Heilige heidnische Weihnachten

Eigentlich dürfte Weihnachten gar nicht mehr existieren, denn gefühlt alle Menschen haben etwas dagegen: Die einen finden den Konsum ganz furchtbar, die anderen beklagen sich über zu wenig Geschenke. Die Familien versinken im Stress, die anderen verfallen in Depressionen, und die dritten fliegen in den Süden oder fahren wenigstens nach Dänemark. Die Heiden beschweren sich über den christlichen Überbau und betonen die Tradition des Sonnenwendfestes, die Christen beklagen die heidnische Ausgestaltung.

In der Tat hat die heutige Weihnachtsfeier nicht mehr viel mit den original christlichen Traditionen zu tun. In amerikanischen Weihnachtsfilmen wird zwar sehr viel für den Glauben geworben, aber nicht den an Jesus oder Gott, sondern an Santa Claus. Und selbst hierzulande kann man die Krippenspiele nur als grobe Verfälschungen der biblischen Aussagen bezeichnen (beliebte Quizfragen: Gab es in der Bibel Esel, Ochse, Wirt, eine überfüllte Stadt, die Heiligen drei Könige, den Stern, der den Hirten erschien? Nein, nichts davon!).

All das war mir natürlich von Anfang an bekannt. Und trotzdem habe ich jedes Jahr wieder ein Krippenspiel verantwortet, die rührendsten Geschichten erzählt, vom Zauber der Weihnacht gepredigt und mich gefreut, dass so viele Menschen in der Kirche waren. Und ich stehe dazu.

Auch wenn es Lukas 2 in fast jedem Gottesdienst im Wortlaut gab, selbst in den Familiengottesdiensten – ich verstehe meine Aufgabe als Pastor nicht so, dass ich die Bibel vorlesen oder auslegen soll. Ich möchte die Botschaft des Evangeliums verkündigen, das ist etwas anderes. Denn diese Botschaft muss heute anders lauten als damals, weil die Umstände und Verhältnisse ganz andere sind. Deshalb darf ich an Weihnachten zum Beispiel von Flüchtlingen sprechen, obwohl in der ganzen Weihnachtsgeschichte kein einziger vorkommt.

Ich habe als Pastor meine Aufgabe weniger darin gesehen, Seelen zu retten. Das erschien mir immer eine Nummer zu groß, und deshalb habe ich es Gott überlassen. Aber ich habe mich immer gefreut, wenn Menschen, sinngemäß, gesagt haben: Meine Seele ist größer geworden, freier. Jetzt sehe ich etwas in der Welt und in meinem Leben, was ich vorher daraus nicht habe entnehmen können: Einen Zauber, eine Bedeutung, eine Kraft, eine Richtung, ein Ziel. Einen Gott.

Wenn ich es richtig einschätze, sehen die meisten Menschen in ihrem Leben keinen wirklichen Sinn. Und wenn, dann den, den sie sich selbst geben. Und irgendwie haben sie auch recht. Es gibt keinen Lebenssinn an und für sich und für alle Menschen gleich. Man muss ihn für sich schon irgendwie herausfinden. Wenn man partout keinen sieht, ist das aber sehr schwer

Mein Glaube besteht darin, dass es für jeden Menschen diesen Sinn gibt. Dass jedes Leben zauberhaft ist und bedeutungsvoll. Dass Gott schon unter uns und in uns wohnt. Und wir ihn nur entdecken müssen. Und Weihnachten ist ein wunderbarer Anlass, gemeinsam auf diese Entdeckungsreise zu gehen.

Und auch das ist die Botschaft des Kindes in der Krippe: Hier fängt etwas an, etwas Bedeutungsvolles, und es ist noch nicht abzusehen, wohin es führen wird.

Deshalb werde ich den Menschen in dieser Zeit weiterhin „Gesegnete Weihnachten“ oder zumindest „Fröhliche Weihnachten“ wünschen, und nicht „Happy Holidays“ oder „Season’s Greetings“ oder irgendwelche deutschen Ableger. Weil darin nun wirklich kein Zauber und keine Bedeutung mehr zu spüren sind.

Deshalb sind die Suchbewegungen nach dem Sinn von Weihnachten, wie sie in den Medien und Gesprächen jedes Jahr um diese Zeit geführt werden, oft so viel spannender als viele Predigten, die die Antwort schon gefunden haben, ehe die Frage gestellt wurde. Und mir deshalb die Frage, die ich zu stellen habe, gleich mit vorgeben.

Ja, Weihnachten ist furchtbar: zu stressig, zu viel Konsum, zu heidnisch, zu kitschig, zu … ach, es gibt eine ganze Menge, was man an diesem Fest aussetzen kann. Und Weihnachten ist wunderbar. Soviel Zauber, soviel Gemeinsamkeit, soviel Mühe um Menschen, die man liebt, aber auch die, denen man sonst im Jahr aus dem Weg geht. Soviel Zukunft und Hoffnung und Schönheit. Ostern mag vielleicht, christlich gesehen, bedeutender sein. Weihnachten aber ist schöner, zweifellos.

5 Gedanken zu “Heilige heidnische Weihnachten

  1. Maren Trautmann schreibt:

    So ist es, lieber Erik! Ich wünsche den Menschen, ob ich sie kenne oder nicht immer immer „frohe Weihnachten“ – herrlich antiquiert komme ich mir dabei vor. Ich wünsche dir und euch also, gesegnete, frohe, fröhliche Weihnachten, denn auch wenn Heiligabend hinter uns liegt, jetzt können wir das Ganze bei Tageslicht betrachten und feiern. Liebe Grüße. Maren

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  2. Andreas Seyboldt schreibt:

    Du sprichst mir aus der Seele, lieber Erik! Unsere Aufgabe als Pfarrer und Christen ist es Evangelium zu verkünden, nicht einen sogenanntem „unverfälschten, historisch abgesicherten, ursprünglichen,“ Jesus zu predigen, den es so nur in frommen Wunschträumen gibt! Die Geburtsgeschichte nach Lukas 2 oder Matthäus 2 ist ja eben kein historischer Bericht, sondern eine theologische Erzählung, die das Wunder von Gottes Menschwerdung erzählen möchte… Davon werde ich nachher im Weihnachtsgottesdienst hier in meiner Pariser Gemeinde, versuchen zu erzählen, fast zeitgleich mit Dir und Euch in Deiner Hamburger Gemeinde! … Bon et joyeux Noël! Und bis bald!
    Andreas.

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  3. Friedhelm Berg schreibt:

    Ich habe eben einen Vortrag von Karl-Josef Kuschel gehört: Thema: Religionen und warum der Glauben zu Fanatismus und Hass führen kann und dass viele Passagen aus Bibel und Koran dazu Vorlagen liefern. Oft werden die befehdet, die wie Jesus eine Botschaft der Liebe verkünden. Kann man nachhören im Deutschlandfunk (Kultur) Audiothek /Zeitfragen.

    Menschen, Propheten, Meister – egal wie man sie nennt – hatten m. E. nach nie die Absicht eine Religion zu stiften. Sie haben zu ihren Lebzeiten den Menschen gelehrt, wie sie zu sich selbst und zu Gott finden können. Später wurden ihre Vorträge niedergeschrieben und oft viel dazu gedichtet, um daraus eine Institution ableiten zu können, die aus einer lebendigen Sache eine konservierte, sterile und oft entstellte Stoffsammlung mit unterstützenden Ritualen machte.

    Die besondere Intoleranz des (mittelalterlichen) Christentums und des heutigen Islams ergibt sich u.a. daraus, dass man „seinem“ Propheten ein Alleinstellungsmerkmal, einen Ausschließungsstatus gegeben hat.

    Das Judentum akzeptiert mehr oder weniger gleichwertig viele Meister: Abraham, Moses und andere Propheten. Genauso im Hinduismus: Hier wird Lord Ram genauso verehrt wie Krishna, Buddha, Kabir, Guru Nanak und auch Jesus.
    Im Christentum „gilt“ nur Jesus als Heilsbringer, Sokrates wird ausgeblendet, war „nur“ ein Philosoph, dabei gibt es viele Gemeinsamkeiten: dass er Schüler um sich sammelte und wie Jesus einen „Opfertod“ erleiden musste. Von Mohammed hört man bei uns oft Negatives und von Rumi meist gar nichts. Von den Heilsbringern in anderen Ländern wie Konfuzius, Laotse, Zarathustra im Iran oder den Meistern im alten Ägypten ist selten die Rede.

    Von den überlieferten Schriften sind für mich die „klarsten“, weil unverfälschesten die Bhagavad Gita, das „heilige“ Buch der Hindus, auf der diese ihre Hand zum Schwur legen, die Schriften von Kabir, von Rumi und natürlich auch von Sokrates. Die Bibel schätze ich sehr, man muss nur „wissen“, welche Passagen man besser überspringt.
    Zum Schluss ein (ungefähres) Zitat von Swami Vivekananda: Es ist besser ein Atheist zu sein, als jemand der glaubt. Denn du musst wissen.
    Ich wünsche allen ein besinnliches Weihnachtsfest. Und vielen Dank für diesen immer wieder inspirierenden Blog.

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      „Später wurden ihre Vorträge niedergeschrieben und oft viel dazu gedichtet…“ Im Prinzip sehe ich es auch so. Das Problem ist aber: Wie vermittle ich die Begegnung mit Gott, die ja nur unmittelbar erlebt werden kann. Sie entzieht sich der Beschreibung, auch der objektiven Erklärung – wie „die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren“ (Max Frisch). Und wir verstehen sie – weil wir die Wolken nicht mit der Liebe verwechseln. Die Bibel enthält keine Anweisungen, wie wir Gott finden, sondern jede Menge Hinweise.
      Deshalb verstehe ich Predigt auch nicht (mehr) als Auslegung des Bibeltextes, sondern suche in ihm nach Hinweisen und Anregungen, nach dem Geist, der zur Begegnung mit Gott führen kann – und damit zur Begegnung mit sich selbst, dem eigenen wahren Leben. Verse wie „Sorget nicht!“ und „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt“ stimmen natürlich nicht, wenn sie als Anweisungen fürs Leben gelesen werden. Sie können aber Freiräume ermöglichen, Fenster auftun, lebensfeindliche Muster durchbrechen – und werden dann zum Evangelium, zur frohen Botschaft.

      Vielen Dank, lieber Friedhelm Berg, für die immer wieder inspirierenden Kommentare.

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