USA ’88 – Christliche Alternativen

„Möchtest du mitkommen in die USA?“, fragte Johannes mich, irgendwann im Lauf des Jahres 1987. „Nein“, antwortete ich, „was soll ich da?“ – „Kirchen kennenlernen“, meinte er. Aber auch das reizte mich nicht wirklich. Damals waren „die Staaten“ kein Sehnsuchtsland für mich. Vorbilder für die Kirche von morgen suchte ich eher in den Favelas von Rio, in denen sich Gemeinden sozial engagierten. Oder in Südafrika, wo der Kampf gegen die Apartheid gerade in seine entscheidende Phase ging. Die USA verband ich eher mit Fernsehpredigern und Evolutionsgegnern. Und das war – und ist – nicht meine Welt.

Dann aber brachte Johannes seinen Joker: „Ich fliege mit Andreas Ebert und Siegfried, einem weiteren Freund. Wir werden New Jerusalem besuchen und die Sojourners und andere Gemeinden.“ Das war ja etwas völlig anderes. Andreas hatte mit uns in Neuendettelsau studiert. Er hatte inzwischen in Nürnberg den „Lorenzer Laden“ und eine Basisgemeinde gegründet und darüber hinaus Bücher von Richard Rohr und anderen amerikanischen Autoren übersetzt. Das Besondere: Sie waren theologisch fromm und politisch links, eine in Deutschland damals eher unübliche Mischung.

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R. Rohr

Der Franziskaner Richard Rohr war und ist darüber hinaus einer der bekanntesten Vertreter der „Männerspiritualität“, und mit seinem Buch „Der wilde Mann“ auch für mich wichtig geworden. Seine Basisgemeinde „New rohr-bc3bccher.jpgJerusalem“ in Cincinnati/OH und die der „Sojourners“ in Washington/DC waren auch mir ein Begriff – und ich hatte jetzt die Gelegenheit, sie persönlich kennenzulernen.

Ich sagte zu. Basisgemeinden, verbunden mit gesellschaftlichem Engagement, das schien mir ein gutes Modell für eine Kirche der Zukunft zu sein. Das versprach eine spannende Reise – und ich sollte nicht enttäuscht werden.

Sie führte uns über New York nach Massachusetts zum Theologieprofessor Walter Wink. Danach trennten wir uns, denn Richard Rohr war inzwischen nach Albuquerque/NM gezogen, um dort in der Flüchtlingshilfe zu arbeiten. Andreas und Siegfried flogen deshalb nach New Mexico, Johannes und ich fuhren weiter nach Washingten/DC. Die Sojourners konnten uns zwar nicht aufnehmen, sie vermittelten uns aber weiter an die Gemeinde „Church of the Saviour“, die unter anderem eine Teestube, ein Hospital und ein „Recreation Center“ gegründet hatten. Sie machten uns auf die lutherische Kirche am Thomas Circle aufmerksam. Der dortige Pastor John Steinbruck widmete sich intensiv Obdachlosen und Prostituierten. Und von dort weiter nach Ohio. In Columbus hatte er ein paar Jahre zuvor in einer lutherischen Gemeinde gearbeitet, die wir auf dem Weg besuchen wollten. Danach besuchten wir „New Jerusalem“ in Cincinnati.

Weiter ging es nach Tennessee ins Trappistenkloster „Gethsemani“. Einer der bekanntesten Brüder war der inzwischen verstorbene Thomas Merton gewesen, der sich intensiv dem interreligiösen Dialog, besonders mit dem Buddhismus, gewidmet hatte. Dort trafen wir dann auch Andreas und Siegfried wieder.

Die Mönche gaben uns den Tipp, im Staat New York auf dem „Bruderhof“ vorbeizuschauen, einer Gemeinschaft, die wie die Hutterer aus Deutschland gekommen waren und nun versuchten, möglichst genau nach dem Vorbild der ersten Christen zu leben. Und da wir noch etwas Zeit bis zum Rückflug hatten, gingen wir gerne darauf ein.

Wir kamen mit vielen Erfahrungen und Eindrücken zurück nach Deutschland, in eine so ganz andere Realität. Kurz darauf ging es dann für Johannes und mich in eine ganz normale volkskirchliche Gemeinde, und die Anregungen aus Amerika traten in den Hintergrund. Für mein Bild von Kirche aber blieben sie wichtig. Deshalb möchte ich davon erzählen. In einer eigenen kleinen Reihe: USA ’88.

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