgetäuschte Weihnachtsharmonie. Andere erwarten schon deshalb nichts von dieser Zeit, weil das Leben für sie keine Geheimnisse kennt – nur Rätsel, die man prinzipiell lösen kann.

Wir aber reden vom Geheimnis von Weihnachten: Dass Gott in die Welt kam, damals vor 2000 Jahren. Und was kam denn überhaupt in die Welt? Gott? Auch das – ein Geheimnis. Denn wir können Gott nicht fassen, nicht denken; und jeder, jede von uns hat zudem eigene Vorstellungen von dem Gott, an den wir glauben oder an den wir gerade nicht glauben. Gott ist der große Unbekannte, die Lebenskraft, das Leben an sich. Er ist der liebe Gott und verhindert doch nicht das ganze Leid auf dieser Welt. Er ist unberechenbar. Unfassbar. Unsichtbar.

Aber wir sagen: Er hat sich gezeigt. Er ist erschienen. In einem Menschen. Er wurde sichtbar und anfassbar. Damals in Bethlehem, in einem kleinen Kind. In Windeln gewickelt – und die hatte es nicht nur, damit es von den Hirten besser erkannt wurde. Die hat es gebraucht. Denn Gott wurde ein normaler Mensch – wie du und ich.

Das Geheimnis von Weihnachten: Der unfassbare, allmächtige Gott offenbart sich in einem Kind. Ein einfaches Kind. Das soll der Erlöser sein. Später werden auch viele Wunderlegenden von dem Kind erzählt. Aber Lukas erzählt von einem einfachen Kind in Windeln.  

Gott wird anfassbar, sagst du. Gott wird sichtbar. Aber das muss ich erst einmal glauben. Denn ich habe dieses Kind weder angefasst, noch gesehen. Aber – ich glaube es. Ich glaube, dass in Jesus von Nazareth das Göttliche in einer Weise Gestalt annahm, dass wir Menschen darin wahrnehmen können, welch Göttlichkeit auch auf uns liegt, welch Göttlichkeit auf dieser Welt liegt. Ich glaube das. Aber das ist ein weiteres Geheimnis. Geheimnis des Glaubens. Woher kommt das? Es ist ja, als ob noch immer Wellen von diesem Kind in der Krippe ausgingen, und von dem, was Jesus dann lebte und lehrte. Das hat mich schon in meiner Jugend, als mir christlicher  Glaube noch fremd war, dennoch fasziniert: da gab es vor 2000 Jahren einen Menschen und noch heute richten Menschen ihr Herz und ihre Taten nach ihm aus.  So, als ob er durch Jahrtausende hindurch greifen und Herzen berühren kann; meins hat er dann auch erreicht. Dorothee Sölle hat es für mich auf den Punkt gebracht. Sie hat einmal den schönen Satz gesagt: „am ende der suche nach der frage nach gott steht keine antwort sondern eine umarmung.“

Ich habe viel über den Glauben nachgedacht, aber seine Wurzel hat er nicht im Kopf, sondern im Herz. Wie im Einzelnen mein Glaube entstanden ist, ist kaum zu beschreiben. Geheimnis des Glaubens. Was ich empfinde ist: Glauben zu können ist ein Geschenk.

Und du sagst es, Daniel: Mit dem Glauben ist es so eine Sache. Die einen können’s, die anderen nicht. Erstere haben es sicher einfacher in der Kirche, die anderen müssen sich ein wenig mehr anstrengen. Aber vielleicht gelingt es ja, wenigstens für heute Abend, für diesen Gottesdienst. Stellen wir uns doch einfach vor, dass Gott oder, wie du auch sagst, das Göttliche in einem Kind erschienen ist. Durch Jesus wird der unfassbare Gott fassbar. Gott kommt uns nahe. „Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werden könne“, sagte schon  im 2. Jahrhundert der Kirchenvater Irenäus. Das klingt für unsere protestantischen Ohren ungewohnt, ja vermessen. Wenn wir sagen: „Der Mensch spielt Gott“, so meinen wir: Er spielt sich auf zum Herrn über Leben und Tod. Fühlt sich allmächtig – und zerstört damit die Grundlagen unseres Lebens. Genau das Gegenteil aber ist gemeint. Wenn wir Gott – oder göttlich – werden, dann heißt das: Wir verwirklichen in unserem Leben den Willen Gottes. Und der Wille Gottes ist, dass allen Menschen geholfen werde. Auch uns selbst.

Deshalb hat Gott nicht die eine allgemeine Botschaft für alle. Denn wir brauchen, wenn uns geholfen werden soll, durchaus unterschiedliche Hilfen, weil wir verschieden sind. Und wir gehen, wenn wir den Willen Gottes tun, auch unterschiedliche Wege. Als Christinnen und Christen sagen wir: Diesen Weg gehen wir am besten in der Nachfolge Jesu. Denn in ihm sehen wir, wer wir eigentlich sein sollen. Deshalb gibt es auch so viele unterschiedliche Geschichten von Jesus – weil wir Menschen so unterschiedlich sind.

„Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werden könne“, sagt Irenäus. Ich stelle dem ein verwandtes Wort zur Seite: „Mach es wie Gott – werde Mensch.“

Wir sagen manchmal: „Was der gemacht hat, war echt unmenschlich.“ Oder umgekehrt: „Man sollte menschlich miteinander umgehen.“ Wenn wir das so sagen, haben wir ein hohes Ideal des Menschen vor Augen. Wir haben ein Bild vor Augen – vom wahren Menschen. Wir wissen alle, was es bedeutet. Wir tragen dieses Bild in uns. Ein Bild der Liebe und Nächstenliebe. Es ist in gewisser Weise das Bild, das Jesus verkörpert. Würden wir alle mit solcher Liebe, gepaart mit Achtung und Respekt seinem Beispiel folgen, wären viele Veränderungen zum Guten möglich. Menschlich sein – göttlich sein: Jesus spiegelt uns beides – das Göttliche und das Menschliche. Und auch die Abgründe des Menschseins.

Für dich ist Jesus ein Bild der Liebe. Das ist er für mich auch. Noch mehr aber bewundere ich an ihm, wie er seinen eigenen Weg gegangen ist: den Weg der Gewaltlosigkeit. Er hat nach dem Guten gesucht, in der Welt, in den Menschen und auch in Gott. Er hat sich nicht beirren lassen, weder von seinen Anhängern noch von seinen Gegnern. Er strebte nicht nach Macht und Reichtum und war sich bewusst, dass ihn sein Weg ins Leiden und schließlich in den Tod führen könnte. Und so ist es ja schließlich auch gekommen. Er setzte sich für die Menschen ein, und er hat immer wieder gepredigt: Glaubt daran, dass Gott es gut mit euch meint. Glaubt an das Gute im Leben und in Gott. Und ich glaube, dass Jesus ein wirklich freier Mensch war.

Daniel: So heißt es – etwas geheimnisvoll – ja auch in unserem Hymnus: Freigesprochen im Geist. Freispruch – das klingt immer nach Gerichtsverhandlung. Aber es geht hier um eine andere Freiheit. Es geht um eine Freiheit von Zwängen. Um die Freiheit vom zwanghaften Gefühl: erst wenn ich etwas geleistet habe, habe ich es verdient geliebt zu werden. Jesus weiß sich uneingeschränkt geliebt von Gott und lebt aus dieser Liebe.

Wir müssen nichts vorweisen, wir müssen nichts leisten und werden umarmt. Das ist der Freispruch im Geist – wir sind frei – von der Last der Selbstrechtfertigung. Glauben heißt: loszulassen von dem Zwang, etwas vorweisen zu wollen und darauf zu vertrauen: Du bist geliebt. „Lass los von der Vorstellung, etwas dafür leisten zu müssen!“ Gott liebt! Punkt. In den Krippenspielen wollen die Hirten dem Kind gerne etwas mitbringen. Lukas erzählt davon nichts. Sie haben nichts und brauchen nichts mitzubringen – und doch sind sie die, die Gott als erstes anspricht. „Euch ist heute der Heiland geboren!“

Und dass in Jesus Gott selbst auf die Erde gekommen ist, können wir nicht beweisen oder erklären. Alles, was wir sehen, ist ein normales Kind. Wir können es aber leben und erleben. Wir können es bekennen und davon singen, wie die ersten Christinnen und Christen den Timotheus-Hymnus:

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens – Jesus Christus.
Er ist uns erschienen als Mensch
und freigesprochen worden im Geist.
Er wurde erkannt von den Engeln
und bekannt unter den Völkern.
Er wurde geglaubt in der Welt,
und aufgenommen in Herrlichkeit.

So haben sie gesungen, weil sie in Jesus ihr eigenes Leben wiedergefunden haben. Und weil sie gespürt haben, wie das Göttliche sie berührt hat. So singen wir auch jedes Jahr wieder zu Weihnachten, weil wir zumindest etwas ahnen von dem Geheimnis unseres Glaubens, dass Gott in die Welt, zu den Menschen, zu uns gekommen ist: Himmlische Heere jauchzen dir Ehre. Freue dich, o Christenheit.

Amen.

So schön wie hier

Wer findet den Fehler? Es war Peter, beruflich eher naturwissenschaftlicher Hintergrund, der bei seinem letzten Besuch darauf hinwies, dass der Satz von Christoph Schlingensief irgendwie merkwürdig ist: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“ Der Himmel – egal, ob wir christlich angehaucht sind oder Hardcore-Atheisten – steht für das Schöne an sich: „Wie im Himmel“ heißt der berührende schwedische Film. Verliebte sind gar im „7. Himmel“. Und „einfach himmlisch“ waren die Weihnachtskekse von Schwiegermutter, die unsere Tochter nun kongenial nachbackt.

Und „hier“, auf der Erde, ist die Lage doch eher gemischt. Schlingensief gab diesen Satz seinem Bericht über seine Krebserkrankung, der er nach fünf Jahren erlag. Und die auch bei ihm von jeder Menge unangenehmer Therapien und vor allem immer der Aussicht auf den Tod begleitet war. Und trotzdem: „So schön wie hier…“

Aber er hat auch nicht geschrieben: Auf der Erde ist es schöner als im Himmel. Diese Aussage könnte man zu Recht bezweifeln, denn der Himmel… siehe oben.

Ich könnte zum Beispiel aus voller Überzeugung sagen: „So schön wie in Niendorf kann’s in Spannbrück gar nicht sein.“ Ich weiß, wovon ich rede, denn ich komme von da. Mein Bruder, der immer noch von da kommt, sagt dagegen mit derselben Überzeugung: „So schön wie in Spannbrück kann’s in Niendorf gar nicht sein.“ Und wer hat nun recht?

Natürlich beide. Denn wir sagen nichts über die schönere Schönheit der Orte an sich. Sondern über unsere Beziehung zu unserem Ort. Der „Hamburger an sich“ weiß natürlich, dass unsere Stadt die schönste der Welt ist. Auch wenn internationale Rankings etwas anderes behaupten, und eins sogar München bevorzugt. Ausgerechnet München! Na gut…

Schlingensief sagt also im Grunde nichts über den Himmel, sondern alles über sein Verhältnis zur Erde: Er lebt gerne, und zwar weil das Leben so schön ist. Schöner als im Himmel. Trotz aller Gegengründe, die auch er zur Genüge hat.

Und das heißt auch: Er will nicht dorthin. Zumindest noch nicht. Und er schreibt im Vorwort: „Nicht zuletzt wünsche ich der Kirche, dass sie aufhört, uns mit den Geheimnissen des Jenseits unter Druck zu setzen. Das Leben ist zu schön, um uns Menschen permanent mit kommendem Unglück zu drohen. Gottes Liebe und Hilfe – egal, wer oder was das auch sein möge … manifestiert sich vor allem in der Liebe zu uns selbst! … Wir sind ganz einfach wunderbar. Also lieben wir uns auch mal selbst. Gott kann nichts Besseres passieren.“ (Seite 11) 

Nach der Diagnose setzt er sich intensiv mit seiner Krankheit auseinander. „Mal wütend und trotzig, mal traurig und verzweifelt, aber immer mit berührender Poesie und Wärme umkreist er die Fragen, die ihm die Krankheit aufzwingen: Wer ist man gewesen? Was kann man noch werden? Wie weiterarbeiten, wenn das Tempo der Welt plötzlich zu schnell geworden ist? Wie lernen, sich in der Krankheit einzurichten? Wie sterben, wenn sich die Dinge zum Schlechten wenden? Und wo ist eigentlich Gott?“ So steht es im Klappentext.

Trotz – oder wegen? – seiner Krankheit arbeitet er an einer Vision: Ein Operndorf in Afrika. In der Nähe von Ougadougou, Burkina Faso. Ein internationales Kultur- und Begegnungszentrum. Abgedreht, menschenfreundlich und „eines der gegenwärtig interessantesten Kulturprojekte weltweit“ (Chris Dercon).

Genauso verstehe ich auch den Titel der Biographie des chilenischen Dichters Pablo Neruda: „Ich bekenne, ich habe gelebt.“ Als Aussage ist er banal: Dass jemand gelebt hat, muss man nicht bekennen. Das gilt für alle Lebewesen. Aber gerade durch dieses Wort „ich bekenne“ wird die Aussage großartig und geheimnisvoll. Sie beschreibt in fünf Wörtern ein Leben voller Hingabe und Lust, Neugier und Leiden – und der Liebe zum Leben und zu seinem Land.

Von seiner Rückkehr aus Europa schrieb er: „Gegen Ende 1943 kam ich wieder nach Santiago. „Ich richtete mich im eigenen … Haus ein … und begann nochmals das schwierige Leben. Von neuem ging ich auf die Suche nach den Herrlichkeiten meines Vaterlandes, der starken Schönheit der Natur, dem Zauber der Frauen, der Arbeit meiner Gefährten, der Intelligenz meiner Landsleute.“ Und beschreibt dann auch deren überaus schwere Lebensbedingungen.

Bis zum Schluss blieb er seinen Überzeugungen treu, setzte sich für die Menschen ein und schrieb seine Gedichte. Er lebte sein Leben.

Ich bin weder Künstler wie Schlingensief noch dichtender Politiker wie Neruda. Aber in ihren Überzeugungen bin ich ihnen nahe: „Ich bekenne, ich habe gelebt“, und so will ich weiterleben, denn „so schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“

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Beitragsbild: pxhere, Torres del Paine, Chile

Verhandlungssache

Wenn wir an Abraham denken, steht das Bild von Isaaks Opferung oft im Vordergrund. Klar, wenn das Leben eines Kindes auf dem Spiel steht, schafft es diese Geschichte immer auf die erste Seite. Dabei gibt es eine andere, in der es um eine ganze Stadt geht – und in der Abrahams Charakter noch viel deutlicher zum Ausdruck kommt. Drei Männer besuchen ihn in seinem Beduinenzelt. Er lädt sie ein und bewirtet sie. Während des Gesprächs verraten sie ihm, dass sie, in Gottes Auftrag, zwei Städte zerstören sollen: Die Leute in Sodom und Gomorrha haben es sich mit dem Allerhöchsten verdorben. Doch mit der Zerstörung ist Abraham nicht einverstanden. „Und wenn es doch gute Menschen dort gibt?“, wendet er ein. „Gut, wenn es 50 Gute gibt, soll die Stadt leben.“ Abraham will das schon als Erfolg feiern, da kommen ihm Bedenken: „Und wenn es nur vierzig sind?“ Na gut, Gott ist gnädig. Vierzig also. Aber Abraham hat immer noch ein schlechtes Gefühl – nach mehreren Runden handelt er Gott auf 10 herunter.

Nun, wie man weiß, hat auch das nicht geholfen. Vielleicht hätte Abraham weitermachen sollen? Vielleicht hat er nicht damit gerechnet, dass die Städte so verdorben waren? Vielleicht wusste er auch als erfahrener Verhandler, dass seine Position ausgereizt war.

Man muss sich das einmal vorstellen: Der Mensch feilscht mit dem Allmächtigen um Menschenleben – auf der Seite der Menschen! An diesem Bild stimmt – dogmatisch – gar nichts. Und menschlich alles.

Denn im wirklichen Leben feilschen wir meistens mit Gott – um unser Leben, das unserer Lieben, das unserer Welt. Und Gott erweist sich oft als sehr flexibel: Dass die Menschen böse sind, nimmt er mal als Grund für deren Vernichtung, dann wieder – derselbe Grund! – für deren Rettung (Sintflut). Jakob stellt Gott Bedingungen : „Wenn es mir gut geht, will ich an dich glauben. Sonst – und im Raum steht, dass Jakob sich wohl auch durchaus anderen Göttern zuwenden würde. Eine sehr moderne Haltung (1. Mose 28,20). Später kommt es dann noch zu einer stundenlangen handfesten Auseinandersetzung mit einem Engel (Kap. 32).

Die Alten pflegen mit Gott ein äußerst dynamisches Verhältnis. Und Gott mit ihnen. Er macht zwar einen Vertrag mit Abraham, inklusive großer Versprechungen: Ich bringe dich zu jeder Menge Reichtum und Ehre. Wenn man aber genauer hinschaut, bleibt von dem allen nur ein Familiengrab. Und auch die weitere Geschichte Israels verläuft alles andere als glanzvoll.

Die Theologen haben sich immer eifrig bemüht, den Menschen dafür die Schuld zu geben. Nicht immer haben sie mich überzeugt.

Ich mag Abraham. Er weiß durchaus zu kämpfen (1. Mose 14). Aber im Grunde ist er ein großer Verhandler und Schlichter, der mit seinen Verwandten, Nachbarn und Gegnern gut auskommen will. Vielleicht ist seine Fähigkeit aus der Not geboren. Da er nichts besitzt und keine große Familie hat, ist seine Lage immer sehr unsicher. Eine militärische Auseinandersetzung kann er sich nur im Ausnahmefall leisten. Deshalb redet er.

Und auch wenn er manchmal in der Gefahr steht, sich um Kopf und Kragen zu reden – am Ende verdient er sich mit seinem Geschick und seiner Integrität von allen Seiten Achtung, auch die mächtiger Fürsten.

Ich glaube, dass ich Abrahams Situation nachfühlen kann. Zwar habe ich im Gegensatz zu ihm immer in einem festen Haus gelebt. Doch das Leben war für mich mehr schwankendes Boot als sicherer Hafen – in den letzten Jahren sowieso. Ich wurde enttäuscht, fallen gelassen und verletzt. Und ich habe Unterstützung erfahren und wurde gehalten; das Boot ist bisher nicht untergegangen.

Und wie Abraham habe ich ein Versprechen, eine Verheißung bekommen. Mein Konfirmationsspruch lautet: „Gott spricht: Ich will mit dir sein.“ (2. Mose 3,12) Aber wie das mit Verheißungen so ist: Was macht mich so sicher, dass ich wirklich gemeint bin? Gott sprach ja eigentlich zu Mose. Auch Abraham hat ihn gehört, Paulus und vielleicht sogar mein Nachbar. Doch mit mir sprach er allenfalls in Andeutungen. Ich kann Leonard Cohen verstehen, wenn er sich von Gott wünscht: „I wish we had a treaty I could sign.“ Ich wünschte, ich hätte einen Vertrag, in dem steht: Ich, Gott, erkläre verbindlich… Am besten mit Notar, Vertragsstrafen und all den Sicherungen.

Habe ich nicht. Ich habe nur die bisherigen Erfahrungen, dass ich lebe und dass ich gehalten werde. Ob das auch für heute oder gar morgen gilt? Dietrich Bonhoeffer hat schon recht: Wenn überhaupt, dann gibt uns Gott nur „in jeder Notlage soviel Widerstandskraft, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen“.

In der direkten Auseinandersetzung ist Gott mir überlegen. Deshalb mag ich gegen ihn auch nicht kämpfen. Auf der anderen Seite will ich aber auch nicht so einfach aufgeben. Denn es gibt Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt. In Abrahams Fall waren es Sodom und Gomorrha. Manchmal aber ist es einfach nur Lebenszeit, ein guter Tag oder der Sonnenstrahl, der gerade durchs Fenster scheint – und mich zum Spaziergang animiert wie in der Stunde, als ich diesen Beitrag schrieb…

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Die „Dreifaltigkeitsikone“ – am berühmtesten ist die von Andrey Rubljev – nimmt den RubljevGedanken des Gesprächs auf. Sie deutet die Gäste des Abraham als die drei Personen der Trinität und in einem immerwährenden Gespräch mit sich selbst. Gott ist nur Gott in Kommunikation, Begegnung und Bewegung. Eine schöne ausführliche Auslegung findet sich in der Zeitschrift Quatember. (The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=158610

Beitragsbild:  Julius Schnorr von Carolsfeld – Holzschnitt aus „Die Bibel in Bildern“, 1860. Drei Engel bei Abraham, Ankündigung der Geburt Isaaks. Quelle: Der Literarische Satanist, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5469758

Toleranz im Christentum

Vor einigen Jahren nahm ich zwei Bändchen aus meiner Bibliothek mal wieder in die Hand mit den Titeln „Griechische“ und „Lateinische Kirchenväter“, beide von Hans von Campenhausen. Er versammelt darin bedeutende Theologen der Frühzeit. Die meisten von ihnen waren mir auch sonst aus dem Studium bekannt, kluge Denker wie Origenes, Basilius, Athanasius, Tertullian und Augustinus. Sie hatten aber alle ein körperfeindliches Menschenbild – Origenes soll sich sogar entmannt haben, um nicht in Versuchung zu geraten – und waren die meiste Zeit damit beschäftigt, Andersdenkende zu bekämpfen. Eine Ausnahme ist vielleicht ausgerechnet Origenes, der selbst Schwierigkeiten mit der kirchlichen Hierarchie bekam.

Und dann stieß ich auf einen Mann, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Synesios von Kyrene (ca. 370-412). Ich war fasziniert. Bei Wikipedia läuft er als „Philosoph“. Er war reich und hervorragend gebildet. Er war Schüler der klügsten Philosophin der damaligen Zeit, Hypatia von Alexandrien, die ihrerseits von intoleranten Christen gelyncht wurde. Beide waren Neuplatoniker, und Synesios versuchte die Philosophie mit dem Christentum zu verbinden. Etlichen christlichen Lehren hat er entschieden widersprochen. So war er der Meinung, dass die Erde schon ewig bestehe und nicht irgendwann in der Zeit erschaffen worden sei, dass es eine unsterbliche Seele gebe und die Auferstehung ausschließlich geistig zu verstehen sei.

Das musste ihn in der Kirche verdächtig machen. Andererseits wurde er von der athenischen Philosophenschule nicht zu den höheren Kursen zugelassen, weil sie seinem Christentum misstrauten. Ein Mann zwischen allen Stühlen also.

Und doch hatte er ein solch hohes Ansehen, dass er Politiker und Militärbefehlshaber war und – gegen seinen Widerstand – später zum Bischof gewählt wurde. Nur sein Grundanliegen, eine Brücke zwischen Philosophie und Theologie zu schlagen, blieb auf lange Sicht wirkungslos. Es setzten sich die kirchlichen Scharfmacher durch, mit zum Teil fatalen Folgen.

Ähnlich ging es ein paar hundert Jahre später dem spanischen Theologen Raimundus Lullus (1232-1316). Ich hatte den Namen schon einmal gehört, als mir ein Mitglied unserer Gemeinde, das zum Islam konvertierte, „Das Buch vom Heiden und den drei Weisen“ schenkte. Ein Heide möchte gerne wissen, welche Religion die beste sei. Jeweils ein Jude, ein Moslem und ein Christ versuchen ihn nun in mehreren Gesprächsgängen von den Vorteilen der eigenen Auffassung zu überzeugen. Natürlich kommt der Christ dabei tendenziell ein wenig besser weg. Aber Lullus ist für seine Zeit erstaunlich objektiv. Und vor allem gehen alle vier auseinander, ohne dass sie zu einer endgültigen Einigung kommen. Sie verabreden am Ende des Buches weitere Gespräche.

Und das ist himmelweit von den sonstigen Apologien und Streitschriften der damaligen Theologen entfernt. Besonders auch von den Ausfällen eines Martin Luther. Wie man ein ganzes Jahr während der Reformationsdekade dem Thema „Toleranz“ widmen konnte, ist mir ziemlich schleierhaft. Es war vielmehr die hochgradige Intoleranz der Protestanten wie der Katholiken, die die Toleranz in Europa befördert haben: Indem die Konfessionen im 30-jährigen Krieg so verbissen übereinander hergefallen sind, dass die Kontrahenten Verabredungen treffen, irgendwie zusammenzuleben, ohne sich die Köpfe einzuschlagen – einfach um zu überleben.

Intoleranter als Luther noch war wohl nur Calvin, der sogar den „Häretiker“ Michael Servet auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ. Dagegen protestierte, soweit ich weiß, damals nur ein Theologe, Sebastian Castellio. Von dem hatte ich bis vor drei Jahren noch überhaupt nichts gehört. „Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten“, schrieb er an Calvin. Der wiederum antwortete erst mit Zensur, dann mit Gegenschriften und schließlich mit einer Häresie-Anklage, die dann nur durch den frühen Tod Castellios fallen gelassen wurde.

Alle drei Autoren wurden zwar auch nach ihrem Tod gedruckt und gelesen, aber eher im Untergrund und von solchen, die mit der kirchlichen Hierarchie selbst Streit hatten. Die Mainstream-Theologie nahm kaum Notiz von ihnen. Geprägt wurde die Kirche also über weite Strecken von intoleranten Hardlinern. Das hätte nicht so kommen müssen.

Synesios, Lullus und Castellio sind meine „Kirchenväter“, in deren Tradition ich mich verstehe. Ich wünsche mir für mich ihren Mut, ihre Klarheit und ihre Toleranz.

Psalm-Worte für jeden Tag

Vor einiger Zeit fragte mich Hans-Christoph Goßmann, ob ich eine Rezension von Reinhard von Kirchbachs „Worte für jeden Tag“ für das Deutsche Pfarrerblatt schreiben könne. Ich hatte vorher noch nie etwas vom Autor gehört, obwohl er nordelbischer Pastor und Propst gewesen ist. Aber ich sagte zu.

Erstens weil Christoph ein guter Freund ist. Er wohnt in Niendorf und ist Pastor der Jerusalem-Kirche in Eimsbüttel. Ich habe ihn kennengelernt, als er noch nordelbischer Beauftragter für den christlich-islamischen Dialog war. Auf diesem Blog tauchte er schon einmal auf – hier.

Und zweitens, weil von Kirchbach mich wirklich faszinierte. Warum? Genau das versuchte ich in der Rezension darzustellen.

1731 brachte Nikolaus Zinzendorf die Losungen heraus; sie gehören seitdem zur evangelischen Spiritualität. Inzwischen gibt es solche Sinnsprüche nicht nur aus der Bibel, sondern von Luther und Bonhoeffer – für den die Losungen selbst eine große Bedeutung besaßen –, Goethe und Rilke. Im besten Fall „passen“ sie in die Situation, deuten das Leben, sind tiefsinnig, hintergründig und regen zum Weiterdenken an. Nun hat Hans-Christoph Goßmann ebenfalls „Worte für jeden Tag“ herausgegeben, Sätze und Gedanken aus den Schriften von Reinhard von Kirchbach.

Reinhard von Kirchbach?

von Kirchbach (1913-1998) war Propst im Kirchenkreis Schleswig. Sein Anliegen war, besonders in den letzten Jahrzehnten seines Lebens, der interreligiöse Dialog. Er beklagte, dass wir unsere eigene Position als selbstverständlich dominant voraussetzen und kaum fähig sind, andere zu verstehen. Deshalb gründete er vor 35 Jahren einen Arbeitskreis für den interreligiösen Dialog. Er suchte und fand eine sehr konstante Gruppe von Moslems, Hinduisten, Buddhisten, Christen und, vereinzelt, Juden, mit denen er ins Gespräch kam. Sein Ziel war nicht die Mission, nicht die Verteidigung des eigenen Standpunkts, sondern das Verstehen des Anderen.

Aus Anlass seines 100. Geburtstags brachten Michael Moebius und Hans-Christoph Goßmann eine elfbändige Ausgabe seiner Werke heraus – mit dem Titel: „Eine Theologie im Gebet“. Aus diesen Schriften hat Goßmann „Worte für jeden Tag“ gesammelt.

kirchbach.jpgDiese „Worte“ unterscheiden sich von den Sinnsprüchen eines Goethe oder Rilke, auch von den Herrnhuter Losungen. Im Vorwort nimmt Goßmann ein Anliegen von Kirchbachs auf: „Ich wünsche mir Leser, die diese Worte … in der Hetze zu mehr Ruhe, in der Unübersichtlichkeit zu größerer Klarheit und in dem täglichen Arbeits- und Existenzkampf zu ‚menschlichem‘ Verhalten“ führen.

So sind die „Worte“ auch weniger Reflexionen und Gedanken, sondern vielmehr Gebete, die aus einem Bewusstsein der Nähe Gottes entstanden sind. Ja, von Kirchbach fühlt sich Gott so nahe, dass er Gott selbst reden lässt – wie die biblischen Propheten.

Diese Gottesrede irritiert. Woher weiß von Kirchbach, was Gott denkt, was Gott zu mir spricht? Natürlich weiß er es nicht. Und seine Aussagen wären in der Tat unerträglich, kämen sie im Gewand der Dogmatik daher. Aber er spricht die Sprache des Gebets, der Poesie – „mit Worten niedergeschrieben, wie sie sich bei mir einfanden“, wie er selbst sagt. Er gibt sich in das Geheimnis Gottes hinein und wartet, dass und ob etwas geschieht.

Wenn „Gott“ in diesen Worten spricht, dann ist es zunächst von Kirchbachs Gott – das Wort, das er in der Stille gehört hat. Ob es auch zu meinem Wort wird, bleibt erst einmal völlig offen. Oft wird es erst dann lebendig, wenn ich selbst in die Stille gehe. Genau das ist die Absicht von Kirchbachs: „Es ist nicht die Menge des Gelesenen“, schreibt er, „sondern das aufmerksame Hören des Herzens.“

Weggefährten beschreiben so auch seinen Gesprächsstil: Er interessiert sich für sein Gegenüber, denkt sich in seine Gesprächspartner hinein, manchmal entsteht eine Stille – in die hinein er ein Wort spricht, ein gutes Wort, einen Segen – wie es sich bei ihm einfindet.

So sind auch diese „Worte für jeden Tag“ nichts für Menschen, die etwas „über“ Gott, den Autor, die Welt oder sich selbst wissen wollen. Sie unterscheiden sich von einer Losung, die eine Richtung vorgibt ebenso wie von einem Sinnspruch, der eine Deutung verspricht. Sie sind wie Türen in ein erweitertes Verständnis des Lebens und Denkens – wenn man sich die Zeit nimmt, diese Wege zu gehen.

Es sind Worte, die ihre Fremdheit nicht verlieren – dieser Eindruck wird durch die Beibehaltung der alten Rechtschreibung noch verstärkt. Wie die Psalmen der Bibel verkünden sie auch keine theologischen Richtigkeiten, sondern spiegeln persönliche Gottesbegegnungen wider und werden erst dann wirksam, wenn sie im eigenen Herzen nach- und mitgesprochen werden können. Und wie mit den Psalmen geht es mir mit diesen zeitgenössischen Worten; manche sind mir bis heute verschlossen, andere tun sich spontan auf und wieder andere fangen erst nach langer Zeit an zu leuchten.

Reinhard von Kirchbach: Worte für jeden Tag, hrsg. von Hans-Christoph Goßmann
Verlag T. Bautz GmbH Nordhausen, 2014 (I
SBN 978-3-88309-912-5)

Das wirkliche Leben

Eines der geheimnisvollsten und wichtigsten Worte, die mir in der letzten Zeit begegnet sind, hat Martin Buber gesagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Wie wahr, habe ich oft gedacht. Wenn wir unseren wöchentlichen Lichtblick zu wählen hatten, dann waren es fast immer Begegnungen, die uns eingefallen sind. Oft haben wir dann einen anderen Lichtblick gewählt, weil es sonst ziemlich eintönig geworden wäre; nur die Namen hätten manchmal gewechselt.

Begegnungen und Gespräche, die Nähe zu anderen Menschen, ihre Teilnahme, ihre Gebete, einfach ihr Da-sein geben uns Leben und Freude und Energie – das, was die Mediziner etwas spröde „Lebensqualität“ nennen. Man kann auch sagen: Sie sind unser Lebenselixier. Dazu zählen natürlich vor allem die persönlichen Begegnungen, aber auch die über den Blog, über Mails, übers Telefon. Oder diejenigen „über Bande“ – wenn uns Menschen erzählen, dass andere Menschen innerlich unseren Weg mitgehen.

„Begegnung“ aber ist auch das Zauberwort in meiner Glaubenswelt geworden. Dabei haben mir die Exerzitien wichtige Anstöße gegeben. So fragte ich Pfr. Mückstein, warum Gott bei meiner Krankheit nicht besser aufgepasst habe. Ein andermal erzählte ich ihm, dass ich den Paulustext Römer 1,18-31 ablehne. Ich hoffte dann auf eine anregende theologische Diskussion – die mir der Spiritual jedesmal verweigerte. Stattdessen gab er mir den Ratschlag: Sprechen sie mit ihm – mit Gott, mit Paulus. Gehen Sie in den Meditationsraum und schweigen Sie eine Stunde mit Gott. Und als ich ihn fragte, wer mir dort antworten sollte, meinte er: Trauen Sie Gott doch zu, dass er mit Ihnen redet.

Ich habe es getan. Und es war tatsächlich wie ein Gespräch. Ob es mit Gott oder mit mir selbst war – wer will das objektiv wirklich beurteilen? Es hat mich zumindest weitergebracht als eine theologische Diskussion. Und näher zu mir selbst. „Wenn an Gott glauben heißt, über ihn in der dritten Person zu reden, glaube ich nicht an ihn. Wenn es heißt, mit ihm zu reden, glaube ich.“ (Martin Buber) Und auch die Gespräche mit Paulus und Jesus haben mir noch einmal neue Türen geöffnet. Trotzdem bin ich nach wie vor ein Fan von differenziertem theologischen Denken.

Und noch in einem dritten Bereich ist mir „Begegnung“ wichtig geworden: in der Politik. Hans-Dietrich Genscher hat einmal gesagt: „Solange man miteinander redet, schießt man nicht aufeinander.“ Das gilt für mich nicht nur für die internationale Politik, sondern auch für das Miteinander in unserem Land. Ich trete dafür ein, mehr mit Moslems zu reden als über sie, mit der AfD, mit dem nervigen Nachbarn. Ronja von Rönne hat dazu in einer schönen Kolumne geschrieben: „Es geht auch um den Entschluss, nicht erfrieren zu wollen in einer erkalteten Gesellschaft, sondern stattdessen ein Nachbarschaftsfest zu organisieren. Was natürlich viel schwieriger ist, als ein Deckenburrito zu sein [= sich in eine Decke einzumümmeln wie in einen Burrito]: Was, wenn keiner kommt? Oder noch schlimmer, was wenn jemand kommt?“

Was aber ist, wenn die Nachbarn nicht wollen, wenn sich die AfD in ihren Hassreden gefällt, und die moslemische Gemeinde lieber in ihrer Opferrolle verharrt und sich gar nicht integrieren will? Ralf hat mir bei unserem letzten Besuch das Buch von Tuba Sarica gezeigt, in dem sie die Scheinheiligkeit der im Grunde integrationsunwilligen Deutschtürken schildert. Die Probleme sind immens, ob bei Moslems oder AfD. Übrigens – kann jemand mal anfangen, Horst Seehofer zu integrieren?

Manchmal ist es auch nötig, Abstand zu halten, wenn es geht. Nicht mit allen Menschen kommt man klar. Und auch in der Gesellschaft ist die Haltung eines „leben und leben lassen“ manchmal hilfreicher als sich mit allem und jedem auseinander zu setzen.

Trotzdem bleibe ich dabei: Soviel und solange miteinander reden wie möglich. Mein Beispiel ist unsere türkische Gemeinde, die ich mit den Konfis viele Jahre lang besucht habe. Sie pflegt intensiv eine türkische und muslimische Identität. Und doch gehörten ihre Beiträge zu meinem Abschied aus der Gemeinde zu den berührendsten. Ich glaube auch, dass ich mehr erreiche, wenn ich sie als Freund kritisiere und nicht als Gegner.

Begegnung ist für mich zwar kein Allheilmittel, aber ein Schlüsselwort geworden, im persönlichen wie im religiösen und politischen Bereich.