Die Inszenierung

Exerzitien 24. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Und weiter geht der Bericht von den letzten Tagen Jesu. Ich folge den Vorgaben Pfr. Mücksteins und wende mich nun dem Einzug in Jerusalem zu.

Wir waren nach den Ereignissen in Caesarea Philippi Richtung Süden aufgebrochen. Einige Tage hielten wir uns noch in Kapernaum auf, wo Jesus in den letzten drei Jahren seinen Lebensmittelpunkt gehabt hatte. Er und einige Jünger hatten noch ein paar Sachen zu regeln, ehe es weiterging nach Samaria und Jericho. Jesus gab ein beeindruckendes Zeugnis seiner Heilkraft, und dann hatten wir noch viel Spaß beim Zöllner Zachäus, der uns zu sich einlud. Es sollten unsere letzten unbeschwerten Tage für lange Zeit werden.

Schließlich gelangten wir nach Betfage am Ölberg, der Heiligen Stadt direkt gegenüber. Ich gestehe, dass ich ein wenig von der Stadt enttäuscht war. Nicht dass ich ein zweites Rom erwartet hätte. Aber was ich auf die Entfernung und in der Nachmittagssonne ausmachen konnte, war eine ziemlich kleine, sehr laute und recht unsaubere Stadt. Kein Wunder, dass Pilatus sich viel lieber in Caesarea aufhielt. Der Tempel, den Herodes hatte bauen lassen, war allerdings wirklich beeindruckend.

Wir hatten bei Sympathisanten Unterkunft gefunden. Nach dem Abendessen versammelte Jesus uns um sich und meinte: „Morgen beginnt die Zeit der Entscheidung.“

Nathanael sagte: „Es sind sehr viele Pilger in der Stadt. Das Passafest beginnt. Wenn wir uns einfach unter die Leute mischen, erkennt uns keiner. Dann kann uns auch nichts passieren.“

„Ja“, antwortete Jesus, „dann wird auch nichts passieren. Aber dann hätten wir auch nicht hierher kommen müssen. Aber ich denke, dass Gott es nicht so einfach mit uns haben will. Es muss etwas passieren. Ich weiß noch nicht genau was, und es wird weder leicht noch schön. Aber es ist wichtig. Und deshalb müssen wir unbedingt Aufmerksamkeit erregen. Irgendwelche Vorschläge?“

Nach einer Pause sagte Jakobus ben Alphäus: „Also gehen geht schon mal gar nicht. Du musst reiten.“

„Aber ein Pferd ist auch nicht gut“, gab Thomas zu bedenken. „Zu protzig. Und ein Esel zu gewöhnlich.“ 

„Esel ist nicht trotzdem nicht schlecht“, antwortete Jesus. „Er erinnert an die Verheißung von Sacharja [9,9]. Aber vielleicht nicht direkt Eselin, wie der Prophet schreibt, sondern ein Fohlen. Ich habe da heute Nachmittag eins gesehen, bei Naphtali dem Ölbauern. Noch nicht zugeritten. Das sieht ungewöhnlich aus. Besonders wenn es dann noch tänzelt und bockt.“

„Gut“, sagte Petrus. „Ich kümmere mich drum. Aber es reicht noch nicht. Wir müssen auch ordentlich Lärm machen.“

„Nur wir zwölf?“ Thomas war skeptisch wie immer.

„Na, dann holen wir doch alle unsere Freunde und Bekannten zusammen“, warf Simon der Zelot ein. „Ich kenne hier bestimmt ein Dutzend Leute, die sich ansprechen ließen. Einige kommen bestimmt.“ Und auch die anderen Jünger kannten Leute in der Stadt.

„Gut“, sagte Jesus, „machen wir Schluss für heute. Morgen wird ein anstrengender Tag.“

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Als ich in den Evangelien die Berichte über den Einzug las, verdichteten sich zwei Eindrücke: Erstens wirkte die ganze Szene inszeniert. Und zweitens fand ich es sehr plausibel, dass die jubelnde „Menge“ vor allem aus Jesu Jüngern bestand, wie Lukas schreibt (19,37). Beides hatte ich vorher anders gesehen.
Beitragsbild: Modell der Stadt Jerusalem zur Zeit Jesu, im Vordergrund der Tempel, von Berthold Werner – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5333254

 

 

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