Von menschlicher und göttlicher Weisheit

Predigt am 14. Januar 2018, am 2. Sonntag nach Epiphanias, in der Kirche am Markt in Niendorf

Predigttext: 1. Korinther 2, 1-10

Liebe Gemeinde!

Vor 30 Jahren dauerte es noch sechs Jahre, bis sich das Wissen der Menschheit verdoppelt hatte. Heute schaffen wir es innerhalb eines Jahres. Vor 30 Jahren habe ich noch ordnerweise Zeitungsartikel gesammelt – man konnte ja nie genug Informationen haben. Heute trage ich mit meinem Smartphone ganze Bibliotheken mit mir herum. Mein Problem ist es nicht mehr, Informationen zu bekommen, sondern diese Informationen zu sortieren, zu bewerten und für mich nutzbar zu machen: Was ist wichtig, was unwichtig? Was ist richtig, was ist falsch? Und vor allem: Was nützt mir, was nützt uns zu einem besseren Leben?

Wir alle profitieren vom Wissen: Aberglaube und irrationale Ängste bedrängen uns nicht mehr so wie Menschen früherer Zeiten. Der technische Fortschritt hat das Leben bequemer und angenehmer gemacht. Allerdings auch zur Atombombe geführt, zu Umweltverschmutzung, zu immer effektiveren Methoden, Kriege grausamer und überhaupt, sich das Leben schwer zu machen.

Was wir brauchen, ist nicht nur Wissen, sondern Weisheit. Ein weiser Mensch hat Wissen, aber auch Intuition, Verstand ebenso wie Gefühl. Er ist reif geworden im Lauf der Jahre und hat sich gleichzeitig seine Kindlichkeit bewahrt. Natürlich ist er klug, aber immer auch ein bisschen schräg und unvernünftig. Er ist realistisch und rechnet doch damit, dass es mehr gibt, als wir sehen können. Der weise Mensch vereint ein gesundes Selbstbewusstsein mit einer tiefen Demut, denn er muss sich nichts mehr beweisen. Und ja, ich würde gerne weise werden wollen.

Auch die Bibel schätzt die Weisheit übrigens sehr hoch. Mehrere Bücher des Alten Testamentes sind ihr gewidmet, wie die Sprüche oder der Prediger Salomo. Die griechische Philosophie trägt diese Hochachtung sogar in ihrem Namen: Die Freundin der Weisheit. Und das wohl einflussreichste religiöse System der Zeit des Paulus, die Gnosis, hatte einen eigenen Weisheitsmythos entwickelt: Die Weisheit erlöst den Menschen von seinen irdischen Bedingungen. Ja, Weisheit war und ist für alle ein erstrebenswertes Ziel.

Außer für Paulus selbst, offenbar. „Menschenweisheit“ sagt er zu allen diesen Gedanken und Erkenntnissen – und es mag offen bleiben, ob er damit die griechische Philosophie oder gnostische Lehren gemeint hat, die in der Gemeinde in Korinth unterwegs waren. Er setzt dem allen seine eigene Botschaft gegenüber – eine Weisheit, die von Gott kommt und die wir nur durch den Glauben erkennen.

Das hört sich sehr nach einem Trick an: Wer die Meinung des Paulus nicht teilt, hat eben auch nicht den richtigen Glauben und die höhere Erkenntnis, die von Gott kommt. Mit so jemandem kann man nicht vernünftig diskutieren. Andererseits: Mein Glaube beruht doch geradezu auf Aussagen und Zusagen, die nicht durch die Vernunft begründet werden. „Fürchte dich nicht“, sagen die Engel zu den Hirten. „Ihr seid das Licht der Welt“, so Jesus zu seinen Jüngern. „Gott spricht: Ich will mit dir sein“, zu Mose, mein absoluter Lieblingssatz. Und für Paulus ist es Jesus, der Gekreuzigte.

Und wer wollte bestreiten, dass die Botschaft von Kreuz und Auferstehung für uns Christen zentral ist? Dass Jesus gekreuzigt wurde, kann man vernünftigerweise noch nachvollziehen. Aber das mit der Auferstehung kommt schon in der Bibel eher als Geheimnis denn als Tatsache rüber. Und dass dieses Geschehen uns Menschen erlöst, als Vorbild dienen soll, zutiefst menschlich und zugleich göttlich ist, das ist wirklich nur noch zu glauben.

Ecce homo, sagt Pilatus über den gequälten Jesus, seht, welch ein Mensch. Er ist beschädigt. Die Performance ist schwach. Furcht und Zittern gehören dazu, Kraft und Weisheit sind verborgen. Theologen nennen es auch das Jerusalemer Menschenbild: Es sieht den Menschen in seinem Leiden.

Dem gegenüber steht das Athener Modell. Der ideale Mensch ist selbstbestimmt, stark, intelligent und belastbar  – mens sana in corpore sano, ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Wenn dann noch Reichtum und Schönheit dazu kommen, dann ist es perfekt. Im Grunde ist es das Ideal, das sich seit der Renaissance zumindest in Westeuropa ziemlich durchgesetzt hat.

Paulus dagegen zeigt auf Jesus: So wie er war, so sind wir. Guten Willlens zwar, aber oft schutzlos den Bedingungen dieser Welt und den Mächtigen ausgeliefert. Ecce homo, so ist der Mensch: Er scheitert. Er leidet. Er ist unscheinbar. Kein Sportlerass, kein Nobelpreisträger, kein musikalisches Wunderkind, normalerweise.

Und er führt sich dafür selbst als Beispiel an. „Ich bin zu euch gekommen“, schreibt er, „mit einem Gefühl der Schwäche und zitternd vor Angst. Ich setzte bei meiner Rede und Verkündigung nicht auf die Weisheit und ihre Fähigkeit zu überzeugen. Ihre Wirkung verdankte sich vielmehr dem Heiligen Geist und der Kraft Gottes.“

Nicht meine Fähigkeiten, sagt er, sondern Gott selbst, der durch mich gesprochen hat, hat euch überzeugt. Nehmen wir einmal an, dass solche Sätze nicht nur Rhetorik sind, sondern dass Paulus sie auch so meint – dann paart sich hier eine niedrige Meinung von sich selbst mit dem Anspruch, Gottes Wahrheit zu kennen: Ich selbst bin gar nichts, Gott ist alles. Nach meiner Erfahrung führt eine solche Haltung allerdings schnell zum Fundamentalismus.

Für uns wünsche ich mir viel mehr Selbstbewusstsein als es Paulus hier zur Schau trägt – aber auch eine viel größere Vorsicht gegenüber dem, was sich als Wahrheit Gottes ausgibt. Denn wir sind doch beides: stark und schwach, gut und böse, langsam und schnell, gesund und krank, einfach und kompliziert. Wir sind Leistungsträger und Mitläufer. Und manchmal sind wir es nacheinander und manchmal gleichzeitig, manchmal mehr, manchmal weniger. Wir planen unser Leben, steuern unseren Kurs, übernehmen selbstbewusst Verantwortung und brauchen gleichzeitig die Unterstützung und die Hilfe unserer Mitmenschen und sind darauf angewiesen, dass wir von guten Mächten wunderbar geborgen werden. Und – wir dürfen so sein.

In einer Gesellschaft, die so offensichtlich das Athener Modell lebt, brauchen wir eine Kirche, in der die Fußkranken und grauen Mäuse willkommen sind. Wir brauchen einen Ort, an dem wir zu unseren Schwächen stehen – aber dabei nicht stehen bleiben. Paulus schreibt: Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Denn der Geist der Furcht ist ausgetrieben, weil die größte Furcht gebannt ist: Die Furcht vor mir selbst. Die Furcht vor dem Scheitern, davor, übervorteilt zu werden, ausgenutzt, klein gemacht, ausgelacht. Denn ich weiß: Ich bin so, weil Gott mich so gemacht hat. Weil er mich so will. Und weil er noch viel mit mir vorhat.

Und plötzlich kann wachsen, was bisher verborgen war: Eine Gelassenheit, eine Furchtlosigkeit, eine Offenheit für die Menschen um uns herum. Wir bekommen Gottes Geist, den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Und wir erkennen: Eigentlich sind wir schon die ganze Zeit in der Liebe Gottes geborgen gewesen. Es war nur vor unseren Augen verborgen, so wie die Weisheit Gottes vor den Augen der Welt verborgen ist.

Doch der Geist Gottes öffnet uns die Augen – für unsere Schwäche, und damit für unsere Stärken; für die Welt, wie sie ist, und damit für die Welt, wie sie sein soll; für die anderen Menschen und damit für uns selbst – und für die Liebe Gottes, die uns umhüllt wie ein warmer Mantel im Hamburger Winter.

Amen.

Ein neues Jahr

An diesem Wochenende endet offiziell die Chemotherapie. Montag geht es in die PET/CT, und ein paar Tage später werden wir wissen, was sie gebracht hat. In Zukunft geht es dann in erster Linie darum, den Status zu halten. Die Hoffnung geht dahin, dass die Metastasen in den nächsten Jahren nicht größer werden. Dazu dient dann auch die „Erhaltungstherapie“ – alle 14 Tage bekomme ich weiterhin das Antikörpermedikament. Das wird die Haut wahrscheinlich weiter belasten. Aber mein Allgemeinzustand soll sich nun kontinuierlich verbessern.

Das neue Jahr kann also beginnen. Und es beginnt mit einem Gottesdienst. Übermorgen. Gemeinsam mit Daniel Birkner. Und Euch? Über den Bibeltext 1. Korinther 2, 1-10 – Von der menschlichen und der göttlichen Weisheit – haben wir uns schon im kleineren Kreis „Zwischen Himmel und Erde“ ausgetauscht. Wer das nächste Mal auch mitmachen will, meldet sich ganz einfach bei mir und bekommt das Passwort.

Ich freue mich aber in jedem Fall darauf, dass ich die Quarantäne der letzten Wochen in Zukunft deutlich lockern kann und die Chance steigt, dass wir uns (wieder) persönlich begegnen. Am Sonntag allerdings werde ich nach dem Gottesdienst noch nicht wieder an der Kirchentür stehen können.

Lichtblick der Woche

Manchmal wird ein fast normales Gespräch zum Lichtblick. Ein Gespräch, in dem eigentlich nichts Neues gesagt wird. Und das doch unerwartet ist und richtig gut tut. So wie Utes Besuch bei der Ärztin Frau Blank gestern. Eigentlich ging es um eine muskuläre Verspannung. Und dann fragte sie nach. Und dann fielen Sätze wie: „Was in zwei Jahren passiert, kann Ihnen doch niemand sagen. Der Krebs muss doch nicht wiederkommen. Bis dahin ist in der Forschung doch wieder so einiges passiert.“ Und auch wenn wir wissen, dass sie auch nicht mehr weiß als wir – wenn das eine Ärztin sagt…

Und dann persönlich: „Sie machen das ganz großartig zusammen, Sie sind doch so dicht. Und was auch immer Sie irgendwann entscheiden, es wird immer eine gemeinsame Entscheidung sein und es wird sich richtig anfühlen, wo immer die Reise hingeht. Und das kennen Sie doch selber, dass man durch ein tiefes Tal geht und es dann wieder heller wird.“

Ja, wir wissen es. Aber im Tal ist es gut und manchmal nötig, wenn da jemand ist, der einen antippt und auf das Licht hinweist.

Sich begegnen

Projekt „neu anfangen“ – das ist für mich mehr als der Beginn meiner beruflichen Laufbahn, mehr auch als eine groß angelegte Werbeaktion der Kirche. Das Projekt zeigt, wie Kirche auch sein sollte – und sein könnte: Sie geht auf die Menschen zu. Sie möchte ihnen begegnen. Sie möchte nicht belehren, sondern über den Glauben ins Gespräch kommen. Sie wendet sich nicht nur an Kirchenmitglieder, sondern an alle Menschen. Sie aktiviert und übt das Sprechen über den Glauben ein. Und: Sie begeistert.

Eine meiner Aufgaben damals war, Gemeinden vom Mitmachen zu überzeugen. Und ich konnte nicht wirklich verstehen, warum sich einige dagegen entschieden.

Am Ende aber waren es 33 Gemeinden, davon 21 lutherische, 6 katholische und 6 freikirchliche rund um die Alster bis nach Fuhlsbüttel im Norden. 1.200 Mitarbeitende riefen 90.000 Menschen an und schenkten 28.000 von ihnen das Taschenbuch „Sich begegnen“. Schließlich kamen 2.800 Interessierte in 400 Gesprächsrunden zusammen, um über den Glauben zu reden, von denen 160 Runden über die Aktion hinaus Bestand hatten.

Aber bis dahin war es ein weiter Weg. Nicht nur die Gemeinden, sondern vor allem Freiwillige mussten gefunden werden, die in den vorbereitenden Ausschüssen und Arbeitsgruppen mitmachten.

Da war die Technik und Organisation: Die Adressen mussten einzeln aus dem Hamburger Telefonbuch abgeschrieben und in digitale Form gebracht werden. Dann wurden sie mit der Straßenliste der Kirche sortiert und in die entsprechenden Gemeinden verteilt. Dazu lief der Privat-Atari (für die Jüngeren: der beste PC ever) der Familie Baur tage- und nächtelang. Dann wurden in den Gemeindezentren Callcenter auf Zeit eingerichtet. Die Finanzierung musste gesichert und der Datenschutz abgeklärt werden.

Oder die Öffentlichkeitsarbeit: Während der Aktionsphase wurde nicht nur in Gemeindebriefen und regionalen Zeitungen informiert. Die überregionale Presse, Funk und Fernsehen berichteten, riesige Werbetafeln wurden aufgestellt, und Busse fuhren auf ausgewählten Linien mit dem Logo von „neu anfangen“ durch die Stadt. Vor dem ersten Telefonat sollten möglichst viele Hamburger davon gehört haben. NA Redaktion

Der für mich wichtigste Ausschuss war derjenige, der das Taschenbuch erarbeitete – obwohl ich mit ihm direkt kaum etwas zu tun hatte. Es lag eher am Redaktionsteam. Genauer: An einer Person dieses Teams…

na-taschenbuch2.jpgZu den Autoren, die für das Taschenbuch gewonnen werden konnten, gehörten bekannte Persönlichkeiten ebenso wie Menschen aus der Region, eine bunte Mischung.

Und schließlich mussten die Mitarbeitenden motiviert und trainiert werden. Dazu wurden die Seminare des Gemeindedienstes (Cursillo, „Dimensionen des Gebets“ u.a.) ebenso genutzt wie die Angebote der Gemeinden und übergemeindlichen Einrichtungen.

Und dann wurden alle Mitarbeitenden zu einer Kreuzfahrt auf der Elbe eingeladen – einmal von Hamburg nach Glückstadt und zurück. Die Organisation war für mich etwas aufwändiger. „Nach der Kreuzfahrt“ ist für Ute und mich zum Synonym geworden für: Dann werden wir wieder mehr Zeit füreinander haben.

Nach der ganzen Vorbereitung war die „heiße Phase“ mit Telefonieren, Taschenbücher verschenken und Gesprächsgruppen für mich dann fast schon entspannt. Anschließend musste dann die Nacharbeit geleistet werden: Statistische Auswertung und Überlegungen zur Weiterarbeit in den Gemeinden.

St. Martinus, eine der beiden Eppendorfer Gemeinden, sollte ich dann noch genauer kennenlernen.

 

 

Kleinwaabs

Nach dem Jahr beim Gemeindedienst wusste ich: Das ist meine Welt. Kirchlich, spirituell, theologisch. Aber noch war ich ja in der Ausbildung. Und darum hatte ich vor, in weitere Welten einzutauchen.

Deshalb bewarb ich mich um die Vikariatsstelle in Kleinwaabs. Pastor Ove Hansen Berg war ein Vertreter der Pastoralpsychologie. Sie reflektiert, entwickelt und erforscht die Verbindung von Theologie und Psychologie. Nun habe ich mich schon während des gesamten Studiums für die Psychologie interessiert. Trotzdem wurde ich nicht recht warm mit ihr. Denn ich hatte den Eindruck, dass in ihr die Theologie in die Psychologie aufging. Sie berücksichtigte zu wenig meine spirituelle Seite. Das zeigte sich dann auch in den Reflexionen mit Hendrik van Sluijs, bei dem ich den 6-wöchigen Kurs in der Klinischen Seelsorgeausbildung absolvierte.

Aber als Gesprächstechnik finde ich die Pastoralpsychologie bis heute unverzichtbar. Und ich habe ohne Zweifel viel von ihr gelernt.

Zunächst aber hieß Vikariat in Waabs: Umzug von der Stadt aufs Land. In eine richtige Dorfgemeinde. Waabs liegt an der Ostsee und profitiert vom Tourismus. Und das bedeutete auch eine gute Infrastruktur: zwei Kneipen, zwei Einkaufsläden, Bäcker, Polizei, Schule und, natürlich, Kirche. Der Küster war gleichzeitig Kuhlengräber (Beerdigungsinstitut) und Blumenhändler – auch klassisch. Die Grenzen der Kirchengemeinde entsprachen denen der Bürgergemeinde. Bei Besuchen zu 80. Geburtstagen traf ich oft die halbe Gemeinde. Eine Beerdigung dauerte immer den ganzen Nachmittag (eine Stunde Gottesdienst und Aussegnung, vier Stunden Beerdigungskaffee). Aus der Schule, dem Konfirmandenunterricht und der „Teestube“, die ich damals im Gemeindehaus betrieb, kannte ich praktisch die Waabser Jugend. Und als ich ein „Jugendbegegnungszentrum“ eröffnen wollte, steuerten Pastor und Bürgermeister einen Betrag aus ihren Kassen bei, der Campingplatzbesitzer spendete einen ausrangierten Wohnwagen, und ein Bauer hatte noch einen freien Platz hinter der Hauskoppel – fertig.

Die Kirchenvorstandssitzungen waren unter der Leitung des Patrons – des Besitzers des größten Guts der Gemeinde, Ludwigsburg – zügig zu Ende. Wahrscheinlich auch deshalb, weil viele TOPs vorher schon überm Gartenzaun verhandelt worden waren.

Waabs WohnungIch wohnte in einer Ferienwohnung neben der „Mühle“, in der ich auch gerne beim Bier und ggf. ein paar Runden Kniffel den Kontakt zum Dorf pflegte.

Und im Sommer konnte ich über blühende Rapsfelder die Ostsee sehen.

Der Mühlenwirt brachte mir auch bei, mit offenen Augen durchs Waabs MühleDorf zu gehen. Einmal warf er mir vor, ihn nicht gegrüßt zu haben; er war im Auto an mir vorbeigefahren. Seitdem habe ich alles gegrüßt, was „RD“ als Kennzeichen besaß. Die Insassen habe ich ohnehin nie erkennen können.

Die Zeit in Waabs hielt aber nicht nur die idyllische Seite des Lebens für mich bereit. Am 17. Februar 1985 starb meine Mutter. Ein Unfall auf dem elterlichen Bauernhof. Das bedeutete für die folgenden Wochen: Ich war viel in Spannbrück, das nur eine halbe Stunde entfernt war. Die Trauerbesuche, die Organisation, die große Beerdigung in der kleinen Toestruper Kirche. Und mein Vater, der mich als Sohn, manchmal aber auch als Seelsorger in Anspruch nahm.

Darüber hinaus endete in der Zeit auch eine sehr intensive Beziehung – mir ging es damals eine ganze Zeit lang nicht wirklich gut.

In dieser Zeit sollte ich auch meine erste Predigt halten. Ich erbat vom Pastor eine Schonfrist, die er mir aber nicht gewährte. Er habe ein Problem mit meinem Problem, meinte er. Das war gut pastoralpsychologisch ausgedrückt („Ich-Botschaften senden!“). Mich machte es aber eher wütend. Und ich nahm mir daraufhin vor, nicht mehr um Hilfe zu bitten. Und tatsächlich schaffte ich die Predigt zum angekündigten Gottesdienst.

Waabs Kirche KanzelNun ja, nicht ganz unfallfrei. Auf der Treppe hoch zur Kanzel trat ich auf meinen Talar. Da ich es versäumte zurückzugehen, kam ich oben sehr gebückt an. Den ersten, den ich sah, war mein Bruder. Er hatte es gemerkt und feixte. Die Predigt war, denke ich, trotzdem ganz ok.

Ein paar Wochen vor dem 2. Examen bekam ich einen Anruf aus Hamburg. Propst Peters fragte an, ob ich im Leitungsteam des 3. Projekts „neu anfangen“ in HH-Mitte mitmachen wollte. Ich fühlte mich sehr geehrt – zumindest bis ich mitbekam, dass ich nicht der erste war, den sie gefragt hatten. Ich sagte zu. Und sollte es in mehrfacher Hinsicht nicht bereuen.

_________________________
Beitragsbild: Die St. Marienkirche in Kleinwaabs (by Pelz – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19778406)

Zeit für Mission

Dr. Otto Diehn. Wenige Menschen haben mich so beeindruckt wie der damalige Leiter des Nordelbischen Gemeindedienstes und Chef der Volksmission. Er war für mich der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Die Siebzigerjahre hatten ganz im Zeichen des gesellschaftspolitischen Aufbruchs in der Kirche gestanden: auf Kirchentagen wurde das Politische Nachtgebet entwickelt, Pastoren demonstrierten in Brokdorf im Talar, wir kämpften gegen die Apartheid in Südafrika und ließen uns von Ernesto Cardenals „Evangelium der Bauern von Solentiname“ inspirieren.

In den Achtzigerjahren dagegen trat ein Thema ins Rampenlicht, das eigentlich schon tot war: Mission. Die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) schlug auf Theologentagungen die Brücke zwischen landeskirchlicher und evangelikaler Frömmigkeit, missionarische Konzepte wie „Überschaubare Gemeinde“ wurden entwickelt oder aus den USA importiert (Willow Creek), das Gemeindekolleg in Celle wurde zum Multiplikator von Glaubenskursen wie „Wort und Antwort“ oder „Gottesdienst leben“, und die Nordelbische Synode diskutierte 1987 über „Mission vor der Haustür“. Und Otto Diehn mittendrin.

Er bot mir eine Stelle als Assistent an. Zunächst war ich vor allem für organisatorische Dinge wie den Büchertisch bei Seminaren zuständig, später übernahm ich auch inhaltliche Aufgaben. Allerdings war die Vergütung sehr schmal. Deshalb zog ich nach Volksdorf in die Gemeinde St. Gabriel. Dort konnte ich mit anderen Jugendlichen in der Küsterwohnung kostenfrei wohnen, und wir mussten dafür Dienste in der Gemeinde übernehmen.

In Volksdorf und bei der Volksmission lernte ich eine Frömmigkeit kennen, die mir gleichzeitig vertraut und doch auch sehr neu war. Schon von Heidelberg aus war ich einmal nach Burgund getrampt und hatte die Communauté de Taizé kennengelernt. In Volksdorf baute die Jugendarbeit darauf auf.

Der Pastor, Hermann Möller, war wie Otto Diehn Mitglied der „Ansverus-Bruderschaft„, und ich war seitdem oft und gerne im Ansverus-Haus in Aumühle. Ich lernte die Stundengebete mit den gesungenen Psalmen kennen und das meditative Schweigen, die altkirchlichen Wüstenväter und das orthodoxe Herzensgebet. Und ich entdeckte die irischen Segenssprüche, die damals noch gar nicht so bekannt waren.

In Diehns Arbeitszimmer stand nicht nur ein Schreibtisch, sondern auch eine Couch. Sie diente nicht nur seiner Entspannung, sondern förderte vor allem seine Kreativität. Hier entstanden zum Beispiel die Konzepte vom „Cursillo“ und dem Projekt „neu anfangen“.

Den „Cursillo“ (kleiner Kurs Glauben) hatte er sich von den Katholiken abgeschaut und auf norddeutsch-evangelische Verhältnisse verändert. Während aber im Original die Lehre eine größere Rolle spielte, setzte Diehn auf das Gespräch in Kleingruppen. Zum Team gehörten neben zwei Theologen fünf Laien. Die Gesprächseinstiege, Fährten genannt, sollten persönlich sein – woran sich die Theologen regelmäßig am wenigsten hielten. Deshalb war der Gesprächseinstieg unter ihrer Leitung auch eher mühsamer. Und in den Gruppen sollten sich die Teilnehmenden möglichst nicht kennen. Besonders dieser Grundsatz ermöglichte es, dass sie ungewöhnlich offen miteinander redeten.

Der Gottesdienst wurde „Den Sonntag begehen“ genannt: Eine Geschichte aus der Bibel wurde in Stationen aufgeteilt, die dann von Teamern an verschiedenen Orten in der Natur meditiert wurden, oft mit kreativen Elementen angereichert.

Unzählige Menschen haben durch den Cursillo einen neuen Zugang zum Glauben gefunden, unzählige persönliche Gespräche geführt. Allerdings: Man musste auch für diese Frömmigkeit eine gewisse Offenheit mitbringen.

https://i0.wp.com/www.ekggoenningen.de/na-farb.gif

Und dann das Projekt „neu anfangen“. Die Idee: Menschen auf den Glauben hin ansprechen. Nicht nur die Kirchenglieder, sondern alle, die einen Telefonanschluss besitzen. Damals war die Telefonwerbung noch nicht sehr verbreitet, dazu war der technische Aufwand einfach zu groß.

na-taschenbuch1.jpgDen Angerufenen wird ein Taschenbuch angeboten, in dem Menschen aus der Region von ihrem Glauben berichten. Dazu muss dieses Buch erst einmal erstellt werden. Und in einer weiteren Runde werden die Interessierten zu einem Gesprächskreis eingeladen.

Dazu müssen Mitarbeitende geschult werden, viele Mitarbeitende: Fürs Telefon, für die Gespräche, für die Logistik. Und die müssen erst einmal begeistert werden. Das konnte Otto Diehn. Er hatte mit Pastor Erich Meder und Propst Dietrich Peters zwei weitere Mitstreiter, die ebenso begeistern konnten. Trotzdem eine Herkulesaufgabe. Denn nicht nur protestantische Gemeinden sollten mitmachen, auch die katholischen und möglichst viele Freikirchen.

Es gelang. In einem Pilotprojekt in Hamburg-Nord, dann in Harburg, in Hamburgs Mitte und seitdem in über 40 Städten und Regionen in Deutschland. Mehr als 2 Millionen Menschen wurden erreicht. Zweifellos auch eine Erfolgsgeschichte.

Die Projekte haben ihre große Zeit gehabt. Doch was mich nicht loslässt: Otto Diehn hat Christinnen und Christen dazu befähigt, über ihren Glauben zu sprechen, ihn in der Öffentlichkeit zu bekennen. Dieses Ziel ist ohne Zweifel zeitlos, gerade in Zeiten von Social Media.

____________________
Dies ist ein Beitrag aus der Reihe „Wie ich wurde, was ich bin“ – die Jahre 1983/84. Alle Beiträge findet ihr in der „Themensuche“ auf der rechten Seite unter der entsprechenden Kategorie.
Etwas ausführlicher kann man sich hier über die Grundlagen des Cursillo informieren. Wer’s noch ausführlicher möchte – bitte melden.
Das Beitragsbild zeigt das heutige Logo der Volksmission (By Bertha 001 – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30503478)
Das Taschenbuch „Zeig uns den Weg“ ist der „Prototyp“ gewesen. Bekannte Persönlichkeiten wie der Schlagertexter Ernst Bader, Liedermacher Andreas Malessa, der Theologe Helmut Thielicke und Heinz Rühmann stehen neben „Menschen wie du und ich“ und erzählen von ihrem Glauben. Die Titel der Bücher zeigen auch die Richtung, in die sich das Projekt – zumindest in Hamburg – immer deutlicher bewegte: Von „Zeig uns den Weg“ über „Mitten auf dem Weg neu anfangen“ (Harburg) zu „Sich begegnen“ (HH-Mitte). So wie die Vorgängerprojekte von „Neu anfangen“ in Finnland und der Schweiz auch noch „Ich hab’s gefunden“ geheißen hatten.