Verspielt

In unser Urlaubsgepäck nach Dänemark gehörten auch einige Spiele. Natürlich, sie sind das ideale Abendprogramm – man macht etwas miteinander, kommt ins Gespräch, und es macht Spaß.

Den meisten zumindest. Mir nicht so. Ich gelte in der Familie allgemein als Spielemuffel. Und auch wenn ich dann einwende, dass das so allgemein nicht stimmt, ist da doch eine ganze Menge dran.

Das zeigte sich gleich beim ersten Spiel, das wir in Angriff nahmen: das Cluedo „Die drei ???“. Cluedo ist ein Detektiv-Kombinationsspiel, und ich fand so gar keinen Zugang. Während die anderen immer wieder Andeutungen darüber machten, was sie schon alles kombiniert hatten, waren meine Synapsen völlig blockiert. Lag es daran, dass ich zu müde und abgespannt war? Was auch immer, es machte keinen Spaß.

Beim nächsten Spiel („Tabu“) klinkte ich mich von vornherein aus und war erst wieder dabei, als wir zum Abschluss noch eine Runde pokerten. Kartenspiele liegen mir mehr, zu Brettspielen habe ich eher keinen Zugang. Ganz schlimm ist es mit Monopoly. Ins monopolyFamiliengedächtnis hat sich das Ende der letzten Partie eingegraben. „Gut“, meinte ich zum Schluss, „wenn es euch Spaß macht, bei diesem unfairen, ausbeuterischen kapitalistischen Spiel zu gewinnen, wo der Reiche immer reicher wird und dem Armen auch noch genommen wird, was er hat.“ Ich war grade zum zweiten Mal auf die mit Hotels zugebaute Parkstraße gekommen und hätte gerade mal noch eine halbe Runde überleben können, wenn ich meine Schrottimmobilien auf den Markt geworfen hätte.

Ich frage mich, woher meine Aversion kommt. Und der Psychologe in mir sagt: Das muss was mit der Kindheit zu tun haben.

In der Tat. Während Ute mit ihren Eltern ausdauernd und regelmäßig gespielt hat, haben sich die meinen damit eher zurück gehalten. Gespielt wurde bei Oma, und meine Erinnerungen daran sind gemischt. Bei „Sag nix über Pulok“ (kennt überhaupt jemand noch diesen Klassiker?) konnte ich noch ziemlich gut mithalten – bei diesem Spiel geht es um Wörter, und da machten sich die zwei Jahre Altersvorsprung zu meiner Schwester doch bemerkbar. Bei Halma aber habe ich verloren. Gefühlt immer. Und ebenso oft hat mir meine Schwester vorgehalten, dass ich doch eigentlich zwei Jahre älter… Eine traumatische Erinnerung.

Skat aber habe ich gespielt, seit ich ins Gymnasium kam. In den Pausen, in den Freistunden, später auch abends in der Kneipe. Und die einfachere Variante „Ramschen“ im Bus als Fahrschüler. Die ging auch zu zweit. Und später auch gerne Schach. Aber dazu fehlte mir dann irgendwann die Zeit und die Geduld. Und beim Patiencen legen kann ich mich wunderbar entspannen.

Frühkindliche Prägungen sind eben nur schwer zu kompensieren. Das gilt offenbar auch für Karten- und Brettspiele. So sieht es auch der Psychologe Alfred Adler. „Das Spiel“, meinte er, „ist für das Kind von außerordentlicher Wichtigkeit.“ Zum Beispiel könne man dabei „beobachten, wie das Kind zum Leben eingestellt ist.“ Das hat mich nachdenklich gemacht. Und ich habe mich gefragt, ob ich dabei auch etwas über mich lernen könnte. Und nach kurzen Überlegungen kam ich auch zu einigen Erkenntnissen:

  1. Ich kann schlecht verlieren.
  2. Ich vermeide möglichst Wettbewerbssituationen, weil siehe 1.
  3. Den Raubtierkapitalismus à la Monopoly lehne ich aus tiefstem Herzen ab.
  4. Ich sollte, was Brettspiele angeht, öfter mal über meinen Schatten springen.
  5. Ich würde, nach Jahrzehnten Abstinenz, gerne mal wieder einen gepflegten Skat probieren. Ob ich das überhaupt noch kann? Vielleicht hat ja jemand Lust, es mit mir auszuprobieren.

9 Gedanken zu “Verspielt

  1. Veronika Hansberg schreibt:

    Lieber Erik, wie erkenne ich einiges wieder in diesem Beitrag! Ich bin auch in einer „Spieler“-Familie groß geworden. Und ich spiele mit meinen Kindern gern, aber nicht alles. Monopoly finde ich fürchterlich (schon immer), ich bin einfach keine gute Geschäftsfrau, will ich auch gar nicht sein. Und zunehmend sind mir allzu hektische Spiele (also alles, wo es auf schnelle Reaktionen ankommt) suspekt. Und wenn ich jetzt darüber nachdenke, kann ich – je älter ich werde – immer schlechter verlieren. Merkwürdig. Meine Eltern erzählen immer, sie hätten früher besonders gern mit mir gespielt, weil ich so würdevoll verloren hätte (und wohl auch oft tatsächlich verloren habe). Das kann ich irgendwie heute gar nicht mehr glauben und ich fürchte, es gehört in die Reihe der Anekdoten, die Eltern sich nun mal hin und wieder zurecht basteln (ich vielleicht auch schon?). ich bin keine gute Verlierin, soviel steht fest.
    Aber: „Sag nix über Pulok“ (wie lustig) ist eines meiner Lieblingsspiele – ja, da wird etwas aus der Kindheit angetriggert. Leider kann man das nicht mehr kaufen und das einzige Familienexemplar befindet sich bei meinem Eltern (wo es auch hingehört).
    Grundsätzlich glaube ich das übrigens auch: Das, was wir in der Kindheit erlebt haben, sitzt tief, sehr tief und prägt uns unser Leben lang – ganz egal in welcher Hinsicht. Mal zum Segen, mal zum Fluch. So ist das wohl. Aber: Will ich das immer? Oder ist das nicht die Frage?
    Ich wünsche Dir eine gute Woche!

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  2. Ute Klingwort-Finster schreibt:

    Köstlich! Sehr unterhaltsam geschrieben; vielen Dank!

    Skat spielen wir immer mal mit einem unserer Schwiegersöhne, wenn es sich ergibt (was wegen der vielen Kinder zunehmend schwieriger wird – wir hoffen, die dann irgendwann wieder einfacheren Zeiten noch zu erleben…)
    In unserem Freundeskreis findet sich nur ein einziges Paar, das genauso gern spielt wie wir, gern das Spiel des Jahres (da gibt es verschiedene Kategorien, wie wir erst neulich gelernt haben; es gibt also jeweils mehrere „Spiele des Jahres“) und besonders gern Kombinations- und Sprachspiele. Eher keine Würfelspiele, auf keinen Fall Monopoly…
    Ansonsten spielt entweder der Mann oder die Frau nicht gern, meistens der Mann…

    Von Schiller stammt der berühmte Satz: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Aber hat er damit Brettspiele gemeint oder war es doch eher im übertragenen Sinn gemeint (und wie denn dann genau? – muss ich erst recherchieren)

    Jedenfalls hast du, lieber Erik, mal wieder ein erfrischend neues Thema angeschlagen.

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  3. Andreas Seyboldt schreibt:

    Lieber Erik,

    Mir geht es in vielem ähnlich mit Deinem Spiele(er)leben: Auch bei uns zu Hause wurde oft und viel gespielt, v.a. durch und mit meiner Mutter. Mein Vater war immer ein Spielemuffel und ich merke, dass es mir heute oft ähnlich geht, wenn in unserer Patchworkfamilie, v.a. im Urlaub, gespielt wird, v.a; lieben die (grossen) Kinder bei uns Rollenspiele, à la „Werwolf“ u.ä. – und das, muss ich sagen, behagt mir überhaupt nicht. Ich verzieh mich dann meistens in die Küche – da ich in unserer elternspezifischen Rollenaufteilung für die Ernährung der Familie zuständig bin und dann eben Mittag- oder Abendessen zubereite…

    Mit Skat habe ich fast die identischen Erfahrungen wie Du: beigebracht hat’s mir mein Vater, das einzige Spiel, das er leidenschaftlich gerne spielte, und praktiziert in der Schule, quasi bis zum Abi… Zu meinem Bedauern, hab ichs leider nicht geschafft, die Skatleidenschaft weder an meinen Sohn und meine Töchter, noch an meine Adoptivsöhne und -töchter zu vermitteln… Also, bei unserem nächsten Hamburgbesuch – oder einem baldigen Parisbesuch Eurerseits?! – planen wir unbedingt einen Skatabend ein, was denkst Du ? (Übrigens: kennst Du Doppelkopf? Ein dem Skat ähnliches Kartenspiel, das Du zu viert spielst und das ich durch ein befreundetes Elternpaar bei einem unserer Sommerurlaube im Familienferiendorf Tieringen kennen- und liebengelernt habe !)

    Liebe Grüsse an Dich und Ute, wie immer natürlich von uns beiden!

    Andreas & Emmanuelle.

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  4. gebrocheneslicht schreibt:

    Dann bin ich also mit meiner Monopoly-Abneigung also nicht alleine, wie beruhigend. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob am Anfang nicht meine Abneigung gegen das Verlieren stand und sich dann erst meine sozialistische DNA meldete. Aber vielleicht hängt ja auch beides miteinander zusammen.

    Bei Wikipedia fand ich, dass die Erfinderin von „Monopoly“, die Stenotypistin Lizzy Magie, genau die Ungerechtigkeit anprangern wollte. Sie nannte es „The Landlord’s Game“ und wollte zeigen, dass die arbeitsscheuen Adligen das ganze Kapital abschöpfen, während die hart arbeitende Bevölkerung hungert. Sie entwickelte eine Alternative, in der die Grundbesitzer Steuern bezahlen mussten und die meisten Spielerinnen und Spieler gewinnen. Die aber wurde vom Spielehersteller Parker abgelehnt. Begründung: Zu kompliziert und zu politisch.

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  5. Ute Klingwort-Finster schreibt:

    Mein Vater lehnte jegliches Kartenspiel ab, weil er als Kriegsgefangener erlebt hatte, wie zügellos einige Soldaten gezockt hatten. So die offizielle Begründung – und die einzige, die mir präsentiert wurde. Vielleicht hatte er auch einfach keine Lust.
    Das Kartenspielen habe ich von meinem Mann gelernt. Und mit einem Freundespaar spielen wir ausschließlich Doppelkopf, kein anderes Spiel.

    Kurz nochmal zu Schiller. In seiner „Ästhetischen Erziehung des Menschen“ stellt er das Spiel als eine Stufe auf dem Weg zur Schönheit dar; es befreie den Geist von Pflicht und Notwendigkeit.

    Bei den Spielen, die wir Erwachsenen im Blick haben, muss meistens viel nachgedacht und geplant werden; schließlich möchte man schon ganz gerne gewinnen. Aber wenn man in den Genuss kommt, Kindern beim Spielen zuzusehen, erkennt man, wie sehr es befreit: Losgelöst von aller Realität (oder von dem, was wir darunter verstehen) wird alles möglich, passt alles zusammen. Phantasie und Wirklichkeit verbinden sich auf wundersame Weise; die Puppe lebt, das Auto spricht. Und die Zeit bleibt stehen. Dann offenbart sich die reine Schönheit zweckfreien Spiels!

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  6. Ralf Liedtke schreibt:

    Eine gute Vorlage, lieber Erik und wirklich nett geschrieben. Ich habe Monopoly früher wirklich gern gespielt, heute finde ich es eher langweilig. Der moralische Zeigefinger ergebt sich bei mir nicht, aber dass dieser bei anderen zuckt wundert mich nun wieder auch nicht.

    Doppelkopf ist zum Beispiel ein wirklich tolles Kartenspiel, für mich das beste von allen.Vielleicht auch weil es immer wieder neue Konstellationen unter den Spielern gibt, manchmal auch Überraschendes geschickt, Kooperationen entstehen und vergehen. Man muss auch den Kopf einschalten und mitdenken, doch in einem Rahmen, den ich noch erträglich finde. Komplexe Strategiespiele bis hin zu Schach sind mir zu einseitig auf den Intellekt ausgerichtet und bringen mir keine Entspannung und Spaß mehr.

    Aber letztlich spielt bei allen Spielen das Glück eine erhebliche Rolle. Und, um es ganz ehrlich zu sagen, wenn ich über Stunden beim Doppelkopf nur Blätter bekomme, mit denen rein nichts anzufangen ist, werde ich innerlich auch grantelig. Insofern spüre ich immer wieder, dass beim Spielen durchaus auch Merkmale unserer Persönlichkeit hervortreten, was ich auch spannend finde. Und mitunter gucke ich dann im Spiegel an meinem Ebenbilde lieber vorbei.

    Was mich aber interessiert und bisher noch nicht zu Sprache kam, ist ein ganz anderer Aspekt. Das riesige und einflussreiche Imperium der Computerspiele im Web, immer realitätsnäher in der Darstellung. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmern für den „einsamen“ Spieler, der gleichzeitig Teil einer großen Web-Community ist. Dies ist die heutige moderne Welt vieler jüngerer „Spieler“. Ich kenne diese Welt nichtm halte mich selbst bewusst davon fern, auch weil ich die Sorge für mich habe, diese könnte auch mich inspirieren und einfangen.

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  7. Friedrich schreibt:

    Beim Skat hast du eine schlummernde Erinnerung geweckt- Zugfahrten vom Schulort nach Hause waren im Nu vorbei wenn eine Skatrunde zusammenkam.
    Falls Ute auch spielt, sollten wir es das nächste Mal mal ausprobieren ob wir es noch können……
    Wie ist es übrigens dem „Route 66“ ergangen, schon mal ausprobiert?

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