Unterwerfung

Der Roman hat mich fasziniert, die schauspielerische Umsetzung durch Edgar Selge war genial, und den Film habe ich genossen: Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ hat mich immer wieder angeregt, über unsere Gesellschaft nachzudenken.

Houellebecq beschreibt, wie der Vertreter einer islamischen Partei in Frankreich die Präsidentschaftswahlen gewinnt und unverzüglich damit beginnt, die Gesellschaft zu islamisieren. Und das beschreibt er durchaus glaubwürdig: So könnte es wirklich kommen. Und wenn nicht 2022, wie im Roman, dann eben ein paar Jahre später. Genauer: so könnte es in Frankreich kommen.

Denn für Deutschland kann ich mir ein solches Szenario noch nicht recht vorstellen. Keine einzelne Person hat hier eine solche Macht wie in Frankreich der Präsident. Unser Parteiensystem begünstigt Kompromisse und Koalitionen. Genau dieser Zustand wird ja auch von vielen Menschen beklagt: Die politischen Entscheidungen wären nicht richtig rechts, nicht richtig links und manchmal reichlich undurchsichtig.

Wichtiger noch aber finde ich einen anderen Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich: Jenseits des Rheins ist die Gesellschaft laizistisch. Das heißt: Eine konsequente Trennung von Kirche und Staat. Anders gesagt: Religion im Allgemeinen und die (katholische) Kirche im Besonderen haben sich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.

Deutschland hat ein anderes Konzept. Hier hält sich der Staat aus weltanschaulichen Fragen heraus und bemüht sich, Religionen und andere entsprechende Verbände als gesellschaftliche Akteure einzubinden. „Hinkende Trennung“ von Kirche und Staat heißt das dann, oder „Subsidiaritätsprinzip“.

Wenn wir dieses Prinzip durchhalten, dann kann der Staat gar nicht islamisiert werden. Dann muss er „nur“ dafür sorgen, dass alle gesellschaftlichen Akteure gemäß ihrer Bedeutung vorkommen und die Gesellschaft mitgestalten können. Keine Frage: Das ist ungeheuer kompliziert und sehr aufwändig. Aber ich finde, es lohnt sich unbedingt.

Es bedeutet allerdings auch, dass die christlichen Kirchen Privilegien abgeben müssen, da ihre Bedeutung in der Gesellschaft objektiv schwindet. Und dass der Islam stärker vorkommen muss, da immer mehr Moslems zu Deutschland gehören. Dass aber auch alle Nichtreligiösen ihren angemessenen Platz bekommen. Und die anderen auch. Und ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung, wie es dann am Ende aussehen wird. Oder genauer: Wir werden mit diesem Prozess nie an ein Ende kommen.

Wie es aber bestimmt nicht geht:
– Wenn wir erklären, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.
– Wenn wir Kreuze in öffentlichen Gebäuden aufhängen wollen.
– Wenn wir die Religion vollständig aus der Öffentlichkeit verbannen wollen.
– Wenn wir einzelne Gruppen vom gesellschaftlichen Diskurs ausschließen oder behindern, daran teilzunehmen.

Ich glaube, das geht nur, wenn wir reden. Miteinander, nicht übereinander. Ich weiß, das ist anstrengend. Besonders das Reden mit den Anstrengenden, mit denen, die so gar nicht unserer Meinung sind. Aber es lohnt sich.

So verhindern wir eine islamische Gesellschaft, wie Houellebecq sie beschreibt. Aber auch eine christliche, wie sie möglicherweise Söder vorschwebt. Oder eine sozialistische, wie wir sie aus der DDR kannten. Oder eine laizistische, wie sie in Frankreich praktiziert wird.

Und genau so möchte ich leben.

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Beitragsbild: Sultan-Achmed-Moschee (Istanbul). Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=395994

13 Gedanken zu “Unterwerfung

  1. Thomas Jakob schreibt:

    Ich kenne die Hörbuchausgabe von „Unterwerfung“ und schätze die Lage in verschiedener Hinsicht anders ein. Realistisch ist das Szenario einer politischen Übernahme durch den Islam, wie von Houllebecq entworfen, weder in Frankreich noch in Deutschland. Deutschland: Neigung zu Romantik und Unterwerfung, aber die Subsidiarität schützt uns vor uns selber. Frankreich: Neigung zu Ratio und Revolution, wird sich rechtzeitig an Laizismus und Wehrhaftigkeit erinnern.

    Die Struktur der Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche in Deutschland ist überholt. Sie baut auf einem Volkskirchenmodell auf, dem zunehmend die Basis fehlt. Die Versuche, islamische Verbände nach dem gleichen Muster einzubinden, sind m. E. gescheitert, vor allem wohl an der mangelnden Repräsentativität dieser Verbände für die Muslime in Deutschland.

    Ich befürworte den Weg nach vorn in Richtung einer klaren Trennung zwischen Kirche und Staat wie in Frankreich. Viele praktische Probleme, angefangen mit Kruzifixen und Kopftüchern in öffentlichen Gebäuden, lassen sich damit wesentlich sauberer lösen als bei uns.

    Und ich finde, die Franzosen sind uns auch in der Auseinandersetzung mit dem Islam einen Schritt voraus, sicher auch hervorgerufen durch den hohen Anteil an arabisch- oder nordafrikanischstämmigen Franzosen. Unsere türkischstämmigen Mitbürger sind im Vergleich dazu, glaube ich, moderat, weil viele immer noch ihren Atatürk im Kopf haben. In Frankreich ist die Islamkritik jedenfalls mit z. B. Houllebecq in etablierten Kreisen angekommen, während das in Deutschland vor allem sehr dumpf und hässlich von rechtsaußen kommt.

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Was Du sagst, hat viel für sich. Und ich bin auch unbedingt der Meinung, dass die Politik über der Religion steht: Sie bestimmt die Spielregeln (Verfassung, Gesetze), nach denen wir miteinander leben.

      Trotzdem fühle ich mich mit dem Laizismus sehr unwohl, weil er nur eine Weltanschauung in der Öffentlichkeit zulässt – die atheistische. Alle anderen sollen in die Privatsphäre gedrängt werden. Das heißt, dass z.B. die christliche Ethik keine Chance mehr hat, in den öffentlichen Diskurs einzugreifen – wie jetzt z.B. über den Ethikrat, Mitgliedschaften in anderen Beiräten (Radio/TV, Kultur etc.). Die einzige Möglichkeit wäre, den öffentlichen Raum von den Laizisten zu übernehmen – also eine religiöse Partei gründen und die Gesellschaft umformen. Interessant und für mich völlig logisch ist ja, dass sich bei Houellebecq die Katholiken den Islamisten anschließen. Die Alternative wäre eine außerparlamentarische Opposition, die in Frankreich ja des öfteren auch in Gewaltausbrüchen in den Banlieus ihren Ausdruck findet. Ich finde nicht, dass die Franzosen uns in Sachen Integration ein Vorbild sein sollten.

      Im Subsidiaritätsmodell haben wir die Aufgabe, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das ist sehr viel anstrengender und verlangt von uns, dass wir uns aus der Komfortzone hinausbewegen. Aber es bietet die Chance, dass wir die unterschiedlichen Werthaltungen, Weltanschauungen – und damit die Menschen – viel besser integrieren.

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      • Thomas Jakob schreibt:

        Die Menschenrechte auf freie Meinungsäußerung und Religionsfreiheit gelten auch in Frankreich. Mir ist nicht bekannt, dass es da größere Probleme gäbe, selbst bei wirklich heiklen Themen wie Beschneidung nicht.

        Auf der anderen Seite wäre uns die wahlkampfgeprägte Provinzposse mit Söders Kruzfixen in öffentlichen Gebäuden erspart geblieben, wenn wir da das französische System hätten.

        Und zu den französischen Banlieues. Das ist eine Sache, die vor allem mit Sozialstruktur und Einwanderung zu tun hat. Der Konflikt zwischen Religion und Laizismus ist da zweitrangig. Und wir werden mit Verzögerung wahrscheinlich auch ähnliche Entwicklungen wie in Frankreich bei uns erleben. Ghettobildung nimmt zu, Parallelgesellschaften bilden sich aus, Gewaltbereitschaft nimmt ebenfalls zu. Irgendwann kracht es hier auch.

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      • gebrocheneslicht schreibt:

        Es geht mir auch nicht nur um die individuelle Religionsfreiheit, sondern die Integration unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen – und da sind die Religionen nicht unbedeutend – in den öffentlichen Diskurs. Frankreich lässt nur den Laizismus zu. Das bedeutet, dass die Religionen auf Straßenprotest oder die Gründung eigener politischer Parteien angewiesen sind, um ihre Anliegen öffentlich einzubringen. Und die zweite Variante spielt Houellebecq eben durch.

        Markus Söder macht für mich nichts anderes als die Laizisten in Frankreich, nur mit anderen Inhalten. Er will eine Richtung, eine Weltanschauung bzw. Leitkultur für die Öffentlichkeit verbindlich machen (bayrisches Kulturchristentum). Gleiche Ziele verfolgen die AfD (Nationalismus) und Erdogan (Islamisierung), Ungarn und Russland mit einer Mischung aus Religion und Nationalismus.

        Die andere Seite ist die Behauptung „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Damit wird ja nicht nur eine Religion ausgegrenzt, sondern auch der Mensch, dessen Identität wesentlich aus dieser Religion schöpft.

        Dass die Konflikte in den Banlieus mit Sozialstruktur und Einwanderung zu tun haben, bezweifle ich nicht. Aber wir schaffen es wohl kaum, Parallelgesellschaften zu integrieren, wenn wir den Einwanderern ständig erzählen: Werdet wie wir (ohne genau definieren zu können, was das überhaupt heißt), dann gehört ihr – vielleicht und auf Widerruf – dazu. Können wir nicht einfach erst einmal davon ausgehen, dass all diese Menschen zu uns gehören? Und dann mal schauen, was aus einer solchen Haltung wachsen kann…

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      • Thomas Jakob schreibt:

        1) Mir ist nicht so ganz klar, was Du mit dem öffentlichen Diskus meinst, von dem die Kirchen in Frankreich anders als in Deutschland ausgeschlossen sind. Presse? Talkshows? Gremienarbeit? Öffentliche Auftritte?
        2) Aussage: Der Islam gehört zu Deutschland. Das kam m.W. ursprünglich mal von Wulff. Ich habe dem damals zugestimmt, aber schon gedacht, dass es eigentlich eher Muslime, Imame, Moscheen etc. sind, die inzwischen zu Deutschland gehören, nicht der Islam an sich. Ich meine, Gauck hätte es später in auch in diese Richtung präzisiert.
        3) Integration und Religion. Wenn klar ist, dass jeder nach seiner Fasson selig werden kann, aber Religion keine Sonderrechte begründet, schafft das klare Verhältnisse. Zu versuchen, einen in Deutschland aufstrebenden Islam mit einem rückläufigen Christentum hinsichtlich der Sonderrolle in Deutschland gleichzustellen, schafft mehr Probleme, als es löst.

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      • gebrocheneslicht schreibt:

        1. In der Tat meine ich das alles und noch viel mehr. Die Talkshows sollten nicht den Parteien und Prominenten überlassen werden, sondern ebenso den gesellschaftlich relevanten Gruppen: NGOs, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Sportvereinen – allen, die sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt verdient machen. Das kann der Staat nicht allein leisten. Ebenso Mitarbeit in Ethikräten, Rundfunkbeiräten, was es da noch so gibt. Dann aber auch die Übernahme von Verantwortung bei gesellschaftlichen Aufgaben: Flüchtlingsarbeit, Krankenhäusern, Jugendarbeit – immer in Zusammenarbeit und fröhlicher Konkurrenz mit den anderen Playern. Z.B. werden in HH Angebote der Ganztagesschule von Ballin-Stiftung, Sportvereinen, Kirchen etc. wahrgenommen.

        2. Aber auch die – sagen wir mal: Leitkultur unserer Gesellschaft wird nicht vom Staat bestimmt, sondern in der Auseinandersetzung der verschiedenen Weltanschauungen. Dazu gehören die Kirchen ebenso wie die AfD, die Gewerkschaften ebenso wie die Bayern – und auch der Islam. Ich bin nicht Gaucks Meinung. Der Islam gehört auch in seinen antiaufklärerischen Seiten zu Deutschland – genauso wie Pegida und Antifa, die auch nicht viel vernünftiger daherkommen. Der Staat bestimmt die Spielregeln, damit keine Gruppe ungerechtfertigt übervorteilt wird. Und stellt u.U. die Foren zur Verfügung, von der Islam-Konferenz bis in zu den Lokalen Bildungskonferenzen auf Stadtteilebene.

        3. Da die Kirchen zur Zeit der Verabschiedung des Grundgesetzes die prägende gesellschaftliche Gruppe waren, genießen sie auch jetzt noch Vorrecht, die sukzessive abgeschafft werden sollten. Doch viele Rechte genießen sie nicht als religiöser Gemeinschaft, sondern als Körperschaften des öffentlichen Rechts – und das kann ein humanistischer Verband ebenso sein wie eine Freikirche. Gerade dieses Konstrukt bewirkt den Einfluss des Staates auf diese gesellschaftlichen Gruppen, da die Verleihung der „Körperschaft“ an Voraussetzungen gebunden ist und einer öffentlichen Kontrolle unterliegt. Das vermeidet gerade Parallelgesellschaften.
        Und ja, sich auf fremde Wertvorstellungen einzulassen und ihnen dieselben Rechte wie den eigenen zuzugestehen ist ein Risiko. Ich finde: Das ist das Risiko der Demokratie. Da werden dann auch einmal Menschen zu amerikanischen Präsidenten – lassen wir das 😉

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  2. Ralf Liedtke schreibt:

    Als der Roman aktuell erschienen war, wollte ich ihn lesen. Vor einigen Wochen sah ich ihn bei einer Bekannten im Bücherregal und lieh ihn aus. Nachdem ich gut ein Drittel gelesen hatte, legte ich ihn eher verstört beiseite. Ich weiß aus meinem Umfeld, dass dieses Buch sehr unterschiedliche Reaktionen auslöst(e). Mich wollte es nicht „packen“ und so schaute ich mir auch nicht die wohl großartige schauspielerische Umsetzung an.

    Ich finde es gut, diesen Roman und das in ihm versteckte Thema aufzugreifen. Persönlich glaube ich, dass weder die französische noch deutsche Gesellschaft Gefahr läuft, dominant zu islamisieren. Da schließe ich mich den Gedanken des Beitrags von Thomas an.

    Meine große und wachsende Sorge ist, dass die Zerrissenheit und die immer deutlicher werdenden Polarisierungen in unserer wie auch anderen demokratischen Gesellschaften weiter zunehmen werden. Und ich befürchte, dass sich diese irgendwann auch in brutaler Gewalt entladen wird – zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen wie auch politischen Gruppen und die Gesellschaft weiter in Unversöhnlichkeit spaltet.

    Gerade lese ich lese von Ingo Zamperoni sein aktuelles Buch „Anderland“, in dem er ein präzises wie auch engagiertes Stimmungsbild in den USA unter Trump zeichnet. Dies Buch packt mich und es macht mich auch betroffen, gerade weil er nicht überzeichnet, sondern aus der Sicht eines guten Kenners und Amerikafreundes sachlich wenn auch nicht ohne Emotion nur schildert und viele Menschen einfach zu Worte kommen lässt. Wie in Großbritannien nach dem Brexit ist der politische Disput einer offenen Feindseligkeit zwischen den Lagern gewichen.

    Je weniger bei uns die Integration in der Breite gelingt, so mehr wird hier ein ähnliches Szenarium wahrscheinlicher. Und diese kann nur erfolgreich sein, wenn Parallelgesellschaft vermieden werden, denn diese sind es, die eine wirkliche Integration verhindern. Davon sind wir zurzeit weit entfernt und es ist nicht nur die deutsche Mehrheitsgesellschaft, die zum Teil Integration erschwert. Es sind immer wieder auch Migranten selbst, die sich schwer mit der Einbürgerung tun, in Teilen diese nicht wollen. Hier beginne ich zu zweifeln, ob ein Miteinander reden der einzige richtige Weg ist, so wichtig dieses auch ist.

    Gott sei Dank gibt es großartige positive Beispiele einer wirklich gelungenen Integration, die viel häufiger erwähnt werden sollte – und beiden Seiten, den Zweiflern und Abwehrenden mit einer wachsenden Wagenburgmentalität, wie auch denen, die sich einer Integration „verweigern“ als Spiegel vorgehalten werden sollte.

    Ich las heute im Sportteil der Zeitung von einem iranischen Flüchtling, der ein wunderbares Beispiel hierfür ist. Dieser startet gerade bei der Kanu-Weltmeisterschaft für Deutschland. Für ihn ist das Besondere und Liebenswerte an Deutschland, dass man hier offen und frei seine Meinung äußern darf. Er endet mit einer Mahnung an die Politiker, konsequenter beim Asylrecht durchzugreifen, Missbrauch zu begegnen und auch „Einzufordern“, „damit das schöne Deutschland nicht zerstört werde“. Es ist eine der sich mehrenden Stimmen erfolgreicher Migranten, die deutlich machen, dass Integration keine Einbahnstraße ist und mit einer „vermeintlichen“ Opfermentalität keinem geholfen ist.

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Lieber Ralf, ich frage mich: Was ist gelungene Integration? Schaue ich mir Söder an, so bin ich überzeugt: Wir haben die Bayern bis heute nicht wirklich integrieren können – und die wollen es auch gar nicht! Ich hätte es in einem niederbayrischen Dorf viel schwerer als ein Normal-Einwanderer in Niendorf. Nehmen wir die Menschen doch erst einmal so, wie sie sind.

      Heute las ich einen Artikel über Sexismus in der Fußballszene – kein Mensch fordert deswegen, den Fußball zu verbieten. Trotz der zutiefst korrupten Strukturen. Mich stören zunächst einmal die unterschiedlichen Maßstäbe, die angesetzt werden.

      Und mich stört die Haltung, dass immer die anderen schuld sind. Und immer von den anderen Vorleistungen gefordert werden. Das gilt natürlich auch für die Opfermentalität der Migranten. Aber sollten wir nicht da beginnen, wo wir noch die meisten Chancen zur Veränderung haben: bei uns selbst?

      Und mich stört drittens die ständige Moralisierung. Natürlich müssen Ursachen und Hintergründe analysiert werden, damit wir zu möglichst pragmatischen Lösungen kommen. Aber da hilft es dann überhaupt nichts, mit dem Finger aufeinander zu zeigen. Zumal sich bei nüchterner Betrachtung in der Regel herausstellt, dass wir alle eine mehr oder weniger rühmliche Rolle in diesem ganzen Theater spielen.

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  3. Ralf Liedtke schreibt:

    Lieber Erik,

    natürlich wäre es wert, die Frage „was ist gelungene Integration“ genauer zu betrachten und nach Antworten zu suchen.

    Fangen wir mit dem Begriff „Integration“ an. Soziologisch betrachtet bedeutet dieser die Ausbildung einer Wertgemeinschaft mit einem Einbezug von Gruppierungen, die zunächst oder neuerdings andere Werthaltungen vertreten. Gemeint ist ein dynamischer, lange andauernder Prozess des Zusammenfügens und Zusammenwachsens. Integration ist so auch eine Form oder Spielart der „Akkulturation“.

    In diesem Sinne hat Integration in der Regel bei Menschengruppen weitgehend funktioniert, die aus Ländern zugezogen sind, die ähnliche Wertvorstellungen wie die unserer Gesellschaft aufweisen (Italien, Spanien, Griechenland, Polen usw.). Sie scheint sich heute aus meiner Sicht eher zurückentwickeln, was Menschen betrifft, die aus anderen Kulturen kommen, die auch vom Islam geprägt sind. Die über Jahre tiefgreifenden Veränderungen in der Türkei selbst unter Erdogan haben viel mit dazu beigetragen. Atatürk und die Trennung von Staat und Religion sind längst „Schnee von gestern“.

    Sie haben „Parallelgesellschaften“ sich verfestigen lassen. Was vor 20 Jahren noch undenkbar war, ist heute zunehmende Realität – auch das Kopftuch tragen von Kindern schon im Kindergarten, begleitet von Kampagnen im Netz wie „Nicht Ohne Mein Kopftuch“, die bereits Babys mit Hijabs zeigen. Die Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam schreibt dazu: „Die Mädchen sollen schon als Kinder lernen, sich als Frauen zu unterwerfen.“ Die Vizepräsidentin des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte berichtet von gesundheitlichen Risiken für die Mädchen und bemerkt: „Hier werden die Rechte der Kinder mit Füßen getreten.“

    Es lohnt sich insgesamt genauer hinzugucken und für mich hat das nichts mit einer Schuldzuweisung zu tun, sondern damit, dass ich mich dafür engagiere, dass demokratische Grunderrungenschaften wie auch Rechte der Frauen und Kinder, die mühsam über die Jahrzehnte erkämpft worden sind, auch in Zukunft bewahrt bleiben und nicht plötzlich zweierlei Maß gemessen wird. Kurz: Ich mache mir Sorgen über die Zukunft dieser Gesellschaft und bin der Meinung, dass es Bezugsrahmen geben muss – den man sicher konkreter beschreiben müsste – der für mich nicht beliebig und damit verhandelbar sind.

    Mich stört auch die ständige Moralisierung und der zu oft fehlende Pragmatismus. Doch habe ich das Gefühl, dass wir hier von unterschiedlichen Kreisen sprechen.Ich vermute, in dieser Frage bleiben Unterschiede in unseren Betrachtungen, aus meiner Sicht dürfen diese auch bleiben.

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Lieber Ralf, soweit die Theorie. Ich kenne selbst ca. 1000 Gründe, weswegen Integration gescheitert ist und nie gelingen kann. Kommt aber in der Tat auch darauf an, was man unter Integration versteht.

      Eine Theorie besagt, dass sich Parallelgesellschaften herausbilden, wo die ökonomischen Chancen ungleich verteilt sind. Oder genauer: Wo das Gefühl besteht, dass sie ungleich sind. Der „Traum vom Tellerwäscher zum Millionär“ hat die amerikanische Gesellschaft geeint. Als Chinesen, Italiener, Latinos und Russen das Gefühl hatten, die gleichen Chancen zu haben, konnten sie sich alle als „Amerikaner“ fühlen. Als dieser Traum zerbrach, zerfiel die Gesellschaft.
      Deshalb hat sich die Rassenfrage auch vor allem an den ehemaligen Sklaven entzündet. Sie waren immer von diesem Traum ausgeschlossen.

      Und wenn wir an die kulturelle Integration allzu hohe Ansprüche stellen, fallen die Bayern für mich immer noch raus: Sie haben ein mittelalterliches Verständnis vom Verhältnis Politik/Religion (Kreuzerlass) und der Geschlechter (Herdprämie), haben merkwürdige Kleidung und Gebräuche, eine eigene Partei und pöbeln immer wieder gegen Restdeutschland. Und irgendwie halten wir normale Deutsche das auch aus.

      Und erlaube mir einen persönlichen Vergleich: Es gab eine Zeit in meiner Jugend, in der ich mich fragte, warum ich keine Freundin hatte. Und ich machte mir viele Gedanken und kam zum Schluss: Alle objektiven Fakten sprachen dafür, dass ich beziehungsunfähig war. Und die logische Folge war: Bei der nächsten Gelegenheit sprach ich ein Mädchen an. Und holte mir eine Abfuhr. Und machte weiter. Und ließ mir erzählen, wie man es besser macht. Und lernte dazu… Und irgendwann klappte es dann. Nicht immer, aber immer öfter. Gegen alle Wahrscheinlichkeit und Theorie.

      So stelle ich mir Integration vor.

      Ob Merkel recht hatte oder recht behält, als sie sagte: Wir schaffen das? Ich weiß es nicht. Aber im Grunde haben wir keine Wahl. Sonst fliegt uns hier alles um die Ohren. Es ist doch wie sonst auch im Leben: Wir haben keine Chance, also nutzen wir sie. Deshalb: Grau ist alle Theorie.

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  4. Ralf Liedtke schreibt:

    Lieber Erik,

    was ein kleiner Tippfehler in der Mailadresse alles bewirkt – schon wird alles neu. Wenn das mit der Integration auch so einfach wäre!

    Ja, es kommt darauf an, was wir Integration verstehen. Und solange dies nicht klar ist, droht die Gefahr, aneinander vorbeizureden. Dein Vergleich mit den Bayern „rumpelt“ für mich noch immer, aber ich lasse ihn stehen und nehme ihn eher als Randnotiz.

    Grau ist alle Theorie? Nochmals: Es ist eine Wirklichkeit voller Widersprüche, die ich sehe – gerne anders sehen würde – , doch will ich sie mir weder „schönfärben“ noch in Lethargie oder NIchttun verfallen. Sie bereitet mir einfach wachsende Sorge.

    Und weil das so ist, möchte ich besser hinschauen und deutlicher als früher dem einen „Spiegel“ vorhalten, was Integration vermutlich verhindert. Auch glaube ich, dass wir neue Ansätze und auch Veränderungen auf allen Ebenen brauchen und eine aktivere und engagiertere Mitwirkung von ALLEN Beteiligten. Und ich persönlich halte es für wichtig, diese in einem klarer definierten Rahmen auch einzufordern.

    Aber bin ich bin sehr bei Dir und dem Gedanken: „Aber im Grunde haben wir keine Wahl. Sonst fliegt hier alles um die Ohren!“

    Vielleicht haben wir eine Chance, wenn wir mit dem Thema wertebezogen wie praktisch achtsamer, wertschätzender wie auch konsequenter umgehen.

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Lieber Ralf, ich verstehe Dich so: Bevor wir in naivem Integrationsoptimismus einen Haufen Fehler machen, müssen wir eingestehen: Es gibt riesige Probleme. Die liegen in der menschlichen Natur, in den Umständen, auch darin, dass es unter den Zuwanderern Idioten und Verbrecher gibt. Aber zu oft habe ich erlebt, dass solche Analysen dazu dienen, die eigene Verantwortung abzuschieben. Und schon Jesus sagte: Wem viel gegeben ist, von dem wird viel erwartet. (Lukas 12,48) Uns wurde viel gegeben…

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  5. Ralf Liedtke schreibt:

    Ja, und …

    … ein jeder übernehme für sich die Verantwortung wie auch für das Gemeinwesen und trete aktiv dafür ein, denn „gemein“ sind wir alle. Und nur wenn unsere Gesellschaft in sich ausgewogen und stabil bleibt, wir miteinander ringen statt uns zu bekämpfen, können wir gemeinsam einen Weg in die Zukunft gehen. Dafür sollte ein jeder Sorge tragen und entsprechend handeln wie allen Tendenzen, die dieses verhindern, zusammen die rote Karte zeigen. Dann kann und wird es gelingen!

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