Miteinander reden

Das Gespräch mit der AfD geht weiter – ein Vorwort

Blinde und Elefant.jpgFünf weise Männer, alle blind, bekommen den Auftrag, einen Elefanten zu beschreiben. Der erste sagt: „Ein Elefant ist wie ein langer Arm“ – er hatte nur den Rüssel berührt. Der zweite steht an den Füßen und meint: „Nein, er ist wie eine Tonne.“ Der dritte betastet ein Ohr und sagt: „Nein, wie ein Fächer.“ Der am Schwanz entgegnet: „Keineswegs, ein Elefant ist wie ein großer Pinsel.“ Und der fünfte berührt den Rumpf und sagt: „Wie eine Tonne mit Borsten.“

Wir sind wie die Weisen und sehen alle nur einen Teil der Wirklichkeit – Buddha selbst soll dieses Gleichnis erzählt haben. Ich glaube aber, dass es nicht stimmt.

Denn es geht davon aus, dass es nur eine Wirklichkeit gibt. Und wenn wir nur alle Informationen zusammentragen, dann werden wir sie erkennen. Ich aber glaube, dass die Weisen gar nicht alle den Elefanten berührt haben, sondern der erste einen dicken Schlauch, der zweite einen Baum, der dritte ein großes Tuch, der vierte einen Staubwedel, und nur der fünfte hat den Elefanten berührt. Sie haben verschiedene „Wirklichkeiten“ untersucht.

Vor einiger Zeit habe ich auf diesem Blog mit einer evangelikalen Christin diskutiert. Irgendwann haben wir das Gespräch im gegenseitigen Einvernehmen beendet, ohne wirklich zueinander gekommen zu sein. Wir haben in zwei verschiedenen Wirklichkeiten geredet.

Was völlig normal ist, wenn man den Soziologen Peter L. Berger und Thomas Luckmann glaubt. Sie sind davon überzeugt, dass wir uns unsere Wirklichkeit konstruieren. Sie beschreiben Wirklichkeit – und nun wird es etwas theoretisch – „als Qualität von Phänomenen, die ungeachtet unseres Wollens vorhanden sind – wir können sie ver- aber nicht wegwünschen. ‚Wissen‘ definieren wir als die Gewißheit, daß Phänomene wirklich sind und bestimmbare Eigenschaften haben.“ (Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, S. 1) Wenn man den Alltag beobachtet, zeigt sich aber, dass in verschiedenen Gesellschaften verschiedene Wirklichkeiten gelten, die durch verschiedene Vorgänge erzeugt werden. (Wikipedia) Wie wir Menschen das machen, kann man hier ganz gut nachlesen.

Ein kleiner Rückblick in die Geschichte: Die Reformation wird kirchlicherseits gerne als Ursprung der Toleranz gesehen. Das ist nicht ganz falsch. Aber nicht deswegen, weil die Reformatoren tolerant waren. Ganz im Gegenteil. Durch ihre Intoleranz haben sie das einheitlich-katholische Weltbild des Mittelalters zerstört. Plötzlich gab es auf engem Raum zwei und mehr „Wahrheiten“ – die katholische und evangelischerseits gleich eine ganze Reihe. Im Augsburger Religionsfrieden 1588 – „cuius regio, eius religio“, der Herrscher bestimmt die Konfession seiner Untertanen – wurde diese Vielfalt erstmals akzeptiert. Noch in meiner Jugend gab es auf dem Land praktisch keine Katholiken – mit dem einen Mädchen in der Klasse kamen wir klar. Als ich in Franken studierte und von den handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen protestantischen und katholischen Schülern eines Bamberger Gymnasiums hörte, dachte ich: Das ist Mittelalter. Es war wohl eher der 30-jährige Krieg… Heute leben wir eng zusammen mit verschiedenen Glaubensrichtungen und Weltanschauungen, manche kompatibel, andere nicht so.

Und immer wieder machen wir den Versuch, eine dieser „Wirklichkeiten“ zur dominierenden zu erklären. Im Iran klappt das mit dem Islam noch ganz gut. Die Franzosen bekommen mit ihrem Laizismus schon Probleme mit Katholiken und Moslems. In Deutschland hat sich der Staat entschieden, sich aus weltanschaulichen Fragen herauszuhalten und mit allen Gruppen zusammen zu arbeiten, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Was, wie ich finde, die bei weitem beste Methode ist. Aber auch die bei weitem komplizierteste.

Deshalb diskutieren wir in Abständen immer wieder einmal über Leitkulturen, Verdrängung der Religionen ins Private und der Frage, ob und wie der Islam zu Deutschland gehört.

Und damit sind wir bei der AfD. Darüber mehr im nächsten Blog.

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Beitragsbild: By Skydeas – Own work, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30881279
Bild im Text: By Illustrator unknown – From The Heath readers by grades, D.C. Heath and Company (Boston), p. 69., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4581263

 

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