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Exerzitien 23. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Heute folgt der dritte Teil des Gesprächs mit Jesus unter den Ölbäumen über den Menschensohn. Johannes war gerade wieder zurück zu den Jüngern gegangen.

Wir saßen nebeneinander und schwiegen. Auf der Römerstraße sahen wir ein paar Soldaten und Händler. Dann fragte ich: „Und wie ist es so – zu wissen, was auf einen zukommt?“
„Ich wünschte, ich wüsste es nicht“, sagte Jesus. „In Kana saß ich unbeschwert beim Wein [Joh. 2,1-12], und bei Levi waren wir zusammen fröhlich [Mt. 2,3-17]. Ob das noch einmal so möglich sein wird? Auf der einen Seite möchte ich alles weit hinausschieben. Hier in Syrien bleiben, wo mich keiner kennt. Und dann wieder, dass alles so schnell wie möglich vorbei ist. Und über allem liegt ein Schatten.“ [Lk. 12,49-50]
Rom kam mir in den Sinn. Statt hier in der Provinz zu sitzen, könnte ich mich in den Thermen von einem Sklaven massieren lassen, mit Rufus plaudern und später zu Claudia gehen.
Stattdessen fragte ich Jesus: „Wann gehst du nach Jerusalem?“
„Schon bald“, sagte er. „Hier ist meine Mission beendet. Die Dinge müssen ihren Lauf nehmen.“
Ich war mir nicht sicher, ob ich das, was ich dann fragte, wirklich fragen wollte. Rom lockte, der Komfort und die Sicherheit. Das Leben. Jerusalem bedeutete Unsicherheit, Gefahr, vielleicht sogar Tod. Ich kannte mich dort gar nicht aus. Sadduzäer, Pharisäer, Essener, Zeloten… Drei Juden, vier Meinungen, fünf Parteien, hieß es in Rom über dieses merkwürdige Volk. Das doch nur einen Gott kannte und anbetete. Der aber nicht ganz so berechenbar war wie unsere Götter.
Das hatte ich während der Zeit mit Jesus gemerkt: Einerseits predigte er den guten Vater im Himmel, aber genau der bewahrte ihn offensichtlich nicht vor dem Leid, sondern schickte ihn vielleicht sogar in den Tod – mit einem vagen Versprechen von einer Art von Auferstehung, von der man noch nicht so richtig wusste, wie gut sie wirklich war.
Und trotzdem hatte ich das Gefühl: Wenn ich nach Rom zurückkehrte, würde ich Wesentliches verpassen. „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.“ Wer hatte das noch einmal gesagt? Egal.
Ich fragte also: „Kann ich mit nach Jerusalem?“
Jesus schaute mich an. „Lieber nicht“, sagte er dann. „Um deinetwillen und um meinetwillen. Du begibst dich in Gefahr und ich kann keine Gaffer gebrauchen.“
Ich nickte. „Das kann ich verstehen. Aber ich frage nicht so einfach aus Spaß. In Rom habe ich es zweifellos angenehmer als in Jerusalem. Und ich komme auch nicht deinetwegen mit.“
„Und warum dann?“
„Ich weiß auch nicht so genau. Ich habe noch nie so eine Stimme gehört wie du, wenn du vom Menschensohn geredet hast. Und doch habe ich das Gefühl, dass nicht Rom, sondern Jerusalem der richtige Ort für mich ist.“
„Aber ich werde nicht auf dich aufpassen“, sagte Jesus. „Die ganze Sache wird ohnehin schwer genug.“
„Das geht schon in Ordnung“, antwortete ich. „Ich passe schon alleine auf mich auf und komme dir nicht in die Quere. Und was geschehen soll, geschieht.“
„So sei es denn“, sagte Jesus und stand auf. „Aber halte dich im Hintergrund. Wenn es eng wird, sind mir meine Jünger wichtiger.“
„In Ordnung.“ Und damit gingen auch wir zu den anderen zurück.

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Unser ich-erzählender Römer konnte gar nicht wissen, von wem das Zitat war. Es wurde erst von Friedrich Schiller erfunden (Wallensteins Lager 11).

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