Ex oriente lux

Heiden! Als ich in den Siebzigerjahren in Neuendettelsau und Heidelberg studierte, war man dort der festen Überzeugung: In der norddeutschen Tiefebene, spätestens aber jenseits der Elbe leben nur noch Heiden. Dort traten die Pastoren auf Anti-AKW-Demos im Talar auf (Brokdorf), machten sich über Martin Luther lustig (Lutherschwank), vertraten die Irrlehre der feministischen Theologie und trauten gar Lesben. Kein Wunder, dass dort – verglichen mit den stabilen Verhältnissen im Süden – kaum noch jemand der Kirche angehörte.

Schon längst sind die süddeutschen Landeskirchen sowohl in ihrer Theologie als auch in der Kirchenmitgliedschaft dort angekommen, wo Nordelbien vor 40 Jahren war. Schon längst schaut man aber auch nicht mehr vom Süden in den Norden. In den Neunzigerjahren wurde diese Blickrichtung von Ost nach West abgelöst. Nach der Wende sollte in der ehemaligen DDR alles so schön werden wie in der BRD: so viel Geld, so viele Mitglieder, so stabile Strukturen. Vom Westen lernen heißt siegen lernen, hieß es ja nicht nur in der Kirche.

Doch inzwischen ist genau dieser Westen dort angekommen oder bewegt sich wenigstens unaufhaltsam darauf zu, wo der Osten schon längst war. Und deshalb könnte es Zeit sein, die Blickrichtung abermals zu ändern – von Ost-West auf West-Ost.

Nicht dass es im Westen keine innovativen Ideen gäbe. Aber im Osten sind sie dabei, an den Strukturen zu feilen. In der EKMD zum Beispiel, der Evangelischen Kirche von Mitteldeutschland. Seit einigen Jahren unterstützt sie so genannte Erprobungsräume.

Alternative Gottesdienstformen, diakonische Stadtteilprojekte, christliche Wohngemeinschaften, Onlinekirche – das alles gibt es auch in anderen Landeskirchen. Neu ist: Solche Formen werden von der Landeskirche gezielt gefördert und bekommen, wo möglich, eine rechtliche Struktur. Sieben Kriterien müssen diese Erprobungsräume erfüllen. Bisher Unerreichte sollen erreicht werden, freiwillig Mitarbeitende Verantwortung übernehmen, alternative Finanzquellen erschlossen. Und Spiritualität nimmt einen zentralen Raum ein.

Warum nicht von der mitteldeutschen Kirche lernen? Noch haben wir hier in Hamburg keine ostdeutschen Verhältnisse. Aber wir werden sie bekommen. Wie wäre es mal, wenn die Zukunft kommt – und die Kirche ist schon da?

 

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