Aus aktuellem Anlass

Die Gespräche der letzten Tage haben zu einer Entscheidung geführt: Wir werden wieder bestrahlen. Das ist zwar, wie schon geschrieben, nicht ungefährlich. Aber die Strahlenexpertin Prof. Petersen ist – wie immer – zuversichtlich, dass wir es schaffen.

Ob und wann die Metastasen das Rückenmark angreifen, mochte kein Arzt, keine Ärztin sagen. Alles kann, nichts muss: Die einen deuteten an, dass ich in wenigen Wochen, zumindest aber demnächst unweigerlich im Rollstuhl sitzen würde. Frau Petersen dagegen brachte die Möglichkeit ins Spiel, dass die Metastasen das Rückenmark verschmähen könnten. Zumindest habe ich erst einmal damit aufgehört, unsere Wohnung im Geiste rollstuhlgerecht umzubauen.

In der Sprechstunde konnten wir auf hohem Niveau Möglichkeiten und Alternativen zur Immuntherapie diskutieren. Und „wir“ waren diesmal nicht so sehr Ute und ich. Wir hatten das doppelte Glück, das unser Freund Arno als Molekularbiologe nicht nur vom Fach ist, sondern uns auch gestern begleitet hat. Er hat sich mit Prof. Binder ausgetauscht, die sich offensichtlich ausgezeichnet auskannte. Sie erzählte von sinnvollen und sinnlosen Versuchen, den Therapieerfolg zu vergrößern. Und auch wenn die Statistik nach wie vor gegen uns spricht – es gibt noch Möglichkeiten.

Danke, Arno, deine Begleitung hat uns viel bedeutet, persönlich und fachlich-sachlich.

Eine Bronchoskopie in der vergangenen Woche bestätigte, dass die Strahlenpneumonitis in meiner Lunge zwar einen großen Teil des linken Flügels lahm gelegt hat und meine Atemnot daher sehr verständlich ist, dass das Narbengewebe aber kein Karzinom, sondern „Zellschrott“ sei. Solche Nachrichten werten wir schon als Erfolg.

 

_________________________________
Beitragsbild: TomoTherapie-Gerät, von ASL Reggio Emilia – Servizio Sanitario Regionale Emilia Romagna – Azienda Ospedaliera di Reggio Emilia – Arcispedale di Santa Maria Nuova – http://www.asmn.re.it/Mediagallery.jsp?idGalleria=22&idFilmato=106, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4941984

Tanz ins Leben

Normalerweise mache ich um Filme, die als „Tragikomödien“ bezeichnet werden, einen weiten Bogen. Sie sind meistens nicht wirklich komisch, weil sie einfach zu tragisch sind. Glücklicherweise wusste ich nicht, dass der Film „Tanz ins Leben“ genau dieses Label trägt.

In diesem Film sind so ungefähr alle Themen vereint, die einen depressiv machen können: Trennung nach 30 Ehejahren, Armut, Demenz, ein Tod durch Krebs, einer kurz vor einem Tête-à-tête, einer in der Verlobungszeit – habe ich noch etwas vergessen? Und doch sprüht er vor Witz und Lebenslust. Und „ohne Taschentücher ist der Film schwer durchzustehen“, meint auch die Kritikerin Bettina Peulecke.

Sandra (Imelda Staunton) gehört zur upper class, wohnt in einem herrschaftlichen Haus, das vor allem sauber ist, und entdeckt nach 30 Ehejahren, dass ihr gerade geadelter Ehemann sie seit 5 Jahren betrügt. Sie fährt zu ihrer Schwester Bif (Celia Imrie) nach London, die dort lebensfroh und politisch links engagiert in einer chaotischen Sozialwohnung lebt. Ihr Freund Charly (Timothy Spall) kann glücklicherweise von der Waschmaschine bis zum Auto alles reparieren und träumt davon, mit seinem Hausboot über den Ärmelkanal zu fahren.

So weit, so – ja, so nahe am Klischee. Und ich kann verstehen, wenn die Kritikerin Antje Wessels schreibt: „‚Tanz ins Leben‘ ist eine solide Tragikomödie für die Generation 60 plus, was vor allem den starken Darstellern zu verdanken ist. Durch sie sind viele komische Momente wirklich lustig und ein Teil der eher grobschlächtig-kitschig inszenierten Szenen rührt trotzdem.“ Frau Wessels ist deutlich unter 60.

Und ich bin drüber. Und inzwischen weiß ich: Das Leben ist unglaubwürdiger, grobschlächtiger, kitschiger, trauriger und lustiger als jeder Film. Und „Tanz ins Leben“ ist näher am Leben als die meisten anderen, die ich gesehen habe. Und das nicht deshalb, weil er unglaubwürdig wäre, sondern weil die Menschen in ihm so echt wirken, so glaubwürdig sind.

Und so positiv. Sie sind es oder sie lernen es. „Die Schwerkraft kriegt uns alle, man darf ihr nur nicht den eigenen Geist überlassen“, sagt Bif einmal. Sie haben ihre Träume oder entdecken sie. Und sie richten ihr Leben nach ihnen aus, wie unrealistisch sie auch sein mögen.

Dieser Film traf unser Lebensgefühl ziemlich genau. Das Leben ist nicht glänzend. Tod und Schmerzen, Abschied und Enttäuschung gehören dazu. Aber wir können ihm Glanz verleihen. Indem wir uns mit Menschen umgeben, die uns gut tun. Mit denen wir reden können und, wenn wir Lust dazu haben, auch tanzen. Und wenn wir richtig Glück haben, können wir genau solche Menschen für andere sein.

Wir sind aus diesem Film berührt und bewegt herausgekommen. Und er hat uns Mut gemacht, unseren Weg weiterzugehen und die Träume nicht aufzugeben.

„Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben“, sagte einst der Gesangbuchdichter Christian F. Gellert. Und Karl F. Gutzkow ergänzte: „Man kann dem Spruch auch die Anwendung geben: Lebe mit jedem Menschen so, wie du, wenn er stirbt, wünschen würdest, mit ihm gelebt zu haben!“ Und zwar ab heute, spätestens.

_____________________________________
Beitragsbild: Hausboote im Regent’s Canal in Paddington (London), von Julian Nitzsche – Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19312961

Lichtblicke der Woche

Es ist gut möglich, dass die Herrnhuter Losungen besonders dann wirken, wenn das Leben die Wohlfühlzone verlässt und es ernst wird. Wir lesen sie, wenn wir abends unsere Kerzen anzünden und das Vater unser sprechen – und sie haben uns in der letzten Woche besonders beeindruckt. Eine kleine Auswahl:

3. August: Sind wir untreu, so bleibt er treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen. 2. Timotheus 2,13
4. August: In Gottes Seele ist die Hand von allem, was lebt. Hiob 12,10
7. August: Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und du sprachst: Fürchte dich nicht. Klagelieder 3,57
8. August: Du wirst sichere Zeiten haben. Jesaja 33,6
Und schließlich, gestern:
Wandelt auf dem Weg, den euch der HERR, euer Gott, geboten hat, damit ihr leben könnt. 5. Mose 5,33
und: Jesus sprach zum Gesetzeslehrer: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

Wir brauchen solche und andere Gedanken und Sätze, die Mut machen. Wir merken gleichzeitig, wie sie einen schweren Stand haben gegen diejenigen, die wir von den Ärzten hören.

Kreuzige ihn!

 

Exerzitien 28. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Die Geschichte Jesu steuert auf ihren Höhepunkt zu. Die vorherigen Folgen erreicht man rechts über die Themensuche „Exerzitien“. Und noch ein Hinweis: Nachträglich habe ich an den „Gethsemane“-Beitrag einen youtube-Link zur Gethsemane-Szene aus „Jesus Christ Superstar“ hinzugefügt.

Es wurde rot im Osten. Die Priester gönnten sich mit Jesus eine Pause. Zeit für ein kurzes Nickerchen.

Ich wurde wach vom Geklapper der Marktstände und ging kurz nach draußen, um mir etwas zum Frühstück zu kaufen. Als ich zurück kam, sah ich, dass das Verhör nun erst richtig begonnen hatte. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass es schon längst zu Ende war: Die Anklage stand ebenso fest wie das Urteil. Vielleicht meinten Kaiphas und die Priester noch, das Heft in der Hand zu haben. Sie redeten auf Jesus ein, der ab und zu einmal ruhig einen Satz dazwischen warf – der die anderen wiederum zu provozieren schien. Jesus war zu jedem Zeitpunkt der Souverän seines Handelns. Ich wandte mich ab.

Hier draußen war es ohnehin viel spannender. Einer der Priester war herausgekommen und hielt eine Ansprache. Menschen wurden aufmerksam. Er redete über Jesus: Wie der einst ein Hoffnungsträger war gegen die Römer und dann alle Erwartungen enttäuscht hatte. Ja, er hätte sich als Gott aufgespielt. Und das wäre nicht nur ein absolutes Sakrileg gewesen. Er habe damit auch nicht nur sich, sondern alles und alle in Gefahr gebracht. Es wäre ihm nie um Israel gegangen, sondern immer nur um sich selbst. 

Links neben mir begann einer zu sagen: „Kreuzige ihn!“ Rechts drüben nahm ein anderer den Ruf auf: „Kreuzige ihn!“ Täuschte ich mich oder hatte ich die beiden am Vorabend mit dem Priester tuscheln sehen? Möglicherweise war es ein abgekartetes Spiel, aber es wirkte. Denn es fielen andere ein, immer mehr, bis die Menge skandierte: „Kreuzige ihn!“ Fast hätte ich selbst mitgemacht – und dann fiel mir ein, dass es ja um Jesus ging.

Plötzlich setzte sich die Menge in Bewegung. Ich sah Jesus, wie er von Soldaten Richtung Prätorianerpalast abgeführt wurde, zu Pilatus. Ich wusste schon, was dort verhandelt wurde: Die Priester brauchten ein Todesurteil, das nur die Römer aussprechen konnten. Pilatus konnte damit einen Störenfried loswerden, und die Priester die soziale und religiöse Ordnung wiederherstellen.

Auch das Volk bekam seine Rolle. Als Pilatus fragte: „Wen soll ich diesmal zum Fest freilassen, Barabbas oder Jesus?“, riefen sie: „Barabbas!“ – „Und Jesus?“ – „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ Und Jesus wurde abgeführt.

Was hatten sie mit ihm vor? Ich erkannte einen der Soldaten, Camula, einen Kelten. Wir waren in Dalmatien in derselben Kohorte gewesen. „Camula!“, rief ich. Er erkannte mich auch. Und nach dem Austausch von ein paar Erinnerungen und Höflichkeiten ließ er mich durch. Und da hörte ich es auch schon: „…18 – 19 – 20…“ und das Klatschen einer Peitsche. Und dazu der Lärm feixender Soldaten. Sie machten sich einen Spaß daraus. Ich wollte schon dazwischen gehen, so wütend wurde ich. Doch Camula hielt mich zurück: „Willst du vielleicht auch die Peitsche spüren?“

Und dann sah ich, wie die Soldaten Jesus eine Dornenkrone auf den Kopf drückten. Ihm lief das Blut in die Augen. Sie gaben ihm noch einen Ast als Zepter in die Hand und spotteten. Ziemlich bald aber verloren sie das Interesse, als sie merkten, dass Jesus kaum eine Reaktion zeigte.

Sie übergaben ihn dem Kreuzigungstrupp. Diesen Soldaten sah ich an, dass sie es nicht zum ersten Mal machten. Jesus gaben sie einen Holzstamm, den sie nicht selbst tragen wollten. Als der ihm aber auf dem Weg entglitt, zwangen sie einfach einen Passanten zum Tragen. 

Auf mich achteten sie nicht sehr. Deshalb konnte ich zu Jesus aufschließen, legte seinen Arm um meine Schulter und fragte ihn: „War es das, was du gewollt hast?“

Jesus schaute mich verständnislos an. „Sowas kann kein Mensch wirklich wollen“, sagte er. „Aber es musste so kommen.“

Jetzt war es an mir, verständnislos zu schauen. Und Jesus fuhr fort: „Die Römer bauen ihr Reich auf ihrer Armee auf, auf Zwang und Unterdrückung. Und den Priestern ist die Ordnung und das Gesetz wichtiger als der Mensch. Ich habe versucht, anders zu reden und zu leben. Ohne Kompromisse.“

Dann kamen wir an der Hinrichtungsstätte an, die ich ja schon kennengelernt hatte: Golgata, die Schädelstätte. Professionell legten die Soldaten Jesus auf den Balken, nagelten ihn fest und hoben ihn an einen Ölbaum. Jesus biss sich auf die Zähne vor Schmerz. Dann wurden noch zwei andere Männer gekreuzigt. Das Ganze dauerte keine zehn Minuten.

Dafür wurden die nächsten Stunden umso länger. Ich konnte nichts mehr tun. Die Soldaten hielten uns von Jesus fern. Uns: das waren außer mir und Johannes, der als einziger von den Jüngern wiedergekommen war, eine Reihe von Frauen, die ich schon vor dem Palast des Kaiphas gesehen hatte.

Stöhnend unterhielt sich Jesus mit seiner Mutter. Einmal rief er: „Mein Gott, wo bist du?“ Und schließlich, nach endlosen drei Stunden, sagte er: „Es ist vollbracht.“ Sein Kopf kippte zur Seite, und wir wussten: Jesus war gestorben. Es war dann doch recht schnell gegangen. Andere hatten dem Vernehmen nach tagelang gelitten. Um das Ganze abzukürzen, brach man den anderen beiden die Beine, damit sie schnell erstickten.

Schließlich nahmen wir Jesus vom Kreuz, brachten ihn zum Grab des Joseph von Arimathia. Und ich richtete mich auf eine lange Nacht ein.

_____________________________________________
„Die Evangelien sind Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung“, hat der Theologe Martin Kähler einmal geschrieben. Und von den Märtyrern an bis hinein in viele unserer Kirchenlieder – Paul Gerhard an erster Stelle – sind wir gewohnt, vom Leiden Christi die schlimmsten Vorstellungen zu haben. Mel Gibson hat sie ins Bild gesetzt. Und dauert die Passionszeit nicht auch ganze sieben Wochen?

Mitnichten. Ich war erstaunt, als ich mir die letzten Tage Jesu vergegenwärtigte: Gelitten hat er, zumindest zeitlich gesehen, nur sehr wenig. Er wird gegeißelt, ja. Aber ob er wirklich 39 Schläge bekommen hat? Das war eine jüdische Regelung, die Römer haben ihn vielleicht weniger, vielleicht auch mehr gequält. Und eine Dornenkrone bekam er auch. Aber das Ganze kann nicht länger als eine Stunde gedauert haben. Und Lukas kennt weder Geißelung noch Dornenkrone…

Das Schlimmste waren zweifellos die drei Stunden am Kreuz. Das muss man nicht kleinreden. Allerdings: In Syrien, in Guantanamo, Abu Ghreib und unzähligen Gefängnissen dieser Welt wurde und wird (!) deutlich mehr und vor allem deutlich länger gelitten. Und wie steht es bei uns in den Krankenhäusern und Altenheimen? Auch mit den besten Medikamenten – die es glücklicherweise gibt – bleiben noch genug Schmerzen, die nicht so einfach weggehen.

Dazu meinte Pfr. Mückstein: Bei Jesu Passion geht es nicht in erster Linie um Leiden, sondern um Hingabe. Ich bin geneigt ihm zuzustimmen.

Worum es aber bei Passion, Tod und Auferstehung „wirklich geht“? Darüber waren schon die biblischen Autoren durchaus unterschiedlicher Meinung.

________________________________
Beitragsbild: Kreuzigung, von Mihály von Munkácsy – Munkácsy Foundation Info Pic, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17783166

Gethsemane

Exerzitien 27. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Seltsam – einen der wichtigsten Inhalte der christlichen Theologie, das Abendmahl selbst, habe ich während der Exerzitien nur gestreift. Immerhin ist es eines der nur zwei Sakramente der evangelischen Kirche und steht in der katholischen im Mittelpunkt der Messe. In der Meditation und im Gespräch mit Pfr. Mückstein habe ich aber die Frage der Gemeinschaft mit Jesus im Anschluss an die Fußwaschung bewegt: Die Entscheidung mit Jesus zu gehen, bedeutet nicht, sich unbedingt selbst kreuzigen zu lassen. Sondern erst einmal nur, dass ich verspreche bei ihm zu bleiben. Wie ein Ehepartner dem anderen ja auch nicht verspricht, dem anderen in den Tod zu folgen. Sondern bei ihm zu bleiben – und was das konkret heißt, muss sich im Lauf des Lebens erweisen.

Auch die interessante Frage, wie Judas einzuschätzen sei, haben wir nur gestreift. Ich hatte mich bei Pfr. Mückstein über das Urteil des Johannes, Judas sei vom Teufel besessen gewesen (Joh. 13,27), beschwert. Und er meinte nur, ich solle doch endlich einmal meine Theologie und die des Johannes beiseite schieben und mich mit den Geschehnissen dahinter beschäftigen. Nicht Johannes sei wichtig, sondern wie ich mich selbst in der Geschichte wiederfinde.

Reisen wir also wieder nach Palästina ins Jahr 785 ab urbe condita. Wer übrigens die vorherigen Teile lesen möchte, wählt einfach unter „Themensuche“ unter „spirituell unterwegs“ die „Exerzitien“.

Nach dem Seder-Mahl verließen wir Jerusalem wieder. Kaum einer von uns sagte ein Wort. Uns gingen die Vorkommnisse während des Essens nicht aus dem Kopf. Judas hatte sich mit Jesus angelegt. Oder war es umgekehrt? Judas sollte „verraten“, aber was oder wen? Jesus selbst? Oder nur den Ort, wo er sich aufhalten würde? Es wurde nicht ganz klar. Zumindest hatte er den Raum lange vor uns verlassen.

Und Petrus war mal wieder mit sich selbst beschäftigt. Als Jesus gefragt hatte, ob wir mit ihm gehen wollten, hatte er als erster und voller Inbrunst gerufen: „Ich werde dich niemals verlassen!“ Und Jesus antwortete ihm: „Im Gegenteil. Noch in dieser Nacht wirst du mich gleich dreimal verleugnen.“ Mal ehrlich und nicht fürs Protokoll: Ich finde, Petrus ist ein Hohlkopf. Große Klappe und nichts dahinter. Aber Jesus scheint große Stücke auf ihn zu halten. Seltsam.

Wir gingen durchs Kidron-Tal und kamen in den Gethsemane-Garten. Ruhig war es. Wir waren alle ganz schön fertig. Nur Jesus zeigte keine Anzeichen von Müdigkeit. „Bleibt bitte hier“, sagte er nach einer Weile. „Und bleibt bitte wach. Ich möchte für einen Moment alleine sein.“ Und dann ging er einen Steinwurf weiter und betete.

Und ich, mit meiner Neugier, tat etwas, was ich eigentlich nicht hätte tun sollen: Ich ging ihm hinterher und lauschte. Und was ich dann hörte, berührte mich sehr. Jesus sagte: „Gott, du weißt, wie sehr ich mich jetzt ganz weit weg wünsche. Wenn es irgend geht, dann lass diese Geschichte hier und jetzt zu Ende sein. Oder zeig mir wenigstens im Ansatz, wie es weitergeht und ob das Ganze überhaupt zu etwas gut ist.“ Er schwieg eine Weile. Und seufzte dann: „Ich sehe schon, es ist zwecklos. So sei es denn.“

Er kam zurück. Die anderen Jünger waren inzwischen ausnahmslos alle eingeschlafen. Jesus machte ihnen Vorwürfe: „Ihr solltet doch wach sein, damit auch ihr vorbereitet seid auf das, was kommt.“ Und damit entfernte er sich nochmal. Kurz darauf hörte ich wieder allgemeines regelmäßiges Atmen und Schnarchen.

Plötzlich Lärm. Soldaten und weitere Männer. Jetzt war es also soweit. Jesus schaute den Ankommenden ruhig entgegen. Einer von ihnen löste sich, ging auf Jesus zu und gab ihm einen Kuss. Judas. Jesus umarmte ihn. Herzlich, wie es schien.

Die Jünger aber waren völlig verstört. Petrus hatte plötzlich ein Schwert in der Hand und stürmte auf die Soldaten los. Es gelang ihm, einen von ihnen am Kopf zu verletzen. Jesus wollte die Sache beruhigen, aber nun hatten die Soldaten ihrerseits die Schwerter gezückt. Ich zog es vor, mit den anderen das Feld zu räumen. Als ich merkte, dass die Soldaten an uns nicht mehr interessiert waren, blieb ich unter den ersten Bäumen; die anderen waren nicht mehr zu sehen. Da bemerkte ich einen weiteren Jünger neben mir: Petrus.

Wir nickten uns zu und folgten mit Abstand dem Verhaftungskommando. Unbemerkt gelangten wir durchs Tor. Nein, nicht ganz. Eine Frau schaute Petrus an und fragte: „Gehörst du auch zu dem Verhafteten da drüben?“ Erschrocken antwortete Petrus: „Nein, tu ich nicht.“

„Doch!“, rief ein anderer. „Ich habe dich mit ihm gesehen.“ Da saß Petrus in der Falle. „Auf keinen Fall“, beteuerte er. Wir stellten uns ans Feuer. Da schaute ihn ein älterer Mann von unten an. „Ich erkenne dich“, sagte er. „Du gehörst zu dem da.“ Und er wies mit seiner Hand in den Saal, in dem Jesus vor Kaiphas, dem Hohepriester stand. „Du musst mich verwechseln“, sagte Petrus, mit deutlich leiserer Stimme. Und in diesem Moment hörten wir beide den Hahn krähen. Ich spürte, wie es Petrus schüttelte und nahm ihn in den Arm. Er ließ es geschehen.

Langsam gingen wir zum Gerichtssaal. Da schaute Jesus plötzlich zu uns. Petrus sackte zusammen.

Dann aber schaute er auf, Jesus direkt in die Augen. Jesus nickte. Und Petrus ging zum Tor hinaus. Sein Rücken war gerade.

________________________
Ob der Verrat des Judas wirklich ein Verrat war, wird heute heftig diskutiert. Das Wort, das Luther so – im Anschluss an die lateinische Vulgata – übersetzt, heißt „übergeben, überantworten“. Es gibt die These, dass Judas gar keinen Verrat begangen hat, sondern lediglich den Priestern im Auftrag Jesu dessen Aufenthaltsort verriet.
Und für das Gebet Jesu im Garten Gethsemane habe ich mich von der entsprechenden Szene in „Jesus Christ Superstar“ inspirieren lassen, die ich für eine der besten Interpretationen halte. Aber auch die Umsetzung im Jesus-Film aus der Reihe „Die Bibel“, in der der Teufel leibhaftig auftritt, finde ich gelungen.

Beitragsbild: By Ian Scott – Olive trees in the traditional gardenar k of Gethsemane, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44995444

Fußwaschung

Exerzitien 26. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Die Passionsgeschichte Jesu, wie ich sie mir während der Exerzitien vorgestellt habe, setzt sich fort. Jesus ist gerade in Jerusalem eingezogen.

Einige der Umstehenden standen noch ein wenig herum und redeten über das Ereignis. Dann verliefen sie sich auch, wie die anderen. Die Tore wurden wieder geöffnet, und wir gingen in die Stadt. Nach einiger Zeit fanden wir Jesus wieder, natürlich im Tempel. Er hatte sich gerade abwechselnd mit den Priestern und den Pharisäern in den Haaren. Später mischte er noch die Händler im äußeren Tempelbezirk auf und hatte es sich so wirklich mit allen verdorben: der Politik, der Religion und der Wirtschaft. Irgendwie konsequent.

Und ein Wunder, dass wir da trotzdem alle heil herauskamen. Abends fanden wir uns tatsächlich vollzählig wieder in Betfage ein.

Dann kam das Passafest, und Andreas fragte den Meister: „Wo sollen wir deiner Meinung nach das Seder-Mahl feiern?“ Und wieder schien es, als ob Jesus alles vorbereitet hatte.

„Gehe mit Jakobus in die Stadt“, sagte er. „Etwa um die Mittagszeit kommt jemand zum Brunnen beim Gartentor und schöpft dort Wasser. Dem folgt. Wo er hingeht, ist für uns schon ein Raum vorbereitet. Kissen liegen bereit. Kauft dann ein, was wir sonst dafür brauchen.“

Die beiden holten sich Geld von Judas, der die Kasse führte, zogen los und fanden den Raum, wie Jesus es gesagt hatte. Auf dem Markt kauften sie Brot, Wein, Kräuter, völlig überteuertes Lammfleisch und noch ein paar Kleinigkeiten und kamen dann ohne ein Silberstück wieder zurück.

Abends gingen wir rüber in die Stadt. Der Raum, in dem wir uns dann zusammenfanden, lag direkt neben dem Grab des legendären Königs David. Wir wollten uns gerade setzen, doch Jesus bat uns, noch zu warten. Dann kleidete er sich wie ein Diener und fing tatsächlich an, seinen Jüngern die Füße zu waschen. Ich erinnerte mich an einen Satz, den er einmal gesagt hatte: „Wer unter euch der erste sein will, sei aller Diener.“ Aber das war noch nicht alles. Jeden, dem er die Füße gewaschen hatte, fragte er: „Bist du bereit, meinen Weg mitzugehen?“ Alle sagten, nach kürzerem oder längerem Zögern, schließlich Ja. Und Petrus war natürlich mal wieder der Eifrigste.

Als alle fertig waren, schaute er mich an. „Auf keinen Fall“, rief ich erschrocken. Jesus rückte mit der Waschschüssel rüber. Doch ich sagte: „Als ich den Auftrag bekam, nach Palästina zu reisen, wusste ich, dass zumindest die Überfahrt gefährlich werden könnte. Aber von Kreuzigung stand nichts im Vertrag! Und ich würde mir gerne noch einmal in den Thermen den Rücken massieren lassen.“

„Ich sage nicht, dass du dich mit mir kreuzigen lassen sollst“, meinte Jesus. „Aber wenn du Angst hast, dann geh.“

„Wie dann geh?“ Aber Jesus schaute mich nur an. Und plötzlich war ich mir nicht mehr so sicher mit den Thermen in Rom. Ich bekam den Eindruck, dass sich hier, am Rande des Imperiums, in diesem Kaff Jerusalem, das eigentlich Bedeutende abspielte. Und dass ich dabei sein sollte. Eigentlich hatte ich neulich in Caesarea Philippi schon meine Entscheidung getroffen. Ich konnte jetzt kneifen, aber dabei hatte ich ein ganz schlechtes Gefühl. Ich nickte Jesus zu und streckte ihm meine Füße hin. 

Wenn man die Bibel und besonders das Markusevangelium liest, bekommt man den Eindruck, Jesus sei eine Art Magier, der auf übernatürliche Art weiß, wo sich wann der Wasserträger aufhält und das Zimmer befindet. Nüchtern betrachtet kann ich mir vorstellen, dass er das von langer Hand vorbereitet hat. Andererseits habe ich in den letzten Jahren auch erlebt, wie sich auf fast magische Art und Weise Dinge und Personen zusammenfügen. Pfr. Mückstein meinte, das könne etwas mit „Vorsehung“ zu tun haben. Ich finde es nicht ganz unwahrscheinlich.

______________________________
Beitragsbild: Fußwaschung, von Anonymous (italienischer Maler) – Sizilien, Anfang 18. Jh. Nagel Auktionen http://www.auction.de, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13319548

 

 

Lichtblick. Aus aktuellem Anlass

Wir haben länger überlegt, ob wir überhaupt einen Lichtblick schreiben können. Denn die letzten Gespräche im UKE waren nicht sehr ermutigend. Aber vielleicht passt deshalb gerade die Ermutigung, die uns Waltraud in der vergangenen Woche zukommen ließ: storch.jpgGib niemals auf.

Wie schon vor einer Woche angedeutet, waren die Ergebnisse der letzten Untersuchung nicht gut: In der Lunge gibt es unklare Befunde. Vor allem aber haben sich die Metastasen in der Wirbelsäule vergrößert und bedrohen das Rückenmark. Das heißt: Die Immuntherapie hat bisher nicht angeschlagen.

Deshalb diskutieren wir jetzt schon riskante Behandlungsmethoden: Bestrahlung oder OP, die aber auch fürs Rückenmark gefährlich werden können. Insofern trifft es das Bild ganz gut: Den Frosch hat es schon ziemlich schlimm erwischt. Wird er die Kraft behalten, den Hals zuzudrücken?

Mit der Immuntherapie machen wir erst einmal weiter. Es wird nun viel darauf ankommen, dass die Immunzellen in meinem Körper doch noch aufwachen. In seltenen Fällen hat man es schon beobachtet, dass sie durch eine Bestrahlung angeregt werden. Jetzt wäre ich gerne mal wieder ein solcher seltener Fall.

Und dann sind da noch die Herrnhuter Losungen. Heute mit einem Wort aus 5. Mose 23,6: „Der Herr, dein Gott, wandelte dir den Fluch in Segen um, weil dich der Herr, dein Gott, lieb hatte.“ (5. Mose 23,6) Wir würden es gerne glauben. Und wir zweifeln. Weil wir es erlebt haben, wie es genau umgekehrt kam: Aus Segen wurde Fluch.

Leonard Cohen singt: „I’ve seen you change the water into wine. I’ve seen you change it back to water, too.“ (Treaty) Auch wir kennen die Wunder – in beide Richtungen. Wir möchten gerne an die der ersten Kategorie glauben können.