Das Tibargfest

Der Pastor huscht mit einem fünfstelligen Betrag – Geld, das nicht ihm gehört – in einer Einkaufstüte über den Tibarg, der Wehrführer zieht gemeinsam mit dem Schulleiter die Strippen und unterhält die besten Beziehungen zur örtlichen Polizei, der Sohn des Wehrführers vergibt die besten Stände nach eigenem Ermessen, die Feuerwehr selbst ist für den Aufbau zuständig und ungefähr alle namhaften Geschäftsleute der Umgebung stecken mit ihren Spenden drin – hört sich das nicht irgendwie nach Sizilien und ehrenwerter Gesellschaft an?

Nun, das waren wir. Und ehrenwert waren wir tatsächlich. Denn es waren die Neunzigerjahre, und wir organisierten das Tibargfest – das damals „Niendorfer Markt“ genannt wurde. Denn wir wussten uns in einer Tradition, die schon im 18. Jahrhundert mit dem Niendorfer Jahrmarkt angefangen hatte.

Damals bestand das Organisationskomitee aus engagierten Niendorfer Bürgerinnen und Bürgern. Moderiert wurde es von Kurt Behrens, dem ehemaligen Leiter der Schule Burgunderweg. Manchmal wurde plattdeutsch gesprochen, und es war wie auf dem Dorf. Zu unserem Kreis gehörten Vertreterinnen und Vertreter von Vereinen und Verbänden wie der „Werbegemeinschaft Tibarg“, dem ASB, der Kirche, den Schulen und natürlich der Freiwilligen Feuerwehr, die die Hauptlast beim Aufbau trug.

Es war ein Fest „von Niendorfern für Niendorfer“. Alle waren ehrenamtlich dabei, und die Organisation kostete unendlich viel Arbeit: Die Musiker mussten engagiert werden, die Schausteller ihren Platz bekommen. Das Motto wurde bestimmt, der Kontakt zur Presse und der Polizei gepflegt. Die Plätze für die Flohmarktstände wurden vergeben, und alle Einnahmen und Ausgaben mussten auf den Pfennig abgerechnet werden.

Auch die Kirche hatte ihren Stand – einen kleinen achteckigen Pavillon, in dem wir Tibargfest Presse.jpgantiquarische Bücher verkauften und uns für Gespräche zur Verfügung stellten. Später stellte uns Propst Melzer seine „Original-“ Gutenberg-Druckerpresse zur Verfügung, ein echtes Highlight. Und ein paar Mal feierten wir auf dem Fest auch einen Open-Air-Gottesdienst.

Es gab allerdings auch einige in der Gemeinde, die sich mit dem Fest nicht so recht anfreunden konnten. Warum auf dem Tibarg Gottesdienst, wenn wir eine so schöne Kirche haben? Und überhaupt, passt eine Vergnügungsmeile zu uns? Ich fand es aber wichtig, dass sich die Gemeinde dort zeigt, wo die Menschen sind.

So anstrengend es war – regelmäßig erklärte ich nach dem Fest: Nie wieder! – es machte doch auch Spaß. Und es gab ja auch auch immer Ehrenamtliche und Kollegen, die sich mit an den Stand stellten. Frau Becker gehörte dazu und Frau Bukowski, und viele andere haben uns im Lauf der Jahre unterstützt.

Mit der Zeit veränderte sich nicht nur die Zusammensetzung im Vorbereitungskreis. Heute wird der „Niendorfer Markt“ ganz offiziell „Tibargfest“ genannt, von der Tibargfest06Quartiersmanagerin organisiert und einer Eventagentur ausgerichtet. Die Kirche baut ihr großes Zelt in der Mitte des Tibargs auf, und ein Team von Ehrenamtlichen kümmert sich um das Kirchencafé und andere Aktivitäten.

Es ist alles genauso schön wie damals, auch wenn es professioneller geworden ist. Und doch, wenn ich die Bilder von damals betrachte, werde ich ein wenig melancholisch. Damals war Niendorf noch ein klein wenig mehr Dorf als heute.

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Fotos (c) Erik Thiesen

2 Gedanken zu “Das Tibargfest

  1. Ralf Liedtke schreibt:

    Je länger ich diese, Deine, biographischen Einschübe verfolge, wächst mein persönliches Interesse, Es sind wirklich gelungene Streiflichter und sie fokussieren sich auf ganz spezielle „Zeitzustände“, die aus einem ganz persönlichen Rahmen geprägt und geschildert sind.

    Aber genau das macht diese so wertvoll, Mir hilft es immens, die Herausforderungen wie auch Widersprüchlichkeiten der Zeit zu verstehen. Danke und mach weiter so!

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  2. Ingelor Schmidt schreibt:

    Hab Tränen gelacht: Du und der Briefumschlag…! Und die „Strippenzieher“….! Ja, es war wirklich etwas dörflicher. Dafür haben wir heute Events, an die damals kein Mensch hätte denken können und es kommen nicht nur „die“ Niendorfer, sondern Leute aus allen möglichen Stadtteilen. Weil sie hier immer noch ein bisschen anders feiern können als in der angesagten Szene oder den Riesenpartys in der City und Hafen usw. Aber ich vermisse auch ein bisschen die Macher von damals, von denen sich schon einige für immer verabschiedet haben…Freue mich schon auf Deine nächsten Erinnerungen!

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