Bridge Over Troubled Water

In den letzten Jahren sind wir immer wieder Menschen begegnet, die mit uns im Tumorland unterwegs sind. Auch Manuela muss ihren Mann auf diesem Weg begleiten. Sie hat mich besucht und von dem Bild erzählt, das sie für ihre Situation gefunden hat: „Bridge Over Troubled Water“ von Simon & Garfunkel. Sie stellt sich vor, dass die Brücke die Form der Japanischen Brücke von Claude Monet hat – aber natürlich ist sein Bild viel zu friedlich. Sie schreibt:

Das Leben ist wie eine Wanderung, eine Reise von der Geburt zum Leben, von einem Ort zum andern. Diese Reise ist nicht immer einfach. Immer wieder stoßen wir auf Hindernisse, die zu überwinden sind – raues Wetter, hohe Berge, breite Flüsse. Wir konnten sie immer überwinden, erst alleine, dann gemeinsam zu zweit, in der Familie oder auch mit Hilfe von Freundinnen und Freunden.

Wilder FlussDann aber stießen wir auf einen Fluss, der so ganz anders war. Aufgewühltes Wasser, reißende Strömung. Wir kamen nicht weiter.

Denn mein Mann wurde krank. Er bekam Krebs. Wir mussten die Komfortzone verlassen und konnten unser Leben nur noch in Grenzen selbst bestimmen – Operationen, Chemotherapie und weitere Behandlungen nahmen unsere Zeit und unsere Kraft in Anspruch. Es war – und ist – eine raue und bewegte Zeit wie ein Fluss mit troubled water. Gleichzeitig war es so, als ob das Leben zu einem Stillstand gekommen war. Dieser Fluss war zu gefährlich, als dass wir ihn hätten überqueren können.

Und doch haben wir im Lauf der letzten vier Jahre viel gelernt. Wir lernten, die Situation anzunehmen und das Leben bewusster zu leben. Das Grün ist grüner geworden. Nichts ist mehr selbstverständlich. Wir haben die Seiten und auch den Blickwinkel gewechselt.

Und wir wollen mehr. Wir wollen weiterleben. Auch für uns gilt das Motto: Der Krebs ist nur Beifahrer und wir behalten das Steuer in der Hand! Wir wollen über den Fluss.

Wir brauchten eine Brücke. Und dann war da jemand, der uns diese Brücke zeigte, ja, der selbst diese Brücke war:

When you’re weary, feeling small / When tears are in your eyes / I will dry them all / I’m on your side / Oh when times get rough / And friends just can’t be found
Like a bridge over troubled water / I will lay me down / Like a bridge over troubled water / I will lay me down…

Es war wie eine Botschaft aus einer anderen Welt, eine Botschaft von Gott. Und um auf die andere Seite zu kommen, hat mir mein Glaube geholfen:

In Räumen der Kirche komme ich immer gut zur Ruhe. Das war bei mir schon immer so. Ich suche hier nicht nach Lösungen, sondern Zeiten des inneren Friedens. Ich fühle dabei, siehe Liedtext:

– Ich bin an deiner Seite, sagt – für mich – Gott. Er ist an meiner Seite
– den Boden unter den Füßen behalten – im Text heißt es: ich werde mich niederlegen.
– da segelt jemand hinter mir.

Und tatsächlich, meine Gedanken werden leichter.

Ein väterlicher Freund hat mir in jungen Jahren gesagt: Es wäre gut, wenn ich eines verinnerliche: Wir sind allein, wenn wir geboren werden, und wir sind allein, wenn wir sterben, und zwischendurch haben wir zwar Weggefährten an unserer Seite, aber wir sind immer allein.

Das stimmt. Aber durch den Glauben fühle ich mich nicht allein. Gott tröstet mich, wenn ich völlig fertig bin!

Und mit seiner Hilfe überqueren wir den Fluss. Das Leben geht weiter.

© Manuela F. Schwarz, Bearbeitung: Erik Thiesen

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Beitragsbild: Claude Monet (1840-1926), Japanische Brücke in Giverny – Reprography from art book, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7169264
Bild im Text: Pxhere

5 Gedanken zu “Bridge Over Troubled Water

  1. Ralf Liedtke schreibt:

    Wofür steht eigentlich das Symbol der Brücke im metaphorischen Sinne?

    Dazu fand ich einen in Teilen interessanten Beitrag von Judith Klein im Deutschlandfunk
    Brücken verbinden und man kann sie auch hinter sich lassen. Doch geht dem Verbinden eine Getrenntheit und dem Überqueren eine Trennung voraus.

    Brücken werden manchmal nur zögernd betreten und überschritten. Warum?

    „Manch einen lähmt die Furcht, jenseits der Brücke, im Bereich des Unbekannten, lauere ein ungewisses Schicksal oder ein nie wieder rückgängig zu machendes Ereignis. Einen Moment lang ist Umkehr noch möglich, doch gleich wird es um die Person und ihr weiteres Leben geschehen sein.“ – schreibt Judith Klein.

    Und der Ich-Erzähler aus Franz Kafkas Roman „Das Schloss“ bekennt: „Auf der steinernen Brücke kurz vor den ersten Häusern von W. blieb ich lange stehen, horchte auf das gleichmäßige Rauschen der Ach und schaute in die nun alles umgebende Finsternis hinein.“ Kafka selbst schrieb in seinem Gleichnis „Die Brücke“ an anderer Stelle: „Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich.“

    Das Überqueren der Brücke führt in der Konsequenz zu einem neuen, nicht unbedingt endgültigen Getrenntsein: von den Orten, den Tätigkeiten, den Menschen, die eben verlassen wurden. Für den Aufbruch zu neuen Ufern, für diesen Akt des Verbindens, ist ein Preis der Trennung zu zahlen.

    Doch ist andererseits ein Preis für den Aufbruch, die Mühen und die erfolgreiche Überquerung zu gewinnen. Und gemeinsam mit anderen Brücken überschreiten macht diesen Vorgang viel einfacher.

    Wir gehen gemeinsam über diese Brücke und mag der Abgrund noch so tief und schroff, die Strömung unten noch so tosend und reißend sein. Wir bleiben zuversichtlich und mutig.

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  2. Maren Trautmann schreibt:

    Zum Thema Brücke kam mir wieder folgendes Zitat in den Sinn:
    „Aber die Liebe ist genug; denn die Liebe fließt zurück in die Kraft, aus der wir geschaffen wurden. Selbst die Erinnerung ist nicht notwendig für die Liebe. Es gibt ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe, sie allein überlebt, sie allein gibt einen Sinn.“
    Thornton Wilder in: Die Brücke von San Luis Rey
    Das Zitat fand ich so schön, dass ich das Buch gelesen habe und das fand ich ebenfalls beeindruckend. Es fragt nach dem Schicksal und der Vorherbestimmung und findet (natürlich) auch keine Lösung. Aber eben die Erkenntnis der Liebe als Brücke. Das reicht.
    Alles Liebe! Maren

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  3. Daniel Birkner schreibt:

    Lieber Erik!
    Bridge over troubled water – das ist eines der schönsten Lieder ever! Und ein wunderbarer Text, der mir wie ein Psalm vorkommt. Es ist ein wirklich schönes Bild für Gott oder für die Kraft und die Hoffnung, die aus dem Glauben an Gott kommen. Von Tagore gibt es das schöne Wort: Glaube ist der Vogel, der singt,
    wenn die Nacht noch dunkel ist.
    Und ich musste bei „troubled water“ und den gefährlichen Wegen und Gottes Begleitung an „Die Bürgschaft“ denken. Der Held, der erleben muss, dass die ersehnte Brücke kaputt geht, der aber die Kraft findet durch die brausende Flut das rettende Ufer zu erreichen, der dann Feinde besiegen muss (wie Säbelzahntiger), um dann auch wieder an kraftquellen zu kommen, dass er erfolgreich seinen Weg und seine Aufgabe erfüllen kann.
    Solche Kräfte wünsche ich dir für deinen Weg (Falls die Brücke gerade nicht zu finden ist)

    …Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
    da reißet die Brücke der Strudel hinab,
    und donnernd sprengen die Wogen
    des Gewöbes krachenden Bogen….

    Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut
    und wirft sich hinein in die brausende Flut
    und teilt mit gewaltigen Armen
    den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

    Und gewinnt das Ufer und eilet fort
    und danket dem rettenden Gotte,
    da stürzet die raubende Rotte
    hervor aus des Waldes nächtlichem Ort…

    Und drei mit gewaltigen Streichen
    erlegt er, die andern entweichen…

    Und horch! da sprudelt es silberhell,
    ganz nahe wie rieselndes Rauschen,
    und stille hält er zu lauschen,
    und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
    springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
    und freudig bückt er sich nieder,
    und erfrischt die brennenden Glieder…

    …und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.

    Ich wünsche dir solche Quellen der Kraft! Auch gerade für die „brennenden Glieder“ – und dass nun einfach eine Brücke findest, über die du gehen kannst, die dich über die unruhigen Wasser der Behandlung führt. Auf zu neuen Ufern.
    Herzliche Grüße
    Daniel

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  4. gebrocheneslicht schreibt:

    Es ist wirklich ein tolles Bild, „Bridge Over Troubled Water“. Positive Assoziationen – und zumindest für Menschen in unserem Alter wunderbare Erinnerungen an die ersten Alben, die wir besessen haben. Wer hat den Song nicht gekannt?

    Und vielen Dank für die guten Wünsche. Und sie gehen natürlich weiter – denn es ist ja nicht meines, sondern von Manuela Schwarz. Also fließt die Kraft weiter zu ihr und ihrem Mann.

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  5. Manuela Schwarz schreibt:

    Lieber Herr Birkner,
    dass Ihnen der Text so gut gefällt, konnten wir bereits auf dem Pilgerweg durch den Stadtpark im letzten Jahr mit Ihnen erleben. Da standen wir auf einer Brücke und haben in der Gruppe Auszüge aus dem Songtext gesungen. Ich glaube, dass das der Impuls für mich für dieses Bild war. Dafür auf diesem Wge herzlichen Dank an Sie!
    Es ist doch immer wieder erstaunlich, was man alles so erleben darf, man muss sich eben nur auf den Weg machen.

    Herzliche Grüße

    Manuela Schwarz

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