Zeitenwende

Exerzitien 15. Teil, Bingen 2016, die „zweite Woche“

Eine wesentliche Aufgabe der Exerzitien ist es, sich die biblischen Geschichten so lebendig wie möglich vorzustellen. Die Geburt versuche ich aus verschiedenen Perspektiven darzustellen:

JOSEPH ERINNERT SICH AN DIE REISE NACH BETHLEHEM

Es waren aufregende Wochen gewesen. Erst die Schwangerschaft von Maria, die sich keiner so recht erklären konnte. Ich kam mit ihrem Vater überein, dass ich sie zur Frau nahm und er auf die 50 Silberstücke verzichtete (5. Mose 22, 29). Sie war mir ja versprochen gewesen. Dann der Befehl des Kaisers, der uns nach Bethlehem geführt hatte. Die überfüllte Herberge; wir fanden nur noch Platz im Erdgeschoss, bei den Tieren. Der Vorteil war, dass wir bei der Geburt des Kleinen jede Menge Hilfe hatten.

Aber es war auch unglaublich unruhig. Ich erinnere mich an einen Idumäer, der furchtbar schnarchte, und an drei Nabatäer, die bis spät in die Nacht die Weihrauchpreise diskutierten. Und plötzlich ging dann die Tür auf, und ein paar verwegene Gestalten kamen herein. Hirten. Auch das noch. Sie ließen sich nicht abwimmeln. Angesichts der Muskeln, der Knüttel und Schleudern hatten sie, fand ich, auch die besseren Argumente. Dann wachte der Kleine noch lautstark auf – an Schlaf war sowieso nicht mehr zu denken.

Aber was dann passierte, werde ich so schnell nicht vergessen. Die dunklen Gesellen, jeder wie sie da waren eine Gefahr für die Menschheit, standen mit offenem Mund vor der Krippe. Der Älteste flüsterte Verse des Propheten Jesaja: „Ein Kind ist uns geboren … Fürst des Friedens … auf dem Thron Davids … er schlägt die Gewalttätigen und richtet die Armen recht … Immanuel … Messias.“ Es erinnerte mich an den Psalm, den Maria einmal gesprochen hatte, und den ich vorher noch nicht kannte: „… Er stößt die Gewaltigen vom Thron…“ Um das Kind musste wirklich etwas Besonderes sein. Und Maria hatte noch lange so einen besonderen Ausdruck im Gesicht.

MARIA ERINNERT SICH

Ja, die Hirten sahen schon speziell aus. Aber ich hatte keine Angst, im Gegenteil. Ich hatte in Nazareth einige getroffen. Das schwere Leben hatte sie hart gemacht. Und ich hatte damals schon den Gedanken: Wenn einmal ein Messias kommen sollte, dann genau für diese Menschen. Und dann kommen diese Männer, und einer zitiert Jesaja und schaut den Kleinen dabei so andächtig an. Seltsam, sehr seltsam…

EIN HIRTE ERINNERT SICH

Was war da eigentlich passiert, in jener Nacht? Keiner wusste es später mehr so recht. Nur dass da etwas Besonderes war und wir unbedingt nach Bethlehem mussten. Und als wir das Kind sahen und der alte Gabriel aus den Schriften zitierte, da durchströmte uns alle eine seltsame Hoffnung: Nun wird alles anders, dachten wir. Eine neue Gemeinschaft ist möglich, in der jeder gibt, was er kann und bekommt, was er braucht. Mit einer unglaublichen Begeisterung sind wir damals wieder zurück aufs Feld.

Gut 30 Jahre ist das jetzt her. Das Kind von damals hat tatsächlich einiges Aufsehen erregt. An einen Satz von ihm erinnere ich mich besonders gut: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein.“

Und dann haben sie ihn gekreuzigt. Natürlich. Und wenn sich wirklich etwas ändern sollte, müssten sich Menschen finden, die diese Botschaft nicht nur weitertragen, sondern auch leben. Eine Gruppe, eine Bewegung, die nicht die eigenen Vorteile im Blick hat, sondern sich für andere einsetzt. Für Menschen wie uns. Aber das ist wohl zu viel verlangt. Oder?

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Nachtrag: Unser Bild von der „Herberge“ und dem „Stall“ in Bethlehem ist wahrscheinlich von den Krippenspielen und unserer Weihnachtskrippe unter dem Tannenbaum geprägt. Wie Jesu Geburtsstätte tatsächlich ausgesehen hat, wissen wir natürlich nicht – aber so bestimmt auch nicht.
Das Wort, das Lukas für „Herberge“ benutzt (καταλυμα/katalyma) heißt entweder „Gästezimmer“ oder „Herberge“ – im Original eher ersteres. Ob dieses Gästezimmer neben oder über dem eigentlichen Wohnbereich lag, mag unterschiedlich gewesen sein (das griechische Wort weist eher auf eine vertikale Ausrichtung). In jedem Fall wohnten die Hausbewohner gemeinsam mit den Tieren im Hauptraum des Hauses – von einem Stall ist bei Lukas nicht die Rede. Dort ist Jesus dann auch zur Welt gekommen.
Eine andere – für mich unwahrscheinlichere – Möglichkeit ist die Säulenhalle einer Karawanserei.

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Beitragsbild by Friedrich Perlberg, 1848-1921 – private collection of Wolfgang Sauber (Xenophon), Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5110063

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