Gemeinde-Manager

Fragt man uns Geistliche, was uns am Beruf am meisten nervt, landet „die Verwaltung“ meistens auf den ganz vorderen Plätzen. Doch der Vorschlag, die Verantwortung für Personal, Finanzen und Bau oder auch nur Teile davon dem Kirchenkreis zu überlassen, stößt normalerweise auf taube Ohren: Man hätte dann ja keine Kontrolle über die Finanzen mehr und der Kirchenkreis ist ja viel zu weit weg von den Problemen vor Ort und überhaupt.

Dabei zeigt die dänische Kirche, dass das geht. Aber dort gibt es ja auch eine Pastorengewerkschaft und Arbeitszeiten von 38 Stunden pro Woche. Undenkbar für Deutschland.

Und so kam es, dass ich selbst 10 Jahre das Amt des Kirchenvorstandsvorsitzenden der Kirchengemeinde Niendorf-Markt KV1innehatte. Und ich merkte im Lauf der Zeit immer deutlicher, warum dieses Amt sonst niemand haben wollte.

In den Neunzigerjahren gingen die Einnahmen – bisher zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte der Kirchensteuer – deutlich zurück. Gleichzeitig beschloss die Gemeinde ein umfangreiches Bauprogramm, unter anderem 30 Wohnungen auf einem kircheneigenen Grundstück. Wer den Dreiteiler „Einmal im Leben“ seinerzeit im Fernsehen gesehen hat, bekommt eine Ahnung von den Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten des Baugewerbes. Dazu kam die Tendenz einiger Kirchenvorsteher, wichtige Angelegenheiten nicht in der Sitzung, sondern im kleinen Kreis zu besprechen „Sie wissen doch, Herr Thiesen, die wichtigsten Gespräche finden auf dem Parkplatz statt“, sagte eine Kirchenvorsteherin wörtlich. Anderswo nennt man das Hinterzimmerpolitik.

Und kompliziert waren die Verhältnisse auch auf dem kircheneigenen Friedhof.

KV4Genug Herausforderungen also für jemanden, der das nicht gelernt hat und diesen Bereich auch nicht zu seinen Kernkompetenzen zählt. Viel Zeit habe ich auf die Finanzplanung verwendet, und die zeigte: Wir mussten schwierige Entscheidungen fällen, haben Personal entlassen und die Jugendarbeit auf den Konfirmandenunterricht reduziert.

Dafür konnten wir die Qualität in der Kirchenmusik und der Seniorenarbeit halten und ausbauen. Und wir gehörten trotzdem zu den wenigen Gemeinden, die finanziell solide dastanden.

Insgesamt war es für mich eine sehr anstrengende Zeit. Es gab einige Situationen, in denen ich meine persönlichen Grenzen spürte. Dazu kam mein Gefühl, dass die Unterstützung durch den Kirchenvorstand selbst eher überschaubar blieb. Er verstand sich vor allem als Leitungs- und Kontrollorgan.

Wie es anders gehen kann, habe ich dann später im Kirchengemeinderat – wie der Kirchenvorstand dann hieß – der fusionierten Gemeinde erlebt. Unvergessen die Aussage einer Kirchenvorsteherin während einer Personaldiskussion: „Aber wir sind doch dazu da, die Mitarbeitenden zu unterstützen!“

So stelle ich mir Kirche vor. Und so kann sie auch sein, nicht nur in Niendorf.

2 Gedanken zu “Gemeinde-Manager

  1. Nina Schrader schreibt:

    Lieber Erik, bei Situation 1- auf den Parkplatz, kann ich mir nur zu gut vorstellen mit wem Du dieses Gespräch hattest- und bei Situation 2 war ich live dabei….
    ich glaube ich werde alt- und freue mich das in dieser Gemeinde zu werden….

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  2. Ralf Liedtke schreibt:

    Deine Erfahrungen spiegeln das berühmte „Einerseits und Andererseits“ oder auch die zwei Seiten einer Medaille. Da geht viel Zeit für das eigentliche „Handwerk“, die Profession verloren. Doch das Fundament dafür zu erleben und aktiv mitzugestalten ist auch spannend und bringt neue Erfahrungen. Und wenn sich dann schließlich noch alles gut auflöst …

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