Tanz ins Leben

Normalerweise mache ich um Filme, die als „Tragikomödien“ bezeichnet werden, einen weiten Bogen. Sie sind meistens nicht wirklich komisch, weil sie einfach zu tragisch sind. Glücklicherweise wusste ich nicht, dass der Film „Tanz ins Leben“ genau dieses Label trägt.

In diesem Film sind so ungefähr alle Themen vereint, die einen depressiv machen können: Trennung nach 30 Ehejahren, Armut, Demenz, ein Tod durch Krebs, einer kurz vor einem Tête-à-tête, einer in der Verlobungszeit – habe ich noch etwas vergessen? Und doch sprüht er vor Witz und Lebenslust. Und „ohne Taschentücher ist der Film schwer durchzustehen“, meint auch die Kritikerin Bettina Peulecke.

Sandra (Imelda Staunton) gehört zur upper class, wohnt in einem herrschaftlichen Haus, das vor allem sauber ist, und entdeckt nach 30 Ehejahren, dass ihr gerade geadelter Ehemann sie seit 5 Jahren betrügt. Sie fährt zu ihrer Schwester Bif (Celia Imrie) nach London, die dort lebensfroh und politisch links engagiert in einer chaotischen Sozialwohnung lebt. Ihr Freund Charly (Timothy Spall) kann glücklicherweise von der Waschmaschine bis zum Auto alles reparieren und träumt davon, mit seinem Hausboot über den Ärmelkanal zu fahren.

So weit, so – ja, so nahe am Klischee. Und ich kann verstehen, wenn die Kritikerin Antje Wessels schreibt: „‚Tanz ins Leben‘ ist eine solide Tragikomödie für die Generation 60 plus, was vor allem den starken Darstellern zu verdanken ist. Durch sie sind viele komische Momente wirklich lustig und ein Teil der eher grobschlächtig-kitschig inszenierten Szenen rührt trotzdem.“ Frau Wessels ist deutlich unter 60.

Und ich bin drüber. Und inzwischen weiß ich: Das Leben ist unglaubwürdiger, grobschlächtiger, kitschiger, trauriger und lustiger als jeder Film. Und „Tanz ins Leben“ ist näher am Leben als die meisten anderen, die ich gesehen habe. Und das nicht deshalb, weil er unglaubwürdig wäre, sondern weil die Menschen in ihm so echt wirken, so glaubwürdig sind.

Und so positiv. Sie sind es oder sie lernen es. „Die Schwerkraft kriegt uns alle, man darf ihr nur nicht den eigenen Geist überlassen“, sagt Bif einmal. Sie haben ihre Träume oder entdecken sie. Und sie richten ihr Leben nach ihnen aus, wie unrealistisch sie auch sein mögen.

Dieser Film traf unser Lebensgefühl ziemlich genau. Das Leben ist nicht glänzend. Tod und Schmerzen, Abschied und Enttäuschung gehören dazu. Aber wir können ihm Glanz verleihen. Indem wir uns mit Menschen umgeben, die uns gut tun. Mit denen wir reden können und, wenn wir Lust dazu haben, auch tanzen. Und wenn wir richtig Glück haben, können wir genau solche Menschen für andere sein.

Wir sind aus diesem Film berührt und bewegt herausgekommen. Und er hat uns Mut gemacht, unseren Weg weiterzugehen und die Träume nicht aufzugeben.

„Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben“, sagte einst der Gesangbuchdichter Christian F. Gellert. Und Karl F. Gutzkow ergänzte: „Man kann dem Spruch auch die Anwendung geben: Lebe mit jedem Menschen so, wie du, wenn er stirbt, wünschen würdest, mit ihm gelebt zu haben!“ Und zwar ab heute, spätestens.

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Beitragsbild: Hausboote im Regent’s Canal in Paddington (London), von Julian Nitzsche – Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19312961

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