Mittagsstunde

Högel ist ein kleiner Ort irgendwo auf der nordfriesischen Geest. Dörte Hansen ist dort aufgewachsen. Und, 3 km weiter, jenseits der Feldmark in Vollstedt, meine Mutter. Auch in Högel hatten wir Verwandte.

mittagsstunde.jpgDörte Hansen hat einen Roman über diese Gegend geschrieben: Mittagsstunde. Sie erzählt von Ingwer Feddersen, der nach Kiel gegangen ist und nun zurück kommt, um seine Eltern zu pflegen. Und sie berichtet in Rückblenden von den 60er Jahren, als sich mit der Flurbereinigung die jahrhundertealten Dorfstrukturen dramatisch veränderten.

Ich kenne diese Zeit, und sie wurde beim Lesen wieder sehr lebendig. Ich spürte den „Schrägregen“ auf meiner Haut, der aus „Wolken wie Mühlsteinen“ fiel, nahm die „norddeutsche Schonhaltung“ dagegen ein und hörte über mir die Düsenjäger aus Leck und Jagel. Auch bei uns wurde die Hintertür nicht abgeschlossen und die Mittagsstunde strikt eingehalten.

Und selbst die Menschen erkannte ich wieder. Den Schmied an der Esse und den Höker – in Vollstedt betrieben meine Pateneltern selbst einen Kaufmannsladen. Der „Halfbackten“ konnte man dort noch im selben Biotop begegnen wie dem Überflieger. Es gab diejenigen, die als Hoferben im Dorf blieben, und die Nestflüchter, die nach der Schule schnellstmöglich die Gegend verließen.

Und Dorfschullehrer konnten genauso skurril sein wie Lehrer Steensen. Vier Jahre ging ich auf die „Volksschule“ – 18 Schülerinnen und Schüler, 8 Klassen, ein Raum. Der Lehrer hielt viel von schwarzer Pädagogik. Ich mochte ihn nicht. Damals wurde der Peter JünkGrund gelegt für meine Abneigung gegen Sport und Mathe. Heimatkunde aber liebte ich und bin begeistert mit „Peter Jünk auf der Silbermöwe kreuz und quer durch Schleswig -Holstein“ geflogen.

Als ich zum Gymnasium kam, wurde diese Schule aufgelöst. Auch sonst hielt der Fortschritt bei uns Einzug. Im Umkreis von 10 km eröffneten die Discounter, und ein Dorfladen nach dem andern gab auf. Auch die Nebenstraßen wurden nun geteert und zu gefährlich zum Spielen. Als ich später selbst den Führerschein hatte – auf dem Land wichtiger als das Abitur -, habe ich so manche von ihnen mit dem Nürburgring verwechselt. Dass nichts passiert ist, habe ich wohl nur der Trägheit des Mercedes Diesel zu verdanken und der Tatsache, dass ich schon ein Jahr später von dort wegzog.

Die Knicks, in denen in Jahrzehnten natürliche Baumhäuser gewachsen waren, wurden vernichtet und ein paar neue im Rechteckformat wieder angepflanzt – die Flurbereinigung hielt Einzug.

Damit verschwand die ursprüngliche Natur. Die FAZ meinte, Dörte Hansen beschriebe die „Zerstörung der ländlichen Idylle“. Ein städtisches Missverständnis. Idyllisch war es nie: Die Bauern „hatten sich von diesem Land vorschreiben lassen, wie sie leben sollten, ärmlich und bescheiden auf der Geest, als Hungerleider. Jetzt drehten sie den Spieß mal um und wiesen die Natur in ihre Schranken“. Erst später, als auch die bäuerliche Arbeit durch die Technisierung einfacher geworden war, stellte man wieder Hinweisschilder zu den letzten Hünengräbern auf oder gestaltete gleich einen ganzen Thingplatz völlig neu.

Zu spät merkten die meisten, dass in dieser neuen Welt nur noch für Einzelne Platz sein würde. Feste wurden in gewohnter Größenordnung gefeiert, der neue Trecker und das größere Auto angeschafft, selbst wenn der Hof nicht mehr zu halten war.

Mit dem Fortschritt kamen die Zuzügler aus der Stadt. Einige von ihnen integrierten sich, andere nicht – je nachdem, ob sie auf der Straße Moin sagten oder nicht. „Seggt keen moin, die Sorte war erledigt.“ Das habe ich selbst erlebt, als Vikar in Waabs, einer Dorfgemeinde an der Eckernförder Bucht. Abends in der Kneipe sagte der Wirt vorwurfsvoll. „Magst du uns nicht mehr?“ Es stellte sich heraus, dass ich ihn nicht gegrüßt hatte, als er im Auto an mir vorbeigefahren war. Es spielte auch keine Rolle, dass man ihn hinter der Scheibe gar nicht erkennen konnte. Danach grüßte ich jedes Auto, das ein RD-Kennzeichen trug.

Die Lektüre von „Mittagsstunde“ hat in mir viele Saiten zum Klingen gebracht. In dieser Welt bin ich groß geworden. Aber ich habe auch andere Erfahrungen gemacht, die mich geprägt haben. Denn ich bin nicht auf der Geest groß geworden, sondern in Angeln. Und in einem ganz anderen kirchlichen Umfeld.

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Dörte Hansen, Mittagsstunde. 3. Aufl. 2018, Penguin Vlg München, 309 Seiten

 

Ein Gedanke zu “Mittagsstunde

  1. Kerrin Autzen schreibt:

    Lieber Erik, wie schön….die Mittagsstunde habe ich auch gerade gelesen. Es ging mir ähnlich, habe viele Deja vus gehabt…weniger aus eigener Erfahrung, sondern mehr aus dem Verständnis für die Kindheit meines Vaters, der Nordfriese ist. Und mit dessen Cousine ja übrigens der Bruder deiner Mutter aus Vollstedt verheiratet ist. By the way. Vorher las ich das andere Buch von Dörte Hansen… Altes Land, in dem es auch um Flucht und Vertreibung geht. Woher kommen wir…was hat uns geprägt? Was nehmen wir mit? Was bedeutet uns etwas? Und wie fliesst dies in unseren Alltag rein? Bei Mittagsstunde hab ich mich dabei erwischt, die plattdeutschen Sätze laut zu lesen( um zu checken, wie sich das anhört)….hat zum Glück niemand gehört. Ich beneide dich um die plattdeutsche Sprache unserer Eltern….das ist Identität und es klingt hinreissend! Ich grüsse dich ganz herzlich aus Wiesbaden und wünsche dir viel Kraft ! Kerrin

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