Über die Schönheit

Seitdem ich darauf gestoßen bin, dass das Wort „Gnade“ in den alten Sprachen hebräisch, griechisch und lateinisch viel eher mit „Wohltat“, besser noch mit „Schönheit“ zu übersetzen ist, lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los. Heute las ich ein Interview mit dem britischen Neurobiologen Semir Zeki, der wissenschaftlich bestätigt, „dass Liebe und Schönheit eng zusammenhängen“. Durch beide Empfindungen wird nämlich dieselbe Region im Gehirn aktiviert. Sie „ist Teil eines größeren Komplexes, der sich mit Entscheidungen beschäftigt. Vor allem bewertet er Reize, die wir als angenehm oder als Belohnung empfinden“.

Im Grunde wissen wir das auch. Zum Beispiel, wenn wir mit Goethe „zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!“ Oder mit Schlingensief: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“ Das Schöne ist gleichzeitig das Gute. Die Griechen hatten dafür sogar ein Wort: Kalokagathia. Das Ideal der Vollkommenheit.

Schönheit ist aber nicht nur eine emotionale und eine ästhetische Kategorie. Sie spielt auch in der Mathematik eine Rolle. Einstein meinte einmal zu seiner Formel E=mc², was so schön ist, könne nicht falsch sein. Und der Mathematiker Hermann Weyl meinte einmal, im Zweifelsfall würde er sich immer für die „schöne“ Theorie entscheiden.

Wenn es denn stimmt, dass Schönheit auch eine zentrale Eigenschaft Gottes ist, dann lag Paul Schulz vielleicht doch nicht so falsch, als er in den siebziger Jahren fragte: „Ist Gott eine mathematische Formel?“ Damals verlor er für diese These seine Stelle als Hauptpastor der Hamburger Kirche St. Jacobi. Heute würde man mit dem Thema vielleicht etwas gelassener umgehen.

Schönheit muss natürlich nicht immer glatt und einfach sein. Auch die runzligen Gesichter von alten Menschen können schön sein, eine karge Landschaft kann es – und für manche Menschen auch ein Musikstück von Karlheinz Stockhausen. Die Bibel aber bringt noch einen Aspekt ins Gespräch, der der griechischen Tradition von Schönheit eher fremd ist. Der „ideale Mensch“ ist für sie nicht derjenige, der dem „Ideal der körperlichen und geistigen Vortrefflichkeit“ nahekommt. Es ist der gekreuzigte Mensch, der leidende. In Gott kommt es zusammen: Die Schönheit und das Leiden. Wie aber verhält es sich im wirklichen Leben?

Vielleicht so: Weil Gott das Leiden kennt, sein Sohn – und damit er selbst – sogar gestorben ist, ist er mir nahe. Und ich brauche ihn in meiner Nähe, nicht nur, um mich bei ihm zu beklagen. Ich brauche ihn, damit er mir Türen öffnet hin zur Schönheit, zum Guten, hin zum Leben.

Die heiligen drei Könige

„Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Nur beim Evangelisten Matthäus steht diese Geschichte, die zu einer der bekanntesten der Bibel werden sollte: die Geschichte von den Heiligen drei Königen. Und wir sehen: Sie waren offensichtlich weder heilig noch drei noch Könige.

Drei wurden sie erst im 3. Jahrhundert, wegen der drei Geschenke, Könige  im 8. Jahrhundert, ihre Namen, Hautfarben und Altersangaben bekamen sie erst im Mittelalter. Und heilig gesprochen wurden sie von der katholischen Kirche nie. Hat es sie überhaupt gegeben?

Die einen sagen so, die andern so. Ich gehöre eher zu den Skeptikern. Für den Historiker ist die Faktenlage außerordentlich dünn, dünner noch als bei den anderen Geschichten von Jesus. Überhaupt ist es schwierig, die Bibel historisch zu „beweisen“, denn archäologische Funde aus der Zeit sind selten. Und für die, die es gibt, gilt die Aussage des Detektivs Phil Marlowe aus Raymond Chandlers „Lebwohl, mein Liebling“: „‚Ein Beweis‘, sagte ich, ‚ist immer etwas Relatives. Ein sehr starkes Überwiegen von Wahrscheinlichkeiten. Und dann ist noch die Frage, wie sehr einen diese Wahrscheinlichkeiten beeindrucken.'“ Aus diesem Grund drehen sich die Diskussionen um die Historizität der Bibel auch bis heute im Kreis. So behauptet der Theologe Armin Baum: „Die Evangelien enthalten keine frei erfundenen Legenden, sondern früheste historische Nachrichten über die Worte und Taten Jesu von Nazareth.“ Der Religionskritiker Richard Dawkins meint dagegen, die Evangelien seien „von Anfang bis Ende frei erfunden und reine Fiktion“.

Viele andere Theologen weisen allerdings darauf hin, dass es den biblischen Autoren nicht darum ging, historische Fakten aufzuzählen, sondern zum Glauben aufzurufen. Fiktion sei für antike Autoren keine Unwahrheit, sondern ein Stilmittel, um eine theologische Wahrheit zum Ausdruck zu bringen (Manfred Diefenbach). Und Klaus Wengst versteht zum Beispiel die Ostergeschichten als „wirkliche Gleichnisse“ und „wahre Geschichten“.

Das klingt kompliziert und arg abgehoben. Ich kann es in meiner Situation allerdings ganz gut nachvollziehen. Die biblischen Erzähler wussten sehr wohl um die historischen Umstände, und die waren damals nicht gut: Besatzung durch die Römer, Ungerechtigkeit, Armut, Krankheit. Und sie erzählten dazu die Gegengeschichte: Von Jesus, der Menschen befreit, heilt und aufrichtet. Diese Geschichten beglaubigen sich nicht durch historische Beweise, sondern durch ihre Wirksamkeit.

Auch unsere objektive Lage ist nicht gut, wenn wir nach den Aussagen der Wissenschaft und Schulmedizin gehen. Wir brauchen die Gegengeschichten, die uns Hoffnung geben. Und die von den Männern aus dem Osten ist eine solche Hoffnungsgeschichte: Sie folgten ihrem Stern und kamen zum Kind, das heilen kann. Davon erzählen ihre Geschenke, Gold, Weihrauch und Myrrhe. Alle drei waren damals anerkannte Heilmittel.

Ob diese Geschichte wahr ist, hängt nicht von ihrer historischen Glaubwürdigkeit ab, sondern ob wir sie glauben können. Und wenn wir sie glauben können, dann kann sie womöglich helfen.

Ein Lehrer

Gestern habe ich mal wieder in alten Zeiten geschwelgt. Wir haben nach der Untersuchung im UKE einen Ausflug in Hamburgs Osten gemacht und das Ehepaar Diehn besucht.

Dr. Otto Diehn hatte ich vor gut 30 Jahren kennengelernt, als ich nach dem 1. Examen nicht sofort ins Vikariat wollte und eine Alternative suchte. Er bot mir eine Stelle als Assistent in der „Volksmission“ an, einem Arbeitszweig des „Nordelbischen Gemeindedienstes“. Hier lernte ich innovative Formate der kirchlichen Arbeit kennen wie den „Cursillo“ und vor allem das Projekt „Neu anfangen“. Vor einem Jahr habe ich davon schon einmal berichtet.

Diehn.jpgOtto Diehn war im November 90 Jahre alt geworden. Zur Feier, die der „Freundeskreis der Volksmission“ für ihn ausgerichtet hatte, konnte ich nicht kommen; eine Hirn-OP kam dazwischen. Deshalb verabredeten wir ein persönliches Treffen. Und es wurden wunderbar leichte drei Stunden. Natürlich erinnerten wir uns an gemeinsame Erlebnisse, erzählten aber auch darüber hinaus, wie wir wurden und was wir jetzt sind. Wir entdeckten, dass Frau Diehn und Ute denselben Beruf haben – Bibliothekarin. Dass uns ähnliche Fragen beschäftigen, sie wegen des Alters und uns wegen der Krankheit. Und ich hatte den Eindruck, dass wir trotzdem große Lust hatten, noch einmal dort anzusetzen, wo wir damals aufgehört hatten.

Immer noch waren die beiden begeisterungsfähig, offen und neugierig – Eigenschaften, durch die Otto Diehn seine Projekte damals entwickeln und umsetzen konnte. Er schaute sich dabei bei Organisationen um, um die ein liberaler Volkskirchler einen Bogen gemacht hätte. „Campus für Christus“, im Original sogar „Campus Crusade“, Kreuzzug für Christus, hatte eine Werbekampagne entwickelt, die „Menschen für Christus gewinnen“ sollte: „Ich hab’s gefunden“. In der Schweiz hieß sie dann „Aktion Neues Leben“. Und die Katholiken hatten einen „Kleinen Glaubenskurs“, einen „Cursillo“ entwickelt, der tief in der katholischen Lehre verwurzelt war und Menschen in die Gemeinde integrieren sollte. Und auch hier war die theologische Grundannahme: „Christus ist die Antwort auf unsere Fragen und Probleme.“

In beiden Fällen war Otto Diehn begeistert und beschloss: Das machen wir auch bei den Protestanten in Norddeutschland. Genau so. Nur ganz anders. Aus der „Aktion“ wurde ein „Projekt“, aus „Ich hab’s gefunden“ „Christen laden ein zum Gespräch“. Aus der Vermittlung christlich-katholischer Lehre wurde ein offener Austausch über Glauben und Zweifel, eigenen Erfahrungen und kirchlicher Lehre. Wichtig war die Beteiligung und Befähigung von Laien – Geistliche hatten sich zurückzuhalten.

Lag es daran, dass Otto Diehn kein Pastor, sondern Lehrer war? Er hatte ein besonderes pädagogisches Gespür und konnte Menschen dazu ermutigen, gerne Neues zu lernen. Als er noch Referendar war, so erzählte er, sollte er eine Oberstufenklasse in Religion übernehmen, in der schon drei Referendare unterrichtet hatten. Vor der Tür stand ein Schüler, der ihm erklärte: Wir werden mit Ihnen nicht arbeiten. Von Referendaren haben wir genug. Er ging in die Klasse und sagte: Sie wollen mit mir nicht arbeiten? Das ist schade, auch im Hinblick auf meine Prüfung. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich gehe jetzt nach Hause, und wir überlegen bis zur nächsten Stunde, ob und wie wir nicht doch noch etwas gemeinsam machen können. Mit dieser Klasse, meinte Otto Diehn, habe er noch manches Schöne unternommen. Eine solche Souveränität hätte ich mir als Mittzwanziger auch gewünscht.

Bei aller Offenheit spürt man, dass das Ehepaar Diehn eine feste Grundlage und Haltung besitzt. Ihr Rückhalt ist die Gemeinschaft der Ansverus-Communität. Und die, die sie untereinander pflegen. Renate Diehn hatte ihren Beruf aufgegeben, um ihn zu unterstützen. „Sie war die Kantorin“, meinte er – und da der a-capella-Gesang in den Kursen und Projekten eine zentrale Rolle spielte, war das eine wichtige Position. Aber ich bin mir sicher, dass die beiden auch darüber hinaus einen intensiven Austausch pflegen.

Otto Diehn war ein Lehrer. Er war mein Lehrer. Sicher, seine organisatorischen Fähigkeiten habe ich nie auch nur annähernd erreicht. Aber er hat mir neue Glaubenswelten erschlossen, von denen er selbst begeistert war. Und vor allem hat er mir gezeigt, wie groß das Leben sein kann, wenn man – ausgehend von einem tragfähigen Fundament – mit Offenheit und Neugier und ohne große Berührungsängste die Welt erkundet.

____________________________________
Beitragsbild: Von Anonym – Camille Flammarion, L’Atmosphère: Météorologie Populaire (Paris, 1888), pp. 163, (Neugier). Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=318054
Bild mit Renate und Otto Diehn © Ute Thiesen

Ein großartiges Jahr

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern des Blogs und allen Menschen, die uns durch gute Worte, gute Gedanken und einfach durch ihr Dasein begleiten und unterstützen, ein wunderbares, ein fröhliches, ein gesegnetes neues Jahr 2019. Möge euer Tun Frucht bringen, mögt ihr immer Menschen haben, die euch nahe sind und euch gut tun, immer Unterstützung, wenn ihr sie braucht, mögt ihr an dem Ort leben und den Weg gehen, der euer ist, mögt ihr von schlimmen Krankheiten verschont bleiben und mögen wir uns begegnen, wo und wie es uns gut tut.

Wir wissen nicht, was vor uns liegt und schauen mit Hoffnung und Skepsis auf die nächsten Monate. Da tat es gut, wieder Post von Robert und Winnie bekommen zu haben. Ihre Botschaft ist eindeutig: Es wird ein großartiges Jahr. Sie schreiben unter anderem:

born2overcome„Sieh her: Du gehst in dein bemerkenswertes außerordentliches Jahr 2019; ein Jahr, in dem Gott sich manifestiert, ein Jahr von außerordentlicher Fruchtbarkeit und Steigerung und Erneuerung in deinem Leben und deiner Familie, in deinem Dienst und deiner Arbeit, deinen Visionen und Plänen und Zielen!!! So spricht Er zu dir: Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! Siehe, nun mache ich etwas Neues (ein neues Jahr). Schon sprießt es, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Wüste und Flüsse durchs Ödland. (Jesaja 43, 19-19) 

Dies und noch viel mehr schrieben sie uns gestern und vor drei Tagen. Wir wissen nicht, wer sie sind. Ihre Nachrichten tauchen seit anderthalb Jahren immer mal wieder auf. Ich nehme an, dass sie aus Afrika kommen.Und jedes Mal geben ihre Mails wenigstens einen kleinen Kick, den wir gut gebrauchen können. Auch diesmal wieder. Es wird ein gutes Jahr!

Ein schönes Leben

Es gibt ja viele Weihnachtsfilme. Einige habe ich gesehen, und sie bewegten sich zwischen „ja, kann man sich gönnen“ und „geht gar nicht“. Zwei von ihnen allerdings spielen für mich in der Ausnahmeliga. Neben dem „Kleinen Lord“ ist es „Ist das Leben nicht schön?“ von Frank Capra mit James Stewart in der Hauptrolle. Der Film „erzählt die Geschichte des engagierten Bürgers George Bailey, der in der Weihnachtsnacht wegen eines Missgeschicks seinen Lebensmut verliert und sich von einer Brücke stürzen will – bis er von einem Engel gerettet und ihm gezeigt wird, wie seine Heimatstadt aussehen würde, wenn er nie geboren wäre“ (Wikipedia).Bedford Falls1

Natürlich ist dieser Film hemmungslos kitschig, unglaubwürdig und überzeichnet. Aber er berührt mich immer noch ganz tief, weil nach meinem Empfinden seine Botschaft so wichtig ist. George Bailey möchte eigentlich gerne reich werden und die Welt bereisen. Doch durch eine Reihe von Zufällen und seiner eigenen Mischung aus Naivität und Gutmütigkeit (James Stewart in einer Paraderolle) muss er in seinem Kaff Bedford Falls bleiben – und rettet dadurch die Stadt. Diese wiederum hilft ihm am Ende aus seiner Misere. Und sein Bruder Harry, der genau das erreicht hat, was er gerne wollte, nennt ihn am Ende den „reichsten Mann der Stadt“. Dabei wird der Lebensstil der beiden Brüder nicht gegeneinander ausgespielt. Harry wird seine reiche Verlobte heiraten und bleibt der gefeierte Kriegsheld.

Capra – bzw. Philip Van Doren Stern, der die Buchvorlage geschrieben hat – gibt eine Antwort auf die Frage nach dem, was wirklich wichtig ist im Leben: füreinander da sein und dort, wo man gerade ist, einen guten Job machen. Diese Erkenntnis deckt sich mit den Recherchen des Journalisten Sebastian Junger. Er vertritt „die These, dass für Menschen nichts so wichtig sei wie das Gefühl des Gebrauchtwerdens und des Eingebundenseins – und dass unsere moderne Gesellschaft in dieser Hinsicht völlig versage. Denn sie habe ‚die Kunst perfektioniert, den Menschen das Gefühl der Nutzlosigkeit zu geben'“. (Ulrich Schnabel, Sinn des Lebens, in: Die Zeit 1/2019, S. 35).

Dazu muss man nicht Pastor werden oder Ärztin. Eine befreundete Richterin dehnt die Gesetze so weit, dass sie den Menschen helfen. George Bailey gibt denen Kredit, die anderswo abgeblitzt wären. Ein Freund organisiert für ein afrikanisches Krankenhaus Geräte, die hier verschrottet worden wären. Eine Niendorferin lacht Menschen an, die ihr auf der Straße begegnen, einfach so.

Ulrich Schnabel gibt auch Tipps, wie man den Lebenssinn findet. Es gibt keinen allgemein gültigen Sinn, sagt er. Man muss schon seinen eigenen finden. Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, auch das Ziel zu erreichen. Wichtig ist, sich auf den Weg zu machen. Und: Sinn produziert nicht nur Glücksgefühle. Beispiel Kinder; Eltern wissen jetzt, was ich meine. Aber Sinn führt auf Dauer zu größerer Zufriedenheit, besserer Gesundheit und Stressbewältigung. Es lohnt sich also.

Wir können das nur bestätigen. Schon immer, aber besonders in den letzten Jahren haben wir erfahren, wie viel Lebensmut wir aus der Gemeinschaft schöpfen. Und wie gut es tut, füreinander da zu sein. Und so wünschen wir uns und euch, dass wir gemeinsam auf dem Weg bleiben, der uns Sinn gibt und Zufriedenheit, Gesundheit und vor allem das Zutrauen, dass wir die Herausforderungen des kommenden Jahres bewältigen.

________________________________
Beitragsbild: Bedford Falls, It’s officially Christmas Eve — „It’s a Wonderful Life“ movie is on TV, von Tom auf Flickr.
Bild im Text: Bedford Falls on Christmas Eve 1946. By Liberty Films – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20372871

Lichtblick der Woche

Zu sagen, dass Weihnachten unser „Lichtblick“ gewesen ist, wäre etwas untertrieben. Es war eine ganze Kette von Lichtblicken, die mit dem Waldsingen begann, sich über den Tannenbaumkauf im Gehege fortsetzte, dann kam das Weihnachtsoratorium im Michel, der kleine Lord mit der Familie, der Heilige Abend auch, danach der Gottesdienst, und schließlich zwei bestrahlungsfreie Tage.

Möge das weihnachtliche Licht noch lange leuchten, Euch und uns und der ganzen Welt.

____________________________
Johann S. Bach, Weihnachtsoratorium, 1. Teil, Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage, mit dem Thomanerchor Leipzig.
Beitragsbild: Pixabay

Geheimnis des Glaubens

„Geheimnis des Glaubens – deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ So sprechen die Katholiken, so sprechen wir auch manchmal zum Abendmahl. Geheimnisvoll ist schon dieser Satz – wie der Vers aus dem 1. Timotheusbrief, der ebenfalls vom Geheimnis des Glaubens spricht und Grundlage der Predigt in der Christmette in der Kirche am Markt in Niendorf war. Gemeinsam mit Daniel Birkner (seine Abschnitte sind kursiv gesetzt) konnte ich auf der Kanzel stehen.

Es ist ein Geheimnis um Weihnachten. So wie um unseren Glauben ein Geheimnis ist. Davon spricht ein Vers aus der Bibel. Paulus schreibt an Timotheus (Kapitel 3, Vers 16):

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens – Jesus Christus.
Er ist uns erschienen als Mensch
und freigesprochen worden im Geist.
Er wurde erkannt von den Engeln
und bekannt unter den Völkern.
Er wurde geglaubt in der Welt,
und aufgenommen in Herrlichkeit.

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens – Jesus Christus.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens. Groß ist das Geheimnis von Weihnachten. Wie auch immer die letzten Stunden gewesen sind – ob die Geschenke glücklich gemacht haben oder enttäuschend waren, ob das Zusammensein harmonisch war oder anstrengend, ob Sie Weihnachten eher als den Geburtstag Jesu Christi oder als Fest mit der Familie gefeiert haben – jetzt sind Sie hier, um noch einmal in besonderer Weise Weihnachten zu erleben, das Geheimnis von Weihnachten.

Natürlich gibt es diejenigen, für die Weihnachten eine einzige Enttäuschung ist und immer war. Sie fliehen die Lieder, das gedimmte Licht und die allzu oft vorgetäuschte Weihnachtsharmonie. Andere erwarten schon deshalb nichts von dieser Zeit, weil das Leben für sie keine Geheimnisse kennt – nur Rätsel, die man prinzipiell lösen kann.

Wir aber reden vom Geheimnis von Weihnachten: Dass Gott in die Welt kam, damals vor 2000 Jahren. Und was kam denn überhaupt in die Welt? Gott? Auch das – ein Geheimnis. Denn wir können Gott nicht fassen, nicht denken; und jeder, jede von uns hat zudem eigene Vorstellungen von dem Gott, an den wir glauben oder an den wir gerade nicht glauben. Gott ist der große Unbekannte, die Lebenskraft, das Leben an sich. Er ist der liebe Gott und verhindert doch nicht das ganze Leid auf dieser Welt. Er ist unberechenbar. Unfassbar. Unsichtbar.

Aber wir sagen: Er hat sich gezeigt. Er ist erschienen. In einem Menschen. Er wurde sichtbar und anfassbar. Damals in Bethlehem, in einem kleinen Kind. In Windeln gewickelt – und die hatte es nicht nur, damit es von den Hirten besser erkannt wurde. Die hat es gebraucht. Denn Gott wurde ein normaler Mensch – wie du und ich.

Das Geheimnis von Weihnachten: Der unfassbare, allmächtige Gott offenbart sich in einem Kind. Ein einfaches Kind. Das soll der Erlöser sein. Später werden auch viele Wunderlegenden von dem Kind erzählt. Aber Lukas erzählt von einem einfachen Kind in Windeln.  

Gott wird anfassbar, sagst du. Gott wird sichtbar. Aber das muss ich erst einmal glauben. Denn ich habe dieses Kind weder angefasst, noch gesehen. Aber – ich glaube es. Ich glaube, dass in Jesus von Nazareth das Göttliche in einer Weise Gestalt annahm, dass wir Menschen darin wahrnehmen können, welch Göttlichkeit auch auf uns liegt, welch Göttlichkeit auf dieser Welt liegt. Ich glaube das. Aber das ist ein weiteres Geheimnis. Geheimnis des Glaubens. Woher kommt das? Es ist ja, als ob noch immer Wellen von diesem Kind in der Krippe ausgingen, und von dem, was Jesus dann lebte und lehrte. Das hat mich schon in meiner Jugend, als mir christlicher  Glaube noch fremd war, dennoch fasziniert: da gab es vor 2000 Jahren einen Menschen und noch heute richten Menschen ihr Herz und ihre Taten nach ihm aus.  So, als ob er durch Jahrtausende hindurch greifen und Herzen berühren kann; meins hat er dann auch erreicht. Dorothee Sölle hat es für mich auf den Punkt gebracht. Sie hat einmal den schönen Satz gesagt: „am ende der suche nach der frage nach gott steht keine antwort sondern eine umarmung.“

Ich habe viel über den Glauben nachgedacht, aber seine Wurzel hat er nicht im Kopf, sondern im Herz. Wie im Einzelnen mein Glaube entstanden ist, ist kaum zu beschreiben. Geheimnis des Glaubens. Was ich empfinde ist: Glauben zu können ist ein Geschenk.

Und du sagst es, Daniel: Mit dem Glauben ist es so eine Sache. Die einen können’s, die anderen nicht. Erstere haben es sicher einfacher in der Kirche, die anderen müssen sich ein wenig mehr anstrengen. Aber vielleicht gelingt es ja, wenigstens für heute Abend, für diesen Gottesdienst. Stellen wir uns doch einfach vor, dass Gott oder, wie du auch sagst, das Göttliche in einem Kind erschienen ist. Durch Jesus wird der unfassbare Gott fassbar. Gott kommt uns nahe. „Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werden könne“, sagte schon  im 2. Jahrhundert der Kirchenvater Irenäus. Das klingt für unsere protestantischen Ohren ungewohnt, ja vermessen. Wenn wir sagen: „Der Mensch spielt Gott“, so meinen wir: Er spielt sich auf zum Herrn über Leben und Tod. Fühlt sich allmächtig – und zerstört damit die Grundlagen unseres Lebens. Genau das Gegenteil aber ist gemeint. Wenn wir Gott – oder göttlich – werden, dann heißt das: Wir verwirklichen in unserem Leben den Willen Gottes. Und der Wille Gottes ist, dass allen Menschen geholfen werde. Auch uns selbst.

Deshalb hat Gott nicht die eine allgemeine Botschaft für alle. Denn wir brauchen, wenn uns geholfen werden soll, durchaus unterschiedliche Hilfen, weil wir verschieden sind. Und wir gehen, wenn wir den Willen Gottes tun, auch unterschiedliche Wege. Als Christinnen und Christen sagen wir: Diesen Weg gehen wir am besten in der Nachfolge Jesu. Denn in ihm sehen wir, wer wir eigentlich sein sollen. Deshalb gibt es auch so viele unterschiedliche Geschichten von Jesus – weil wir Menschen so unterschiedlich sind.

„Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werden könne“, sagt Irenäus. Ich stelle dem ein verwandtes Wort zur Seite: „Mach es wie Gott – werde Mensch.“

Wir sagen manchmal: „Was der gemacht hat, war echt unmenschlich.“ Oder umgekehrt: „Man sollte menschlich miteinander umgehen.“ Wenn wir das so sagen, haben wir ein hohes Ideal des Menschen vor Augen. Wir haben ein Bild vor Augen – vom wahren Menschen. Wir wissen alle, was es bedeutet. Wir tragen dieses Bild in uns. Ein Bild der Liebe und Nächstenliebe. Es ist in gewisser Weise das Bild, das Jesus verkörpert. Würden wir alle mit solcher Liebe, gepaart mit Achtung und Respekt seinem Beispiel folgen, wären viele Veränderungen zum Guten möglich. Menschlich sein – göttlich sein: Jesus spiegelt uns beides – das Göttliche und das Menschliche. Und auch die Abgründe des Menschseins.

Für dich ist Jesus ein Bild der Liebe. Das ist er für mich auch. Noch mehr aber bewundere ich an ihm, wie er seinen eigenen Weg gegangen ist: den Weg der Gewaltlosigkeit. Er hat nach dem Guten gesucht, in der Welt, in den Menschen und auch in Gott. Er hat sich nicht beirren lassen, weder von seinen Anhängern noch von seinen Gegnern. Er strebte nicht nach Macht und Reichtum und war sich bewusst, dass ihn sein Weg ins Leiden und schließlich in den Tod führen könnte. Und so ist es ja schließlich auch gekommen. Er setzte sich für die Menschen ein, und er hat immer wieder gepredigt: Glaubt daran, dass Gott es gut mit euch meint. Glaubt an das Gute im Leben und in Gott. Und ich glaube, dass Jesus ein wirklich freier Mensch war.

Daniel: So heißt es – etwas geheimnisvoll – ja auch in unserem Hymnus: Freigesprochen im Geist. Freispruch – das klingt immer nach Gerichtsverhandlung. Aber es geht hier um eine andere Freiheit. Es geht um eine Freiheit von Zwängen. Um die Freiheit vom zwanghaften Gefühl: erst wenn ich etwas geleistet habe, habe ich es verdient geliebt zu werden. Jesus weiß sich uneingeschränkt geliebt von Gott und lebt aus dieser Liebe.

Wir müssen nichts vorweisen, wir müssen nichts leisten und werden umarmt. Das ist der Freispruch im Geist – wir sind frei – von der Last der Selbstrechtfertigung. Glauben heißt: loszulassen von dem Zwang, etwas vorweisen zu wollen und darauf zu vertrauen: Du bist geliebt. „Lass los von der Vorstellung, etwas dafür leisten zu müssen!“ Gott liebt! Punkt. In den Krippenspielen wollen die Hirten dem Kind gerne etwas mitbringen. Lukas erzählt davon nichts. Sie haben nichts und brauchen nichts mitzubringen – und doch sind sie die, die Gott als erstes anspricht. „Euch ist heute der Heiland geboren!“

Und dass in Jesus Gott selbst auf die Erde gekommen ist, können wir nicht beweisen oder erklären. Alles, was wir sehen, ist ein normales Kind. Wir können es aber leben und erleben. Wir können es bekennen und davon singen, wie die ersten Christinnen und Christen den Timotheus-Hymnus:

Groß ist das Geheimnis unseres Glaubens – Jesus Christus.
Er ist uns erschienen als Mensch
und freigesprochen worden im Geist.
Er wurde erkannt von den Engeln
und bekannt unter den Völkern.
Er wurde geglaubt in der Welt,
und aufgenommen in Herrlichkeit.

So haben sie gesungen, weil sie in Jesus ihr eigenes Leben wiedergefunden haben. Und weil sie gespürt haben, wie das Göttliche sie berührt hat. So singen wir auch jedes Jahr wieder zu Weihnachten, weil wir zumindest etwas ahnen von dem Geheimnis unseres Glaubens, dass Gott in die Welt, zu den Menschen, zu uns gekommen ist: Himmlische Heere jauchzen dir Ehre. Freue dich, o Christenheit.

Amen.