Bridge Over Troubled Water

In den letzten Jahren sind wir immer wieder Menschen begegnet, die mit uns im Tumorland unterwegs sind. Auch Manuela muss ihren Mann auf diesem Weg begleiten. Sie hat mich besucht und von dem Bild erzählt, das sie für ihre Situation gefunden hat: „Bridge Over Troubled Water“ von Simon & Garfunkel. Sie stellt sich vor, dass die Brücke die Form der Japanischen Brücke von Claude Monet hat – aber natürlich ist sein Bild viel zu friedlich. Sie schreibt:

Das Leben ist wie eine Wanderung, eine Reise von der Geburt zum Leben, von einem Ort zum andern. Diese Reise ist nicht immer einfach. Immer wieder stoßen wir auf Hindernisse, die zu überwinden sind – raues Wetter, hohe Berge, breite Flüsse. Wir konnten sie immer überwinden, erst alleine, dann gemeinsam zu zweit, in der Familie oder auch mit Hilfe von Freundinnen und Freunden.

Wilder FlussDann aber stießen wir auf einen Fluss, der so ganz anders war. Aufgewühltes Wasser, reißende Strömung. Wir kamen nicht weiter.

Denn mein Mann wurde krank. Er bekam Krebs. Wir mussten die Komfortzone verlassen und konnten unser Leben nur noch in Grenzen selbst bestimmen – Operationen, Chemotherapie und weitere Behandlungen nahmen unsere Zeit und unsere Kraft in Anspruch. Es war – und ist – eine raue und bewegte Zeit wie ein Fluss mit troubled water. Gleichzeitig war es so, als ob das Leben zu einem Stillstand gekommen war. Dieser Fluss war zu gefährlich, als dass wir ihn hätten überqueren können.

Und doch haben wir im Lauf der letzten vier Jahre viel gelernt. Wir lernten, die Situation anzunehmen und das Leben bewusster zu leben. Das Grün ist grüner geworden. Nichts ist mehr selbstverständlich. Wir haben die Seiten und auch den Blickwinkel gewechselt.

Und wir wollen mehr. Wir wollen weiterleben. Auch für uns gilt das Motto: Der Krebs ist nur Beifahrer und wir behalten das Steuer in der Hand! Wir wollen über den Fluss.

Wir brauchten eine Brücke. Und dann war da jemand, der uns diese Brücke zeigte, ja, der selbst diese Brücke war:

When you’re weary, feeling small / When tears are in your eyes / I will dry them all / I’m on your side / Oh when times get rough / And friends just can’t be found
Like a bridge over troubled water / I will lay me down / Like a bridge over troubled water / I will lay me down…

Es war wie eine Botschaft aus einer anderen Welt, eine Botschaft von Gott. Und um auf die andere Seite zu kommen, hat mir mein Glaube geholfen:

In Räumen der Kirche komme ich immer gut zur Ruhe. Das war bei mir schon immer so. Ich suche hier nicht nach Lösungen, sondern Zeiten des inneren Friedens. Ich fühle dabei, siehe Liedtext:

– Ich bin an deiner Seite, sagt – für mich – Gott. Er ist an meiner Seite
– den Boden unter den Füßen behalten – im Text heißt es: ich werde mich niederlegen.
– da segelt jemand hinter mir.

Und tatsächlich, meine Gedanken werden leichter.

Ein väterlicher Freund hat mir in jungen Jahren gesagt: Es wäre gut, wenn ich eines verinnerliche: Wir sind allein, wenn wir geboren werden, und wir sind allein, wenn wir sterben, und zwischendurch haben wir zwar Weggefährten an unserer Seite, aber wir sind immer allein.

Das stimmt. Aber durch den Glauben fühle ich mich nicht allein. Gott tröstet mich, wenn ich völlig fertig bin!

Und mit seiner Hilfe überqueren wir den Fluss. Das Leben geht weiter.

© Manuela F. Schwarz, Bearbeitung: Erik Thiesen

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Beitragsbild: Claude Monet (1840-1926), Japanische Brücke in Giverny – Reprography from art book, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7169264
Bild im Text: Pxhere

Zwischenruf: Homosexualität und Kirche

Im „Zwischenruf“ reagiere ich auf Zeitschriftenartikel, die ich gerade gelesen habe. Manchmal möchte ich einfach Dampf ablassen. 

In den „Zeitzeichen 1/19“ las ich in einem Artikel über das christliche Eheverständnis von Horst Gorski – diese Zeitschrift ist nur für Abonnenten abrufbar, deshalb zitiere ich ausführlicher:

„1996 veröffentlichte der Rat der EKD [eine Schrift unter dem Titel] ‚Mit Spannungen leben. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema Homosexualität und Kirche‘, die unter Vorsitz von Wilfried Härle von einer im Jahre 1994 eingesetzten Ad-hoc-Kommission erarbeitet wurde. Der Text beginnt mit einer Entschuldigung für das Homosexuellen in der Vergangenheit angetane Unrecht. Sodann werden die biblischen Aussagen zu Sexualität und Homosexualität einer gründlichen Prüfung unterzogen. Es zeige sich, dass es keine biblischen Aussagen gibt, die Homosexualität in eine positive Beziehung zum Willen Gottes setzen. Homosexuelle Praxis als solche wird als dem ursprünglichen Schöpferwillen Gottes widersprechend qualifiziert. Angesichts der zentralen Stellung, die das Liebesgebot in der Heiligen Schrift habe, dürfe jedoch auch homosexuelles Zusammenleben nicht von seiner Geltung ausgenommen werden. Dies hebe jedoch den biblischen Widerspruch nicht auf. Die damit gegebene Spannung müsse ausgehalten werden.“

Bis hierher war ich gekommen. Eine ähnliche Argumentation höre ich, mal mit stärkerer, mal mit weniger Ablehnung der Homosexualität verbunden, immer wieder. Als die Nordkirche gegründet wurde, wollte der pommersche Bischof Abromeit das Thema „Homosexualität und Pfarramt“ wieder auf die Tagesordnung setzen. Der nordelbische Bischof Ulrich aber erklärte kategorisch: Über manche Dinge diskutieren wir nicht mehr.

Vor einigen Jahren erhielt ich im Zusammenhang mit einer Taufe einen Anruf einer Frau aus Leipzig. Sie wollte gerne Patin werden, sei aber nicht in der Kirche. Ich erklärte ihr: „In der Tat kann nur Patin werden, wer Mitglied der Kirche ist. Aber wir finden bestimmt eine Lösung.“ Daraufhin meinte sie: „Ich finde Kirche ja prinzipiell gut, und ich glaube auch an Gott.“ Und ich dachte: Das sagen sie alle. Und ich glaube ihnen ja auch, aber es geht trotzdem nicht.

Aber dann sprachen wir weiter, und sie erzählte: „Ich habe hier in Leipzig einen Gottesdienst besucht, und da hat der Pfarrer gesagt: Homosexualität ist Sünde, und deshalb sind Homosexuelle auch keine vollwertigen Mitglieder am Tisch des Herrn. Naja, und weil ich lesbisch bin, bin ich eben ausgetreten.“ Und ich antwortete ihr: „Recht so. Wenn ich schwul wäre, und ein Pfarrer würde das zu mir sagen, hätte ich es genau so gemacht. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich danach überhaupt noch mit einem Vertreter der Kirche gesprochen hätte.“ Und dann erzählte ich ihr von Hamburg: „Einer meiner früheren Pröpste ist bekennend schwul gewesen und jetzt einer der wichtigsten Theologen in der EKD. Und mit der Meinung des Leipzigers Pfarrers stimme ich überhaupt nicht überein.“ Es wurde noch ein gutes Gespräch – und, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte – zwei Wochen später besuchte sie mich und trat wieder in die Kirche ein. – Der „frühere Propst“ ist übrigens derselbe, der auch den zeitzeichen-Artikel geschrieben hat.

Ich selbst bin mit der Vorstellung groß geworden, Homosexualität sei ebenso Sünde wie vorehelicher Geschlechtsverkehr. Dann lernte ich die historisch-kritische Methode kennen. Das heißt: Die Bibel in ihrem historischen Kontext verstehen. Damals, vor zwei- bis dreitausend Jahren, war es einfach die Aufgabe des Mannes, viele Kinder zu zeugen. Es war eine Frage des Überlebens für die Familie, den Clan, das Volk. Wer sich freiwillig aus dieser Aufgabe verabschiedete, versündigte sich an seinen Nächsten. Onan zum Beispiel, ein Enkel des Erzvaters Jakob, „ließ seinen Samen zur Erde fallen“ (1. Mose 38,8-10) – nicht durchs Onanieren übrigens, sondern durch einen Coitus interruptus – und wurde dafür von Gott getötet. Sexualität war keine Privatsache, sondern Dienst an der Gemeinschaft. Das galt nicht nur für biblische Zeiten, sondern im Prinzip noch bis ins vorletzte Jahrhundert hinein.

Keiner wird bestreiten, dass sich Zeiten und Rahmenbedingungen grundlegend geändert haben. Kein Bischof tritt mehr für die Sklaverei ein, obwohl diese Gesellschaftsform für die biblischen Autoren völlig selbstverständlich war. Und ausgerechnet bei der Homosexualität tun wir so, als ob wir mit der Moral von Halbbeduinen die Welt von heute retten könnten.

Die Orientierungshilfe baut eine „Spannung“ auf zwischen dem Liebesgebot und dem Wortlaut der Bibel. Diese Spannung existiert nicht, wenn wir den Wortlaut der Bibel in den Dienst der Liebe stellen. Hat nicht Jesus so etwas immer wieder gefordert?

Im Artikel beschreibt Horst Gorski dann, dass die evangelische Kirche in den vergangenen 20 Jahren große Schritte getan hat auf dem Weg zur Gleichberechtigung von hetero- und homosexuellen Partnerschaften. Aber sie laviert immer noch hin und her. Und ich finde es schon unbefriedigend, dass darüber überhaupt geredet werden muss.

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Beitragsbild von geralt auf Pixabay

 

Nachdenken über den Heiligen Geist

Nachdenken über…In dieser kleinen Serie über Gott, Jesus und den Heiligen Geist versuche ich zusammenzufassen, was mir in den letzten Jahren wichtig geworden ist. Es ist sozusagen ein persönliches Glaubensbekenntnis und nimmt den Gedanken von „Christentum to go“ wieder auf.

Die Entscheidung, am 17. Februar den Gottesdienst zu halten, obwohl gesundheitlich alles dagegen sprach, war kein bewusstes Abwägen. Ich nahm zwar wahr, wie es um mich stand, aber das spielte keine Rolle. Irgendetwas in mir hatte den Beschluss schon gefasst. Als Ute davon einer Freundin erzählte, meinte die spontan: Das war der Heilige Geist.

Der Heilige Geist. Er ist schwer zu fassen und weht eben, wo er will, wie Jesus sagt. Und je nachdem, wen man fragt, scheint er auch an ganz unterschiedlichen Orten aufzutauchen und ganz verschiedene Eigenschaften zu haben. Die Charismatiker identifizieren ihn zum Beispiel überall dort, wo bei christlichen Menschen übernatürliche Gaben festgestellt werden können: Wunderheilungen, Exorzismen, unverständliches Reden zum Beispiel. In der Feministischen Theologie wird er gendergerecht oft die Heilige Geistkraft genannt. Das weibliche Element darf schließlich auch in der Trinität nicht fehlen, und schließlich ist die hebräische Grundbedeutung רוּחַ auch weiblich. Die Vorstellung, wie oder wer der Heilige Geist sei, hat eben viel mit der Gottesvorstellung zu tun.

Durch den Heiligen Geist wird die Botschaft Jesu heute konkret. Und für mich ist die wichtigste Eigenschaft dieses Geistes, dass er der Tröster ist. „Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit“, sagt Jesus (Johannes 14,16). Wir haben in den letzten Jahren unendlich viele tröstende Worte bekommen. Sie berührten unser Herz, sie richteten uns auf, sie waren ohne Zweifel geistgesättigt.

Bei Ignatius spielt der Trost eine zentrale Rolle. Wenn ich Gott liebe – und das heißt für mich: wenn ich das Leben liebe -, wenn Glaube, Liebe und Hoffnung in mir wachsen, wenn ich innerlich ruhig werde und ausgeglichen, dann sind es deutliche Zeichen: Hier wirkt der gute Geist.

„Die Liebe zum Leben“, schreibt Fulbert Steffensky, „bringt Feuer und Wasser zusammen: die harten Fakten und die gerupfte, aber nicht erschlagene Hoffnung. Die Liebe zum Leben lässt sich nicht durch falsche Stimmigkeit betören. Sie wird nicht zynisch und sie bleibt nicht blind.“ 

In diesem Satz klingen zentrale Elemente meines Glaubens an. Zunächst einmal das Hohelied der Liebe: Die Liebe „erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand … Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Die Liebe aber ist die größte unter ihnen.“ (1. Korinther 13,7) Und das Bild von Feuer und Wasser erinnert mich an das Wasser der Taufe, das Jesus mit dem Geist in Verbindung gebracht hat („Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen,“ sagt er in Johannes 3,5) und das Feuer von Pfingsten (Apostelgeschichte 2). An dem Tag werden die Jüngerinnen und Jünger be-geistert (eine beliebte kirchliche Schreibweise).

Der Neurobiologe Gerald Hüther betont, dass Begeisterung die Voraussetzung von Lernen ist und eine Umgebung benötigt, in der wir mit anderen Menschen verbunden sind und persönlich wachsen können. Das klingt nach einer Gemeinde, in der der Geist das Sagen hat.

Die Gaben des Geistes sind die „Charismen“, die Gnadengaben. „Charisma“ ist eine Ableitung von „Charis“, der Gnade (grch. χάρις, lat. gratia). Wir verstehen darunter vor allem ein Geschenk, das ein Mächtiger einem Schuldigen macht: Der Erlass der Strafe – in der Theologie die Folgen der Sünden, in der Justiz die der Schuld. Im Prinzip aber bleibt der Schuldige schuldig und abhängig und der Mächtige mächtig.

Ursprünglich aber hat die Charis nichts mit dem Recht zu tun, sondern mit der Ästhetik. Es bedeutete Schönheit oder, mit einem schon fast vergessenen Wort, Anmut – eine Qualität, die Navid Kermani gerade unter Protestanten so schmerzlich vermisst. Später wandelte sich die Bedeutung auch zur Wohltat. Auch das hebräische Chanan (חנן)   wandelt sich in seiner Bedeutung – nur in entgegengesetzter Richtung von Wohltat zu Schönheit. Ist der gnädige Gott vielleicht eher ein schöner Gott? Und was ändert sich, wenn wir statt „Die Gnade Gottes sei mit dir“ sagen: „Die Schönheit Gottes sei mit dir“? Für mich hat sich mit dieser Vorstellung eine völlig neue Glaubenswelt aufgetan.

Und ich erinnerte mich an einen meiner Lieblingssätze: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“ (Christoph Schlingensief). Dieses Wort hat ihm der Heilige Geist gegeben.

Nachdenken über Jesus

Jesus sei ganz Gott und ganz Mensch, heißt es. Aber wie ist das zu verstehen? Die Menschen stritten sich, ob „der Sohn“ mit „dem Vater“ nun wesensgleich sei oder nur wesensähnlich – griechisch ὁμοούσιος oder ὁμοιούσιος. Es ging um einen Buchstaben, den kleinsten im Alphabet, das ι. Deshalb wurden Kriege geführt und Konfessionen getrennt. War es das wert?

Nein, definitiv nicht. Schon die Fragestellung ist mir herzlich egal.

Wichtig ist mir nicht, ob er mit dem Vater, sondern mit mir wesensähnlich oder sogar wesensgleich ist. Denn ich habe das tiefe Gefühl: Er steht auf meiner Seite. Er ist wie ich. Oder ich wie er. Oder besser: Ich auf seiner Spur.

Wie er habe ich einen handwerklichen Beruf ausgeschlagen. Uns zog es wohl beide eher zu Büchern – ihn zur Heiligen Schrift, mich eher zu Karl May. Beide suchten wir unseren eigenen Weg, gerade auch in der Auseinandersetzung mit der Familie. Mir gefällt auch sein Hang zum Feiern, ob in Kana, bei den Zöllnern oder den Pharisäern.

Er sucht und findet immer wieder die positive und leichte Seite im Leben – und an Gott. Gott ist jemand, der die Vögel und Blumen beschützt – und mich erst recht. Gott fragt nicht nach Schuld und Irrwegen. Wer zurückfindet wie der „verlorene Sohn“, bekommt erst einmal einen Kaffee oder gleich ein Festmahl ausgerichtet. Und dabei weiß er sehr wohl um die Gefahren und Untiefen des Lebens, um die Wankelmütigkeit des Schicksals, um die Unberechenbarkeit des Vaters. Schau nicht zu sehr dahin, sagt Jesus. Hoffe gegen die Erfahrung.

Und immer wieder sucht er den Weg des Friedens, des Ausgleichs, der Gerechtigkeit. Auch wenn ihn das in große Schwierigkeiten bringt. Schließlich hat er nur die Wahl, entweder seinen Weg zu verlassen oder ans Kreuz zu gehen. Und dieser innere Kampf, wie er ihn im Garten Gethsemane ausgefochten hat, ist mein Kampf mit der Krankheit. „God, Thy will is hard, but you hold every card…“ (Jesus Christ Superstar). Und von seinen letzten Worten am Kreuz darf keines fehlen. Denn sie alle umfassen das Leben wie das Sterben: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Mk. 15,34 und Mt. 27,46), „Es ist vollbracht“ (Joh. 19,30) und „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk. 23,46).

Paulus selbst betont immer wieder, dass wir mit Jesus eins sind. Ja, wir sind mit ihm gestorben und auferstanden (Römer 6,3-5). Jesus lebt in uns und wir in ihm. Das kann ich so allerdings (noch?) nicht ganz nachvollziehen.

menas-meditationVorerst reicht es mir, wenn ich Jesus als meinen Freund bezeichnen kann. Der mich stützt und unterstützt und gleichzeitig den Raum gibt, damit ich mich entfalten kann. Der mir die Wahrheit sagt, die gerade gut ist für mich. Der meinen Weg mit mir geht.

Diese Ikone liegt auf meiner Meditationsmatte; ich gehe täglich daran vorbei. Sie erinnert mich an meine Sehnsucht, geborgen und aufgehoben zu sein und zur Ruhe zu kommen. Die Realität sieht zurzeit anders aus. Aber diese Ikone holt mich immer wieder ein bisschen aus der Realität heraus in die Wirklichkeit Jesu. Das tut gut.

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Beitragsbild: Jesus-Mosaik in der Ayia Napa Kapelle, Zypern. Bild von dimitrisvetsikas1969 auf Pixabay
Menas-Ikone: Die Quelle kann ich nicht mehr zurückverfolgen. Bitte ein Hinweis, wenn eine Urheberrechtsverletzung vorliegt.

 

Nachdenken über Gott

„Wenn dir der Gedanke kommt, dass alles, was du über Gott gedacht hast,
verkehrt ist, und dass es keinen Gott gibt, so gerate darüber nicht in Bestürzung.
Es geht vielen so. Glaube aber nicht, dass dein Unglaube daher rühre,
dass es keinen Gott gibt.

Wenn du nicht mehr an den Gott glauben kannst, an den du früher geglaubt hast,
so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war,
und du musst dich besser bemühen, zu begreifen, was du Gott nennst.

Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, heißt das nicht,
dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass der wahre Gott nicht aus Holz ist.“
(Leo Tolstoi)

Mit dem Krebs veränderte sich mein Bild vom Glauben, von Gott. Vielleicht war es auch gar keine Veränderung, sondern eine Intensivierung; die Grundlinien waren schon früher gelegt. Aber die Voraussetzungen hatten sich verändert.

Mein erster Lehrer auf dem Weg war Leonard Cohen: You want it darker. Was ist, wenn der Krebs kein Versehen Gottes war, kein „Ich geh denn mal kurz Kaffee trinken“, während der Teufel den Hiob quält. Was ist, wenn er den Krebs wollte?

Wir kennen diesen dunklen Gott, den Richter und den, der das Leid Unschuldiger zulässt. Martin Luther nennt ihn „deus absconditus“ – den verborgenen Gott. Für den „natürlichen“ Menschen verborgen und unverständlich. Der Glaubende wendet sich dem „deus revelatus“ zu, der sich in Jesus offenbart hat – als derjenige, der die Sünde wegnimmt und den Menschen nur Gutes will.

Für mich wird der Mensch dadurch entmündigt und Gott nicht ernst genommen. Für mich gibt es keinen „lieben Gott“ mehr, einen, der von seinen dunklen Seiten reingewaschen wird.

Widerspricht das aber nicht der gesamten biblischen Botschaft? Ist Gott nicht Liebe, menschenfreundlich und gut?

Ja, auch. Er ist sogar ganz großartig. Wenn er in allem ist und alles in ihm, dann ist sein Wesen ebenso schön und grandios, wie es das Leben eben – auch – ist.

Er ist beides, mal so und mal so, gut und böse, die coincidentia oppositorum (Nicolaus von Kues), das Zusammenfallen der Gegensätze. In der Theorie. Und deshalb in der Praxis vor allem: Unberechenbar.

Wie ich damit umgehen kann, habe ich bei Psychologinnen und Neurobiologen, Ärztinnen und Theologen gelernt. Die Kunst scheint darin zu bestehen, die Realität und eigene Wahrnehmung nicht zu leugnen – und dann die Fähigkeit zu haben, auf das Gute zu schauen.

Unsere Freundin Jutta Seeland (Psychotherapeutin) betont mit Gerald Hüther (Neurobiologe), dass unser Bewusstsein nicht nur unser Verhalten, sondern sogar das Verhalten unserer Zellen beeinflusst. Ärzte sagen, dass nachgewiesenermaßen – neben der Bewegung – eine gute Einstellung eine positive Wirkung hat. Für alle anderen alternativen Therapien gibt es keine ausreichenden Belege.

Giovanni Maio (Arzt) sagt: „Hoffnung ist ein Offensein für das, was kommen wird, und ein Vertrauen darauf, es bewältigen zu können.“ Und Fulbert Steffensky (Theologe): Hoffen ist „zu handeln, als gäbe es einen guten Ausgang“. Schließlich noch Sebastian Murken (Religionspsychologe): „Eine Religion hilft vor allem denen, die stark daran glauben, dass sie ihnen hilft.“

So verstehe ich auch die Botschaft Jesu: Er weiß darum, wie gefährlich das Leben ist. Er weiß um die Gefahr voPsalsssssssssssssssssn Hunger und Krankheit, um Unterdrückung und Folter. Und doch sagt er: Sorget nicht! (Matthäus 5,25ff.) Wenn wir ihn nicht für unzurechnungsfähig halten sollen, dann meint er damit: Schaut auf die hoffnungsvolle Seite des Lebens. Geht nicht auf in den Bedrängungen der Welt. Sucht die gute Seite Gottes als Verbündete.

Es ist also wenig hilfreich, einfach nur auf Gott zu vertrauen und zu glauben, dass er es schon gut machen werde. Weniger „Der Herr ist mein Hirte“ (Psalm 23,1) als vielmehr: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ (Psalm 18,30)

Ich halte den Psalm 23 immer noch für einen schönen Text, der trösten kann und beruhigen und in den Schlaf wiegen. Aber er trägt mich nicht mehr, wenn es darauf ankommt. Genausowenig wie der Satz, den Margot Käßmann anlässlich ihrer Krebserkrankung gesagt hat: „Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Ich fürchte: Doch, ich kann. Ich muss nicht. Selbst wenn ich bisher immer gehalten wurde, kann ich beim nächsten Mal durchgereicht werden. Zu vielen ist es schon passiert.

Die Frage, wie ich denn mit einem unberechenbaren Gott umgehen soll, werde ich nicht durch das Fürwahrhalten solcher Glaubenssätze lösen, auch nicht, indem ich über ihn rede, sondern mit ihm. Ganz grundsätzlich sagt Martin Buber dazu: „Wenn an Gott glauben bedeutet, von ihm in der dritten Person reden zu können, glaube ich nicht an Gott. Wenn an ihn glauben bedeutet, zu ihm reden zu können, glaube ich an Gott.“

Im Grunde ist es das Gottesbild der Bibel, besonders des Alten Testaments. Dort wird eigentlich relativ wenig über Gott geredet, dafür umso mehr mit ihm. Einer der für mich wichtigsten Texte steht in 2. Mose 3, die Unterhaltung des Mose mit Gott am Dornbusch. Mose erhält von Gott den Auftrag, die Hebräer aus Ägypten zu befreien. Mose lehnt ab. Alles spricht dagegen, dass er es könnte. Gott besteht darauf. Mose verlangt Garantien. Gott gibt ihm keine. Nur seinen Namen.

Und der lautet eben nicht: „Ich bin, der ich bin“ – ich bin der Ewige, der Herrscher des Himmels und der Erde. Das ist griechisches Denken. Er lautet: אֶֽהְיֶ֖ה אֲשֶׁ֣ר אֶֽהְיֶ֑ה „Ich werde mich als der erweisen, als der ich mich erweisen werde. Mit anderen Worten: Du wirst es nur herausfinden, wenn du es ausprobierst.

Und Mose geht los. Mit nichts an der Hand als den Trick mit der Schlange (2. Mose 4,2-4) und einem Bruder, der zur Not für ihn reden soll. Nicht gerade viel gegen den Herrn der damals bekannten Welt.

Es hätte schief gehen können. Und es ist auch nicht gerade glatt gegangen. Aber die Hebräer konnten Ägypten verlassen.

Schließlich ist er dann doch gestorben, bevor er am Ziel war. Sein Lebenstraum hat sich nicht erfüllt, aber seine Aufgabe hat er bewältigt.

Und ich glaube, genau das ist Leben: Nicht dass wir unsere Träume verwirklichen können, sondern dass wir eine Aufgabe haben und sie bewältigen, jeden Tag neu. Václav Havel hat gesagt: Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

 

Aufs Leben schauen

In diesem Jahr habe ich zwei Gottesdienste gehalten, und jeder war auf seine Weise ein Highlight. Im Januar war es die Kombination mit der Musik. Ich erinnere mich noch an den Auftakt, Picinellis C-Dur Sonate, von Andrii Spharkyi auf der Posaune gespielt, und ich bin immer noch und immer wieder ganz geflasht. Es war ein schöner Gottesdienst.

Während dieser Gottesdienst besonders war wegen der Dinge, die in ihm geschahen, gewann der zweite seine Bedeutung vor allem durch die, die vor ihm passierten. Denn am Freitag und am Sonnabend ging es mir so schlecht, dass nicht klar war, ob ich wirklich auf die Kanzel würde steigen können. Nein, eigentlich war völlig klar, dass ich es nicht könnte. Glieder-, Magen- und Rückenschmerzen waren schon schlimm genug. Vor allem mein Kreislauf machte mir zu schaffen – ich kam kaum unfallfrei vom Sofa zum Sessel. Bis in die Nacht war nichts, aber auch gar nichts mit mir anzufangen. Und Ute meint, dass ich mit dieser Beschreibung noch nicht einmal besonders dramatisiere.

Und doch habe ich meine Kollegin Friederike Waack nicht angerufen und sie gebeten, die Predigt zu übernehmen. Obwohl ich wusste, wie es mir geht, habe ich diesen Gedanken nicht zugelassen. Denn ich wollte diesen Gottesdienst und wäre nur gewichen, wenn mich der Krebs von der Kanzel geschubst hätte. Und das wollte ich doch erstmal sehen.

Ich weiß nicht, was mich dazu getrieben hat. So unvernünftig kenne ich mich sonst nicht. Es war auch nicht so sehr eine bewusste als vielmehr eine instinktive Entscheidung. An dieser Stelle gönnte ich dem Tiger keinen Zentimeter. Ich dachte an Sonja (Ein Mann namens Ove): Wir können an den Tod denken oder wir können weiterleben. Gottesdienst bedeutete für mich Leben. Ich hatte mich vorbereitet und wollte meine Gedanken mit euch teilen. Ich wollte euch sehen. Ich wollte nicht zuhause liegen und an den Tod denken.

Ich glaube, dass ich noch nie mit solch wackeligen Beinen zur Kirche gegangen bin. Aber es gelang. Ich weiß nicht, ob mir diese Erfahrung in anderen Situationen nützen wird. Aber ich habe sie gemacht, und sie hat schon ihren Wert in sich.

Ich glaube, dass ich in einem gewissen Rahmen Entscheidungen treffen kann. Welche Medikamente will ich nehmen und welche Therapie durchführen? Blog schreiben oder Netflix gucken? Gottesdienst ja oder nein? Gespräche führen oder doch lieber nicht? Diese Entscheidungen beeinflussen mein Leben und seine Qualität. Aber ich spüre eine Grenze. Auf den Zeitpunkt meines Todes habe ich keinen Einfluss. Weder durch innere Vorstellungen, indem ich mir z.B. ausmale, wie wir die Route 66 fahren, noch durch irgendwelche anderen Entscheidungen.

Ich glaube, dass Gott der Herr ist über Leben und Tod. Er bestimmt Anfang und Ende des Lebens. Ich weiß nicht, ob Gott den Tod irgendwann für jeden Menschen von Anfang an vorherbestimmt hat oder ob er das adhoc entscheidet. Mir geht es aber ganz gut damit, das Ganze ihm zu überlassen.

route66-schild1-e1503652216841.jpgMeine Aufgabe ist es, die Zeit zwischen Geburt und Tod zu gestalten und die Möglichkeiten auszuloten. Im Moment ist die Route 66 in weite Ferne gerückt. Aber ausgeschlossen ist sie immer noch nicht. Ich schaue täglich auf das Schild im Wohnzimmer und freue mich daran und weiß: Wenn die Zeit dafür kommt, werde ich sie nutzen. Das Straßenschild ist ein Symbol für die Zukunft, wie (un-)wahrscheinlich sie auch immer sein mag.

Am Gottesdienst-Wochenende habe ich erfahren, wie recht Fulbert Steffensky hat, wenn er schreibt: Hoffen ist „zu handeln, als gäbe es einen guten Ausgang“.

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Beitragsbild: Aus dem Gottesdienst am 17. Januar; Gudrun Fliegner an der Orgel und Andrii Spharkyi mit der Posaune © Ingelor Schmidt
Route 66: © Erik Thiesen

 

Auf den Punkt gebracht

Es gibt Menschen, deren Sätze keinen Punkt haben, sondern höchstens Kommas oder Semikola. Ihre Gedanken mäandern einfach weiter. Geistliche sollen dazu gehören. Ich kenne – öhm – jetzt gerade keinen, habe aber davon gehört.

Umso erstaunlicher, wenn ein Pfarrer ein Buch voller Aphorismen veröffentlicht, das nicht nur seinen Gedanken auf den Punkt bringt, sondern gleichzeitig unsere Gedanken weiterlaufen lässt. „Zärtlichkeit und Schmerz“ heißt das Buch, und Kurt Marti hat es geschrieben. Ich bekam es zu meinem Geburtstag 1982 von meinem Freund Johannes, und es wirkt seitdem wie eine Auffrischungsimpfung gegen die Bequemlichkeit des Denkens.

Ich kannte Kurt Marti schon. Seine „Leichenreden“, vor 50 Jahren erschienen, waren legendär. Und nicht wenige Theologiestudenten kannten den „Gustav E. Lips“ auswendig:

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
daß gustav e. lips
durch einen verkehrsunfall starb

Und Marti zählt etliche Gründe auf, warum es Gott nicht gefallen haben kann und meint schließlich:

im namen dessen der tote erweckte
im namen des toten der auferstand
wir protestieren gegen den tod von gustav e. lips

Wer die Sprache und Denkweise der Kirche der 60er Jahre im Ohr und vor Augen hat, der ahnt, welche Revolution Marti damit auslöste. Hier protestierte einer nicht nur gegen den Tod von Gustav E. Lips, sondern gegen eine Tradition, die einfach nachgesprochen wurde. Hier untersuchte ein Pfarrer die Wahrheit auf Wahrhaftigkeit.

Für viele von uns Theologiestudenten der 70er Jahre war es eine Befreiung. Und erst in der Gemeinde merkte ich, wie viel Mut Kurt Marti gehabt hatte. Denn noch Jahrzehnte später entfaltete die Tradition – auch mithilfe vieler Gemeindeglieder – eine ungeahnte Macht. Aber Kurt Martis „Zärtlichkeit und Schmerz“ hat bestimmt auch dazu beigetragen, dass der Stachel blieb: auch mal gegen das Selbstverständliche zu denken.

Aphorismen sind, wenn sie gut sind, witzig und intelligent, überraschend und anregend. Und wenn sie sehr gut sind, enthalten sie Gedanken, die sich festsetzen wie Widerhaken, immer wieder bewegen, ihre Wahrheit erst im Erleben freisetzen und neue Facetten aufscheinen lassen. Dies ist eine solche Sammlung.

Hier las ich zum ersten Mal den Satz: „Wer Mitleid fühlen will mit einem Europäer, muß ihn tanzen sehen.“ (Afrikanischer Christ über seine weißen Brüder)  Aber mehr noch beeindruckte mich die Folie divine: Gott? Jener Große, Verrückte, der noch immer an Menschen glaubt.“ Das gesamte Glaubensbekenntnis, unsere Lebensgrundlage und Hoffnung in neun Wörtern. Wie macht Marti das?

Und uns Geistlichen gibt er mit auf den Weg, zart und genau zu sein: Zart und genau: das sind ästhetische Kategorien. Nicht weniger sind es theologische. Vor allem sind es Kategorien einer Gerechtigkeit, die göttlich zu nennen erlaubt ist, weil ihr Recht … dem Willen entspringt, … den Menschen, den Dingen zutiefst gerecht zu werden.

Mein Lieblingsgedanke aber – und viele von euch kennen ihn, weil ich ihn wirklich schon oft zitiert habe, ist die Frage: Gott, so denkt man oft, so verkünden Eiferer lauthals, sei Antwort. Spröder sagt die Bibel, daß er Wort sei. Und wer weiß, vielleicht ist er meistens Frage: die Frage, die niemand sonst stellt.

Und zum Schluss ein Gedanke, der genau in unsere Situation hineinspricht. Wünsche: Wie, wenn Wünsche nicht fertig werden, wenn der Tod ihnen zuvorkommt? Und doch wäre dies das geringere Übel. Trauriger ist’s, wenn die Wünsche fertig sind, aber der Tod nicht kommen will.

Kurt Marti starb vor zwei Jahren. Aber seine Wünsche und Gedanken sind nach wie vor lebendig.

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Kurt Marti, Leichenreden, dtv München 2004 (Erstveröffentlichung 1969 Frankfurt/M). Die Leichenrede steht auf Seite 27.
Kurt Marti, Zärtlichkeit und Schmerz, Sammlung Luchterhand, Darmstadt und Neuwied 1981. Die Aphorismen stehen auf den Seiten 14, 24, 116, 107 und 37. Und das „Eismeer“ von C.D. Friedrich ist das Titelbild von Buch und Blog.

Beitragsbild: Von Caspar David Friedrich – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=151054