Das „Eigentliche“

Die Verwaltung der Gemeinde hat mich damals ganz schön in Atem gehalten. Und sie hätte gut und gerne auch ein Fulltime-Job sein können. Aber da waren ja auch noch die anderen Aufgaben – eigentlich die „eigentliche“ Arbeit im Pfarramt: Seelsorge und Konfirmandenunterricht, Gottesdienste aller Art, incl. der sogenannten „Kasualien“: Taufe, Trauung und Beerdigung. Und die Seniorenarbeit. Und der Kindergarten. Nicht zu vergessen Hauskreise und Diskussionsveranstaltungen wie „Forum Kirche“. Pastorenkonvente und ökumenische Treffen.

Manchmal war es schwer, zwischen Pflicht und Kür zu unterscheiden. Aber hätte ich „nur meine Pflicht getan“ – ich hätte wahrscheinlich schnell den Spaß am Beruf verloren. Und so wusste Ute: Wenn ich ein Tauf-, Trau- oder Beerdigungsgespräch verabredet hatte, konnte sie den Abend frei gestalten. Unter zwei, drei Stunden kam ich bestimmt nicht nach Hause. Aber genau das wollte ich: Mit den Menschen, die sonst eher sparsam den Weg zur Kirche fanden, Kontakt knüpfen und einen gemeinsamen Weg gehen, auch wenn er nur kurz war. Wenn „alles wirkliche Leben Begegnung“ ist, dann gilt das auch für wirkliche Gemeindearbeit. Und gerade über die „Kasualgespräche“ ergaben sich viele Begegnungen. Unser Taufengel lockte auch Familien aus anderen Gemeinden. Die Kirche am Markt konnte zwar nicht ganz mit den „Hochzeitskirchen“ wie Eppendorf oder Nienstedten konkurrieren – aber fast. Und wir hielten auch so manche Beerdigung von Menschen, die von weiter her kamen.

Und dann war ja auch noch der „Warmbadetag„; auch wenn mein Kollege seinen Schwerpunkt bei den Senioren hatte, wollte ich doch nicht auf sie verzichten und gestaltete bei ihnen regelmäßig einen Nachmittag.

Meine Zuständigkeit lag allerdings eher bei der Kita. Und mit den Kindern machte es richtig Spaß.  Im Laufe der Jahre wurde die Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen auch immer intensiver, bis wir schließlich die Andachten und Gottesdienste auch inhaltlich gemeinsam vorbereiteten. Wir machten es uns dabei nicht unbedingt leicht, sondern suchten die theologische Aussage eines Bibeltextes mit der Lebenswirklichkeit der Kinder zusammenzubringen – oder umgekehrt Themen der Kinder auf den Glauben zu beziehen.

Nahe an den Themen der Menschen – das gelang uns auch immer wieder mit der Diskussionsreihe für Erwachsene „Forum Kirche“. Als Scientology durch die Presse ging, holten wir einen Mitarbeiter von Ursula Caberta als Experten und hatten ein volles Haus. Ähnlich ging es uns, als wir den damaligen Bestseller „Verschlusssache Jesus“ zum Thema machten. Dazu hatten wir den Experten Prof. Hunzinger eingeladen. Oder wir hatten den jetzigen Michel-Pastor Alexander Röder zum Thema „Gotische Kathedralen“ als Gastreferenten.

Natürlich gab es auch eine Reihe von mittelmäßigeren Abenden, an die ich mich nicht mehr so erinnere. Erfolgreich waren sie vor allem dann, wenn sie aktuell waren. Das bedeutete, dass zwischen Planung und Durchführung der Veranstaltung nicht allzu viel Zeit liegen durfte. Wenn es gelang, konnten sie zeigen: Kirche ist auf der Höhe der Zeit und hat Wichtiges zum öffentlichen Diskurs beizutragen.

Ja, es gab auch damals viele Situationen, in denen ich aufgeblüht bin. Es gab allerdings auch Zeiten, in denen es schlicht zu viel wurde. Das galt besonders für das Jahr 1996, als ich wegen eines doppelten Pfarrstellenwechsels zeitweise der einzige Pastor am Markt war. An diese Zeit erinnere ich mich äußerst ungern.

Aber auch in den anderen Jahren gab es genug zu tun. Ich wollte ja nicht nur der Verantwortung der Gemeinde gegenüber gerecht werden. Auch für die Familie hätte ich gerne genug Zeit gehabt, für Ute und unsere drei Kinder.

Wir waren uns immer einig gewesen, dass Ute ihren Beruf weiter ausübt und nicht, wie es früher einmal war, zur – unbezahlten – Arbeitskraft in der Gemeinde wurde. Und so stockte sie ihre Stunden in der Bibliothek peu à peu auf, und wir vereinbarten im Familienrat, dass wir die Hausarbeit gerecht aufteilen würden.

Das klappte manchmal besser, manchmal nicht so gut. Und so mussten wir immer wieder nachjustieren. Ich habe aber insgesamt den Eindruck, dass wir ein gutes Team waren und uns bei unseren Aufgaben gegenseitig sehr unterstützt haben.

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