Gemeinschaft total

Konsequent konservativ – 8. Teil der USA-Reihe

In New Jerusalem hatten wir zum ersten Mal von ihnen gehört: Den Bruderhöfern. Eine christliche Gemeinschaft, ähnlich wie die Hutterer, aber erst 1920 in Deutschland gegründet. Durch Verfolgung im 3. Reich wanderten sie über Paraguay nach Nordamerika aus und gründeten dort einige „Bruderhöfe“. Wir wurden neugierig.

Nach unserem Besuch im Kloster hatten wir noch eine Woche Zeit. Der nächste Bruderhof war Woodcrest in Rifton, nördlich von New York City. Und auch dort wurden wir herzlich aufgenommen.

Bruderhof MannBruderhof FrauWir fühlten uns in der Zeit ein paar Jahrzehnte zurück versetzt. Die Frauen mit Kopftuch und Kleid, die Männer mit Hosenträgern und Karohemd. Einige von ihnen sprachen auch noch einen deutschen Dialekt, der dem hessischen ähnelte. Wir könnten so lange bleiben wie wir wollten, erzählte man uns, doch ab dem 2. Tag würde man von uns erwarten, in den Werkstätten mitzuarbeiten. Wir ließen uns gerne darauf ein.

„Sie hatten alles gemeinsam“, heißt es von den ersten Christinnen und Christen in der Bibel (Apostelgeschichte 4, 32). Und auch wenn die Familie einen hohen Stellenwert bei den Bruderhöfern hat, es bedeutete für sie auch: Sie hatten nicht nur, sie machten auch – wenn schon nicht alles, so doch – vieles gemeinsam.

USA 9-23Die Hauptmahlzeit wurde im Gemeinschaftshaus, dem „Rhönhaus“, eingenommen. Abends gab es dann ein gemeinsames Barbecue, an dem so gut wie alle teilnahmen. Für uns war es super. Es gab immer jemanden, der sich um uns kümmerte; wir waren sofort integriert. Alle begegneten uns ausgesprochen freundlich. Wir konnten Fragen stellen, und wir wurden offen über alle möglichen Aspekte informiert.

USA 8-42Den Bruderhöfern war die Erziehung besonders wichtig. Die Kinder kamen so bald wie möglich in den Kindergarten und wurden dort gemeinsam betreut – Tag und Nacht. Das war für uns schon sehr außergewöhnlich. Aber keine Frage: Die Kinder genossen eine intensive und sehr liebevolle Betreuung. Und die Ausstattung war bestechend. Wir haben uns USA 9-04selbst gerne in die Lesekisten gesetzt, auch wenn wir eigentlich aus ihnen schon herausgewachsen waren. Und auf dem Spielplatz  gab es ausschließlich Holzgeräte, natürlich in den eigenen Werkstätten hergestellt. Viele Ideen, die wir damals in Woodcrest kennenlernten, wurden in unseren Kitas in Deutschland erst Jahre und Jahrzehnte später umgesetzt.

Zu den zentralen Anliegen der Bruderhöfer gehörte die konsequente Gewaltfreiheit. SieUSA 9-10 lehnen den Militärdienst ab – ein wesentlicher Grund, weswegen sie in den Dreißigerjahren aus Deutschland vertrieben worden waren. Natürlich waren sie deshalb auch gegen den Vietnamkrieg gewesen – und dieses Anliegen verband sie wiederum mit New Jerusalem und den Sojourners. Doch während diese bewusst den Kontakt zur „Welt“ suchten, ging es den Bruderhöfern um die Gestaltung einer „Gegenwelt“, die konsequent den Grundsätzen des Neuen Testaments verpflichtet war.

Und so spielte sich ihr Leben auch vor allem innerhalb des „Hofes“ ab; Kontakte nach außen gab es zwar, waren aber relativ übersichtlich. Hauptsächlich ging es dann um USA 9-20geschäftliche Beziehungen. Woodcrest stellte Holzspielzeug und Rehageräte für behinderte Menschen her. Und nicht alles, was zum täglichen Leben benötigt wurde, haben sie selbst hergestellt.

Allerdings gehen Jugendliche auch außerhalb zur Schule, damit sie sich selbständig für die Gemeinschaft entscheiden können. Einige bleiben in der Welt. Viele kommen aber auch zurück, weil sie die Gemeinschaft schätzen. Und die Bruderhöfe wachsen, und das liegt vor allem am Kinderreichtum.

Wir verließen Woodcrest mit einem zwiespältigen Gefühl. Auf der einen Seite waren wir von der Freundlichkeit und Gastfreundschaft wirklich beeindruckt. Und wir teilten theologische und soziale Einstellungen. Der Grundsatz „Jeder gibt, was er kann und jeder kriegt, was er braucht“ ist bei den Bruderhöfern verwirklicht, ebenso wie das Prinzip der Gewaltfreiheit.

Andererseits wird das ganze Leben unglaublich kontrolliert. Abwechslung gibt es in einem eher engen Rahmen. Und diese Gemeinschaft führt dazu, dass es Menschen, die sie verlassen wollen, unglaublich schwer haben. Etliche Berichte klingen nach denen von Sektenaussteigern. Oder von Mönchen, die ihr Kloster verlassen.

Aber es war eine faszinierende Erfahrung. Wieder haben wir Menschen kennengelernt, die mit der christlichen Botschaft ernst machten. Es war unsere letzte Station auf einer Reise, die unglaublich viele Eindrücke hinterlassen hat, von denen ich in diesen Berichten nur einen Bruchteil weitergeben konnte.

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Eine gute Beschreibung der Bruderhöfe findet sich im Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen 9/2003 ab Seite 341. Hier werden auch die kritischen Seiten beschrieben.
Bilder © Johannes Jurkat und Erik Thiesen

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