Gemeinsam in der Not

Es gibt viele liebe Menschen, die an uns denken, und dafür sind wir unendlich dankbar. Aber wir sind beileibe nicht die einzigen, die eine schwere Zeit durchmachen. Und die ihre Situation in gute Worte fassen können. So bekamen wir gerade eine Mail von G., die für ihren Mann da sein muss:

Meinem Mann geht es wieder besser. Aber er hat an körperlicher und geistiger Kraft eingebüßt. Wieder eine Stufe tiefer. Ich weiß nicht, wie lang die Treppe ist, die nach unten führt. Und in welchen zeitlichen und gesundheitlichen Etappen solch eine Treppe gebaut ist. Den Erbauer kenne ich nicht. Nur den Begleiter. Er hält mich und uns an Seiner Hand fest.

Ausgestattet mit neuem Mut und Kraft für einen Tag gehen wir unseren Weg. Auch meine Haut ist dünner geworden. Meine Nerven, Geduld und Nachsicht werden ständig auf die Probe gestellt. Ob ich diese Art von Ausbildung oder Lehre letztlich schaffen werde, weiß ich nicht. Denn, so gerne ich lese und dazulerne – eine passende Lektüre gibt es nicht für diesen Lehrgang. Auf eine Prüfung kann ich mich ebenso wenig vorbereiten wie auf das Ende des Weges. Jeder Tag verläuft nämlich etwas anders als geplant und gewollt. Und wenn es nur an kleinen Dingen liegt.

G.M.

 

Dir, liebe G., wünschen wir ganz viel Kraft für Deine Aufgabe.

Sisyphos

Es war ein Tiefschlag, wieder einmal. So sehr hatten wir gehofft, dass wir diesmal eine gute Nachricht bekämen. Dass wenigstens für ein paar Monate so etwas wie Normalität einkehren würde. Dass die Krankheit ein wenig mehr in den Hintergrund treten könnte. Stattdessen eine weitere Metastase, fast 2 cm groß, voraussichtlich nicht sinnvoll zu operieren. Das bedeutet Chemo oder Immuntherapie mit ungewissem Ausgang, und die Lebenserwartung ist wieder um ein gutes Stück geschrumpft.

Gerade hatten wir wieder so etwas wie Hoffnung geschöpft. Die Blogbeiträge atmeten etwas von Vertrauen und Zukunft und Licht. Nun geht es wieder von vorne los. Ich höre wieder Leonard Cohen, „You want it darker“. Und wieder singe ich mit ihm, sehnsuchtsvoll und traurig: „I wish there was a treaty we could sign.“ Wie im Januar. Einen Monat später stellten wir eine Kerze auf mit der Aufschrift: „Es geht aufwärts“ und schrieben dazu: Gerade auch nach Rückschlägen.

Das stimmt. Doch es ist wie bei Sisyphos: Der Stein, den er gerade den Berg hinaufgerollt hat, rollt unweigerlich wieder herunter. Und er muss von vorn anfangen. Das macht nicht nur müde, es erschöpft auch. Die Kräfte werden mit den Monaten und Jahren ja weniger. Und die Gefahr wächst, dass der Stein, der den Berg herunterrollt, Sisyphos selbst erschlägt.

Der Schriftsteller und Existentialist Albert Camus hat diesen alten griechischen Mythos aufgenommen. So absurd ist die Situation des Menschen, meint er: Er sucht den Sinn in einer Welt, die keinen Sinn macht. Aber wenn man diese Situation annimmt und den Stein zur eigenen Sache macht, dann wird man frei. Dann kann man sich „Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“. „Was bleibt, ist ein Schicksal, bei dem allein das Ende fatal ist.“ (aus: Der Mythos des Sisyphos)

Leonard Cohen scheint selbst das Ende angenommen zu haben. „I’m leaving the table“, singt er. Und so, wie er es singt, klingt es gut. Etwa so, wie es in der Bibel von Abraham, Hiob & Co gesagt wird: „Er starb alt und lebenssatt und wurde versammelt zu seinen Vorfahren.“

Soweit aber bin ich noch lange nicht. Auch wenn der Tod durchaus wieder in Sichtweite gekommen ist. Und auch wenn ich mir sogar vorstellen kann, mich einmal von der Arbeit zu verabschieden –  noch sind nicht alle Gespräche geführt. Noch soll so mancher Spaziergang getan und manches Glas Wein geleert werden. Vor allem aber: Ich habe einmal versprochen, meine Frau nie allein zu lassen, weder in guten noch in bösen Tagen. Gut, wir haben damals bewusst gesagt: … bis der Tod uns scheidet. Aber es war nie die Rede davon, dass es so früh geschehen könnte. I’m NOT leaving the table. Not yet.

Beitragsbild: Tizian, Sisyphos. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3860214

Nachuntersuchung

Liebe Freundinnen und Freunde,

das Ergebnis der Nachsorge heute Vormittag war nicht gut. Es ist ein großer neuer Herd gefunden worden. Im Moment wissen wir noch nicht so recht, was es bedeutet und wie wir damit umgehen können.

Wir danken allen, die mit uns gebetet und gehofft und uns in Gedanken begleitet haben und bitten Euch um etwas Geduld, bis wir uns wieder melden.

Erik und Ute

Hilft mir der Glaube?

5. Teil der Reihe über die Exerzitien. Bingen, 19. Juli 2016
Die ersten vier Teile findest du hier, hier, hier und hier.

In der Bibel wird berichtet, dass Jesus Menschen geheilt hat. Danach sagt er zu manchen Geheilten: „Dein Glaube hat dir geholfen“. Während der Exerzitien wurden wir auch gefragt: Gab es Situationen, in denen dir dein Glaube geholfen hat? Die Antwort sollte mir nicht schwer fallen. Schon öfter haben mich Menschen darauf angesprochen: „Sie haben es gut, Herr Pastor. Sie haben einen Glauben, der Ihnen in schweren Situationen hilft.“

Leider ist es nicht ganz so einfach. Denn ich „habe“ keinen Glauben. Ja, ich habe Selbstvertrauen, das mir in manchen Situationen gute Dienste getan und eine gewisse Naivität, die mir schon manchmal geschadet hat. Ich habe einen Verstand, der mich Dinge erkennen lässt und ich habe manchmal Angst, die mich lähmt. Aber einen Glauben, den ich haben könnte, kann ich bei mir nicht so recht identifizieren. Zumindest fehlt mir der Glaube an einen Gott oder eine Heilige wie Aldegundis von Maubeuge, die meine Krankheit auf magische Weise heilen könnten. Ich vertraue dann doch eher auf die Ärzte, die mir schon nachweislich das Leben gerettet haben.

Und doch gibt es da etwas, das nicht recht zu fassen ist. Bei meinem Gespräch vor meiner ersten OP meinte der Chefarzt, nachdem er mir sein Vorgehen erklärt hatte: „Und das Übrige legen wir in höhere Hände.“ Ich dachte, er würde das sagen, weil ich Pastor bin. Deswegen meinte ich, dass ich schon auf seine ärztliche Kunst vertrauen würde. Aber er bekräftigte: „Wir sind nur die Ausführenden.“ Offensichtlich rechnete er mit einer höheren Macht. Und seltsam, diese Demut, die er zeigte, steigerte mein Vertrauen in ihn.

Auch die Mediziner erwarten nicht alles von der Schulmedizin. Ob Onkologinnen oder Chirurgen, Psychologen oder Vertreterinnen der Chinesischen Medizin, sie alle betonen: Es kommt ganz wesentlich auf die Einstellung an. Der Mediziner und Kabarettist Eckart von Hirschhausen preist die Wirkung von Placebos – Medikamenten, die keine Wirkstoffe enthalten. Ja, er meint sogar: Placebo ist gelebtes Christentum. Ich sehe da auch deutliche Parallelen zum Glauben.

In der Bibel steht: „Was ist denn der Glaube? Er ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessen, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge.“ (Hebräer 11,1, Neue Genfer Übersetzung) Ja, ich bin davon überzeugt, dass es diese unsichtbaren Dinge gibt. Und ich hoffe – auf eine gute Diagnose, auf das Glück meiner Familie, auf ein entspanntes Zusammenleben im Stadtteil und auf noch manch anderes. Aber rechne ich auch mit der Erfüllung? Manchmal habe ich dieses Zutrauen. Dann aber habe ich auch wieder das Gefühl, über sehr dünnes Eis zu gehen. Nein, diesen Glauben „habe“ ich nicht. Ich bitte aber darum.

Lichtblick der Woche

Tägliches Gleichgewicht

Dem Schmerz nicht weichen
Die Freude auskosten

Der Liebe entgegengehen
Dem Tod ins Auge sehen

Die Zukunft willkommen heißen
Das Vergangene bewahren

Das Kleine schätzen
Das Große nicht scheuen

Mutig reden
Tapfer schweigen

Mit Gott rechnen
Unberechenbar bleiben

 

Dieses Gedicht von Susanne Niemeyer (www.freudenwort.de) haben wir von Waltraud bekommen. Ein herzliches Dankeschön.

Passion. Auferstehung

„Es gibt nur eine Frage“, schreibt der Rabbiner Harold Kushner in seinem sehr lesenswerten Buch „Wenn guten Menschen Böses widerfährt“, „die wirkliches Gewicht hat: Warum widerfährt guten Menschen Böses? … Eigentlich jedes bedeutungsvolle Gespräch, das ich jemals über das Thema Gott und Religion führte, fing entweder mit dieser Frage an oder drehte sich bald um sie.“

In der Bibel gibt es zwei große Geschichten, die sich mit dieser Frage befassen. Die eine ist das Buch Hiob im Alten Testament. Und die andere die Passionsgeschichte Jesu im Neuen. Beide enden ähnlich. Hiob wie Jesus ergeben sich in ihr Schicksal. Hiob sagt, nach schier endlosen Diskussionen mit Freunden und mit Gott: „Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.“ (Hiob 42,6) Und Jesus sagt: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ (Lukas 23,46)

Und beide Geschichten haben ein Happy End. „Hiob lebte danach 140 Jahre und … starb alt und lebenssatt.“ (Hiob 42,16-17) Und Jesus ist auferstanden, wie wir es jetzt wieder an Ostern feiern.

Und doch unterscheiden sich beide. Bei Hiob hört es sich an, als ob er eine Belohnung für die Unterwerfung unter die Allmacht Gottes bekommt. Von Jesus aber sind zwei alternative „letzte Worte“ überliefert. Nach Johannes sagt er: „Es ist vollbracht.“ Und Matthäus und Markus lassen ihn rufen: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Deshalb ist mir Jesus näher als Hiob. Ich gebe nicht auf, ich widerrufe nicht und ich bereue nicht. Dagegen kenne ich das Gefühl, von Gott verlassen zu sein – zumindest von dem guten Vater, von dem Jesus immer wieder erzählt hat. Aber ich habe auch schon gesagt: So wie es kommt, kommt es. Ich befehle meinen Geist in Gottes Hand. Und denke dabei auch an den irischen Segenswunsch: „Möge der Herr dich in seiner Hand halten, aber nie seine Faust zu fest zumachen.“

Und dann kommt für Jesus die Auferstehung. Aber nicht als Belohnung. Noch nicht einmal sehr real. Er erscheint seinen Freunden wieder, doch sehr geheimnisvoll. Jesus taucht unmittelbar auf und verschwindet wieder wie ein Geist. Er lässt sich berühren und dann wieder nicht. Er wirkt wie ein Fremder und dann wieder ganz nahe. Und fährt dann auf in den Himmel.

Aber er hinterlässt Kraft und Zuversicht. Die an ihn glauben, finden sich mit der Zeit zu einer Gemeinschaft zusammen. Sie erzählen sich die hoffnungsvolle Geschichte weiter, die kraftvolle Geschichte: Wir haben Jesus gesehen. Das Leben geht weiter. Doch muss jeder, jede einzelne die Erfahrung selbst machen.

So ist es auch bei uns: Die Krankheit, Schmerzen und Schwäche, auch der Tod sind real und greifen nach uns. Aber dagegen steht die Hoffnung. Sie ist nicht greifbar, manchmal weit weg und manchmal ganz nah. Aber wir erzählen uns die kraftvollen Geschichten vom Leben. Und wir werden unterstützt von Gebeten, Gedanken und ganz konkreten Hilfestellungen.

Das bedeutet Auferstehung heute für uns.