Im Zentrum der Macht

Die Sojourners in Washington D.C. – USA ’88, 3. Teil

In den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts teilte sich die christliche Welt – zumindest in Deutschland – ziemlich sauber auf in fromm-konservativ und kritisch-links. Ich selbst hatte diesen Weg ja mitgemacht: Von einem Evangelikalen mit entsprechenden moralischen Ansichten zu Homosexualität und Ehe zu einem bibel- und kirchenkritischen Theologiestudenten mit solider sozialistischer Gesinnung.

USA 3-29In den Achtzigerjahren aber suchte ich nach einer Verbindung zwischen diesen beiden Leben. Und fand sie in den USA. Dort fand sich eine evangelikale Gruppe, die sich abhob von den ganzen Fernsehpredigern und Evolutionsleugnern: Die Sojourners – zu deutsch etwa: die Freunde, die Wegbegleiter. Jim Wallis hatte sie in den Siebzigerjahren in Illinois gegründet. Sie zogen dann nach Columbia Heights, einem heruntergekommenen Viertel in Washington D.C., um dort unter und mit Farbigen zu leben wie die ersten Christen: „Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.“ (Apostelgeschichte 2, 45) Auch ihretwegen war ich mit auf die Reise gegangen.

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Nat. Catholic Shrine

Wir trafen Jim Wallis in der Cafeteria des National Catholic Shrine. Und er enttäuschte mich nicht. Er war gerade von einem Besuch bei Jesse Jackson gekommen, damals einem Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. Und auch sonst war er offensichtlich auch international gut vernetzt, kannte viele Aktivisten der Apartheidsgegner in Südafrika, der Revolution auf den Philippinen und dem konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in Europa. Aber bei unserem Treffen gab er uns das Gefühl, wir seien gerade die wichtigsten Personen überhaupt.

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Mit Jim Wallis und Andreas Ebert

Er erzählte auch von den Anfängen in Columbia Heights. Wie die Sojourners versuchten, ihr Ideal der Besitzlosigkeit mit den Farbigen zu teilen und davon ausgingen, dass die doch ganz begeistert sein müssten, endlich Fernseher und Auto nutzen zu können. Das Gegenteil sei der Fall gewesen: Die Farbigen fühlten sich immer noch als Menschen zweiter Klasse, weil sie nichts hatten, was sie abgeben konnten. Der Wert einer Sache bemisst sich eben nicht immer nach der Nutzung, sondern oft auch nach seinem Besitz.

Zweieinhalb Stunden saßen wir zusammen, und Jim Wallis war konzentriert, ruhig und aufmerksam und nahm jeden von uns wahr. Ich hatte den Eindruck, dass man ihm unbedingt vertrauen konnte. Kein Wunder, dass er eine so große Wirkung hat – in den letzten Jahren ist er auch der Seelsorger von Hillary Clinton und Barack Obama geworden.

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Druckerei der Sojourners

Nach diesem Gespräch besuchten wir die Büros und die Druckerei der Sojourners und unterhielten uns mit einigen Mitarbeitenden. Dann flog Andreas mit seinem Freund nach Albuquerque, um Richard Rohr zu besuchen.

In den folgenden Tagen versuchten Johannes und ich, bei den Sojourners zu übernachten. Es wollte uns nicht gelingen. Nach einem Abstecher bei Johannes‘ Verwandten in Annapolis wandten wir uns an die Church of the Saviour, deren Adresse wir von den Sojourners bekommen hatten. Schon damals hatte ich den Eindruck, dass es ein Wink Gottes war, denn diese Gemeinde hat mich im Nachhinein noch stärker beeindruckt. Während ich die Sojourners für ihr effektives politisches Engagement bewunderte, erlebten wir dort eine lebendige Gemeinde – oder vielmehr mehrere Gemeinden – vor Ort.

 

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Bildnachweise:
Weißes Haus: Pixabay
National Catholic Shrine: Von AgnosticPreachersKid – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7446061
Jim Wallis & Co sowie Annapolis-Familie: © Johannes Jurkat.
Die Qualität der Bilder, besonders der Innenaufnahmen, hat offensichtlich durch das Digitalisieren der Dias sehr gelitten.

 

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