Hingabe

Exerzitien 16. Teil, Bingen 2016, die „zweite Woche“

(Der neugeborene König erscheint. Es gilt, sich auf ihn auszurichten – so wie die Hirten, Maria, Simeon und Hanna und die Weisen aus dem Osten (Lukas 2,8-38 und Matthäus 2,1-12. Die wörtlichen Zitate aus meinem Tagebuch stehen wieder in kursiver Schrift.)

„Lebensübergabe“ nennt es Ignatius, dem „Ruf des Königs“ zu folgen. Das Wort löst bei mir ungute Erinnerungen aus. Bei den Frommen heißt es: Du bist Sünder, du bist schlecht, du kannst gar nichts. Du bist in der Sphäre des Teufels verhaftet und kommst geradewegs in die Hölle. Retten kann dich allein die Gnade Gottes. Bete: „Ich übergebe mein Leben, mein Denken und Wollen und Handeln meinem Herrn und Retter Jesus Christus.“ Und dann hör auf zu denken. Lies in der Bibel – dort steht alles drin, was du zum Leben brauchst. Sie ist Gottes Wort und wörtlich zu nehmen. Und sollte etwas unklar sein, frage uns einfach. Diese Haltung verband sich in der Regel politisch mit einer konservativen, kapitalismuskonformen Haltung und ethisch einer atemberaubenden sexuellen Verklemmtheit. Sünde war praktisch alles, was Spaß machte.

Im Studium wandte ich mich dann der Dogmatik zu, dem Nachdenken über den Glauben, linken Politiktheorien und einem genussvolleren Lebensstil. Mit dieser Haltung reibe ich mich an dem Arbeitsauftrag für diese Einheit, der z.B. lautet, „Jesus mit der einfachen Schlichtheit der Hirten zu begegnen“. Waren die Hirten wirklich so schlicht und wurden beim Anblick eines Kindes lammfromm und ganz lieb und handhabbar?

Die Kirche hat gerne diese Hirtenromantik gepflegt, bis in die Krippenfiguren hinein. Sie folgte Paulus, der ein hierarchisches Kirchenbild hatte, in dem das Weib zu schweigen hatte. Ich glaube aber, dass das Christentum ursprünglich seine Kraft nicht deshalb entfaltet hat, weil es ein so durchdachtes System entwickelt, sondern weil es Arme reich gemacht hat: Respekt und die Hoffnung auf Änderung der materiellen Verhältnisse. Selig die Armen…, meinte schon Jesus. Und die Kirche tut heute zwar viel Gutes, für Kinder, Senioren und Flüchtlinge. Aber sie ist immer noch eine Mittelstandskirche. Zu den Abgehängten, den „Hirten“ unserer Gesellschaft, hat sie nur begrenzten Zugang.

Zurück zum Thema „Lebensübergabe“. Damit konnte ich bisher eher nichts anfangen. Pfr. Mückstein ermutigte mich, einen neuen Ansatz zu wagen, mit Paul Gerhards Worten, die er im Angesicht der Krippe dichtete: „Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn. Herz, Seel und Mut, nimm alles hin…“ Aber auch das löst bei mir erst einmal Widerstände aus – darf ich denn gar nichts für mich behalten?

Paulus drückt es ein wenig anders aus: Nun aber lebe ich; „doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2,20) Doch die gesamte Persönlichkeit des Paulus kommt in seinen Briefen mehr als deutlich rüber. Wenn Christus in mir lebt, bedeutet es offenbar nicht die Aufgabe der eigenen Person.

Vielleicht ist es ja umgekehrt: Nicht ich gebe mich hin – sondern Christus gibt sich mir hin. Oder anders: Es kommt darauf an, dass er in mir und in der Welt immer mehr durchscheint. Ich „muss“ nichts weggeben. Mein Haus und meine Familie darf ich behalten – bis zu dem Moment, an dem es „liebevoller“ wäre, sich davon zu trennen. Mein Ansehen muss ich ja nicht aufs Spiel setzen. Wenn ich damit allerdings die Liebe verrate, dann ist es Zeit für eine unangenehme Entscheidung.

Und meine Gesundheit? Mit kaum etwas Anderem habe ich mich in den letzten 14 Tagen mehr beschäftigt als mit meinem Körper. Aber auch der Schmerz hat mich nicht davon abgehalten, zu meditieren, zu denken, zu spazieren, mich auszuruhen. Das Leben ist nicht vollkommen, auch der eigene Körper nicht.

Und auch Gott nicht. Wenn Gott das Licht ist, dann ist er für sich nicht zu sehen. Das Licht wird erst sichtbar, wenn es auf etwas trifft – ja, wenn es „gebrochen“ wird. Immer, wenn es sichtbar ist, ist es schon abgelenkt.

 

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