Zwischenruf „Mit der AfD reden“

„Christen in der AfD – wie geht das zusammen?“, fragte das evangelische Magazin chrismon in seiner 02/2019-Ausgabe. Liane Bednarz und Nils Husmann führten ein Interview mit dem Theologen Frank Richter und dem kirchenpolitischen Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag, Volker Münz. Das Ergebnis ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man konsequent aneinander vorbeireden kann.

Dabei sind die Voraussetzungen denkbar günstig. Frank Richter, bis 2017 Direktor der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung, organisierte mehrere Gespräche zwischen Pegida-Anhängern und -Gegnern. Er wurde dafür heftig kritisiert. Und auch Volker Münz zeigt ein ehrliches Interesse an der Auseinandersetzung. Er möchte von seiner Kirche als Christ anerkannt werden, erfährt aber viel Ablehnung.

So auch in diesem Interview. Bednarz und Husmann machen sehr schnell deutlich, auf wessen Seite sie stehen. Kritische Rückfragen werden ausnahmslos Volker Münz gestellt. Dafür darf Frank Richter unwidersprochen zu Herrn Münz Sätze sagen wie: „Bei Ihnen höre ich nicht nur Sorge, sondern Angst. Es ist nicht christlich, Angst vor der Zukunft zu haben…“

Dabei wird schon sehr schnell deutlich, dass beide zwar von derselben Kirche, aber völlig verschiedenen Kirchenbildern sprechen. Für Richter ist Kirche Freiheit, Engagement und Friedensethik – Themen, die politisch den frühen Grünen nahestehen. Münz orientiert sich an festen „Werten“ wie Ehe, Abtreibungsverbot und ganz allgemein „christlicher Kultur“. Im übrigen aber hat sich Kirche und Religion aus politischen Begründungszusammenhängen herauszuhalten. Während Richter ausdrücklich gesinnungsethisch denkt, reklamiert er die Verantwortungsethik für sich.

Dieser Unterschied wird mit keinem Wort bearbeitet. Deshalb kommen die Gesprächspartner auch nicht zusammen, wenn es um konkrete politische Fragen geht: Wie gehen wir mit schulpflichtigen Asylbewerbern um? Was stellen wir uns unter einer multikulturellen Gesellschaft vor? Haben wir allen Menschen gegenüber dieselbe Verantwortung oder müssen wir aus pragmatischen Gründen Unterschiede machen zwischen deutschen Staatsbürgern und Ausländern? Wie ordnen wir den Islam ein, als Religion, Kultur oder Staatsform? Und für wie wandlungsfähig schätzen wir ihn ein?

Trotzdem endet das Gespräch dann wieder versöhnlich. Volker Münz sagt: „Wir sollten unser Gespräch fortsetzen.“ Und Frank Richter antwortet: „Das sollten wir tun, es gibt vieles zu klären.“

In der Tat.

7 Gedanken zu “Zwischenruf „Mit der AfD reden“

  1. Ralf Liedtke schreibt:

    Ein gelungener wie wichtiger „Zwischenruf“. Es überrascht mich nicht, dass konsequent aneinander vorbei geredet wurde.

    Es ist Indiz dafür, wIe die Autoren von Chrismon mt ihnen nicht genehmen Meinungen umgehen. Für mich Anlass, dieses Magazin schon seit längerem nicht mehr in die Hand zu nehmen. Auf einen längeren, durchaus wohlwollenden kritisch-konstruktiven Leserbrief erhielt ich keinerlei Rückmeldung. Schade!

    Nun hätte ich das Interview gern doch noch einmal nachgelesen. Die Chrismon-Redaktion könnte versuchen, „Brücken“ zu bauen, um ersteinmal überhaupt ein Verstehen zu ermöglichen. Statt wie ich verstehe von vorneherein Partei zu ergreifen und auszugrenzen. Mich überrascht das nicht! Wird die christliche Grundhaltung, wenn es der eigenen Moral nicht entspricht, über Bord geworfen?

    Es ist dieser Moralismus mit erhobenen Zeigefinger, der allein zu glauben weiß, was gut und richtig oder schlecht und falsch ist. Er ist an einem wirklichen Dialog nicht interessiert, weiß er doch ob seiner überlegenen Haltung.

    Damit wir uns nicht missverstehen, ich bin meilenweit entfernt davon, ein Sympathisant der AfD zu sein. Aber eine ernste und offene Auseinandersetzung, nicht Ausgrenzung täte not.

    Das Gespräch endete trotzdem wieder versöhnlich? Na prima – kann ich da nur sagen. Nehmen wir uns alle wieder lieb in den Arm. Schade um die vertane Zeit und Liebesmüh und ein christliches Magazin, auf das ich gern verzichten kann.

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    • Ralf Liedtke schreibt:

      Danke für den Hinweis! Fast spannender empfinde ich die Leserkommentare, die einerseits die gegebene „Unversöhnlichkeit“ spiegeln, aber durchaus auch differenzierte Betrachtungen anstellen. Sie lohnen sich einmal mitzulesen.

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  2. Ralf Liedtke schreibt:

    Danke für den Hinweis! Fast spannender empfinde ich die Leserkommentare, die einerseits die gegebene „Unversöhnlichkeit“ spiegeln, aber durchaus auch differenzierte Betrachtungen anstellen. Sie lohnen sich einmal mitzulesen.

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  3. Ute Klingwort-Finster schreibt:

    Spannend finde ich die aufgeworfenen Fragen nach unserer „christlichen“ Verantwortung, unserer multikulturellen Gesellschaft, dem Umgang mit schulpflichtigen Asylbewerbern und dem Islam. Hast du Lust, lieber Erik, eine dieser Fragen zu beackern und zur Diskussion zu stellen?

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  4. Friedhelm Berg schreibt:

    Auch ich fand die bisherigen Beiträge spannend und „mutig“, sprechen sie doch ein schwieriges Thema an. Bloß – warum ist es mit uns Menschen manchmal so schwierig? Tiere haben einen Instinkt, der ihnen vorgibt was gut und richtig ist, und nur sehr selten büchsen sie davon aus. Der Mensch hat den Verstand bekommen. Um ihn zu benutzen, muss er sein Denkvermögen einschalten. Leider ziehen es die allermeisten Menschen vor, nicht zu denken. Bis es mal wieder soweit ist, dass sich alle fragen: wie konnte das geschehen?

    Jemand sagte: Die Religionen der Welt müssten nur eine kleine Aussage zu ihrem Glaubenskanon hinzufügen, dann könnte so vieles anders werden:
    Wenn du (nach dem Tod) in den Himmel kommen willst, dann sorge zuerst dafür den Himmel hier zu haben.

    Profaner drückt es Krishna in der Bhagavad Gita aus: Tue was richtig ist ohne Erwartung der Ergebnisse.

    Jesus sagte: „Die Krankheit Dummheit kommt vom Zorn Gottes; Gebrechen und Blindheit kommen nicht vom Zorn; sie sind eine Heimsuchung.
    Heimsuchung ist eine Krankheit, die Mitleid erregt; Dummheit ist eine Krankheit, die Ablehnung hervorruft.
    Dieses Brandmal hat Gott den Dummen aufgedrückt; keine Hand kann hier heilend wirken.“

    Rumi, der dieses Zitat bringt, fährt fort: Fliehe vor den Dummen; du siehst, dass sogar Jesus floh; wieviel Blut ist durch die Gesellschaft der Dummen geflossen!
    …. Jesus floh nicht aus Angst, er brauchte nichts zu fürchten; es geschah zum Zwecke der Unterrichtung.

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  5. Friedhelm Berg schreibt:

    Kleine Ergänzung:

    Der Mensch hat den Verstand bekommen, UM ZWISCHEN GUT UND BÖSE, RICHTIG UND FALSCH, UNTERSCHEIDEN ZU KÖNNEN. Um ihn zu benutzen, muss er sein Denkvermögen einschalten.

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