Gegen das Drehbuch

Am 24. Dezember veröffentlichte das Hamburger Abendblatt auf der Titelseite eine Geschichte mit dem Titel „Es begab sich in Ostfriesland…“. Ich empfehle allen, die sie gelesen haben oder auch nicht, das Original von Ruth Schmidt-Mumm „Wie man zum Engel wird“ (für den vollen Genuss jetzt, denn es folgt eine kleine Zusammenfassung).

Die 6. Klasse richtet traditionell das jährliche Krippenspiel aus. Doch in diesem Jahr kann die Rolle des Wirts nicht besetzt werden, da es an Jungen mangelt. Da soll Tim, der kleine Bruder des Joseph-Darstellers, einspringen. Er hat ja nur einen Satz zu sagen: Kein Zimmer mehr frei. Tim sagt zu. Und bei der Probe klappt auch alles.

Als Joseph jedoch bei der ersten Vorstellung fragt: „Habt ihr ein Zimmer frei?“, antwortet Tim, der Wirt: „Ja, gerne.“ Und er lässt sich auch durch die Improvisationen des Joseph nicht davon abbringen. Nach der Vorstellung meint er zur Begründung, „dass Joseph eine so traurige Stimme gehabt hätte, da hätte er nicht nein sagen können, und zu Hause hätten sie auch immer Platz für alle, notfalls auf der Luftmatratze“. Aber bei der nächsten Vorstellung, so verspricht er, wolle er die richtigen Worte sagen.

Doch auch die zweite Vorstellung geht schief. „Für die dritte und letzte Aufführung des Krippenspiels in diesem Jahr wurde Tim seiner Rolle als böser Wirt enthoben. Er bekam Stoffflügel und wurde zu den Engeln im Stall versetzt. Sein „HaIleluja“ war unüberhörbar, und es bestand kein Zweifel, dass er endlich am richtigen Platz war.“

Für mich ist es das schönste Krippenspiel, das ich je gesehen, gehört oder gelesen habe – noch weit vor „Hilfe, die Herdmanns kommen“ von Barbara Robinson (und der Ostfriesen-Fassung im Abendblatt). Deshalb habe ich sie auch 2005 zur Grundlage meiner plattdeutschen Ansprache zum Waldsingen gemacht und neun Jahre später zum Krippenspiel umgearbeitet.

Und ihre Botschaft finde ich heute wichtiger denn je: dass wir uns dem unbarmherzigen Drehbuch des Lebens einfach widersetzen. Selbst dann, wenn wir zu den „Engeln“ abgeschoben werden, wo wir keinen „Schaden“ mehr anrichten können.

Aber ist dieser Schaden nicht schon längst entstanden? Sicher, das Drehbuch schreiben wir ebensowenig um wie Tim. Und oft genug werden wir in die Ecke der Engel, der Gutmenschen und Träumer gestellt. Aber das „Ja, gerne, natürlich haben wir noch einen Platz frei für Menschen, die ihn brauchen“, ist nun mal in der Welt. 2015 gilt bei vielen als das Jahr, in dem wir die Kontrolle über unsere Grenzen verloren haben, und als Anfang vom Ende von Merkels Kanzlerschaft. Für mich ist es das Jahr, in dem sich gezeigt hat, wie viel Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn und Lust an Nächstenliebe in uns Deutschen steckt. „Wir schaffen das“ ist Merkels stärkster Satz gewesen. Leider hat sie selbst nicht darauf vertraut.

Dabei ist das doch ein zutiefst christlicher Satz. Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, heißt es im Psalm (18,30). Und Jesus sagt: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (Markus 9,23) Und auf dieser Linie liegt auch der Satz von David Ben Gurion, den Ute mir vor kurzem vorgelesen hat: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

Wie schwer ein solcher Glaube sein kann, muss uns niemand erzählen. Aber er ist unsere einzige Chance gegen ein unbarmherziges Drehbuch. Er ist unsere Chance auf Leben.

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Beitragsbild: Hosterwitzer Krippenspiel in der Schifferkirche „Maria am Wasser“, Dresden, Bild von Dr. Bernd Gross – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30491624

3 Gedanken zu “Gegen das Drehbuch

  1. Friedhelm Berg schreibt:

    „Wir schaffen das“. Aber was? Eine menschliche Gesellschaft, eine humane Gesellschaft für alle. Das braucht das Engagement aller. Eine Gesellschaft in der Frieden herrscht. Der kann nur mit dem Einzelnen anfangen. Wenn ich Frieden für mich finde, kann der hoffentlich auf andere ausstrahlen und ansteckend wirken, und so auf die Mehrheit oder die Meinungsführer. Dass das mehr oder noch mehr als in diesem Jahr geschieht ist meine Hoffnung für das kommende Jahr. Es sind vielleicht höchstens 5 % der Menschen die das Böse wollen, die von der Rüstung etc. leben und Kriege für den weiteren Umsatz brauchen. Die Mehrheit möchte ganz sicher keine Kriege und ein friedliches Leben. Für alle, auch für Kinder und Babys.

    Dazu der nachfolgende Artikel aus dem Hamburger Abendblatt: https://www.abendblatt.de/ratgeber/article214458915/Neue-Leitlinie-Aerzte-raten-von-Jungen-Beschneidung-ab.html. – Ich weiß von Leuten, für die das der reinste Horror war, und die das ihren Kindern nie antun möchten. Auch viele liberale Juden lehnen das ab. Wir können das schaffen mit dem Frieden, es braucht Geduld und Aufklärung.

    Die Goldene Regel finden wir in allen Religionen, ob Konfuzius, Neues Testament, bei Mohammed oder bei Kant im kategorischen Imperativ: was du nicht willst, was man dir tut, das füge keinem anderen zu!

    Was die Migration angeht, wird zu selten nach dem WARUM gefragt. Ohne den Freihandel den „wir“ Afrika aufzwingen, die Rüstungsexporte, etc. etc. würden viele Menschen sicherlich liebend gerne in ihrer sprachlich und kulturell gewohnten Umgebung leben, Zumal sie in einem immer noch recht dünn besiedelten und an Schätzen aller Art reichen Kontinent leben.

    Aber Probleme hat es auf der Welt immer gegeben, darum heißt es bei J. Scheffler:
    Der Weise suchet Ruh` und fliehet das Getümmel,
    Sein Elend ist die Welt, sein Vaterland der Himmel.

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Vielen Dank für diese Akzente. Noch ein Hinweis: Ulrich Schnabel beschreibt in der Zeit (auf ZeitOnline leider hinter der Bezahlschranke), wie wichtig es ist, für andere Menschen da zu sein, wenn wir unser Leben als sinnvoll erleben wollen.

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  2. Daniel Birkner schreibt:

    Vielen Dank für die Erinnerung an dieses Krippenspiel! Aber vor allem für deine Auslegung, die die Tiefe dieses Stückes und der Geste des Wirts auslotet und die Erinnerung daran, wie stark und wichtig und mitmenschlich Merkels Satz war!

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