Meditation und Widerstand

Im Garten von Gethsemani – 7. Teil der USA-Reise

Waren wir früher politischer als die Jugendlichen heute? Vielleicht. Die Verhältnisse waren aber auch andere, irgendwie klarer. Die eine Hälfte der Welt wurde beherrscht vom Kommunismus oder, wie auch gesagt wurde, „realem Sozialismus“. Wir hatten dazu ein zwiespältiges Verhältnis: Einerseits lehnten wir die Regime von Moskau bis Peking cardenal-solentiname.jpgbis nach Tirana ab, andererseits faszinierten uns die Gedanken von Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Eindeutiger war unsere Einstellung zu den – meist von den USA gestützten – Diktaturen, z.B. in Nicaragua, Chile, den Philippinen, Südafrika und  verschiedenen anderen afrikanischen Staaten. Martin Luther King, Desmond Tutu und Ernesto Cardenal, der Priester aus Nicaragua, waren unsere Vorbilder. USA 7-32

Diese Namen begegneten uns auch immer wieder auf unserer Reise in die USA. Jim Wallis und Richard Rohr hatten mit Cardenal gemeinsam, dass sie alle sehr von einem Trappisten-Mönch aus Kentucky beeinflusst waren: Thomas Merton (1915-1968).

Schweigen und harte Arbeit sind die Kennzeichen dieses Ordens. Doch Merton hat nicht nur geschwiegen. Er engagierte sich auch politisch, gegen den Vietnam-Krieg, gegen Aufrüstung und Diktatur. Und er beschäftigte sich intensiv mit Buddhismus und Zen. Für ihn galt ebenfalls die Verbindung von „Kampf und Kontemplation“, die Frère Roger in Taizé zum Motto erhoben hatte.

Was lag näher, als dass wir ebenfalls das Kloster besuchten, in dem Merton und Cardenal gelebt hatten – Gethsemani in Bardstown, KY? Und wer bei Bardstown nun nicht an Kloster, sondern an die Whisky-Destille Maker´s Mark denkt – ja, auch die haben wir besucht.

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Mertons Klause

Vor allem aber war diese Zeit geprägt durch Reflexion, Spaziergänge in der Natur der Umgebung und Stundengebete. Mein Tagebuch verrät mir, dass ich damals auch innerlich in einer Zeit des Übergangs war. Das Projekt „Neu anfangen“ ging zu Ende, mit Ute fing es damals an, und die Zukunft lag im Ungewissen. Ich träumte damals von einem „Kloster in Nordelbien“, in dem die Seele zur Ruhe kommen könnte. Nütschau habe ich erst viel später entdeckt. Und wenn ich an meinen „Kloster“-Aufenthalt in Bingen denke, entdecke ich, wie viel sich in meinem Leben geklärt hat – und wie aktuell Thomas Merton schon damals war.

USA 7-24Im „Garten von Gethsemane“ entdeckten wir nicht nur die Klause, in der Merton viele Jahre gewohnt hatte, sondern auch zwei Skulpturen: Die schlafenden Jünger und Jesus, der die Augen nach oben richtet, aber bedeckt. Und das inmitten der Natur: Ein Specht klopfte, wir sahen ihn den Baum hinauf laufen. Wir sahen andere Vögel, Spinnen, Wespen, Ameisen, hörten sie zirpen, kreischen, klopfen, singen. Die Vielfalt des Gartens und mein Inneres passten wohl ganz gut zusammen.

USA 7-22Auf der Tafel für die Skulptur stand u.a.: „May we always remember that the church exists to lead men to Christ in many varied ways but it is always the same Christ.“ Mögen wir immer daran denken, dass die Kirche existiert, um Menschen zu Christus zu führen auf vielen verschiedenen Wegen. Aber es ist immer derselbe Christus.

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Im Buch „Meditation und Widerstand“ sind Texte Ernesto Cardenals gesammelt, der zwei Jahre bei Thomas Merton Novize war.
Bilder © Erik Thiesen:
Das Evangelium der Bauern von Solentiname – Bibelgespräche mit Cardenal und den Menschen von Solentiname
Thomas Merton
Mertons Klause
Der betende Jesus und die schlafenden Jünger

 

2 Gedanken zu “Meditation und Widerstand

  1. Leonhard schreibt:

    .. weil hier von Klöstern und Mönchen die Rede ist: haben Sie schon das Buch „Warum Mönche meditieren müssen?“ von Victoria Rationi gelesen? Ich finde ihre Sichtweise auch interessant – auch wenn sie religionskritisch ist (aber psychologisch fundiert, kommt mir vor) ..

    Alles Gute, Leonhard

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  2. gebrocheneslicht schreibt:

    Hallo Leonhard, Victoria Rationi kannte ich bisher noch nicht. Ich hab mich mal im Netz ein wenig schlau gemacht. Und was ich da gelesen habe, macht mich skeptisch: Sie geht davon aus, dass der Mensch nach Anerkennung (durch eigene Tätigkeit), (sexuelle) Beziehungen und Abwechslung (Neugier) strebt. Das sieht sie bei den Mönchen nicht und unterstellt ihnen deshalb psychische Defekte. Ich halte ihre Sichtweise für eher eingeschränkt. Sie wird den Mönchen, denen ich begegnet bin, in keiner Weise gerecht.
    Natürlich gibt es auch in Klöstern eine Reihe von psychischen Problemen und Problematiken. Aber die Auszüge aus dem Buch von Rationi waren für mich nicht sehr hilfreich.
    Aber vielleicht hast Du einen anderen Eindruck, weil Du das ganze Buch gelesen hast? Dann wäre ich sehr an Deiner Meinung interessiert.
    Viele Grüße
    Erik

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