Die letzte ihrer Art

Es brauchte nicht viel, um ein Wohnheim-oder WG-Zimmer für mich wohnlich zu machen. Eigentlich nur ein Gerät. Eine Kaffeemaschine.

Eine Kaffeemaschine ist ein Nutzgerät, deshalb baut man zu ihr in der Regel keine persönliche Beziehung auf. Etwas anders liegt der Fall bei der Kaffeetasse. Sie ist oft etwas Persönliches. Hat man seine Tasse gefunden, gibt man sie nicht so schnell wieder her.

Gut, fast alle Beziehungen zu Kaffeetassen zerbrechen irgendwann. Das liegt meistens und buchstäblich an den Tassen. Meine hat gehalten. Über 40 Jahre.

Sie war ein Geschenk meiner Mutter. Mein Vater schenkte mir später das Theologische 20171109_153458Wörterbuch zum Neuen Testament. So unterschiedlich können Schwerpunkte gesetzt werden.

Die Tasse hatte damals noch fünf Schwestern. Ich machte zwischen ihnen keinen Unterschied. Nur die Teekanne führte immer ein Schattendasein. Später versuchte ich mal eine Zeit lang auf Tee umzusteigen, wie das so war in den Siebzigerjahren. Es blieb eine Episode.

Der Kaffee setzte sich immer wieder durch. Und zwar der ganz einfache, schnöde Filterkaffee. Keine Pads, kein Bodum, kein Selbstgemahlener. Morgens lief erst der Kaffee, dann die Dusche. Das ist heute immer noch so. Und die Tasse, ganz im damals modischen Braun der Zeit gehalten, war immer mit dabei.

Sie war dabei, als ich zum ersten Mal meine Schüchternheit überwand und Mitstudenten zum Kaffee einlud. Was für andere eine Selbstverständlichkeit war, war für mich ein großer Schritt heraus aus der Befangenheit.

20171109_162116Sie war dabei, wenn ich morgens die ersten Griechisch-Vokabeln lernen wollte. Sie holte mich aus dem Koma, wenn es am Vorabend etwas spät geworden war. Und viele Tage hatten  mit einem Kaffee und einer Zigarette schon einmal gut angefangen.

Die Zigarette wurde irgendwann von der Pfeife abgelöst und verschwand dann ganz. Der Kaffee blieb. Und wer weiß, wie viele Predigtgedanken gar nicht erst das Tageslicht erblickt hätten ohne den Kaffee. Wie viele Gespräche durch ihn angeregt wurden. Wäre der Kaffee nicht gewesen, mein Leben hätte einen anderen Verlauf genommen.

Es blieb nicht aus bei meinem unruhigen Studentenleben zwischen Berlin und Heidelberg, Klein-Waabs und Basel, dass die ersten Tassen schon bald auf der Strecke blieben. Ute meint aber, dass es um 1990 noch zwei Schwestern gegeben haben muss. Die beiden wurden dann auch bald ein Opfer der Spülmaschine. Diese aber, die letzte, hielt durch. Seitdem lebt Ute in ständiger Angst, dass sie für ihren möglichen Exitus verantwortlich sein könnte.

Doch ich bin zuversichtlich, dass wir gemeinsam noch so manchen guten Kaffee genießen werden. Und wann auch immer wir auseinander gehen, sie hat meinem Leben Geschmack und Anregung gegeben, Würze und Genuss. Sie ist ein Teil von mir.

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Bilder (c) Erik Thiesen. Die Bücher auf dem Beitragsbild sind die Biblia Hebraica und „der Gesenius“, das hebräisch-deutsche Wörterbuch – die ersten Monate meines Studiums der wesentlichste Teil meiner Bibliothek und eine Erinnerung an die Zeit, in der die Kaffeetasse in mein Leben trat. 

4 Gedanken zu “Die letzte ihrer Art

  1. Christina schreibt:

    Lieber Erik Thiessen,

    ich habe alle Kapitel deiner Lebensgeschichte bis hierhin verfolgt und ich muss sagen, vieles darin (z. B. das Kapitel über Mose, jetzt das Rauchen sowie die immer wieder anklingende angebliche Freiheit) erinnert mich irgendwie an eine andere Lebensgeschichte einer Theologiestudentin, die ich vor einiger Zeit mal gelesen habe. Also ich erkenne da einige Parallelen und man könnte durchaus daraus wohl einige Schlüsse ableiten, was dieses Theologiestudium angeht. Nur, dass die andere Lebensgeschichte schon sehr bald einen anderen Ausgang nahm. Aber vielleicht gibt es bei dir ja auch noch Hoffnung? Wer weiß das schon? Gottes Wege sind manchmal unergründlich. Und damit verabschiede ich mich nun von diesem Blog. Alles Gute für dich/euch, wie auch immer. 🙂

    Hier noch die Lebensgeschichte: http://hand-in-hand.org/lebenswende_anita.pdf

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Liebe Christina,
      Deine Entscheidung kann ich gut verstehen. Zu unterschiedlich sind unsere Meinungen, Gedanken und Haltungen. Du findest es natürlich furchtbar, wie ich mit Mose umgehe, dass ich geraucht habe – und was Du von meiner Art Freiheit hältst, die Du mit dem Adjektiv „angeblich“ kennzeichnest. Ich finde das alles toll. Ja, auch das Rauchen, das mir dann aber irgendwann zu teuer, ungesund und seit dem Rauchverbot zu ungemütlich wurde.
      Umgekehrt würde ich auf keinen Fall mit Anita tauschen wollen. Vor allem ihre Vorstellung vom strafenden Gott finde ich furchtbar. Sie erinnert mich an Luther – vor seinem Turmerlebnis. Aber offensichtlich hat Anita jenseits der klaren Grenzen eines biblizistischen Verständnisses ihren Lebenshalt verloren. Das macht mir ihre jetzige Einstellung verständlich.
      Trotzdem werde ich Dich vermissen. Du hast diesem Blog Würze verliehen, eine Meinung, an der sich die einen reiben und mit der sich andere vielleicht identifizieren konnten und sich nur nicht geoutet haben. Vor allem aber: Dein Ton und Deine Art waren immer respektvoll und werbend – von kleinen Überheblichkeiten mal abgesehen, die aber in der Natur Deines Glaubens liegen. Denn da Du Dich auf die göttliche Offenbarung der Bibel berufst, hast Du natürlich immer Recht ^^.
      Deiner Mailadresse entnehme ich, dass Du auf „Kaffee komplett“ stehst. Egal, ob DDR- oder Wiener Variante – ich stelle mir vor, wir trinken einen zusammen und unterhalten uns über was auch immer. Ich könnte mir vorstellen, dass es nett werden könnte. Nur die Frage, wer denn nun in den Himmel kommt, die müssten wir Gott überlassen.
      Wie auch immer. Ich wünsche Dir für Deine Zukunft Seinen Segen
      Erik

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  2. Christina schreibt:

    Danke für die guten Wünsche, lieber Erik. 🙂 Vielleicht von meiner Seite doch noch zwei Korrekturen deines Textes.

    1. Was gar nicht so wichtig ist, aber der Richtigkeit halber, ich stehe gar nicht auf „Kaffee komplett“, sondern nur auf Kaffee mit Milch. ^^ Und davon auch meist nur 1 große Tasse zum Frühstück. Also ich bin kein Kaffee-Junkie. Daran sieht man mal wieder, sogar eine E-Mail-Adresse kann täuschen. ^^ Die Adresse habe ich mir von meinem Mann gemopst, der es sich zum Hobby gemacht hat, sich viele E-Mail-Adressen anzulegen, warum auch immer. Da habe ich ihn irgendwann mal gefragt, ob er mir eine abtritt, da ich zu blöd bin oder zu uninteressiert, mir selbst eine anzulegen bzw. mich damit zu befassen, wie man das technisch so macht.

    2. Und das finde ich viel wichtiger – Luthers Turmerlebnis. https://martinlutherunddiereformation.jimdo.com/das-turmerlebnis/ Da du selbst, wie du angibst, aus evangelikalem Umfeld stammst, müßtest du eigentlich wissen, dass die Leute dort – also auch Anita und ich – genau wie Luther an die Rechtfertigung aus Gnade und nicht aus Werken glauben. Was uns und dich unterscheidet, ist, dass wir nicht an die „billige Gnade“ glauben (das hat Luther übrigens auch nicht nach seinem Turmerlelbnis getan), sondern dass es Gott etwas gekostet hat, nämlich den Tod seines Sohnes, damit er uns diese Gnade gewähren kann.

    In diesem Sinne alles Gute !!! 🙂

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