Über die Schönheit

Seitdem ich darauf gestoßen bin, dass das Wort „Gnade“ in den alten Sprachen hebräisch, griechisch und lateinisch viel eher mit „Wohltat“, besser noch mit „Schönheit“ zu übersetzen ist, lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los. Heute las ich ein Interview mit dem britischen Neurobiologen Semir Zeki, der wissenschaftlich bestätigt, „dass Liebe und Schönheit eng zusammenhängen“. Durch beide Empfindungen wird nämlich dieselbe Region im Gehirn aktiviert. Sie „ist Teil eines größeren Komplexes, der sich mit Entscheidungen beschäftigt. Vor allem bewertet er Reize, die wir als angenehm oder als Belohnung empfinden“.

Im Grunde wissen wir das auch. Zum Beispiel, wenn wir mit Goethe „zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!“ Oder mit Schlingensief: „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“ Das Schöne ist gleichzeitig das Gute. Die Griechen hatten dafür sogar ein Wort: Kalokagathia. Das Ideal der Vollkommenheit.

Schönheit ist aber nicht nur eine emotionale und eine ästhetische Kategorie. Sie spielt auch in der Mathematik eine Rolle. Einstein meinte einmal zu seiner Formel E=mc², was so schön ist, könne nicht falsch sein. Und der Mathematiker Hermann Weyl meinte einmal, im Zweifelsfall würde er sich immer für die „schöne“ Theorie entscheiden.

Wenn es denn stimmt, dass Schönheit auch eine zentrale Eigenschaft Gottes ist, dann lag Paul Schulz vielleicht doch nicht so falsch, als er in den siebziger Jahren fragte: „Ist Gott eine mathematische Formel?“ Damals verlor er für diese These seine Stelle als Hauptpastor der Hamburger Kirche St. Jacobi. Heute würde man mit dem Thema vielleicht etwas gelassener umgehen.

Schönheit muss natürlich nicht immer glatt und einfach sein. Auch die runzligen Gesichter von alten Menschen können schön sein, eine karge Landschaft kann es – und für manche Menschen auch ein Musikstück von Karlheinz Stockhausen. Die Bibel aber bringt noch einen Aspekt ins Gespräch, der der griechischen Tradition von Schönheit eher fremd ist. Der „ideale Mensch“ ist für sie nicht derjenige, der dem „Ideal der körperlichen und geistigen Vortrefflichkeit“ nahekommt. Es ist der gekreuzigte Mensch, der leidende. In Gott kommt es zusammen: Die Schönheit und das Leiden. Wie aber verhält es sich im wirklichen Leben?

Vielleicht so: Weil Gott das Leiden kennt, sein Sohn – und damit er selbst – sogar gestorben ist, ist er mir nahe. Und ich brauche ihn in meiner Nähe, nicht nur, um mich bei ihm zu beklagen. Ich brauche ihn, damit er mir Türen öffnet hin zur Schönheit, zum Guten, hin zum Leben.

7 Gedanken zu “Über die Schönheit

  1. Ralf Liedtke schreibt:

    Interessante Gedanken! Besonders gefällt mir, dass Schönheit so viele Facetten umfasst und schön nicht gleich „schön“ ist. Es hat viel mit unserer Wahrnehmung zu tun, die bekanntlich eine sehr selektive ist, was wir als schön empfinden oder auch was uns als „hässlich“ abstößt. Viele Menschen ekeln sich vor Spinnen. Ich finde diese sehr ästhetisch und bewundere ihr Geschick.

    Was mir aber nicht einleuchtet ist, warum Leid und Schönheit sich ausschließen oder was Schönheit mit dem Guten zu tun hat. Würde dazu gern mehr hören, lieber Erik!

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      In einer Predigt (https://gebrocheneslicht.com/2018/01/14/von-menschlicher-und-goettlicher-weisheit/) habe ich mich auf das „Athener“ und das „Jerusalemer“ Menschenbild bezogen. Das „Athener“ orientiert sich am „Ideal der körperlichen und geistigen Vortrefflichkeit“ – die Statuen der griechischen Klassik sind dafür ein Beispiel: Kalokagathia ist ein zusammengesetztes Wort aus „gut und schön“. Das Wort für das „Jerusalemer“ Modell heißt „Ecce homo“: Seht, welch ein Mensch – ist der Gekreuzigte.

      Trotzdem: Das Leid ist nicht schön, definitiv. Wenn ich leide, kann ich trotzdem Schönheit sehen. Ich muss es sogar, um nicht zu verzweifeln. Aber ich sehe sie trotz des Leides oder durch das Leid hindurch.

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  2. Andreas Seyboldt schreibt:

    Wirkliche Schönheit gibt es, definitif nicht, im objektiven Sinn! Sie ist immer nur in – persönlicher – Beziehung „sehbar“ oder eher : erfahrbar ! Sowie ja Auch das biblische Wort für „kennen“ – wissen, im Sinne von „Erkenntnis“ immer nur in Beziehung möglich ist: ich kenne Dich – und ich kann Deine Schönheit sehen – weil ich eine Beziehung zu/mit dir habe. Diese „Kenntnis“ bleibt natürlich immer Auch unvollkommen und lässt uns deswegen ja Auch immer wieder neues beim geliebten Menschen entdecken und erfahren! … Und ich denke ebenfalls: ja, ich kann Schönheit sehen „trotz des Leides und durch das Leid hindurch“…
    Ein Fim, der das für mich gut zum Ausdruck bringt, ist : „Jésus de Montréal“ von dem kanadischen Fimemacher Dany Arcand (Film aus den 80er Jahren, den ich zum ersten Mal und in deutscher Fassung in Tübingen im Studentenwohnheim gesehen habe), einen der besten Jesusfilme aller Zeiten! Sehr empfehlenswert – falls Ihr in noch nicht kennt ? Auch und gerade für Leute, die mit Jesusfilmen ansonsten nicht viel am Hut haben… aber Ihr kennt ihn vielleicht Auch schon?! Ich habe ihn mit unseren Kirchenvorständen – die, zugleich begeistert und berührt waren – auf unserem Wochenendseminar vor kurzem wieder neu entdeckt!
    In diesem Sinne wünschen wir Euch beiden, miteinander, noch viel gemeinsames Erleben von Schönheit und Liebe, und noch „eine ganze Menge Leben“ !!
    Seid ganz herzlich umarmt von uns beiden,
    Andreas & Emmanuelle.

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  3. Friedhelm Berg schreibt:

    Sagt man nicht, dass wahre Schönheit im Auge des Betrachters liegt? Daran ändert auch ein grauer Star nichts, denn es ist das innere Auge gemeint. Auch das kann getrübt werden: durch Sorgen, Kummer, Ängste, Hass, Neid usw., all die Dinge mit denen wir uns selber beschweren. So wie Dunkelheit nur die Kehrseite des Lichts ist, sind Hoffnung, Vertrauen, Freude, Dankbarkeit, Herzlichkeit die Kehrseite der unschönen Eigenschaften. Sie sind auch immer in uns und wenn wir sie pflegen, lassen sie uns das Leben so sehen , wie es wirklich ist. Das menschliche Leben, habe ich mal gehört, ist eine Ehe, die Verbindung zwischen dem Sterblichen und dem Unsterblichen. Je mehr ich das verstehe, um so mehr verstehe ich, dass ich nicht auf einen Himmel warten muss, sondern dass ich jetzt im Himmel bin und auch der Herbst und der Winter des menschlichen Lebens unendlich schön sein kann.

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