Szenen einer Auferstehung

 

Exerzitien 34. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“.

Einige Wochen nach dem Erlebnis in Emmaus ging ich auf den Ölberg und setzte mich dort unter einen Olivenbaum. Ich brauchte etwas Abstand. Ich ließ meinen Blick schweifen über den Garten Gethsemane, den Tempel und, im Hintergrund, den Golgatha-Hügel, auf dem Jesus gekreuzigt worden war. Erinnerungen stiegen hoch, besonders an die letzte Zeit.

Ich hatte mich meistens in Jerusalem und Umgebung aufgehalten. Oft traf ich mich mit den Jesus-Anhängern. Es war eine merkwürdig intensive Stimmung. Wir redeten miteinander, lasen in den Heiligen Schriften und beteten, um die Erlebnisse einzuordnen.

Das Beten der Juden war für mich immer noch ungewohnt. In Rom beteten wir auch: Wir gingen zum Altar des jeweiligen Gottes, von dem wir uns etwas wünschten, brachten ihm ein Opfer und unser Anliegen vor und gingen wieder nach Hause. Hier standen wir in einem Raum, die Hände erhoben, einige murmelten, manchmal sprachen wir ein gemeinsames rituelles Gebet. Und dann war dieser Tag, an dem ein, dann zwei und drei von uns sagten: „Jesus, ja, ich sehe dich.“ Ich sah zwar nichts, aber ein gutes Gefühl bekam ich doch, so etwas wie Heimat und Trost und innerer Friede. Und als wir die Augen wieder aufmachten, meinte eine: „Er hat uns den Heiligen Geist gegeben.“ Und ein anderer ergänzte: „Und ich habe gehört, wie er gesagt hat: Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.“

Über dieses Wort diskutierten wir noch länger. Die einen meinten, es wäre eine Aufforderung, unseren Mitmenschen zu vergeben. Wenn wir vergeben könnten, dann würden auch sie Frieden finden. Andere sagten: Das ist noch viel größer. Und sie erinnerten daran, dass Jesus selbst Sünden vergeben hätte – etwas, das doch sonst nur Gott zustände. Wir hätten also dieselben Fähigkeiten wie Gott. Doch wir wurden uns nicht darüber einig, was das denn konkret bedeuten würde. Ich gestehe, dass ich den ganzen Überlegungen über die Sünde auch nicht ganz folgen konnte. Der Mensch ein Sünder? Gut, ich habe meine Fehler. Aber die werde ich nicht los, indem irgendjemand sagt: Ich vergebe dir deine Sünden. Die bekomme ich allenfalls ein wenig in den Griff, wenn ich hart an ihnen arbeite. Und das ist eher ein längerfristiges Projekt.

Und dann war da die Geschichte mit Thomas. Ich kannte ihn als einen ziemlich kritischen Geist, doch nach diesem bewussten Ereignis war er ziemlich verwandelt.

Ich war nicht selbst dabei. Man erzählte mir, dass Thomas wieder mal an den ganzen Erscheinungsgeschichten herumnörgelte, als ER plötzlich im Raum stand. Alle hätten ihn gesehen, und Thomas hätte Jesus sogar berührt. Was auch immer geschehen war, danach gehörte Thomas zu den überzeugtesten Jüngern. Mir erzählte er später, dass Jesus gesagt habe: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Ich nahm es als einen ziemlich realistischen Hinweis darauf, dass mir das Sehen nicht vergönnt sein würde.

Danach hörten die Erscheinungen dann auch allmählich auf. Einige Jünger waren davon überzeugt, dass sie Jesus noch einmal dort sehen würden, wo alles angefangen hatte. Und in der Tat kamen sie kürzlich mit einer seltsamen Geschichte zurück: Sie wären in Galiläa wieder ihrem alten Beruf als Fischer nachgegangen. Nach einem ziemlich erfolglosen Tag auf See hätten sie am Ufer einen Mann gesehen, der sie aufgefordert hätte, noch einmal hinauszufahren. Und da wären die Netze übergequollen.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich kannte die Geschichte schon. Nur war sie zwei Jahre früher passiert, als Jesus noch lebte. Petrus aber schien mir sehr verändert zu sein. Ruhiger, verantwortungsvoller. Als würde er allmählich seinen Platz in der Welt finden.

In den letzten Tagen hatte ich von keinen Erscheinungen mehr gehört. Einige sagten: Jesus ist jetzt endgültig in den Himmel gefahren, zu seinem Vater.

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Die Bibelstellen, die diesem Exerzitientag zugrunde lagen, kamen vor allem aus dem Johannesevangelium: Johannes 20,19-23 (Beauftragung der Jünger), 20,24-29 (Jesus und Thomas), 21,1-17 (Am See). Die Theologen stimmen fast alle darin überein, dass das 21. Kapitel später angehängt wurde. Und schließlich Lukas 24,44-53.

Emmaus

Exerzitien 33. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“.

Ich war gesättigt und schlenderte noch ein bisschen ziellos durch die Stadt. Ich schaute mir die Marktstände an, sah auf die Menschen – alle hier schienen ein Ziel zu haben. Die einen, weil sie irgendwohin mussten, die anderen, weil sie wollten. Ich wollte nirgendwohin.

Und so ließ ich mich aus der Stadt heraustreiben, durch das Gartentor, und fand mich auf der Straße Richtung Joppe wieder. Je weiter ich ging, desto weniger Menschen traf ich. Umso überraschter war ich, als mich einer von hinten anrempelte. Ich schaute ihn genauer an. „Kleopas?“, fragte ich. Ich hatte ihn ein paar Mal in der Gefolgschaft von Jesus gesehen. Und auch er erkannte mich. Er stellte mich seinem Freund vor; die beiden waren auf dem Weg nach Emmaus.

Wir passten uns in der Geschwindigkeit an und kamen ins Gespräch, natürlich über Jesus. „Wir kommen gerade von der Jüngerrunde“, sagte Kleopas. „Und einige meinten, sie hätten Jesus gesehen. Er wäre nicht mehr tot. Sehr merkwürdig das Ganze, und wenig glaubhaft.“

„Nun“, meinte ich, „das mit dem leeren Grab mag stimmen. Ich war ganz in der Nähe, als es passierte.“

„Und?“, fragte Kleopas, „was hast du gesehen?“

„Ich weiß auch nicht so recht. Das Grab war leer, und Maria aus Magdala meinte, ihn gesehen zu haben. Ich sah nur einen Schatten und weiß nicht, ob sie recht hat.“

„Sie hat recht“, sagte eine fremde Stimme. Wir hatten nicht gemerkt, dass sich ein weiterer Mann zu uns gesellt hatte, der sich nun in das Gespräch einmischte. Wir schauten ihn fragend an. „Aber das ist doch offensichtlich“, sagte der Fremde. „Ihr kennt doch die Heiligen Schriften. Da steht schon alles drin.“

Und dann fing er buchstäblich bei Adam und Eva an und erzählte und deutete. Kleopas hielt dagegen, es entspann sich eine lebhafte Diskussion. Und als die Rede auf den Jesajatext kam, den Johannes mir gegeben hatte, mischte ich mich auch ein. Und obwohl wir unterschiedlicher Meinung waren, gerieten wir nicht wirklich in Streit. Wir diskutierten die großen Linien der jüdischen Theologie, streiften die griechischen Philosophen, verbissen uns in einen Einzeltext – und wir merkten kaum, wie die Zeit verging.

Die Sonne stand schon knapp über dem Horizont, als wir die ersten Häuser von Emmaus erreichten. Erst da fing ich an, mir Gedanken darüber zu machen, wo ich denn übernachten könnte. Aber Kleopas zerstreute meine Befürchtungen. „Es ist so nett mit euch“, meinte er. “ Wollt ihr nicht über Nacht bleiben?“ Wir willigten ein.

Kleopas und sein Freund wohnten offensichtlich alleine in dem Haus. Und während sich der eine in der Küche zu schaffen machte, schüttelte der andere einige Strohsäcke für das Nachtlager auf. Kurze Zeit später saßen wir um den gedeckten Tisch.

Da nahm, wie selbstverständlich, der Fremde das Brot, sprach ein Dankgebet und teilte es unter uns aus. Dann sagte keiner von uns mehr ein Wort. Kleopas und sein Freund starrten den Fremden an. Schweigend aßen wir, schweigend räumten die Hausherren den Tisch. Ich folgte ihnen in die Küche.

„Es ist wie beim letzten Essen mit Jesus“, flüsterte Kleopas.

„Dieselben Worte, dieselben Gesten“, ergänzte sein Freund.

„Meint ihr, er ist es?“, fragte ich. „Ehrlich gesagt, am Gesicht hätte ich ihn nicht erkannt. Sollte ihn die Kreuzigung so verändert haben?“

„Aber er hat uns genauso begeistert wie unser Rabbi“, sagte Kleopas. „Wisst ihr noch, damals am See Tiberias?“ – „Und in seinem Haus in Kapernaum“, ergänzte sein Freund.

„Wir sollten wieder rübergehen“, unterbrach ich ihre Erinnerungen. Aber als wir zurück kamen, war der Fremde verschwunden. Wir hatten ihn nicht gehen hören.

„Und wenn er es nicht war“, meinte Kleopas nachdenklich, „dann war es seine Gegenwart. Das müssen wir sofort den anderen erzählen.“ Und trotz der vorgerückten Abendstunde machten wir uns auf den Weg. Es sollte spät werden in der Nacht. Und in so mancher weiteren Nacht auch.

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Beitragsbild: Christus und seine Jünger in Emmaus, nach Hendrick Bloemaert – collectie.boijmans.nl : Home : Info : Pic, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39428721

Ostermorgen

Exerzitien 32. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“. Der Beitrag knüpft an den 29. Teil an: Karsamstag.

Der Tag, nachdem wir Jesus ins Grab gelegt hatten, hatte mich in eine seltsame Stimmung versetzt – nicht richtig traurig, eher melancholisch und nachdenklich. Ich hatte plötzlich keine rechte Vorstellung von meiner Zukunft und meinen Lebensplänen mehr. Selbst die römischen Thermen hatten ihre Anziehungskraft verloren.

Ich bettete mich also zur zweiten Nacht. Und was ich danach erlebte, kann ich bis heute nicht wirklich einordnen. War es Traum oder Vision, Halluzination oder Realität?

Ich öffnete die Augen. Es war früh am Morgen, die Sonne ging gerade auf. Ich hörte Stimmen, Frauenstimmen. Maria Magdalena konnte ich identifizieren, einige andere auch. Sie wollten bestimmt die Leichenpflege nachholen – aber konnten sie auch den Stein bewegen? Da hörte ich einige überraschte Rufe. Ich näherte mich, und da sah ich es auch: Der Stein war weggerollt worden. Ich hatte nichts bemerkt.

Plötzlich schauten die Frauen in eine andere Richtung. Ich konnte nichts erkennen, Sträucher und Bäume verwehrten mir den Blick. Aber ich hörte eine Stimme: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“, soll sie gesagt haben. So berichteten die Frauen später. Ich hatte vielmehr gehört: „Was sucht ihr das Leben beim Tod?“

Und dieser Satz sprach mich unmittelbar an. Wie eine Botschaft aus einer anderen Welt. Vielleicht war es ja ein Engel, wie die Frauen später behaupteten. Und er hatte ja Recht: Wenn ich Leben finden wollte, dann nicht hier beim Toten. Ich musste also weg. Aber wohin? Ich wusste es nicht. Nicht zu den Jüngern, dachte ich noch. Deren Denken und Reden kreiste bestimmt auch nur um den Toten und den Tod. Aber ich wollte auch nicht zu den Frauen in ihrer Trauer.

Sie waren ohnehin inzwischen wieder weggegangen. Bis auf eine, Maria Magdalena. Ich sah, wie sie mit jemandem sprach: „Bist du der Gärtner? Sag mir, wo ist der Leichnam? Hast du ihn weggebracht?“ Als Antwort hörte ich nur ein Wort: „Maria.“ Die Angesprochene erstarrte. „Rabbuni?“, fragte sie. Und dann: „Rabbuni!“ – mein Rabbi, mein Lehrer, mein Meister.

Nun wollte ich es selbst wissen und näherte mich. Als ich unter den Bäumen hervortrat, sah ich eine Gestalt aus dem Garten verschwinden. Aber ich konnte sie nicht mehr erkennen. Ich wandte mich Maria zu. Wie in Trance schaute sie mich an. „Ich habe Jesus gesehen“, sagte sie. „Wie, Jesus?“, fragte ich zurück. Aber sie hörte mir gar nicht richtig zu. Mit einem etwas entrückten Blick drehte sie sich um und ging aus dem Garten.

Und ich überlegte, was wohl mit ihr passiert sein mochte. Sie hatte wohl schon immer einen Sinn fürs Übersinnliche gehabt. Man hatte mir erzählt, dass Jesus ihr sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Was immer das heißen mochte. Sicher war: Sie hatte eine besondere Beziehung zu Jesus gehabt und war von seinem Tod besonders betroffen.

Aber war das eine Erklärung für das, was ich gerade gesehen hatte? Ein einziges Wort, ich hatte es auch gehört: „Maria“ – und all ihre Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit war wie weggeblasen. Was hatte sie gesehen? Was hatte sie gehört? Was hatte sie berührt? Ein Wort? Eine Geste. Sie hat es mir nie erzählt.

Ich schaute mich um. „Was sucht ihr das Leben beim Tod?“, hatte ich noch im Ohr. Ich musste los. Erst einmal nach Jerusalem hinein. Die Stadt war nach dem gestrigen Ruhetag, dem Sabbat, zu neuem Leben erwacht. Was ich dort wollte, wusste ich noch nicht. Aber zumindest musste ich etwas essen.

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Beitragsbild: Die Erscheinung Christi vor Maria Magdalena nach der Auferstehung, von Alexander Andreyevich Ivanov (1806 – 1858) – Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21853920.
Das Video spielt den Song „I don’t know how to love him“ aus der Rockoper Jesus Christ Superstar von Andrew Lloyd Webber (1970), Text Webber und Tim Rice, gesungen von Yvonne Elliman. Lizenziert an YouTube durchUMG, AdRev for a 3rd Party (im Auftrag von Universal Pictures Film Music); UMPI, Really Useful Group Ltd (music publishing), ASCAP, CMRRA, UMPG Publishing, UBEM und 6 musikalische Verwertungsgesellschaften.

Auferstehung ganz anders

Exerzitien 31. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“.

Die Exerzitientage Karfreitag, Karsamstag, Ostersonntag und -montag fielen – Zufall oder nicht – genau auf die Wochentage Freitag bis Montag. Am Sonnabend machte mir Pfr. Mückstein noch den Vorschlag, die Auferstehung im Strahl der aufgehenden Sonne zu feiern. Allerdings meinte er auch, dass ein solches Vorhaben eher während der Exerzitien, die näher an Frühling oder Herbst liegen, realistisch sei. Jetzt, am 1. Juli, wäre es wohl doch eine zu große Herausforderung wegen der frühen Stunde. Ich stimmte ihm zu. Doch es sollte anders kommen.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Mich plagten intensive Schmerzen, und ich fühlte mich sehr unwohl. Es war gegen halb vier. Ich schaute zum Fenster, das nach Westen ging. Wurde es schon hell? Dunkel erinnerte ich mich an den Vorschlag Pfr. Mücksteins. Ziemlich benommen wankte ich zur Terrasse, die nach Osten hinaus ging. Tatsächlich, über der Rochuskapelle bildete sich deutlich ein roter Rand. Ich hatte die Auferstehung gesehen! Das reichte nun aber auch. So zielstrebig wie nur möglich ging ich wieder ins Bett und versuchte, noch ein wenig zu schlafen. Am nächsten Morgen erst kam ich auf die Idee, dass ich ja ein Foto vom Sonnenaufgang hätte machen können.

In der Nacht auf den Montag wiederholte sich der Vorgang: Ich wachte wegen der Schmerzen im Rücken auf, etwa um dieselbe Zeit. Diesmal war ich vorbereitet, ergriff das Smartphone, ging auf die Terrasse, und zu meinem Glück war es ein ähnliches Bild wie in der Nacht vorher.

Obwohl – Glück? Ich hatte Schmerzen, ich war müde und mir war kalt. Unter einem Ostermorgen bei Sonnenaufgang hatte ich mir immer etwas anderes vorgestellt – etwa so, wie es viele Jahre auch bei uns in der Gemeinde praktiziert wurde: Eine Gruppe von Christinnen und Christen macht sich mitten in der Nacht auf, müde zwar, aber guter Dinge. Die Gemeinschaft ist gut, am Ziel angekommen kann man gemeinsam den Sonnenaufgang beobachten – oder wegen der Wolken auch nicht. Aber das gemeinsame Frühstück, die Gespräche, das Erlebnis entschädigen für alles.

Gab es bei mir die Auferstehung nur unter Schmerzen?

Kurt Marti, der Schweizer Dichterpfarrer (1921-2017) schrieb 1969: „Aber es kommt eine Auferstehung, die ganz anders wird als wir dachten.“ Und er dachte sie sich sozialpolitisch, als „Aufstand Gottes gegen die Herren“. Aber vielleicht ist sie ja noch einmal ganz anders.

Mit Schmerzen hatte ich mir die Auferstehung bisher nicht zusammendenken können. Aber wer weiß? Mir blieb noch bis zum Donnerstag Zeit, dem Geheimnis ein wenig mehr auf die Spur zu kommen.

Auferstehung

Exerzitien 30. Teil, Bingen 2018, die „vierte Woche“.

Die Auferstehung ist das Highlight des christlichen Glaubens. Hinduismus und Buddhismus haben die Wiedergeburt, Atheisten das Nichts und die Naturreligionen die Welt der Ahnen. Auferstehung ist etwas anderes. Sie ist – ja, was ist sie eigentlich? Überwindung des Todes, Überwindung von Leid, Krankheit und Schmerz. Sie ist unsere Hoffnung, und sie gibt dem Tod Jesu erst einen Sinn. „Wenn aber Christus nicht auferweckt wurde, dann hat unsere Verkündigung keinen Sinn. Auch euer Glaube ist dann sinnlos“, schreibt Paulus an die Korinther (1. Kor. 15,14). Aber selbst die Bibel bleibt eher undeutlich, wenn es um die konkrete Beschreibung der Auferstehung geht.

Auferstehung Isenheimer-AltarDa gibt es die Geschichten, in denen Jesus nach seinem Tod wieder als Mensch aus Fleisch und Blut auftaucht. Er spricht mit den Menschen (z.B. Lukas 24, 17), teilt Essen aus (Lukas 24, 30; Johannes 21, 13), und der „ungläubige“ Thomas soll seine Finger in seine Wunden legen und ihn so fühlen (Johannes 20,26-29). Der Prophet Ezechiel beschreibt in einer Vision, wie tote Knochen mit Fleisch und Haut überzogen werden und Gott sie wieder lebendig macht (Ez. 37, 1-14).

Und dann wird der Auferstandene beschrieben wie ein Geist, der plötzlich durch verschlossene Türen auftaucht (Johannes 20, 26) und wieder verschwindet (Lukas 24, 31).

Wie also kann ich mir die Auferstehung vorstellen? Matthias Grünewald versuchte beide Seiten miteinander zu verbinden, indem er Jesus in einer Gloriole darstellte. Weit weniger überzeugend fand ich einen ähnlichen Versuch in einem Jesus-Film, der sich besonders nah an die Bibel anlehnte: Der Auferstandene tauchte in einem leuchtenden Gewand auf, mit einem entrückten Lächeln auf den Lippen. Es war ziemlich unerträglicher Kitsch.

Dagegen war die Darstellung im Film „Die Bibel – Jesus“ vom Regisseur Roger Young, den ich sonst für recht gelungen halte, für mich zu realistisch.

Und heute? Fromme Christinnen und Christen behaupten: „Jesus lebt.“ Aber Lukas hat ihn schon in den Himmel auffahren lassen (Lukas 24,51). Und wenn er heute irgendwo auftaucht, dann in einer Geschichte („Der Großinqusitor„), im Film („Jesus liebt mich„) oder im Glauben.

Wenn selbst 2000 Jahre theologischer Forschung die Frage nach der Auferstehung nicht klären konnten, dann soll es vielleicht ein Geheimnis bleiben. Ein Geheimnis kann man nicht lösen. Man kann sich ihm aber annähern.

Einmal habe ich es schon versucht, hier. Und dann während der Exerzitien in Bingen. Davon werde ich demnächst berichten.

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Bild: Matthias Grünewald, Isenheimer Altar, Auferstehung. Von hanneswave – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=161783rum zuzu30

Lichtblick der Woche

Herz Dänemark

Ein Herz.

 

Und Claudia schrieb dazu:
Gefunden am Strand in Dänemark. Für die schwere Zeit soll es Euch Kraft geben. 

Für uns auch ein Zeichen für alle Gedanken und Gebete, die wir füreinander haben. Und die uns tragen.

 

Tanz ins Leben

Normalerweise mache ich um Filme, die als „Tragikomödien“ bezeichnet werden, einen weiten Bogen. Sie sind meistens nicht wirklich komisch, weil sie einfach zu tragisch sind. Glücklicherweise wusste ich nicht, dass der Film „Tanz ins Leben“ genau dieses Label trägt.

In diesem Film sind so ungefähr alle Themen vereint, die einen depressiv machen können: Trennung nach 30 Ehejahren, Armut, Demenz, ein Tod durch Krebs, einer kurz vor einem Tête-à-tête, einer in der Verlobungszeit – habe ich noch etwas vergessen? Und doch sprüht er vor Witz und Lebenslust. Und „ohne Taschentücher ist der Film schwer durchzustehen“, meint auch die Kritikerin Bettina Peulecke.

Sandra (Imelda Staunton) gehört zur upper class, wohnt in einem herrschaftlichen Haus, das vor allem sauber ist, und entdeckt nach 30 Ehejahren, dass ihr gerade geadelter Ehemann sie seit 5 Jahren betrügt. Sie fährt zu ihrer Schwester Bif (Celia Imrie) nach London, die dort lebensfroh und politisch links engagiert in einer chaotischen Sozialwohnung lebt. Ihr Freund Charly (Timothy Spall) kann glücklicherweise von der Waschmaschine bis zum Auto alles reparieren und träumt davon, mit seinem Hausboot über den Ärmelkanal zu fahren.

So weit, so – ja, so nahe am Klischee. Und ich kann verstehen, wenn die Kritikerin Antje Wessels schreibt: „‚Tanz ins Leben‘ ist eine solide Tragikomödie für die Generation 60 plus, was vor allem den starken Darstellern zu verdanken ist. Durch sie sind viele komische Momente wirklich lustig und ein Teil der eher grobschlächtig-kitschig inszenierten Szenen rührt trotzdem.“ Frau Wessels ist deutlich unter 60.

Und ich bin drüber. Und inzwischen weiß ich: Das Leben ist unglaubwürdiger, grobschlächtiger, kitschiger, trauriger und lustiger als jeder Film. Und „Tanz ins Leben“ ist näher am Leben als die meisten anderen, die ich gesehen habe. Und das nicht deshalb, weil er unglaubwürdig wäre, sondern weil die Menschen in ihm so echt wirken, so glaubwürdig sind.

Und so positiv. Sie sind es oder sie lernen es. „Die Schwerkraft kriegt uns alle, man darf ihr nur nicht den eigenen Geist überlassen“, sagt Bif einmal. Sie haben ihre Träume oder entdecken sie. Und sie richten ihr Leben nach ihnen aus, wie unrealistisch sie auch sein mögen.

Dieser Film traf unser Lebensgefühl ziemlich genau. Das Leben ist nicht glänzend. Tod und Schmerzen, Abschied und Enttäuschung gehören dazu. Aber wir können ihm Glanz verleihen. Indem wir uns mit Menschen umgeben, die uns gut tun. Mit denen wir reden können und, wenn wir Lust dazu haben, auch tanzen. Und wenn wir richtig Glück haben, können wir genau solche Menschen für andere sein.

Wir sind aus diesem Film berührt und bewegt herausgekommen. Und er hat uns Mut gemacht, unseren Weg weiterzugehen und die Träume nicht aufzugeben.

„Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben“, sagte einst der Gesangbuchdichter Christian F. Gellert. Und Karl F. Gutzkow ergänzte: „Man kann dem Spruch auch die Anwendung geben: Lebe mit jedem Menschen so, wie du, wenn er stirbt, wünschen würdest, mit ihm gelebt zu haben!“ Und zwar ab heute, spätestens.

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Beitragsbild: Hausboote im Regent’s Canal in Paddington (London), von Julian Nitzsche – Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19312961