Blick nach vorn

In sechs Wochen beginnen die Exerzitien 2. Teil. Und Pfr. Mückstein fragte an, was mich im Blick auf diese Zeit beschäftigt – für mich eine Gelegenheit zur Standortbestimmung. Ich schrieb ihm:

Lieber Herr Pfr. Mückstein,

die kürzeste Formulierung zu meinem Zustand ist: den Umständen entsprechend gut. Körperlich bin ich durch die OPs und Therapien der letzten Monate geschwächt. Aber ich bin aktiv und kann prinzipiell alles machen, was ich will – mit Einschränkungen natürlich. Der Krebs ist weiterhin aktiv. Zurzeit rücken wir ihm mit Bestrahlungen auf den Leib. Diese Auseinandersetzung wird voraussichtlich lebensbegleitend werden. Die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs ist, medizinisch gesehen, sehr hoch. Offen ist der Zeitpunkt – aber auch, ob er überhaupt stattfindet.

Die Exerzitien bedeuten in diesem Zusammenhang zunächst einmal: Ich plane. Ich gehe davon aus, dass ich nach Bingen kommen werde. Und das heißt: Die Krankheit bestimmt nicht meine Vorstellung von der Zukunft.

Inhaltlich ist bemerkenswert, was Sie schon damals im Krankenhaus in Mainz angesprochen haben: Die beiden ausstehenden „Wochen“ der Exerzitien – Kreuz und Auferstehung – haben durch die Ereignisse noch einmal eine ganz besondere lebensgeschichtliche Bedeutung gewonnen. Ich habe auch beobachtet, dass mein Blick auf Glauben und Gott verändert wurde. Nicht unbedingt anders, aber vielleicht geschärft. Oder auch durch die Krise kritischer. Stichworte der letzten Monate waren u.a.: Die Kraft des Glaubens. Der dunkle Gott. Die Nähe des Todes. Die Schönheit des Lebens. Familie und Freunde. Umbruch und Aufbruch.

Exerzitien bedeuten auch: sich Zeit nehmen. In Mainz wusste ich nicht, ob ich Hamburg noch einmal wiedersehe. Die Zeit war extrem begrenzt. Oder auch: Ich hatte keine Zeit mehr. Und auch heute ist die Frage: was fange ich mit der Zeit an, die mir – noch – gegeben ist? In der Zeit der Exerzitien verzichte ich auf Familie, Freunde, Arbeit – Inhalte, die meine Zeit sinnvoll machen. Insofern gönne ich mir den Luxus, mit einem Gut zu wuchern, das für mich extrem teuer geworden ist: eben der Zeit.

Vielleicht soviel erst einmal.

Herzliche Grüße, auch an das gesamte Team

Erik Thiesen

Im Marmorpalast

Aus aktuellem Anlass

„Hallo, darf ich mich vorstellen? Wir sind gerade im ersten Stock eingezogen“, sagte Ute vor ein paar Tagen zu einer Nachbarin. „Ach, im Marmorpalast“, antwortete diese. Marmorpalast. Da denke ich vielleicht an Hadrians Villa oder das Tadsch Mahal. Damit hat unsere neue Wohnung nun so gar nichts zu tun. Obwohl – etwas Besonderes ist sie schon. Nicht nur dass sie in unmittelbarer Nähe zum Tibarg liegt. Sie ist interessant Schwarze Fliesen1geschnitten, und in zwei Zimmern und dem Flur haben die Vormieter glänzende schwarze Fliesen verlegt. Zum Marmor fehlt allerdings noch einiges. Aber vielleicht habt Ihr ja Lust, es Euch selbst anzuschauen? Herzlich willkommen!

Vor zwei Wochen also stand der Möbelwagen vor dem Pastorat in der Promenadenstraße. Und seltsam: Obwohl wir dort über ein Vierteljahrhundert gewohnt haben, unsere Kinder groß geworden sind und wir in diesem Haus wirklich zuhause waren – es ist Vergangenheit. Noch ist in der neuen Wohnung alles zu ungewohnt, noch hat nicht alles seinen Platz gefunden, aber wir sind an diesem Ort schon angekommen. Wir haben nur die Räume gewechselt.

Von hier aus arbeiten wir weiter am Ziel „Kill the cancer“. Seit einer Woche unterziehe ich mich einer Bestrahlung; die Hälfte ist geschafft. Und ob es jetzt diese Therapie ist oder der Umzug oder beides – momentan kostet es doch ziemlich viel Kraft. Wir hoffen, dass es ab nächster Woche wieder etwas entspannter wird.

Und: Inzwischen ist auch die Evangelische Zeitung auf diesen Blog aufmerksam geworden. Catharina Volkert hat nach einem sehr ausführlichen Interview mit uns einen Artikel geschrieben. Ich stelle ihn mit ihrer freundlichen Genehmigung unter den „Gastbeiträgen“ zur Verfügung.

Raum-Wechsel

Vor einigen Tagen musste ein Freund von seiner Mutter Abschied nehmen. Er schrieb: Was ihn getröstet habe, sei das Bild, dass wir nicht weggehen, sondern nur den Raum wechseln. Er bezog diesen Gedanken auf seine Mutter wie auf unsere Situation.

Dahinter steht der Gedanke, dass wir in allen Wechselfällen des Lebens und selbst im Tod uns selbst nicht verlieren. Nicht unsere Umgebung macht uns aus. Der Freund schrieb: „Das, was wirklich wichtig ist, habt Ihr in Euren Herzen.“ Und bei aller Skepsis, allen Zweifeln und aller Unsicherheit – wir spüren einen Grund, der uns durchträgt.

Genau diese Erfahrung haben wir jetzt auch gemacht. Wir sind umgezogen. Wir haben die Räume verlassen, die uns 26 Jahre lang beherbergt haben, die unser Zuhause waren. Und zum Schluss bin ich noch einmal durch alle Räume gegangen: die, in denen unsere Kinder aufwuchsen, in denen wir gemeinsam gelebt, geredet, geliebt und gestritten haben. In denen Freunde und Bekannte zu Besuch waren, Tauf- und Traugespräche geführt und Predigten geschrieben wurden. Ich bin durch den Garten gegangen, und er zeigte sich noch einmal in seiner ganzen Pracht. Und mir wurde bewusst: Es waren nicht die Räume, an denen ich hing. Viel wichtiger waren mir die Erinnerungen an Begegnungen und Erlebnisse: Feste wie die beiden im letzten Jahr: Das „Engelfest“ nach der ersten OP und das „Silberfest“ zum 25-jährigen Gemeindejubiläum. Oder die drei Konfirmationen der Kinder. Ostereiersuchen. Grillen mit Familie und Freunden. Es sind die Menschen, die die Räume wichtig und bedeutsam machten.

Garten1

Und all das verlieren wir ja grundsätzlich nicht. Wir hoffen, auch in den neuen Räumen Menschen begrüßen zu können, zu feiern und zu reden. Ideen zu entwickeln und zu verwirklichen soweit es die Umstände zulassen.

Und wenn wir keine Zeit mehr dazu haben sollten? Wenn wir den irdischen Raum verlassen und uns trennen müssen? Ich weiß es nicht. Es wird mit Sicherheit hart.

Bis dahin möchten wir die Zeit nutzen. Hier, auf der Erde. Denn bis zum Beweis des Gegenteils glaube ich mit Christoph Schlingensief: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“

Zum Markt 1

Bilder vom Straßenschild „Zum Markt“, dem Garten des Pastorats in der Promenadenstraße und dem Haus „Zum Markt 1“ von (c) Erik Thiesen

Strahlende Aussichten

Aus aktuellem Anlass

Es kommt doch darauf an, wie jemand die Botschaft vermittelt. Auch die Strahlenexpertin Prof. Petersen hatte uns keine neuen Erkenntnisse zu berichten. Aber sie meinte, dass der Lymphknoten an der Lungenwurzel gut zu bestrahlen sei. Schwieriger einzuschätzen allerdings sei die Lage im Rücken: Kommen die Auffälligkeiten nun vom Krebs oder sind sie Nachwirkungen der großen OP im vergangenen August? Zur Sicherheit wird auch dort nachbestrahlt, damit sich keine weiteren Zellen verteilen.

Die Bestrahlung wird dann kurz nach dem Umzug beginnen. Eine aufregende Zeit liegt vor uns. Aber das kennen wir ja eigentlich schon.

Und nun noch ein Hinweis zum Blog: Im Beitrag von der Schönheit Gottes habe ich auf die Pfingstpredigt vom vergangenen Jahr hingewiesen. Die habe ich nun unter „Geschichten“ eingestellt.

(Keine) Neuigkeiten

Medizinische Diagnose: „Links hilärer Lymphknoten mit 1,9 cm im Durchmesser.“ Das heißt auf deutsch: Ein böses Mistding irgendwo an der Lungenwurzel (dass es sowas überhaupt gibt, war uns auch neu), nicht wirklich zu operieren. Ob Bestrahlung möglich und sinnvoll ist, wird in einer Woche entschieden. Gestern haben wir uns schon mal die „Beipackzettel“ einer Chemo- und – für einen Halstumor noch unausgereiften – Immuntherapie angehört und fragten uns danach, ob wir das so genau wissen wollten. Das war zumindest nichts für die gute Laune.

Eigentlich war es aber auch nichts Neues. Seit August letzten Jahres wissen wir schon, dass der Tumor streut. Noch bekommen wir es mit der Therapie irgendwie lokal hin, aber irgendwann werden die großen Geschütze aufgefahren werden müssen. Wäre die Krankheit 2 bis 5 Jahre später ausgebrochen, hätten wir vermutlich richtig von der Immunforschung profitieren können. Jetzt können wir mit Glück in eine Studie hineinkommen.

Es ist ein seltsames Leben: Auf der einen Seite diese Krankheit mit allen Begleiterscheinungen, auf der anderen soviel Glück miteinander, mit der Familie und den Freunden, der Gemeinde, dem Beruf.

Und auch mit diesem Blog erleben wir immer wieder kleine und größere Glücksmomente. Übrigens ist kürzlich ein Artikel darüber im „Forum“ erschienen, dem Mitteilungsblatt für Mitarbeitende des Kirchenkreises HH-West-Südholstein. Ihr findet ihn unter den „Gastbeiträgen“ in diesem Blog.

Wir können uns nur immer wieder bedanken für all diesen Zuspruch.

Beitragsbild: Lymphknoten. Quelle: http://www.flickr.com/photos/euthman/3113417731/.
Autor: Ed Uthman, MD. Lizenz siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Vorlage:Bild-CC-by-sa/2.0/de

Sisyphos

Es war ein Tiefschlag, wieder einmal. So sehr hatten wir gehofft, dass wir diesmal eine gute Nachricht bekämen. Dass wenigstens für ein paar Monate so etwas wie Normalität einkehren würde. Dass die Krankheit ein wenig mehr in den Hintergrund treten könnte. Stattdessen eine weitere Metastase, fast 2 cm groß, voraussichtlich nicht sinnvoll zu operieren. Das bedeutet Chemo oder Immuntherapie mit ungewissem Ausgang, und die Lebenserwartung ist wieder um ein gutes Stück geschrumpft.

Gerade hatten wir wieder so etwas wie Hoffnung geschöpft. Die Blogbeiträge atmeten etwas von Vertrauen und Zukunft und Licht. Nun geht es wieder von vorne los. Ich höre wieder Leonard Cohen, „You want it darker“. Und wieder singe ich mit ihm, sehnsuchtsvoll und traurig: „I wish there was a treaty we could sign.“ Wie im Januar. Einen Monat später stellten wir eine Kerze auf mit der Aufschrift: „Es geht aufwärts“ und schrieben dazu: Gerade auch nach Rückschlägen.

Das stimmt. Doch es ist wie bei Sisyphos: Der Stein, den er gerade den Berg hinaufgerollt hat, rollt unweigerlich wieder herunter. Und er muss von vorn anfangen. Das macht nicht nur müde, es erschöpft auch. Die Kräfte werden mit den Monaten und Jahren ja weniger. Und die Gefahr wächst, dass der Stein, der den Berg herunterrollt, Sisyphos selbst erschlägt.

Der Schriftsteller und Existentialist Albert Camus hat diesen alten griechischen Mythos aufgenommen. So absurd ist die Situation des Menschen, meint er: Er sucht den Sinn in einer Welt, die keinen Sinn macht. Aber wenn man diese Situation annimmt und den Stein zur eigenen Sache macht, dann wird man frei. Dann kann man sich „Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“. „Was bleibt, ist ein Schicksal, bei dem allein das Ende fatal ist.“ (aus: Der Mythos des Sisyphos)

Leonard Cohen scheint selbst das Ende angenommen zu haben. „I’m leaving the table“, singt er. Und so, wie er es singt, klingt es gut. Etwa so, wie es in der Bibel von Abraham, Hiob & Co gesagt wird: „Er starb alt und lebenssatt und wurde versammelt zu seinen Vorfahren.“

Soweit aber bin ich noch lange nicht. Auch wenn der Tod durchaus wieder in Sichtweite gekommen ist. Und auch wenn ich mir sogar vorstellen kann, mich einmal von der Arbeit zu verabschieden –  noch sind nicht alle Gespräche geführt. Noch soll so mancher Spaziergang getan und manches Glas Wein geleert werden. Vor allem aber: Ich habe einmal versprochen, meine Frau nie allein zu lassen, weder in guten noch in bösen Tagen. Gut, wir haben damals bewusst gesagt: … bis der Tod uns scheidet. Aber es war nie die Rede davon, dass es so früh geschehen könnte. I’m NOT leaving the table. Not yet.

Beitragsbild: Tizian, Sisyphos. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3860214

Nachuntersuchung

Liebe Freundinnen und Freunde,

das Ergebnis der Nachsorge heute Vormittag war nicht gut. Es ist ein großer neuer Herd gefunden worden. Im Moment wissen wir noch nicht so recht, was es bedeutet und wie wir damit umgehen können.

Wir danken allen, die mit uns gebetet und gehofft und uns in Gedanken begleitet haben und bitten Euch um etwas Geduld, bis wir uns wieder melden.

Erik und Ute