Die ideale Gemeinde

Zum Auftakt und Ausgang spielten Gudrun Fliegner und Andrii Spharkyi, unser Posaunenchorleiter, die Sonate C-Dur von Felice Maria Picinetti und vor der Predigt die gottesdienst posauneSicilienne von Gabriel Fauré – auf Orgel und Posaune! Es war für mich ein ganz großes Erlebnis. Es war insgesamt ein wunderbarer Gottesdienst, den wir mit Helge Baumann und Hendrik Hoever und vielen Menschen gefeiert haben. Und dies war die Predigt dazu. Grundlage ist ein Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Römer, Kapitel 12, 9-21:

Liebe Gemeinde!

Den Ratzeburger Dom habe ich noch nie durch das Hauptportal betreten. Man tritt durch den Seiteneingang ein, kommt erst noch in eine Kapelle und erst dann sieht man seine ganze Pracht von innen. So ähnlich sind auch viele kleinere Kirchen gebaut, gerade hier im Norden: Der Eingang ist an der Seite, und dann geht es durch einen kleinen Raum, der aber dann viel zu klein ist für eine Kapelle. Er war auch nie als solche gedacht. Diesen Vorbau nennt man von jeher das Waffenhaus.

In früheren Zeiten war der Kirchgang oft lang und gefährlich. Wilde Tiere und Wegelagerer bedrohten Leib und Leben. Eine Waffe war dann nicht nur Statussymbol, sondern schlichte Notwendigkeit. Aber in der Kirche selbst hatte sie nichts zu suchen. Sie musste im Waffenhaus abgegeben werden.

Drinnen galten andere Regeln als draußen in der Welt. Frieden statt Kampf, Sicherheit statt Gefahr. Und es war eine gute Botschaft, die der Pastor zu verkünden hatte, besonders für die einfache Bevölkerung, die unter der Willkür der Mächtigen zu leiden hatte: Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Wenn der Gottesdienst allerdings zu Ende war, dann ging es wieder hinaus in die Welt. Und die Tiere und Wegelagerer, die Missernten und die Herren der Welt, sie waren immer noch da.gottesdienst predigt

Keine Frage, unser Kirchenweg ist sicherer geworden. Die wilden Tiere sind den Autos gewichen, und die meisten Wegelagerer hat die Polizei gefasst. Uns geht es ziemlich gut, leben wir dazu noch in einem ziemlich privilegierten Teil der Welt. So viel individuelle Freiheit wie heute gab es nie in der Geschichte, und so viele Möglichkeiten für so viele Menschen, ein gutes Leben zu führen, auch nicht.

Und doch bietet unser Leben auch große Herausforderungen – und für nicht wenige werden sie zur Überforderung. In unserer Gesellschaft gilt das Leistungsprinzip. Und Konkurrenz belebt nicht nur das Geschäft, sondern sie muss möglichst auch übertroffen werden. Und das kann ganz schön anstrengend werden. Wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Und das Leben ist nicht immer fair. Manche unserer Mitmenschen wissen die Spielregeln ungerührt für sich auszunutzen, und andere halten sich erst gar nicht daran. Und dann gibt es noch die Schicksalsschläge, für die wir gar nichts können. Auch in unseren Breiten kann das Leben manchmal ziemlich gemein sein.

Dann ist es gut, wenn es Freiräume gibt. Orte, in denen wir Kraft tanken und zur Besinnung kommen. Die Kneipe kann durchaus ein solcher Ort sein, oder der Urlaub. Die Familie – oder die Gemeinde. Ja, gerade die. Denn unser Anspruch ist doch über die Jahrhunderte gleich geblieben: Im Unterschied zur Welt ein Ort des Friedens zu sein. Ein Ort der Ruhe. Und viele suchen ihn ja auch hier in der Kirche, in diesem Raum. Sie spüren die besondere Atmosphäre.

Die Kirche kann ein Ort sein, an dem wir uns nicht vor dem anderen fürchten müssen, sondern einander vertrauen. Wo die Botschaft des Paulus gilt: Eure Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Eure Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Auch Lukas hat von diesem Ideal geschwärmt: Jeder gibt, was er kann, und bekommt, was er braucht. So kann Vertrauen wachsen. So können die Starken ihre Kräfte entfalten und die Schwachen unterstützt werden. Im konkreten Leben allerdings gelingt uns das nur teilweise.

Denn wir sind ja Menschen. Und unsere Waffen können wir vielleicht an der Kirchentür abgeben, aber nicht unsere Schwächen und Stärken. Und das macht das Zusammenleben manchmal kompliziert. Da finde ich die eine auf Anhieb sympathisch, der andere braucht den Rest meiner Geduld. Auch in der Kirche gibt es Menschen, die so gar nicht auf meiner Wellenlänge sind. Auch in der Kirche verletzen wir einander, versuchen einander zu übertreffen. Und ich selbst bin mal gut drauf und mal eher mittelmäßig. Wir leiden unter äußeren Ungerechtigkeiten ebenso wie unter inneren Süchten und Sehnsüchten.

Und dann kommt dazu noch der hohe Anspruch, der an uns herangetragen wird und den wir selber haben. Wenn wir meinen, besonders freundlich zueinander sein zu müssen und dabei Konflikte unter den Tisch kehren. Gerade auch in der Kirche habe ich die Fähigkeit kennengelernt, wie man auf liebe Weise böse Gemeinheiten verteilen kann. Ob die Liebe ohne Falsch ist, kann man von außen manchmal nur schlecht erkennen. Und wir erkennen es bei uns selbst ja manchmal auch nicht.

Aber wir haben gegenüber anderen Menschen den einen oder anderen Vorteil. Zum einen sind wir guten Willens, gut miteinander auszukommen. Aber fast noch besser ist, was eine gute Freundin auf dem Blog schrieb: „Immerhin gehören wir zur GmbH der Christen – zur Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung.“ Wir hoffen, dass Gott es gut mit uns meint, auch wenn er uns manchmal sehr viel zumutet. Wir hoffen, dass wir aufgefangen werden, wenn das Leben uns gerade mal nach unten durchreicht.

Die Begründung für unsere Hoffnung liegt allerdings nicht unbedingt außerhalb von uns, bei irgendeiner Macht, die in unser Leben eingreift. „Vielleicht heißt Hoffnung gar nicht der Glaube an den guten Ausgang der Welt“, sagt der Theologe Fulbert Steffensky. „Es garantiert uns keiner, dass das Leben auf der Erde in absehbarer Zeit nicht kollabiert, auch kein Regenbogen. Aber wir können tun, als hofften wir. Hoffen lernt man auch dadurch, dass man handelt, als sei Rettung möglich.“

Deshalb machen die Ermahnungen des Paulus auch Sinn: Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Nehmt euch der Nöte der Brüder und Schwestern an. Nicht weil wir hoffen und darauf vertrauen, dass Gott uns die Arbeit aus der Hand nimmt. Sondern damit wir hoffen. Wenn wir Gastfreundschaft üben, dann bringen wir eine Menge Hoffnung in die Welt – nicht nur zu den Flüchtlingen, auch zu den Menschen um uns herum. Wenn wir Menschen oder Dinge, die uns beschweren, segnen, dann kehren wir Böses in Gutes. Und dass die Freude mit den Fröhlichen und die Tränen mit den Weinenden neue Hoffnung bringen, müssen wir wohl nicht mehr extra begründen.

Es lohnt sich, die Worte des Paulus noch einmal in Ruhe zu meditieren, vielleicht abends im Gebet. Und sich bei jedem Satz zu fragen: Wie war es heute? War unsere Liebe ohne Hintergedanken? Haben wir unsere Begleiterinnen und Begleiter wertgeschätzt? Haben wir unsere Möglichkeiten ausgeschöpft?

Im Gebet geht es dabei nicht darum, nach unseren Fehlern zu suchen. „Ein Christ“, meinte einmal der ehemalige Kollege von der katholischen Gemeinde St. Ansgar, Alfons Rohtert, „ein Christ hat kein schlechtes Gewissen. Ein beunruhigtes ja, aber kein schlechtes.“

Diese Unruhe ist heilig, weil sie uns nach vorne sehen lässt. Weil sie uns größer und weiter macht. Sie hat den Himmel zum Ziel – auch den Himmel auf Erden.

Amen.

Nach dem Gebet sangen wir das Lied „Seid fröhlich in der Hoffnung, beharrlich im Gebet, standhaft in aller Bedrängnis. Macht einander Mut, ladet gerne Gäste ein. Zeigt es allen, dass Jesus sie liebt“. Es passte wunderbar dazu.

gottesdienst predigtgottesdienst posaune

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Bilder aus der Kirche © Ingelor Schmidt

4 Gedanken zu “Die ideale Gemeinde

  1. Bernhard Siegel schreibt:

    Es war wirklich ein sehr schöner Gottesdienst. Es war für mich eine große Freude, mit dabei gewesen zu sein.

    Ganz liebe Grüsse
    Berni

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  2. Veronika Hansberg schreibt:

    Es ist wirklich sehr schwierig, bei diesem Predigttext nicht moralisch zu werden. Moral in der Predigt so wenig wie möglich verloren, meine ich. Hier: Gut gelungen. Sie tröstet. Und das ist es, was einen Vortrag zur Predigt macht. Danke! Leider kenne ich das Lied, das Ihr gesungen habt, nicht.

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  3. fried4u@gmx.de schreibt:

    Danke! Für mich, der selber wenig zum Predigthören kommt, ist das wie der Besuch einer Oase, erfrischend und meinen Durst löschend!

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