Insel des Glücks

Es traf mich völlig unvorbereitet, ein oder zwei Nächte, nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Ich lag wach, vielleicht wirkte das Dexamethason noch nach. Ich suchte nach einer Position, in die ich meinen Kopf schmerzfrei legen konnte und fand sie. Und dann geschah es.

Mich durchströmte ein Glücksgefühl, wie ich es lange nicht gekannt habe. Ich achtete auf meinen Körper – er hatte keine Schmerzen. Ich sah das Zimmer im Dämmerlicht – hier war ich zuhause. Ich fühlte Utes Nähe und dachte an die Menschen um uns herum. Ich war geborgen, und alles war gut. Ich wusste um all die Umstände, die unser Leben prägen. Aber sie spielten in dem Moment keine Rolle.

Am nächsten Morgen war ich wieder normal. Der Körper machte die normalen Probleme, ich war normal gut drauf, und der Säbelzahntiger war der zuverlässige Begleiter, der sich auch ungefragt immer mal wieder in Erinnerung brachte. Der Alltag hatte mich wieder.

In der nächsten Nacht waren die äußeren Bedingungen die gleichen. Aber dieses besondere Gefühl stellte sich nicht ein. Ich hatte es auch nicht wirklich erwartet. Denn natürlich weiß ich, dass ich das Glück weder machen noch festhalten kann. Ich weiß auch aus Erfahrung, dass ich jederzeit auch aus unbedeutendem Anlass in ein Stimmungsloch fallen kann.

Und mir ist sehr bewusst, dass diese Momente aus vielen Facetten zusammengesetzt sind. Es geht uns in vielerlei Hinsicht einfach gut – wenn nur nicht der Tiger ständig um die Ecke schauen würde. Er ist dafür verantwortlich, dass uns eine gewisse Leichtigkeit im Leben verloren gegangen ist.

Umso wichtiger ist für mich das Erlebnis in jener Nacht. Ich weiß nicht, ob es je wiederkommt. Aber ich weiß, dass ich mich daran erinnern kann. Diese Erinnerung möchte ich festhalten. Und ich weiß, dass solche Erlebnisse überhaupt noch möglich sind.

Es sind diese Erinnerungen, es ist diese Hoffnung, die uns das Gefühl geben: Da geht noch was!

7 Gedanken zu “Insel des Glücks

  1. Ute Klingwort-Finster schreibt:

    Danke dafür, dass du dieses sehr persönliche Gefühl mit uns teilst.

    Ich erinnere mich an eine Deutschstunde in der Oberstufe. Wir hatten das Gedicht „Astern“ von Gottfried Benn gelesen, das so beginnt:

    Astern – schwälende Tage,
    alte Beschwörung, Bann,
    die Götter halten die Waage
    eine zögernde Stunde an …

    Unsere Lehrerin fragte uns, was wir unter Glück verstünden. Ich kann mich an keine unserer Antworten erinnern, aber ich weiß noch, dass sie etwas sagte, was ich überhaupt nicht verstand: Das Glück sei nur ein kurzer Moment, wenn „sich alles in der Waage hält“.
    Diese Formulierung hat mich offensichtlich so stark beeindruckt, dass ich sie für Jahrzehnte behalten habe. Denn ich hatte das Glück für einen Dauerzustand gehalten, wenn ich erst einmal die Schule hinter mir hätte und mit dem richtigen Mann und ein paar Kindern fröhlich leben würde…

    Aber so einfach stellt sich das Glück nicht ein. Es ist eben KEIN Dauerzustand, nicht einmal dann, wenn man – so wie ich – tausend Gründe dafür hätte. Es lässt sich weder herbeiführen noch festhalten.

    Ein Glücksgefühl? Ich kenne es! Alles ist gut, man ist völlig frei von Ängsten, alles ist möglich – Doch sobald man anfängt, es zu beschreiben, zerrinnt es einem zwischen den Fingern.
    Eine helle Freude, ein tiefes Wissen, eine warme Verbundenheit mit allen anderen Geschöpfen.
    (Vielleicht der Zustand des Nirwana, den Buddha erreicht hat?)
    Aber eben NICHT als Zustand, sondern als vergänglicher Augenblick – der leider auch dann verschwindet, wenn man nicht versucht, ihn festzuhalten. „Verweile doch, du bist so schön“, heißt es im „Faust“ als Warnung vor diesem Versuch. Hätte der Augenblick Bestand, wäre er nichts Besonderes mehr, und wir würden uns darin wohnlich einrichten.

    Eine „zögernde Stunde“, wenn „sich alles in der Waage hält“. Je älter ich werde, umso näher fühle ich mich den sprachlichen Deutungsversuchen aus einer Schulstunde vor über 40 Jahren.

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  2. Friedhelm Berg schreibt:

    Mich haben diese Geschichte bzw. authentische Erfahrung und der Beitrag von Ute sehr berührt. Leider kann ich mich nie so gut ausdrücken wie ich das bei anderen bewundere. Aber vielleicht kann ich dennoch etwas rüber transportieren.

    Die Quintessenz von beiden Beiträgen war für mich:
    so schön diese Erfahrung von tief im Inneren gefühlten Glück – manche nennen das Frieden – auch ist, man kann das nicht kreieren, man ist seinem Auftreten per Zufall ausgeliefert.

    Und dann dieser köstliche Widerspruch von Ute, der mich richtig elektrisiert hat, weil er all das Geschriebene in Frage stellt oder nichtig macht. Der Hoffnung gibt, der die Verantwortung für das eigene Glück beinhaltet, der sagt, sei nicht passiv, werde selber aktiv, glaube nicht, sei nicht fatalistisch, sei nicht schicksalsergeben, es liegt an dir und nur an dir, nicht an den anderen, nicht an den Umständen- was die angeht, geht es allen anderen sowie so meistens besser (denken wir). Wie das Sprichwort sagt: jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Wobei hier – wie gesagt – mit Glück dieses Gefühl von innerem Frieden, von innerer Erfüllung, von Glückseligkeit gemeint ist.

    Das Ute diesen „Widerspruch“ in Klammern gesetzt und mit einem Fragezeichen versehen und nur in einem knappen, kurzen Satz angedeutet hat: macht alles nichts, einfach toll!!!!

    Um es in christlichem Kontext auszudrücken. Jesus sagte: wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, kommt ihr nicht ins Himmelreich. Für mich ist dieses Gefühl im Inneren nicht mehr und nicht weniger als das Himmelreich. (Hat hier nichts mit Religion oder Glauben zu tun). Das möchte ich nicht erst erreichen, wenn ich tot bin, sondern möglichst jeden Tag und möglichst über immer längere Zeiträume. Danach bin ich süchtig. Wenn es sich nach meinem Ableben fortsetzt, schön, wenn nicht, wenn danach „nichts“ ist, habe ich es wenigstens hier erlebt.

    Stellt sich die Frage wie man das Herz eines Kindes haben kann…

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Hallo Friedhelm,
      Sie schreiben von einem Widerspruch: Einerseits ist das Glück etwas, das mir geschieht, ohne dass ich etwas dazu tun kann. Sie dagegen vertreten den Standpunkt:

      Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Wobei hier – wie gesagt – mit Glück dieses Gefühl von innerem Frieden, von innerer Erfüllung, von Glückseligkeit gemeint ist.

      Auch ich kenne Berichte von intensiv Meditierenden, die genau diesen Zustand erreicht haben. Ein Freund erzählte, er kenne praktizierende Buddhisten, die geradezu süchtig danach sind und viel Zeit aufwenden, ihn immer wieder durch Meditation zu erreichen.
      Da fehlt mir aber die persönliche Erfahrung. Deshalb kann ich die beiden „Zustände“ auch schlecht miteinander vergleichen. Ich weiß nur, dass es bei mir nicht durch Meditation geschehen ist. Es ist offenbar eine letztlich nicht herstellbare Kombination aus eigener Einstellung und den Umständen gewesen. Ich weiß auch nicht, welche Umstände dabei entscheidend oder nötig waren: Wie viel ich selbst dazu getan habe, wie viel die Situation so kurz nach der überstandenen OP dazu beigetragen hat, die Menschen, die mir beigestanden haben…
      Ich weiß auch nicht, ob ich immer in diesem Zustand bleiben wollen würde. Das Besondere daran ist ja, dass er besonders ist. Unterm Strich heißt es: Ich freue mich, dass er passiert ist und versuche, die Zukunft so gut es geht zu meistern. Und das gelingt manchmal besser als zu anderen Zeiten…

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  3. Jutta Seeland schreibt:

    Nach dem Lesen der vorangegangenen Blog-Kommentare habe ich in mich hineingehorcht, wie es mir bisher mit Glücksmomenten in meinem Leben gegangen ist, und ich habe gefunden, dass es für mich unterschiedliche Glücksmomente gibt.
    Zum einen dieses absolut überraschende, plötzliche, von mir überhaupt nicht (jedenfalls nicht bewusst) provozierte Glücksgefühl, als wenn mich eine gute Fee mit ihrem Zauberstab berührt hätte. So „plopp“…total überraschend und wunder-, wunderschön; allumfassend – für eine Minute oder zwei, wie ein unerwartetes Geschenk.
    Zum anderen ein langsam anflutendes, ebenfalls wunderbares Gefühl von Glück, das ich aber quasi herbeisinniert habe. Nichts Wunderkerziges, eher ein pastellfarbenes, warmes Gefühl, wenn ich mir bewusst mache, wie gut es mir geht, zwei-eig verzwillingt mit Dankbarkeit.
    Beide Gefühle würde ich als Glücksgefühle bezeichnen, und doch sind sie sehr verschieden. Das zuerst beschriebene ist deutlich seltener vorgekommen, aber ich weiß noch, wie es sich angefühlt hat. Meiner Vorstellung vom „Himmel“ sehr nah! Das zweite beschriebene Glücksgefühl ist viel „irdischer“, aber ich kann es herbeirufen.
    Hat beides was, finde ich.
    Liebe Grüße – und noch ganz viel Glück, welcher Art auch immer!

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  4. Ralf Liedtke schreibt:

    Lieber Erik,

    was für ein schöner Moment und welch schöne Beschreibung, an der uns teilnehmen lässt. Ich wünschte Dir noch manch andere, weil sie Dir Kraft schenken können und Du sie für Dich einfach auch mal genießen kannst.

    Ich frage mich, ob es wirklich nur ein Glücksgefühl ist.Kann es nicht noch mehr sein, quasi eine Art von „Erleuchtung“, mit der ich mich immer eher schwer tue? Da spricht doch etwas oder jemand mit Dir, ist Dir ganz nahe und Du spürst diese Nähe, die so gut tut, oder?

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