Die nächste Herausforderung

Vor einer Woche bekamen wir die Diagnose: Hirntumor. Seitdem haben wir den Eindruck, eine weitere Dimension dieser Krankheit zu erleben. Wir merken es daran, dass es uns diesmal noch viel schwerer fällt zu begreifen. Uns aus den kreisenden Gedanken zu befreien, nach vorne zu schauen.

Vorgestern bekamen wir das Ergebnis des MRT. Und ja, es zeigt sich ein Tumor von beeindruckender Größe, irgendwo hinten im Kopf, wo die rechten Sehnerven ihr Zuhause haben. Jetzt weiß ich, warum ich manchmal nachfasse, wenn ich den Kühlschrank öffnen will. Und manchmal finde ich erst nach längerem Suchen den Ort, an dem sich das „k“ auf der Tastatur befindet. Das ist sehr lästig, besonders wenn ich längere Texte schreiben möchte.

Die gute Nachricht lautet: Dieser Tumor ist offensichtlich noch Single und gut abgrenzbar. Das heißt: Wenn er erst einmal entfernt ist und dann noch bestrahlt wird, kann man hoffen, dass er Ruhe gibt. Das ist zumindest unsere Perspektive.

Heute ist erst einmal ein Gespräch mit den Neurochirurgen dran, eine OP folgt dann voraussichtlich am Montag, und danach widmen wir uns den Problemen in Lunge und Leiste. Um eine Chemo kommen wir wohl nicht herum, vielleicht mit unterstützender Bestrahlung. Das alles bedeutet, dass der Gottesdienst am Sonntag ohne mich stattfinden muss.

Trotzdem sind wir heute schon wieder optimistischer als in der Woche davor. Frau Petersen hat uns – wieder einmal – vermittelt, dass wir die Situation in den Griff bekommen. Natürlich wissen wir, wie gefährlich das Ganze ist, und dass der Tumor jederzeit wiederkommen kann. Aber sie meint: Das muss ja nicht sein. Jetzt operieren wir erst einmal alles weg, den Rest bestrahlen wir, und dann jagen wir die Chemo drüber. War beim letzten Mal im Prinzip ja auch erfolgreich. Im Rücken geht der Krebs zurück, und in den Zehen ist gleich gar nichts mehr zu sehen. Das macht Hoffnung.

Zugegeben, das alles ist mega anstrengend. Aber es ist unser Leben, das einzige, das wir haben. Und es ist auch von einer tiefen Schönheit. Sie scheint durch die Gespräche und Umarmungen, durch den Austausch von Gedanken und Ideen, durch die letzten goldenen Blätter vor unserem Haus. Durch die beiden gemeinsamen Abende mit Rasmus und der Dollar-Trilogie. Mit Freunden habe ich gestritten, ob Friedrich Merz ein Glücksfall oder eine Katastrophe ist. Während ich in dieser Frage noch unentschieden bin, ist mir eines ganz klar: Dass ich diesen Weg mit Ute gehen kann, ist der Glücksfall überhaupt. Doch, dieses Leben ist nicht nur das einzige, sondern auch das schönste, das wir haben. Christoph Schlingensief hat recht:  „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“.

8 Gedanken zu “Die nächste Herausforderung

  1. Andreas Seyboldt schreibt:

    Lieber Erik,
    Gerade eben habe ich Deinen letzten Eintrag gelesen … und von neuem, zugleich tief beeindruckt und tief berührt. Ich weiss nicht, wie ich mich fühlen würde, wenn ich in Deiner Situation wäre: wohl eher so wie Jonas im finsteren Bauch des grossen Fisches (ich bin gerade dabei, darüber Andachten und eine Predigt auszuarbeiten für unsere Herbstsynode nächste Woche), als die zuversichtliche, leuchtende (Herbst)Sonne, die ich aus Deinen Worten herausscheinen „höre“ !
    In meiner Erinnerung sehe ich auch beim Lesen Deiner Empfindungen das verschmitzte, lebenszuwandte Lächeln des jungen, dynamischen Pastors, als den ich Dich damals, in den 80er Jahren erlebt habe ! … Aber Auch an das Gedicht Dietrich Bonhoeffers „Wer bin ich?“, muss ich beim Lesen Deiner Zeilen denken…
    Wir umarmen Euch beide in ganz herzlicher Verbundenheit,
    Andreas & Emmanuelle.

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Those were the days, mein lieber Freund: dynamisch und suchend, voller Möglichkeiten. Damals mied ich die Gemeinde, weil ich mich nicht zu schnell binden wollte. Dann aber merkte ich, dass ich in die Ebene musste, um wirklich Verantwortung zu übernehmen: Entscheidungen treffen, Rahmen schaffen. Und ich kam nach Eppendorf und dann nach Niendorf. Dort habe ich mich geerdet. Und blieb für viele Jahre.
      Du hast Deinen Weg durch Frankreich gemacht. Hast dort gewirkt und gearbeitet, wo andere Urlaub machten. Wir haben beide unsere Erfahrungen gemacht, schwierige wie wunderschöne.
      Und jetzt tauchst Du wieder auf – obwohl Du nie wirklich weg warst. „Through the door there came a familiar laughter.“ Und wir hören die alten neuen Geschichten. „Oh my friend we’re older but no wiser, For in our hearts the dreams are still the same.“ Wir träumen die alten neuen Träume: Nach Veränderung hin zu einer besseren Welt. Nach der Erfüllung im eigenen Leben.
      Und wenn wir an die alten Zeiten denken, dann steht dahinter auch die Frage: Haben wir unsere Träume gelebt? Ich hoffe: ja. Ich glaube: ja. Nicht alle und nicht vollkommen. Aber wir sind weiter auf dem Weg.
      Und dieser Weg führt uns auch persönlich wieder zusammen. Ich freue mich drauf.

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  2. Jutta Seeland schreibt:

    Eine feste Umarmung schicke ich Euch beiden! Ihr seid sooo tapfer! Für alles, was da an medizinischen Maßnahmen auf Euch zurollt, halte ich beide Daumen und schließe Euch weiterhin in mein tägliches Nachtgebet ein!
    Ein von Herzen kommendes toi-toi-toi fliegt zu Euch!

    Ganz liebe Grüße!
    Jutta.

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  3. Ove Sachse schreibt:

    Ihr beschämt mich mit Eurer Zuversicht, Eurer Hoffunng, insbesondere aber Offenheit, mit der Ihr alles bewältigt. Wie gut sind nun doch wieder die Chancen. In inniger Verbundenheit liebe Grüße von Ove

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  4. Annette Hartwigk-Lüdemann schreibt:

    Lieber Erik,
    ich bin nach 45 Jahren wieder in die Kirche eingetreten. Zu meiner Entscheidung haben Ihre Beiträge und Exerzitien und drei Jahre Singen in der Kantorei bei Gudrun Fliegner einiges beigetragen. Ich danke Ihnen herzlich und wünsche Ihnen für morgen so viel Gutes wie es nur geht.
    Herzliche Grüße von Annette Hartwigk- Lüdemann

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  5. heidrunbuitkamp schreibt:

    Lieber Erik,
    wir sind in Gedanken intensiv bei Dir und Ute und wünschen Dir für morgen ganz starke Nerven und ein sicheres Netz, das unter Dir gespannt sein möge. Hoffentlich können wir mit unseren Gebeten und Segenswünschen ein ganz kleines bisschen dazu beitragen. Es gibt doch Kräfte, die Berge versetzen, oder? Darauf möchten wir vertrauen, und Du machst es uns so oft vor, wie das tragen kann!
    Seid beide herzlichst gegrüßt von uns,
    Heidrun und Andreas

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  6. Ralf Liedtke schreibt:

    Es ist alles gesagt, auf verschiedenen Wegen! Euch beiden, liebe Ute und lieber Erik, alles erdenklich Gute und Liebe für die nun folgende Woche! Möge Gott seine schützende Hand über Euch halten, Euch viel Kraft und Zuversicht schenken für das, was es wieder zu bewältigen gilt. Das Ringen geht weiter!

    Herzlichst vom Deister
    Ingrid und Ralf

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  7. Ute Klingwort-Finster schreibt:

    Liebe Ute und lieber Erik,
    auch unsere Wünsche und Gebete mögen euch begleiten. „Von guten Mächten wunderbar geborgen…“ – möge es so sein!

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