Unter Ölbäumen

Exerzitien 21. Teil, Bingen 2018, die „dritte Woche“.

Nach zwei Jahren nehme ich die Exerzitien wieder auf. Und obwohl wir die „2. Woche der Exerzitien“ – der „Ruf des Königs“ – nicht ganz hatten abschließen können, beginnen wir mit der „3. Woche“, der Passion Jesu. Um in die Geschichte einsteigen zu können, schlägt Pfr. Mückstein vor, mit den drei „Leidensankündigungen“ zu beginnen. Sie stehen bei Matthäus 16,21-23; 17,22-23 und 20,17-19, bei Markus 8,31-33; 9,30-32 und 10,32-34 sowie Lukas 9,22+44-45 und 18,31-33.

Eine der Kernaufgaben während der Exerzitien ist es, sich die damalige Situation so genau wie möglich vorzustellen – wie es z.B. im Garten Gethsemane riecht, welche Geräusche im Hintergrund zu hören sind, was die Menschen sagen, ihre Mimik und Haltung… – und dann den eigenen Ort in der Geschichte zu finden. Deshalb gleichen die folgenden Geschichten auch eher einem Roman oder Reisebericht als einem relativ kurzen, inhaltlich möglichst auf den Punkt gebrachten Beitrag. Und wie in früheren Beiträgen auch habe ich die Ausführungen aus meinem Exerzitien-Tagebuch kursiv gesetzt.

Also machen wir uns auf die Zeitreise ins Römische Reich. Zeit: 785 ab urbe condita (nach damaliger römischer Zeitrechnung; für spätere Generationen das Jahr 32). Ort: Irgendwo am östlichen Rande des Imperiums.

Unter Ölbäumen

„Du Satan“, fuhr der Meister seinen Jünger an. Der wiederum war völlig konsterniert. Simon gehörte zu den eifrigsten der kleinen Gruppe, die an einem freien Platz unter den Olivenbäumen zusammensaß. Gerade hatte er seinem Meister versichert, er sei „Gottes Sohn“, und der hatte ihn daraufhin „Petros“ genannt, einen Felsen – was immer die beiden auch damit gemeint haben mochten, es war bestimmt anerkennend. Und nun dieser Vorwurf! Und nur, weil Simon augenscheinlich verhindern wollte, dass sein Meister stirbt.

Wie war ich bloß in diese Situation hineingekommen?

Zwei Monate vorher hatte ich mich in Rom eingeschifft und war vierzehn Tage später in Caesarea gelandet. Auf der Überfahrt hatte ich mich mit einem Juden angefreundet, der mir von einer interessanten Gruppe erzählte. Sie verehrte einen Jesus als ihren Lehrer. Einige von ihnen glaubten und hofften, er werde alle Römer verjagen – aber nicht mit Waffengewalt, wie es die Zeloten praktizierten. Er setzte auf ein Programm der Gewaltlosigkeit. 

Es dauerte dann noch einen Monat, bis ich diese wandernde Gruppe fand. Und jetzt zog ich schon einen Monat mit ihnen herum. Wir waren dabei ziemlich weit in den Norden gekommen, bis zu den Quellen des Jordans, in die Nähe einer Stadt, die ebenfalls Caesarea hieß. Und da sie im Gebiet des Philippus lag, trug sie auch seinen Namen.

Wir hatten es uns in einem Olivenhain bequem gemacht, als Jesus fragte: „Was sagen die Leute über mich?“ Seine Jünger meinten, er sei Elia, Jeremia oder Johannes der Täufer, alles bekannte historische und zeitgenössische jüdische Persönlichkeiten. Simon aber setzte noch einen drauf und meinte: „Du bist der Gesalbte, der Sohn Gottes.“ Das schien Jesus zu freuen, denn er machte seinem Jünger einige Komplimente.

Nach dem Abendessen dann meinte Jesus: „Ich muss euch noch etwas sagen.“ Er wartete, bis alle still waren, und dann meinte er: „Wir werden nach Jerusalem gehen. Dort werden die Verantwortlichen den Menschensohn gefangen nehmen. Er wird viel leiden müssen, sterben und nach drei Tagen wieder auferstehen.“ Woraufhin es Simon entfuhr: „Das werde ich zu verhindern wissen!“ Und Jesus ihn mit dem Wort „Satan“ beschimpfte, in der Vorstellung mancher Juden so etwas wie der Gegenspieler Gottes.

Danach stand Jesus abrupt auf und verschwand unter den Olivenbäumen. Wir schauten uns an. Andreas ging zu seinem Bruder Simon und redete leise mit ihm.
„Was war denn das?“, fragte ich. Aber keiner gab mir eine Antwort.
„Und was meint er mit dem Menschensohn?“
„Wir vermuten“, antwortete Johannes, „das hat etwas mit dem Propheten Daniel zu tun. Dort steht: ‚Es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn‘ (7,13). Manchmal fühlt sich Jesus offenbar auch wie ein Gesandter des Himmels. Und dann redet er gerne von sich als Menschensohn.“
Und dann hörte ich Philippus, wie er fast träumerisch sagte: „Jetzt hat er wieder eine Vision gehabt von dem, was auf ihn zukommt. Er hat die Stimme Gottes gehört.“
Woraufhin Jakobus meinte: „Besonders souverän geht er aber nicht damit um. So außer sich habe ich ihn selten erlebt. Es war ja geradeso, als ob er Angst gehabt hat vor Simon.“
Und Nathanael ergänzte: „Die Weissagung hat er auch so seltsam unbetont gesprochen, so teilnahmslos. Als ob er nicht er selbst wäre.“
„Ich sag es ja“, warf Philippus dazwischen, „die Stimme Gottes.“ Er war sichtlich begeistert, aber so ziemlich als einziger. Die anderen wirkten eher verunsichert und ängstlich.
„Einer muss mit ihm reden“, meinte Judas schließlich. Aber keiner bewegte sich.
„Gut, ich mache es“, sagte ich schließlich. „Aber nicht alleine. Johannes, kommst du mit?“
Johannes nickte. 

Das Gespräch habe ich erst am nächsten Tag aufgezeichnet. Deshalb erscheint es auch im nächsten Blog.

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