Examenszeit

Als nordelbischer Theologiestudent hatte ich zwei Möglichkeiten, Examen zu machen: in Hamburg oder Kiel. Für Kiel sprach die Möglichkeit, einen Segelschein zu machen. Für Hamburg alles andere.

In Hamburg machte ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit einem NC (für Theologie!) und konnte ihn gerade so umschiffen. Mit der Unterkunft hatte ich mehr Glück: Thomas wohnte in der Ulmenstraße im Haus seiner Großeltern, die gerade zu dem Zeitpunkt in ein Altenstift zogen. Es war ein kleines Bleicherhaus von 1870, hinten ein Garten, im Hof eine Autowerkstatt und vorne laut. Außerdem direkt am Stadtpark. Bis auf die Lautstärke habe ich es genossen.

Zum Examen gehörte eine große Hausarbeit, in der man vernünftigerweise einen Gegenstand erarbeitet, in dem man sich auskennt. Ich entschied mich für „Die Berichterstattung der Missionare der Breklumer Mission von den Anfängen [1870] bis zum Ersten Weltkrieg“. Dieses Thema erfüllte meine drei persönlichen Kriterien:
1. hatte ich im Bereich Missionswissenschaften noch nie gearbeitet. Und ich wollte meine Lebenszeit nicht mit etwas verschwenden, das ich schon kannte. Hinzu kam: An der „Berichterstattung…“ hatte noch kein anderer geforscht. Es war echtes Neuland, meine Neugier war geweckt.
2. Dieses Thema hatte mit Nordelbien zu tun. Da ich vorher ausnahmslos woanders studiert hatte, war meine Heimatkirche bis dahin zu kurz gekommen.
3. Dieses Thema hatte mit meiner Vergangenheit zu tun: Meine Mutter kam aus der Christian JensenBreklumer Gemeinde, meine Großmutter hatte die „Missionsnähkreise“ im Dorf organisiert, ich selbst hatte in der Schulzeit dort etliche Bibelwochenenden und eine Israel-Reise mitgemacht. Schon Christian Jensen, der Gründer der Breklumer Mission, hatte die Brücke zwischen lutherischer Landeskirche und der „Gemeinschaftsbewegung“ geschlagen. Diese Tradition hatte Pastor Hansjörg Bräumer in den Siebzigerjahren fortgeführt.

Durch die Arbeit habe ich einen großen Respekt vor der Leistung der damaligen Missionare – später auch Missionarinnen – bekommen. Unter abenteuerlichen Bedingungen bauten sie im Osten Indiens eine Kirche auf. Sie waren tief in der pietistischen Frömmigkeit verwurzelt. Ihr Ziel war es immer, Seelen zu retten. Sie widmeten sich aber mindestens ebenso der sozialen Arbeit. Sie bauten Schulen und Fabriken, versorgten Kranke – Paul Schulze zum Beispiel, der im Altonaer Krankenhaus eine medizinische Kurzausbildung erhalten hatte, führte dann in Indien bis zu 30 OPs täglich durch -, sie gründeten ein Versicherungswesen und stärkten die Stellung der Frau.

Die Kirchenmitglieder waren dann auch vor allem Adivasis und Dalits, Ureinwohner, die vom indischen Kastenwesen ausgeschlossen waren. Und der Missionserfolg beruhte sicher nicht nur auf der Predigt des Evangeliums, sondern ebenso sehr auf der sozialen Unterstützung.

Dem Kolonialismus standen die Missionare äußerst kritisch gegenüber, auch wenn sie von der Überlegenheit der westlichen Kultur überzeugt waren.

Auch wenn mir einige Überzeugungen der Missionare fremd waren oder geworden waren – ich hatte das Gefühl, dass ich eine persönliche Beziehung zu ihnen aufgebaut hatte. Viele ihrer Briefe hatte ich im Original gelesen – oder vielmehr ihre Sütterlinschrift entziffert, bis mir meine Mutter etliche von ihnen auf Cassette sprach. Es begegneten mir Menschen, die für ihre Überzeugung einstanden, ja brannten, und dabei die Nöte der Menschen nie aus den Augen verloren.

Ich hatte mich in meiner Arbeit zu sehr ins Quellenstudium vertieft, als dass ich dann noch missionstheologisch allzu tief schürfen konnte. Aber ich habe es nicht anders gewollt, und auch im Nachhinein war es für mich die richtige Entscheidung.

Nach der Hausarbeit ging es dann an die Examensvorbereitung. Und auch wenn diese Zeit nicht zur aufregendsten in meinem Leben gehört – ich habe doch noch einmal einen guten Überblick über die Theologie gewonnen und einzelne Themen vertiefen können – Amos im Alten Testament, der johanneische Kreis im Neuen, Dietrich Bonhoeffer in der Systematik.

Bischofsherberge.JPGIn besonders schöner Erinnerung sind mir die beiden Wochen geblieben, die wir mit der Examensgruppe im Schatten des Ratzeburger Doms verbrachten. Im Torhaus, der alten Bischofsherberge, hatte die Ansverusbruderschaft eine kleine Wohnung gekauft, die Cella St. Ansver. Christel meinte, dass der Dom wie eine Glucke wirke, die ihre Küken beschützt. Wir bekamen sogar einen Schlüssel für diese „Glucke“, und der volle Klang des abendlichen Dona nobis pacem ist mir immer noch im Ohr.

Das Examen selbst brachte mir alle Erfahrungen ein, die man so haben kann: Wie man sich fast selbst ins Abseits redet und gerade noch die Kurve bekommt (AT), wie man sich in einen Flow redet (Systematik), und wie man völlig aneinander vorbeireden kann (Praktische Theologie). Unterm Strich aber war ich zufrieden.

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Das 1. Bild stammt von einem Plakat, das ich 2011 in Breklum abfotografiert habe. Es zeigt Christian Jensen, den Gründer der Breklumer Mission. Und er wird zitiert mit dem Satz: „Unsere Zeit ist zu ernst, um über Kleinigkeiten zu nörgeln und zu streiten. Leute, die in der Gegenwart leben und für Jesum arbeiten, müssen einen weiten Horizont haben.“ Wie wahr.

Das 2. Bild im Text zeigt die alte Bischofsherberge nach dem Umbau. Die Cella befand sich im rechten, von der Hecke hier verdeckten Gebäude. Nachweis: Von Concord – Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34984590

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