Abschied vom Sühnopfer?

Wie mutig, habe ich gedacht, als ich meine Kritik an der Rechtfertigungslehre formulierte. Und als ich mich mit dem Thema noch ein bisschen näher beschäftigte, musste ich entdecken: Diesen Mut hatten schon hunderte andere. Mindestens seit der Aufklärung wird die Rechtfertigungslehre und die damit verbundene Sühnetodtheologie – Jesus musste zur Sühne für unsere Sünden sterben – in Frage gestellt.

Als sich die Theologen Klaus-Peter Jörns und Burkhard Müller von der traditionellen Theologie medienwirksam verabschiedeten, ernteten sie gleich den z.T. wütenden Protest von Kollegen. Werner Thiede zum Beispiel schrieb: „Offen gestanden: Er widert mich inzwischen nur noch an – dieser zeitgeistbeflissene Dünkel all jener Theologinnen und Theologen, die dem Kreuzestod Jesu den überlieferten Tiefensinn rationalistisch absprechen. Dieses arrogante Kaputtreden der überkommenen Heilsbotschaft, das sich über den Glauben der Väter und Mütter der letzten beiden Jahrtausende so erhaben dünkt…“ Starke Worte.

Und dann beharken sich die Kontrahenten. Die einen sagen: Das war schon immer so, und überhaupt, wenn wir die Gesamtheit der biblischen und traditionellen Aussagen betrachten, kommen wir an der Sühnopfervorstellung nicht vorbei. Die anderen sagen: Die Botschaft Jesu wurde von Anfang an individuell und unterschiedlich interpretiert, deshalb dürfen wir das auch, und überhaupt, wenn wir auf den Original-Jesus zurückgehen, kann von Sühnopfer keine Rede sein.

Und ich möchte Herrn Thiede sagen: Es liegt mir fern, die Sühnopfertheorie arrogant kaputt zu reden. Aber wenn sie ihre Kraft verloren hat, wenn sie nicht mehr heilsam für die Seele ist, dann muss ich sie für mich nicht in den Mittelpunkt stellen. Nicht umsonst haben die Bibel und die Gläubigen der letzten beiden Jahrtausende in immer wieder neuen Anläufen das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu interpretiert, in ganz unterschiedlicher und manchmal gegensätzlicher Weise.

Und den Herren Jörns und Müller möchte ich zu bedenken geben, dass wir keinen Original-Jesus haben. Von Anfang an kennen wir seine Geschichte nur durch die Augen von Anhängern, die sie schon aus ihrem eigenen Blickwinkel erzählen. Ich kann versuchen, meinen ganz persönlichen Zugang zu finden. Aber Jesus und seine Botschaft werden immer ein Geheimnis bleiben.

Wichtiger als die Frage, was sich die biblischen Autoren gedacht haben, ist für mich die, welche Auswirkungen die Botschaft und die Bilder heute haben. Für Ignatius von Loyola war eines der wichtigsten Kennzeichen des Heiligen Geistes, dass er tröstet. Und dann: dass er den Glauben stärkt und die Liebe und die Hoffnung. Dass er inneren Frieden bringt. Wenn das auf die Sühnopfertheologie zutrifft, ist sie von Gott.

Und offensichtlich trifft es für manche Menschen tatsächlich zu. Sie werden getröstet. Andere aber werden in Unruhe gestürzt. Das heißt für mich: Diese Lehre ist nicht an und für sich falsch oder richtig. Es kann auch durchaus sein, dass sie mich zunächst abstößt, dass sie aber – vielleicht durch die Anregungen anderer Menschen – im Lauf der Zeit für mich wichtig wird.

Ich gebe zu: In der Wirklichkeit ist es bei mir genau umgekehrt gewesen. Sie wurde mir, wie die Rechtfertigungslehre, immer fremder. Heute kann ich so gar nichts mit ihr anfangen. Anderen aber geht es vielleicht anders.

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Beitragsbild: Ausschnitt aus dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=152342

6 Gedanken zu “Abschied vom Sühnopfer?

  1. Jutta Seeland schreibt:

    Lieber Herr Thiesen,
    Vielen Dank für Ihre Interpretation dieser Theorie und Ihren Umgang mit den verschiedenen Verfechtern der verschiedenen Interpretationen. Mich hat diese Vorstellung, dass da jemand für mich sterben musste, immer sehr belastet. Deswegen mag ich diese Theorie nicht, ohne dass ich ihr etwas Greifbares entgegen zu setzen hätte.

    Liebe Grüße,
    Jutta Seeland

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  2. Ralf Liedtke schreibt:

    Die kritischen Äußerungen zur Rechtfertigungslehre kann ich nachvollziehen und teile diese. Mir würde es dennoch helfen, wie auf diesen basierend die Grundzüge einer alternativen „Glaubenslehre“ aussehen könnte.

    Vermagst Du dieses abschließend skizzieren, so wird die Sache für mich wirklich rund.

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Lieber Ralf, ich fürchte, dass ich Dich enttäuschen muss. Mein Schlüsselwort ist tatsächlich Bubers „Jedes wirkliche Leben…“ Das ist für mich der Mittelpunkt sowohl der Theo-, also auch der Anthropo-, Psycho- und Soziologie. Welche Auswirkungen diese Haltung in Bezug auf die Bedeutung des Kreuzes und der Auferstehung hat, versuchte ich mit meinen „Geschichten aus Bingen“ zu zeigen. Konkreter geht es zumindest zurzeit nicht.

      Ansonsten wieder Martin Buber: „Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.“ (Aus einer philosophischen Rechenschaft, in: Martin Buber, Werke I. Schriften zur Philosophie, S. 1114.)

      Für Kontrollfreaks ist das natürlich ein Graus. Aber es entspricht genau meinem derzeitigen Lebensgefühl: Nichts ist sicher. Heute Hoffnung, die morgen wieder zerstört wird, übermorgen wieder erobert, dann der unvermeidliche Rückschlag.
      Ich gebe zu: Um wirklich die Nuancen der Welt und die in den Äußerungen meines Gegenübers wirklich wahrzunehmen, wie es Buber konnte, rede ich zu viel. Aber ich versuche ehrlich zu bleiben und die Dogmen auf ihren Wirklichkeitsgehalt hin zu prüfen. Beim Sühnopfer und bei der Rechtfertigung gibt es sicher auch noch Aspekte und Anknüpfungspunkte, die ich momentan nicht sehen kann oder will. Ich habe eben die Erfahrung gemacht, dass diese Bilder und Dogmen die Wirklichkeit weniger erschlossen als vielmehr zugekleistert haben. Wenn ich auf diesem Gebiet etwas finde, das weiterführen könnte, werde ich davon berichten.

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  3. Ralf Liedtke schreibt:

    Danke, lieber Erik! Ich kann diese Gedanken gut nachvollziehen. Mir ging es auch nicht um eine wohlfeile neue tolle Lehre, da kennst Du mich sicher zur Genüge.Ich suchte eher nach Fragmenten und die vermag ich aus Deinen gesamten Äußerungen nun selbst aufzuspüren, auch um für mich weiterzudenken.

    Im Endeffekt bin ich nicht enttäuscht, sondern erleichert ob Deines schnelllen Feedbacks!

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Bin jetzt endlich dazu gekommen, mir das Video anzuschauen. Das Gottesbild dieses Herrn ist ja echt krass. Und er weiß auch erstaunlich gut über den Allerhöchsten Bescheid. Da ich aber seine Voraussetzungen nicht teile, kommen auch seine Schlussfolgerungen für mich nicht in Frage.

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