Nachtgedanken

Dieser Artikel entstand vorgestern, in der Nacht vor der OP. Weil ich nicht schlafen konnte,  las ich die Herrnhuter Losungen – und traute meinen Augen kaum. Sie passten so gar nicht. Ein Grund, mich mit ihnen auseinanderzusetzen und zu prüfen, ob und wo sie zu sprechen anfangen würden. Und sie erzählten, Dunkles und Helles.

Und dann die Frage: Wie würde die Antwort des nächsten Tages sein? Dunkel oder hell? Sie lautet: Wir sind dankbar. Dankbar dafür, dass ich sehen und denken kann, offenbar ohne Einschränkungen. Für die hohe ärztliche Kunst und die außergewöhnlich einfühlsame Betreuung. Für alle, die uns begleitet haben.

Der Tumor soll groß gewesen sein, etwa wie eine Mandarine. Und so abgrenzbar wie erwartet: Gut, aber nicht vollständig. Man hofft und geht davon aus, dass die Bestrahlung den Rest schafft. Es ist das Beste, was wir erreichen konnten.

Aber das wussten wir noch nicht, als ich diese Gedanken formulierte:

 

Die Nacht vor der OP. Das Cortison hält mich wach. Auf meinem Streifzug durch das Smartphone stoße ich auf die Losungen. Manchmal passen sie ja.

Diesmal nicht.

1. Chronik 29,5: Wer ist bereit, dem HERRN heute eine Gabe zu bringen?
Und 2. Korinther 9,6: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Was soll das? Wenn das eine Aufforderung sein soll, dass ich geben soll, dann bin ich raus – out of the game, wie Leonard Cohen sagt. Heute Nacht habe ich nichts zu geben. Im Gegenteil. Die OP steht mir bevor. Ich möchte bekommen – Trost, Mut, irgendwas. Aber die Losungen reden von geben!

Hat da vielleicht jemand gemeint, dass ich schon genug Trost bekommen habe heute Abend? Da waren ja etliche, die telefoniert und geschrieben haben, auf vielen Wegen. Und noch mehr, deren Gedanken mich erreicht haben.

Ich merke, wie meine Gedanken weiterwandern. Wenn ich für jetzt schon genug Trost bekommen habe – steckt in den Losungen vielleicht noch eine andere Botschaft, eine größere?

Dann soll ich also bereit sein, „eine Gabe zu bringen“. Eine große Gabe, dem Herrn würdig. Die größte wäre wohl das Leben selbst. Das aber ist meine größte Angst heute Nacht wie vor jeder OP: dass ich sterben könnte. Soll ich dazu bereit sein? Das will ich nicht!

Ich lese weiter: „Wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“ Wenn ich heute sterbe, werde ich nicht mehr ernten können, was auch immer. Und ich soll ernten. Und nicht zu knapp. Wenn ich reichlich säe.

Was könnte das sein? Keine Ahnung. Heute Abend zumindest habe ich nichts. Aber morgen vielleicht. Dann gibt es also ein Morgen. Ein Morgen, an dem es irgendwann auch ein Säen und Ernten gibt. Dieser Gedanke reicht mir eigentlich schon aus. Es muss nichts Großes sein. Es könnte auch etwas Großes sein. Segen.

Ich weiß immer noch nicht mehr als vorher. Werde ich leben oder sterben – und wenn leben, dann wie? Die Angst bleibt. Aber durch die Losungen ist auch etwas Neues in die Nacht gekommen. Die Möglichkeit, dass da noch etwas kommt. Mehr kann ich hier und jetzt nicht erwarten.

Woher kam diese Botschaft? Waren es die Losungen? Sie sind nur ein Stück Papier, wie jedes andere auch. Kam sie von Gott? Von ihm habe ich keinen Ton gehört in dieser Nacht. Waren es meine eigenen Gedanken? Ja klar, aber ganz alleine wäre ich auch nicht auf sie gekommen.

Es war wohl das Zusammenkommen all dieser Gedanken – und etwas Neues entstand. So etwas kommt öfter vor. Also etwas ganz Normales. Hätte auch mit einem Horoskop oder dem Orakel von Delphi funktioniert.

Oder auch nicht. Oder wenigstens bei mir nicht. Denn Horoskope beeindrucken mich  nicht, kein bisschen. Und das Orakel ist Geschichte. Ihnen allen gebe ich keine Bedeutung.

Den Losungen schon. Weil ich meine Geschichte mit ihnen habe. Weil sie zu mir gehören. Und ich habe sogar Einfluss auf ihre Wirkung. Ich habe es heute Abend erfahren. Sie zogen mich herunter – und sie zogen mich rauf. Das ist die Wirkung des Geistes, sagt Ignatius. Und wenn sie mich raufziehen, dann kommen sie von Gott. Und sie kommen nicht nur durch Losungen. Gott spricht zu Ihnen, auch in der Stille eines Meditationsraumes, sagte Pfarrer Mückstein einst. Oder in der eines Krankenzimmers vor der OP.

Auch wenn ich um 4.51h immer noch nicht weiß, was er mir konkret sagen will.

14 Gedanken zu “Nachtgedanken

  1. Jutta Seeland schreibt:

    Lieber Herr Thiesen,
    Mit der vorgegebenen Losung kann ich in Ihrem Fall – besonders in der aktuellen Situation – auch nicht viel anfangen. Aber vielleicht ist es auch zu kurz gegriffen, die Idee vom Geben und Nehmen auf die aktuelle Situation zu beziehen, ich weiß es nicht. Vielleicht muss man es in größerem Zusammenhang verstehen, aber das ist Ihr Gewerk, nicht meins.
    Ich bin nur ein kleiner Mensch, der hier vor Erleichterung auf dem Sessel herumhüpft, weil Sie die OP offenbar gut überstanden haben, wie ich gerade von Ute erfahren habe.
    *Mein* Herz ist voller Freude und Dankbarkeit und voller Hochachtung vor Ihren Stehaufmännchenqualitäten!!
    Alles, was ich an guten Gedanken und Energien aufbringen kann, wird Sie (und Ute) auf dem weiteren Weg begleiten! Toi-toi-toi für alles!
    Liebe Grüße,
    Jutta Seeland

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  2. Ralf Liedtke schreibt:

    Lieber Erik,

    sich aktiv schreibend auseinandersetzen, hilft, gerade in so schwierigen und höchst fordernder Situation, vor der Du wieder standest. Dein großartiger „innerer Monolog“ war dafür ein echter Fingerzeig! Und wenn es Dich im Resultat mit Gott in Berührung gebracht hat, um so schöner.

    Wir haben uns riesig gefreut und waren sehr erleichtert, als wir vom positiven Ausgang der OP hörten! Danke dafür! Natürlich ist nicht alles gut und wir hören auch nicht lautschallend die „Engel im Himmel“ singen, Aber vielleicht doch in zarter, freudiger Weise?

    Du hast die Losung, die Dich zunächst, in Deiner konkreten Situation, höchst befremdete, im Ergebnis anders gedeutet und schafftest Deinen Frieden – mit ihr und Dir. Oder habe ich das falsch verstanden? Wenn es so wäre, zeigte es doch, wie Umdeutungen ohne Abwehr oder Verdrängung möglich sind. Sie sind der viel bessere Weg! Ein Fingerzeig für uns alle.

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      • Ralf Liedtke schreibt:

        Ja, ich glaube, Du hast mit dem Text und seinen Botschaften intensiv gerungen. In einer Situation, wo dieser gar nicht passend schien. Und dadurch ist etwas in Dir in Gang gekommen, was Dir vor der großen Herausforderung am Morgen trotzdem Kraft geschenkt hat. Es ist das, was ich meine.

        Wir solltenauch mit Botschaften ringen, die uns nichts sagen, vielleicht sogar spontan großen Widerstand in uns hervorrufen. Prüfen, was trotzdem Wahres dran sein könnte, den Blick schärfen, offen und aufmerksam bleiben und prüfen,was dies für uns bedeuten könnte.

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  3. Ludger Linz schreibt:

    Ihr Lieben,
    nein, ich habe nicht für Euch durchgewacht, auch wenn die Uhrzeit das vermuten lässt. Aber ich danke 🙏 Euch; es ist eine gute Nachricht für den anbrechenden Tag. Ich denke,danke und bete weiter für Euch. Ich drücke Euch ganz doll.
    Liebe und segensreiche Grüße
    Ludger

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  4. Sabine Linz schreibt:

    Ihr Lieben,
    nein, ich habe nicht für Euch durchgewacht, auch wenn die Urzeit 3:30 das vermuten lässt. Aber ich danke 🙏 Euch; es ist eine gute Nachricht für den anbrechenden Tag. Ich denke,danke und bete weiter für Euch. Ich drücke Euch ganz doll.
    Liebe und segensreiche Grüße
    Ludger

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  5. Andreas Seyboldt schreibt:

    Lieber Erik,

    Ich bin froh und teile meinerseits Eure Dankbrkeit, dass die Operation gut verlaufen ist !!
    Ich habe beim Lesen Deiner Nachtgedanken mit Dir über die Frage der „Gabe an de HERRN“ nachgedacht und bin sehr schnell zu dem Schluss gekommen : die Gabe, die Du bereits gebracht hast, und immer wieder neu bringst, ist, all die Gedanken und Empfindungen Deines Erlebens, die Du so wunder-bar in Worte fassen kannst : Deine, wie ich finde, aussergewöhnliche Gabe, die es uns, Deinen Lesern (und Freunden!) nicht nur erlaubt, an Deinem (inneren) Erleben, Deinen Gedanken und Empfindungen teilzuhaben, sondern auch das Nachdenken über unser eigenes Leben und Erleben ermöglicht und vertieft !

    In Freundschaft und Dankbarkeit, in herzlicher Umarmung,

    Andreas.

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  6. Thomas schreibt:

    Lieber Erik, ich hatte Angst, als Du von Deiner bevorstehenden Operation erzähltest : Angst um Dich, Angst um Ute, Angst um die Deinen ! Und nun die große Freude und Erleichterung, wie Du diese schwere Operation überstanden hast ! Ich kann es kaum fassen … ! Was für eine Achterbahn der Gefühle ! Kraft, Geduld, viel, viel Liebe, Menschen, die es gut mit Dir und Euch meinen, mehr Rückenwind als Gegenwind und trotz allem die Gewißheit, dass Gott in Euch und um Euch ist : Das und noch vieles mehr wünsche ich Euch von ganzem Herzen ! Ich bin, wann immer es sein soll, für Euch da ! Thomas

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  7. Ute Klingwort-Finster schreibt:

    Lieber Erik, du bist wirklich ein Vorbild – auch wenn (oder gerade weil) du es gar nicht sein willst. Du hattest dir diese Jahre ganz anders vorgestellt, wie du uns alle auf diesem Blog hast wissen lassen. Und wir hätten dir dieses andere Leben herzlich gegönnt.
    Aber nun hast du die große Gabe, deine hellen und dunklen Tage mit anderen Menschen, mit uns, zu teilen. Und wir – ich schreibe immer „wir“, ohne die anderen Teilnehmer des Blogs persönlich zu kennen – sitzen staunend davor.
    Mach bitte weiter so! Dieser Blog gehört zu den besten Ideen deines Lebens!

    Kraft, Geduld und Gottes Segen in allen Farbnuancen, die es gibt, wünsche ich dir und Ute!

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  8. Waltraud Habicht schreibt:

    Lieber Erik,
    Was für ein wunderbarer Beitrag. Das Tiefste im Menschen wird sichtbar und das in einem Prozess in der Nacht mit Fragen, Sackgassen und Ablehnung oder fast Trotz und Angst und doch einem Weg durch all das und durch diesen zuerst so unpassenden Text.
    Danke Dir dafür-und weiterhin viel Glück und rasche gründliche Besserung.

    Herzlichen Gruß Waltraud

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  9. Bernhard Siegel schreibt:

    Lieber Erik, Liebe Ute,
    es ist sehr schön und freut uns, dass die Hirn Op gut verlaufen ist. Mögen nun auch die Bestrahlungen gut und erfolgreich verlaufen. Wir beten dafür, dass Ihr von viel Heilungskraft und Energie begleitet werdet. Mir geht es einigermaßen, allerdings verfolgen mich seit einiger Zeit verstärkte Druckschmerzen am Hals.
    Ganz liebe Gruesse und seid umarmt.
    Berni

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