Der wilde Mann

Zwei Jahre vor der USA-Reise hatte ich von Johannes ein Buch geschenkt bekommen: Rohr Bücher„Der wilde Mann“, geistliche Reden zur Männerbefreiung von einem amerikanischen Franziskaner namens Richard Rohr. Nachdem die Studentenjahre von einer intensiven Beschäftigung mit dem Feminismus geprägt waren, kam hier ein Anstoß, sich mit der Spiritualität von Männern zu beschäftigen. Damals war das fast revolutionär. Und Richard Rohr war einer der Pioniere. Kann sein, dass es ohne ihn das Männerpilgern oder „Mann kocht“ in unserer Gemeinde gar nicht geben würde. Zmindest sind viele Initiativen zur „Männerbefreiung“ oder, wie er es nennt, „Männerinitiation“ von ihm beeinflusst, z.B. die „Männerpfade“ in Deutschland oder „Mannsein.at“ in Österreich.

Richard RohrMit Richard Rohr hatte mich Johannes auch geködert, mit in die USA zu fliegen. Und ausgerechnet ihn sollten wir nicht treffen. Denn er hatte kurz vorher die Gemeinschaft verlassen, die er selbst gegründet hatte: New Jerusalem in Cincinnati. Deshalb hatten wir uns getrennt: Andreas flog mit seinem Freund nach Albuquerque zu Richard Rohr, Johannes und ich fuhren nach Ohio.

Die Gastfreundschaft, die wir dort erlebten, war wieder beeindruckend. Viele Menschen hatten Zeit für uns, wir wohnten in einer der Familien, und wir nahmen am Leben der Gemeinschaft teil. Und wir bekamen viel mit von den Fragen und Problemen dieser Gemeinschaft, die ihren Weg nach dem Weggang ihres Gründers und Leiters suchte.USA 5-21

Richard Rohr sammelte in den Siebzigerjahren 450 Menschen um sich, um tiefer in die spirituelle Erfahrung von Gottes Liebe einzudringen. Viele kamen aus schwierigen Elternhäusern. Es war ihnen wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen. Sie gründeten Familien, teilten ihr Einkommen, und engagierten sich in sozialen Projekten. Mit der Zeit wurde Richard Rohr in sozialer und politischer Hinsicht radikaler. Die einen folgten ihm, andere nicht; es kam zu Spannungen. Und zum schmerzhaften Bruch. Als wir in Cincinnati waren, baute Rohr gerade sein „Center for Action and Contemplation“ auf und engagierte sich in der Sanctuary-Bewegung, der Unterstützung illegaler Migranten.

Als wir dort waren, gehörten noch 270 Personen zur Community, heute sind es etwa 150. Viele Jugendliche konnten mit den Anliegen ihrer Eltern nicht so viel anfangen. Und außerdem wurde es zunehmend schwierig, eine gemeinsame Linie in sozialen und politischen Fragen zu finden. Diesen Prozess konnten wir damals intensiv miterleben.

So außergewöhnlich die Gemeinschaft – auch für amerikanische Verhältnisse – war, so normal waren die Familien. Bei meinen Gasteltern, den Carricos, gab es scrambled eggs with bacon und Cornflakes zum Frühstück, der Fernseher lief ungefähr den ganzen Tag, und ich erlebte zum ersten Mal die Faszination von American Football. Besonders war allerdings, wie wichtig für sie „love and peace“ waren – nicht auf dem Hintergrund der Hippie-Bewegung, sondern von den Quäkern inspiriert.

Und diese ziemlich bürgerlichen Familien setzten sich aktiv mit Hausbesetzungen auseinander, betreuten Menschen aus Mittelamerika in einer Art Kirchenasyl und betrieben ein Nachbarschaftshaus. Und immer trieb sie die Frage um: Wie können wir mit Ernst Christinnen und Christen sein? In Cincinnati arbeiten viele Menschen in der Rüstungsindustrie – einige New-Jerusalemer, die dort arbeiteten, entschieden sich für die Kündigung. Sie wurden darin von der Gemeinschaft getragen und unterstützt. Andere Mitglieder konnten das gar nicht nachvollziehen und verließen die Gemeinde.

Obwohl unser Besuch nun 30 Jahre her ist, habe ich den Eindruck, dass wir uns damals mit Fragen beschäftigt haben, die bis heute aktuell sind.

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Beitragsbild: Tugendreiche Frau zähmt Wildmann, Wandteppich Bassel, 1470/80. Von unknown, Basel – Book-scan: Zahm und wild, Basler und Straßburger Bildteppiche des 15. Jahrhunderts, ISBN 3-8053-1174-5, p185, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=431488
Bild 1: Drei Veröffentlichungen von Richard Rohr: Endlich Mann werden (2005), Der nackte Gott (1987) und Der wilde Mann (1986) © Erik Thiesen
Bild 2: Richard Rohr
Bild 3: New Jerusalem. Der damalige Leiter Ron Auer (re) mit Johannes vor dem Organigramm der „Circles“. Alle Mitglieder der Gemeinschaft treffen sich regelmäßig in diesen Hauskreisen. Gescanntes Dia © Erik Thiesen

 

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